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Wer nicht denkt, fliegt raus

Warum es keine Alternative zum eigenen Denken gibt – ein Essay von Ina Schmidt.

„Wer nicht denkt, fliegt raus“, hat Joseph Beuys einmal gesagt. Man kann das als Drohung verstehen – aber auch als bloße Beschreibung dessen, was passiert, wenn man nicht aufpasst. Und mit seinem Denken hinter dem Wandel der Welt zurückbleibt. Zum eigenen Denken gibt es keine Alternative, sagt unsere Autorin. Und wenn das dann zu dem Ergebnis führt, die Denker des ewig selben persönlich vor die Tür zu setzen, ist das vielleicht nicht die schlechteste Idee ...

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Das Denken beschäftigt uns auf Schritt und Tritt. Es gibt sogar Philosophen, die behaupten, wir können gar nicht nicht denken, und doch scheinen wir aus dieser besonderen Fähigkeit nicht so recht schlau zu werden. Denn was tun wir eigentlich, wenn wir denken? Tun wir dann überhaupt etwas? Oder nicht gerade vielmehr nichts? Sind wir uns bewusst, was uns da durch den Kopf wandert? Oder leben wir eher in einem geistigen Grundrauschen und machen uns viel zu selten die Mühe, unsere Gedanken tatsächlich einmal zu verfolgen? 

Das Denken kann vieles sein oder tun – es kann den Dingen nachdenken, es kann anders-, vor- und weiter- manchmal sogar querdenken, Gedanken können springen, es lässt sich mit ihnen spielen, und trotz der These, wir könnten gar nicht nicht denken, gibt es viele Fälle von entsetzlicher Gedankenlosigkeit – dabei reicht die Bandbreite von kurzen Aussetzern bis hin zu scheinbar vollkommener Leere. Und so behält anscheinend auch der britische Philosoph Bertrand Russell recht, wenn er schreibt: „Viele Menschen würden lieber sterben als denken, und in der Tat, sie tun es.“ Lässt sich das Denken also doch vermeiden, und das ein Leben lang? 

Offenbar geht es hier um völlig verschiedene Sichtweisen auf das, was Denken ist beziehungsweise ausmacht. Wo aber liegen die Kriterien für das, was schon oder noch nicht oder nicht mehr Denken ist? Und – wer legt das fest? Was ist gemeint, was verstehen wir unter diesem Prozess, der selbst von der derzeit viel befragten Neurowissenschaft (noch) nicht entschlüsselt werden kann? Und was suchen wir, wenn wir auch ohne eindeutige Definition des Denkens zu einem Umdenken, einem „anderen Denken“ aufrufen?


Vor jeder richtigen Antwort steht die richtige Frage


Wenn es um derartige Fragen geht – und mit keiner eindimensionalen Antwort gerechnet werden kann –, liegt es nahe, sich an die Philosophie zu wenden. Diese Disziplin steht zwar nicht gerade in dem Ruf, konkrete und ergebnisorientierte Lösungen zu produzieren. Aber hier steht eben auch die spannende Frage zur Diskussion, ob wir das Denkparadigma solcher Lösungen nicht selbst einmal einer Prüfung unterziehen sollten.  

Die Philosophie ist Expertin im Klären von Begriffen, im Entdecken erstarrter Strukturen und im Aufbrechen von Gewohnheiten, indem sie auf manchmal penetrante Art und Weise weiter- und hinterfragt. In diesem Fall fragt die Philosophie nicht nur danach, was das Denken ist, sondern auch, was es leisten kann, was wir an impliziten Erwartungen und Bewertungen mitdenken, wenn wir zum Beispiel von „altem“ und „neuem“ Denken sprechen. Kann es sein, dass die Ausrichtung unseres Denkens an logischen Argumenten, objektiven Kriterien und an ein für alle Mal letzten Antworten eher ein Teil des Problems im Umgang mit unserer Welt ist, als dass es zu ihrer Erklärung beiträgt? Dass es vielleicht um ein neues Verständnis, einen ernsthaften Paradigmenwechsel geht?  

Der Wunsch nach schnellen Ergebnissen, die Unsitte, komplexe Gedanken in PowerPoint-Charts einzuzwängen, die Überzeugung, die Wahrheit lasse sich „knackig“ auf den Punkt bringen und in ein konkretes Handlungsszenario überführen – all das sind wohlbekannte Phänomene, und doch geht gerade in dieser Art und Weise zu reden und zu handeln vieles von dem verloren, was im Folgenden als Denken bezeichnet werden soll.


Was heißt (uns das) Denken?


