Ausweg aus der Zwickmühle

Nachhaltigkeit - ein neues Geschäftsfeld?, das neue Buch von Peter Hennicke (Hg.).

Von Nina Hesse

Wie wird Nachhaltigkeit in den Unternehmen umgesetzt? Und was für Chancen bietet sie Unternehmern? Auf dem Kongress, den Peter Hennickes Buch dokumentiert, begegneten sich Wissenschaft und Wirtschaft. Herausgekommen sind viele spannende Diskussionen auf hohem Niveau, die nun zum Nachlesen zur Verfügung stehen.

Nachhaltigkeit ist gut und muss sein. So viel ist klar. Nur wer sorgsam mit den natürlichen Ressourcen umgeht, erlaubt ihnen, sich zu regenerieren und kann sie für zukünftige Generationen erhalten. Aber kann sich das Prinzip Nachhaltigkeit in Zeiten des Turbo-Kapitalismus und der Globalisierung behaupten? Gerät sie unter die Räder oder wird sie - im Gegenteil - sogar zu einem geldwerten Vorteil für diejenigen, die sie praktizieren? "Marktgläubige Optimisten hoffen, dass die den weltweiten Kapitalismus steuernden Funktionsprinzipien der privaten Kapitalverwertung und des Wettbewerbs selbst regulierend in Richtung Nachhaltigkeit führen", erklärt Peter Hennicke. "Einzige Voraussetzung: ‚die Rahmenbedingungen' müssen stimmen." Pessimisten hingegen fürchten, dass die Konkurrenz zwischen knallhart kalkulierenden Unternehmen eher dazu führt, dass die Unternehmen zu Lasten der Allgemeinheit Kosten einsparen. Rechtliche Standards können das zwar eindämmen, aber nicht verhindern.
Das wird zwar oft getan. Aber es muss nicht sein, und es gibt auch genügend positive Beispiele. Das machte der Kongress "Natur. Macht. Märkte." des Wuppertal Instituts deutlich. Nun ist der Tagungsband dazu erschienen - lebhafte, informierte, detaillierte Forums-Diskussionen, wortgetreu aufs Papier gebannt. Eine Mammutarbeit und gleichzeitig eine Fundgrube für diejenigen, die das Thema interessiert.

Spannende Konfrontationen.


Wirtschaft und Wissenschaft treffen zum Disput aufeinander, herausgekommen ist eine Vielzahl von spannenden Begegnungen. Ganz nach Peter Hennickes Motto: "Je kontroverser und lebendiger die Diskussion, desto zufriedener sind wir als Wissenschaftler." Vertreter der Münchner Rückversicherung, von Miele, RWE, BP, von McKinsey und Bayer sind mit von der Partie und treffen auf führende Umweltwissenschaftler wie Peter Hennicke, den Präsidenten des Wuppertal Instituts, Angelika Zahrnt, Vorsitzende des BUND und Rainer Grohe von ecosense - Forum Nachhaltige Entwicklung. Von Experten des Wuppertal Instituts zu bestimmten Themenbereichen ganz zu schweigen. Schon im ersten Forum wird deutlich, dass hier Klartext geredet werden soll. "Bei aller Übereinstimmung müssen wir aufpassen, dass wir nicht alles, was edel, hilfreich und gut ist, als nachhaltig bezeichnen", tadelt Hennicke in milder Ironie, wenn sich die Unternehmen allzu viele Wohltaten auf die Fahne schreiben wollen. Gemeinsam bemüht man sich um konstruktive Ansätze. Schließlich werden die Aussagen immer konkreter: "Wir werden national und international in den nächsten zehn Jahren unsere regenerativen Energien verdoppelt haben", sagt Wolfgang Straßburg von der RWE AG seiner Branche voraus.
Was dringend nötig ist, denn bisher verhält sich der Mensch alles andere als nachhaltig. Auch Professor Carlo Jaeger vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung spart nicht mit direkten Worten. Er hat beobachtet, dass mit Umweltrisiken globalen Maßstabs auf drei Arten umgegangen wird: Entweder es heißt: "Wegen der Umweltrisiken müssen wir Produkte verteuern" - obwohl, wie Jaeger zu bedenken gibt, eine massive Veränderung des Preisschemas nur ganz selten realisierbar ist. Oder man beschäftigt sich mit Ablenkungsmanövern und löst das Problem gar nicht. Zu empfehlen ist einzig die dritte, ehrliche Variante: "Wir wissen zwar nicht, was zu tun ist, aber wir finden es jetzt heraus."

