Es wird konkret
Der Lehrstuhl für Software-Technologie der Universität Dortmund hat die Aufgabe, die vielen Anforderungen an den virtuellen Coach ViCO in eine konkrete Softwarearchitektur umzusetzen.
Von Nina Hesse
ViCO - das steht für "virtueller Coach". Für eine intelligente Software, die Mitarbeiter virtueller Unternehmen künftig bei der Weiterbildung unterstützen soll. Weil sich ein solches Projekt nur transdisziplinär anpacken lässt, arbeiten sechs Kooperationspartner aus der Wissenschaft und zwei Unternehmen aus der Wirtschaft in dem Verbundprojekt mit. Jetzt, da das Projekt in den Endspurt geht, haben die Softwaretechnologen wichtige Koordinationsaufgaben.
Hier wird der Nachwuchs für die High-Tech-Industrie von morgen ausgebildet: Insgesamt 3.000 Studenten lernen am Fachbereich Informatik der Universität Dortmund die Grundlagen der Informationsverarbeitung. Der Fachbereich ist in elf Lehrstühle aufgeteilt - an einem von ihnen, dem von Prof. Dr. Ernst-Erich Doberkat geleiteten Lehrstuhl für Software-Technologie, machen 300 Studenten pro Jahr ihr Softwarepraktikum und bearbeiten dabei ihr oft erstes Projekt. Am Fachbereich wird angewandte und theoretische Informatik gelehrt. Auf der praktischen Seite gehört dazu: Grundlagen von Hardware, Software und Rechnernetzen. Auf der theoretischen: Algorithmen und formale Methoden. Der Fachbereich hat sich insbesondere einen Namen im Bereich der evolutionären Algorithmen gemacht.
Softwaretechniker beschäftigen sich damit, wie man Software und die Prozesse dahinter modelliert. "Wir setzen uns vor allem mit Prozessen und Methoden der Softwareentwicklung auseinander", erklärt Sebastian Menge, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls und für ViCO zuständig. "Das ist wie der Unterschied zwischen dem Architekten und dem Bauunternehmer. Der Architekt entwirft das Gebäude, der Bauunternehmer leitet die Entstehung des Gebäudes. Wir sind sozusagen die Architekten."
Im Projekt ViCO ist die Aufgabe von Sebastian Menge und seinen Kollegen, das Konzept für die endgültige Programmierung des Coachs zu erstellen und die Schnittstelle zwischen den Didaktikern und den Programmierern zu bilden. Der Reiz des Projekts für den Lehrstuhl für Software-Technologie liegt vor allem darin, die vielen unterschiedlichen Vorstellungen der Projektpartner zu bündeln und zu konkretisieren. Dabei muss immer mit Erfahrung abgewogen werden, welche Wünsche mit welchem Aufwand realisierbar sind. Dabei achten die Softwaretechniker immer darauf, dass das Programm erweiterbar ist, damit es auch nach der Fertigstellung leicht an neue Anforderungen angepasst werden kann. Dass man es mit einer Unternehmensform der Zukunft zu tun hat, verpflichtet zur Nachhaltigkeit.

Ein schwer fassbares Thema.