Der Philosoph Martin Heidegger hat in den 1950er-Jahren eine Vorlesung mit dem Titel „Was heißt Denken?“ gehalten, die vielen dieser Fragestellungen nachgeht. Die Philosophie beginnt bei der Suche nach Antworten meist damit, so unverstellt wie möglich nach der Bedeutung der Begriffe zu suchen, mit denen wir oft unreflektiert herumhantieren. So hält sich auch Heidegger zunächst an den Begriff des „Denkens“ und spielt gleichzeitig mit der doppeldeutigen Botschaft seiner eigenen Überschrift. „Was heißt Denken?“ fragt nicht (nur) nach so etwas wie einer Definition für das, was wir tun, wenn wir denken, sondern bezieht sich auf das, was uns das Denken „heißt“ – welchen Einfluss unser Denken also auf unser Handeln ausübt – oder, um es mit Hannah Arendt zu formulieren: Was geschieht, wenn wir im Denken tätig werden?  

Heidegger geht es demnach um zweierlei: Zum einen darum, das Denken als einen Akt des bewussten Umgangs mit den eigenen Gedanken und Verhaltensweisen in den geistigen Fokus zu rücken. Zum anderen will er das Denken als eine Handlungsweise herausarbeiten, die den statischen Gegensatz von Theorie und Praxis aufzulösen imstande ist. Nach Heidegger handelt das Denken, „indem es denkt“ – für ihn ist das Denken kein theoretisches Hindernis, keine zu vermeidende Grübelfalle, sondern die Begabung zur ernsthaften Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung und den tatsächlich zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen. Auf diese Weise lässt sich die gegensätzliche Vorstellung eines theorielastigen Denkens, das sich in reiner Abstraktion verliert, und der Betonung des Handelns als eines kopflosen Aktionismus überwinden.  

Woher aber kommt überhaupt dieser schwer loszuwerdende Dualismus von Theorie und Praxis, diese fast feindliche Spannung, wenn sich die sogenannten Theoretiker mit den selbst ernannten Praktikern an einem Tisch wiederfinden? Und was wäre möglich, wenn wir diesen Gegensatz auflösen, um beide Perspektiven als zwei Seiten derselben Medaille miteinander ins Gespräch zu bringen?


Das statische Denken oder die Welt als Mechanismus


Bevor wir uns dieser Möglichkeit widmen können, müssen wir zunächst aber noch einmal zurück zu unserer gängigen Vorstellung von dem, was das Denken ausmacht. Wir wenden uns meist an die Vernunft und Rationalität, wenn wir nach einem „gelungenen“ Gedanken suchen, nach einer Antwort, einer Lösung für unsere Probleme. Logische Argumente, Fakten und Tatsachen, klare Erkenntnisse und Theorien – daraus speist sich das, was wir „Denken“ nennen. Das ist eine bewährte Möglichkeit, aber es ist nicht die einzige.  

Was daraus entsteht und vielfach zu mächtig geworden ist, ist die mechanistische Perspektive einer erklärenden wissenschaftlichen Denkweise, die durch Abstraktion und Verallgemeinerung von empirischen Einzelphänomenen zur Erkenntnis unserer Wirklichkeit kommt. Dabei vergessen wir aber vielfach, dass auch jede Wissenschaft von Hypothesen ausgeht (ausgehen muss), die auf einer bestimmten Setzung oder Weltanschauung, aber nicht auf einer objektiven Wahrheit beruhen. Oft genug erwarten wir völlig selbstverständlich von eben diesem Denken, dass es uns die Welt erklärt. Dass es mithilfe all der zur Verfügung stehenden Informationen mit schlüssigen Urteilen und nachvollziehbaren Erkenntnissen darüber aufwarten kann, was die Welt im Innersten zusammenhält.  

Das ist es dann, was wir am Denken schätzen (auch wenn es nicht das eigene ist), das ist es, was uns „die Wissenschaft“ als wertvolle Erkenntnisse zur Verfügung stellt. Gerade in der heutigen Welt, in der es scheinbar zu jeder Frage eine Antwort, einen Link oder eine Studie im Internet zu geben scheint, breitet sich die Illusion einer möglichen letzten Entschlüsselung der Welt, des Menschen, des Gehirns immer weiter aus. Andererseits hat aber genau diese Entwicklung zur Folge, dass wir häufig auf eine Frage zehn verschiedene Antworten finden, Studien, die sich widersprechen, weil sie von verschiedenen Interessengruppen in Auftrag gegeben worden sind. Oder Links, die das gesamte Spektrum möglicher Erklärungsmodelle abbilden. Am Ende bleibt also auch das wissenschaftliche Denken eben nur eine Möglichkeit des Denkens (wenn auch eine sehr wichtige), die sich in und mit der Zeit wandelt. Sie ist mit Heidegger ein „Bekundungszusammenhang“ unter anderen, um der Entschlüsselung der Welt vielleicht einen Schritt näher zu kommen. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.