Anreize und Bildung.


Immer wieder kehrt die Diskussion zu Gesetzen und möglichen Anreizen für die Industrie, sich nachhaltig zu verhalten, zurück. "Risikomanagement als Wirtschaftsfaktor" ist das Thema des zweiten Forums, "Nachhaltige Entwicklung - ein neuer Ansatz für Unternehmergeist?" das des dritten. Beispiele für Unternehmen, die sich mit ökologisch nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen Marktnischen erobert haben, gibt es bereits. Und für die großen Konzerne bringt die Einsparung von Energie und Rohstoffen deutliche Vorteile. Dennoch - ein Konflikt bleibt. Dr. Wilhelm Rall, Mitglied der Geschäftsführung von McKinsey, bringt es auf den Punkt: "Nachhaltigkeit kann bei besten Intentionen der Unternehmensführung nur Teil der Zielfunktion sein, wenn sie zumindest nicht in Konflikt mit dem längerfristigen Gewinnziel steht." Rendite muss sein.
Anschließend geht es um weitere Kernfragen der Nachhaltigkeit: Bildung zum Beispiel. Sie ist ebenso wie Technologie der Schlüssel dazu, die natürlichen Ressourcen der Erde zu erhalten. Denn wer gebildet ist, kann sich leichter aus der Armut befreien, bekommt weniger Kinder und richtet damit sein Land nicht durch Überbevölkerung und Raubbau zugrunde. Und was ist mit der Biotechnologie und Genforschung - leisten die umstrittenen Technologien einen Beitrag zur Nachhaltigkeit oder nicht? Franz Lehner vom Institut Arbeit & Technik im Wissenschaftszentrum NRW ist der Meinung: "Bio- und Gentechnologie sind für nachhaltiges Wirtschaften unverzichtbar, weil sie eine massive Dematerialisierung ermöglichen." So wird bei gentechnischer Herstellung der Medikamente wesentlich weniger Chemie eingesetzt. Aber so richtig wohl ist weder ihm noch den anderen Partnern des Forums bei der ganzen Sache. Denn die sozialen Konsequenzen dieser Technologien sind, wie seine Diskussionspartnerin Regine Kollek von der Universität Hamburg zu bedenken gibt, weitreichend. Es könnte genetische Verlierer geben in der Welt der Zukunft.

Keine abschließende Antwort.


Noch viele weitere Punkte werden auf dem Kongress aufgegriffen und in Nachhaltigkeit - ein neues Geschäftsfeld? dokumentiert. Governance und die Global Compact Initiative der Vereinten Nationen sind ebenso ein Thema wie Nachhaltigkeit im Licht der Evolutionsbiologie. Eine Vielzahl von Aspekten ist besprochen worden, ganz im Sinne des Ziels, "intelligentes Wissen für Nachhaltigkeit zusammenzutragen", wie Helmut Flöttmann von der Firma Miele es formulierte. So zeigt sich denn auch Peter Hennicke im Schlusswort zufrieden mit den Ergebnissen: "Wir haben die Frage ‚Nachhaltigkeit - ein neues Geschäftsfeld?' nicht abschließend beantworten können. Aber wir haben gesehen, dass Geschäftsfelder in diese Richtung überhaupt nur eine Chance haben, wenn Gewinn und Wettbewerb eine neue Richtung im Sinne der Nachhaltigkeit bekommen."

Nina Hesse ist freie Mitarbeiterin von changeX.

Peter Hennicke (Hg.):
Nachhaltigkeit - ein neues Geschäftsfeld?,
Hirzel/Wuppertal Institut, Stuttgart/Leipzig 2003,
247 Seiten, 34 Euro,
ISBN 3-7776-1193-X
www.wupperinst.org

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: Nachhaltigkeit.. Ein neues Geschäftsfeld?. Hirzel/Wuppertal Institut, Stuttgart/Leipzig 1900, 247 Seiten, ISBN 3-7776-1193-X

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