Sebastian Menge ist einer von zurzeit zwölf Mitarbeitern des Lehrstuhls; neben seiner Arbeit für das Projekt ViCO promoviert er über Softwareperformance. Die meisten seiner Kollegen sind wie er selbst Diplom-Informatiker, aber auch ein Mathematiker arbeitet am Lehrstuhl, denn bei der Forschung wird es hier schnell theoretisch und mathematisch.
Doch da es für die Projekte meist einen konkreten Kunden gibt, sind die Softwaretechniker darin geübt, sich verständlich auszudrücken und zukünftige Software für den Kunden als logisch-übersichtliches Diagramm zu entwerfen. "Die Herausforderung von Projekt zu Projekt ist", beschreibt Sebastian Menge, "sich in die Sprache des Kunden hineinzudenken, das Problem zu verstehen und in Diagramme und Anforderungsdokumente umzusetzen, die der Programmierer dann in Software verwandeln kann."
Von virtuellen Unternehmen und Personalentwicklung hatte Sebastian Menge zwar vor dem Projekt ViCO noch nicht viel gehört, aber das war auch nicht notwendig, da Softwaretechniker es gewohnt sind, sich schnell und gründlich in die unterschiedlichsten Domänen einzuarbeiten. Zum Beispiel haben sie für Studenten der Baugeschichte den Altenberger Dom und für die Archäologen die alten Griechen multimedial aufbereitet; die Module werden in Vorlesungen eingesetzt und machen den Stoff anschaulich. Im Vergleich dazu war das neue Thema allerdings anspruchsvoller. "Virtuelle Unternehmen sind schwer zu fassen", meint Sebastian Menge. "Wenn es um eine Software für Banktransaktionen geht, sind die Anforderungen komplex, aber eindeutig - im Bereich der virtuellen Unternehmen sind die Anforderungen aber höchst unscharf."
Hinzu kommt, dass der Projektplan schon vor drei oder vier Jahren festgelegt wurde, zu einem Zeitpunkt, als über virtuelle Unternehmen noch kaum etwas bekannt war. Inzwischen ist das Phänomen durch die Forschungsarbeit der anderen an ViCO beteiligten Institute gut eingegrenzt und beschrieben. Jetzt gilt es, aus den Ansätzen der Geisteswissenschaftler ein konkretes Produkt zu machen - und den damaligen Zeitplan weiterhin einzuhalten. "Das geschieht in einem stetigen Dialog mit unseren Partnern im Projekt", so Sebastian Menge. Das Arbeitspaket der Softwaretechnologen läuft seit November 2004 und endet Mitte 2006.

Eine Architektur entsteht.


Die geplante Architektur der Software wird immer konkreter: ViCO entwickelt ein Profil aus dem, was Mitarbeiter eines virtuellen Unternehmens an Auskünften über sich geben. Dank eines didaktischen Modells, das Matthias Heiner und Björn Fisseler vom Hochschuldidaktischen Zentrum in Dortmund erarbeitet haben, kann der Nutzer sich dabei seiner eigenen Sprache bedienen, um Angebote in der Sprache des Weiterbildungsmarktes oder anderer, professioneller Beschreibungssprachen zu finden. Sagt er beispielsweise, er habe "Schwierigkeiten mit dem Telefonieren", dann kann der Nutzer mit Hilfe des Programms herausfinden, ob es sich schlicht um ein Kommunikationsproblem (rhetorische Kompetenz) oder etwa um ein anderes Kompetenzproblem (soziale Kompetenz oder Lösung eines psychischen Konflikts) handelt. ViCO bietet dann schrittweise eine Problemklärung an und empfiehlt zum Beispiel eine spezifische Weiterbildung oder hält andere Alternativen bereit. Auf diese Art den Weiterbildungsbedarf zu ermitteln ist eine Hauptaufgabe des Coachs, dafür sollen Pfade über verschiedene Situationen und verschiedene Softwareassistenten angeboten werden. "Es galt zu überlegen, wie man ein Kompetenzprofil modelliert, das dann vom Nutzer weiterentwickelt werden kann", erklärt Sebastian Menge.
Nach der Bestandsaufnahme bekommt der Teilnehmer Weiterbildungsangebote vorgeschlagen; dafür soll ViCO Seminardatenbanken nutzen, aber auch Bücher und Onlineressourcen in Betracht ziehen. Zurzeit wird am Lehrstuhl für Software-Technologie überlegt, wie man diese Suche technisch gestalten könnte.
Programmiert wird all das letztlich von der Firma Think GmbH, Freiburg - in Java und XML, denn die Lösung soll gut funktionieren und gleichzeitig kostengünstig sein. Für den Nutzer wird das Programm sehr leicht zu bedienen sein, alle Funktionen laufen über eine Web-Applikation, die über den Internet-Browser gestartet wird. Vielleicht wird es bald zum Standard, sich von ViCO beraten zu lassen? Die Zukunft und bald schon der erste Prototyp werden es zeigen.

Nina Hesse ist freie Mitarbeiterin von changeX.

www.virtueller-coach.de
ls10-www.informatik.uni-dortmund.de

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