Über die Unvollkommenheit des Denkens


Und so stehen wir letztlich wieder vor letzten unsicheren Entscheidungen, können einfach nicht voraussagen, welche Wendung als Nächstes kommt oder was das wirklich Wesentliche unseres Leben ausmacht. Also: Ist alles Denken umsonst? Macht es einfach nur traurig, wie der Philosoph George Steiner in seinem jüngsten Buch behauptet hat? Und öffnet eben deshalb allein das Handeln als sein scheinbares Gegenteil den Weg zu einem geglückten Leben? Kurz: Warum scheitern wir so oft mit unserem Wunsch, wir könnten die Dinge erkennen und damit endlich zur Ruhe kommen?  

Die Antwort darauf ist zunächst erstaunlich simpel, bleibt es aber nicht, wenn wir sie in all ihren Konsequenzen durchdenken: Wir scheitern in unserem Denken nur deshalb, weil wir völlig selbstverständlich voraussetzen, dass es tatsächlich in der Lage ist, die Welt erkennen zu können. Sofern das nicht gelingt, stimmt etwas mit unserem Denken nicht – wir haben eben noch nicht genug nachgedacht, nicht genug Informationen beisammen oder eine falsche Annahme zugrunde gelegt. Dass die Welt mithilfe des Verstandes einfach nicht zu erklären ist, dass es schlicht nicht geht und wir deshalb auch gar nicht scheitern können, spielt als Möglichkeit viel zu selten eine Rolle.  

Und selbst wenn wir diesen Gedanken zulassen, bleiben wir bei der Bewertung, dass es weitaus hilfreicher wäre, eine letzte Erklärung zu finden. Warum ist das so? Warum ist Unverständlichkeit, Unbeständigkeit und Unsagbarkeit für uns etwas so Bedrohliches? Warum haben wir schon mit Unterschiedlichkeit und Vielfalt ein solches Problem? Der romantische Denker Friedrich Schlegel hat bereits 1800 einen sehr schönen Text zu dieser Frage veröffentlicht, in dem er sich wundert, warum wir so fest daran glaubten, dass die restlose Erklärbarkeit der Welt gleichzeitig der Schlüssel zum Glück wäre. Dass dieser Glaube sich erst historisch entwickelt hat und eben viel weniger eine „Tatsache“ als ein kulturelles Phänomen beschreibt, zeigt ein kurzer Blick in die Philosophiegeschichte – ausgehend von dem berühmten Satz des Philosophen René Descartes: „Cogito ergo sum“. Ich denke, also bin ich – gehört haben wir davon, aber was genau steckt dahinter?


Warum ich mehr bin, als ich denken kann


René Descartes war nach Ausgang des Mittelalters auf der Suche nach der größtmöglichen geistigen Gewissheit, um das Denken aus den Zwängen eines rein religiösen Weltbildes zu befreien. So begann er alles anzuzweifeln, was auf irgendeine Weise von Bedingungen abhängig war. Das Einzige, was am Ende für ihn unantastbar blieb, war das Wissen, dass, egal welchen Gedanken ich denke, welche Idee ich bezweifle, es immer ein „Ich“ ist, das diesen Gedanken denkt. Das „Ich“ (res cogitans) wurde so zum neuen Mittelpunkt der denkenden Welt – alles andere stand ihm als die Welt der Dinge (res extensa) gegenüber. Diese Welt wollte erkannt, erklärt und benannt werden und der Mensch war dank seiner geistigen Fähigkeiten – nach Einschätzung der damaligen Philosophie – dazu in der Lage.  

Damit beginnt der zweifelhafte Siegeszug eines Denkens, das seine Aufgabe wie erwähnt darin sucht, die äußere Welt der „res extensa“ erklären zu wollen – und zwar immer aus einer Distanz des Denkenden zu den zu erklärenden Objekten: so wie wir uns einem Apparat oder Mechanismus nähern, den wir auseinanderbauen und in seinen Einzelteilen verstehen können. Mit diesem Denken – das eben immer noch als Erstes nach Messgeräten, wissenschaftlichen Erkenntnissen und minutiös durchdachten Notfallplänen ruft – geht seitdem der Glaube an die restlose Erklärbarkeit der Welt durch eine vernunftbegabte Ratio einher. Das Denken wurde so zu einer nüchternen Angelegenheit, Objektivität das oberste Gebot, und alles, was mit persönlichen Erfahrungen und den Gefühlen des Denkenden zu tun hatte, sollte verschwinden. Die Idee, dass das „Subjektive“ als Hindernis auf dem Weg zu einer schlüssigen Erklärung so wenig Einfluss auf das Denken nehmen durfte wie nur irgend möglich, wurde durch die Aufklärung gefördert und bis heute vielfach zur Anbetung erstarrter „Wortgötzen“ (Heidegger) weiterentwickelt.  

Dennoch hat es immer eine mehr oder weniger spürbare Gegenbewegung gegeben. Innerhalb der Philosophie meldeten sich unterschiedlichste Philosophen mit der Betonung des „Lebens“ zu Wort, wurde auch das Irrationale als ernst zu nehmender Teil der Welt wieder hervorgehoben und mittlerweile sind auch Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen mit Karl Jaspers der Überzeugung: „An den Grenzen des Verstandes hört das Erkennen, nicht aber das Denken auf.“


Das Denken als inneres Gespräch mit sich selbst


Um genau das verstehen (und eben nicht: erklären) und darüber hinaus nutzen zu lernen, was das Denken jenseits des Verstandes ist, ist es notwendig, sich von der Last eines theoretischen Wissens zu befreien, das mit dem Leben nichts mehr zu tun hat. Eben das meinte Friedrich Nietzsche, als er in seiner Kritik an der weltfremden Geschichtswissenschaft seiner Zeit davon sprach, dass der Mensch sich das Leben durch „rumpelnde Wissenssteine“ erschwere. Dazu müssen wir zu einem Verständnis zurückfinden, mit dem wir das Denken wieder als das „innere Gespräch der Seele mit sich selbst“ begreifen, als das schon Platon es bezeichnet hat. Auf diese Weise lässt sich auch die Philosophie Descartes als eine Reaktion auf die Zwänge der geistigen Situation seiner Zeit interpretieren: als eine Lösung, mit der er das Ich aus den Klauen religiöser Ideologien befreien konnte – aber eben nicht als Baustein zu einer letzten philosophischen Wahrheit, die mit dem „Ich“ tatsächlich die Bastion lückenloser Gewissheit erstürmen kann. Denn spätestens seit Antonio Damasio wissen wir, dass Descartes mit dieser Annahme im Irrtum war.  

Um „klar“ denken zu können, brauchen wir zwar Tatsachen, Fakten und Erkenntnisse, wir müssen aber unsere Sinne, unsere Emotionen und Empfindungen berücksichtigen und einbeziehen lernen – selbst wenn es um etwas scheinbar so Objektives geht wie die Auswertung von Unternehmensbilanzen. Wir stehen der Welt nicht gegenüber, wir sind ein Teil von ihr. Unsere persönlichen Erfahrungen, Wahrnehmungen, Empfindungen und Handlungen beeinflussen das, was wir um uns herum als „Wirklichkeit“ wahrnehmen. Diese Wirklichkeit ist alles andere als ein Mechanismus, sondern ein organisches und hochdynamisches Geflecht von Beziehungen und Möglichkeiten, die sich zwar interpretieren, aber nicht in festgestellten Erklärungen einfangen lassen. Wollen wir also im Spiel dieser Beziehungen und Veränderungen eine Rolle spielen, müssen wir unser Denken verändern. Sonst werfen uns veränderte Bedingungen und Anforderungen aus der Bahn – wir „fliegen raus“. Ganz im Sinne des Zitats von Joseph Beuys, das sich eben nicht nur als Androhung verstehen lässt, sondern eben auch im Passiv als etwas, das mit einem geschieht, wenn man nicht oder falsch reagiert.  

Und dass das nicht nur ein interessantes Gedankenspiel ist, zeigt sich in Zeiten von Finanzkrisen und Rettungspaketen, Bildungsreformen und demografischem Wandel nur zu deutlich. Die Welt ist zu komplex, um sich mit den reduktionistischen Modellen des reinen Verstandes begnügen zu können. Es reicht schlicht nicht mehr, sich auf rationale Antworten zu verlassen. Ihr Scheitern steht jeden Tag in den Zeitungen. Und Hannah Arendt hat bereits Ende der 1950er-Jahre in ihrem Buch Vita activa sehr zutreffend dargestellt, was mit einer Gesellschaft geschieht, die sich in einem Spiel des Verstandes mit sich selbst verliert. Die Welt ist ein Organismus genau wie wir selbst und sie fordert eben genau das: ein organisches Denken. Was aber haben wir darunter zu verstehen?


Wie denken wir Komplexität?


Bei der Beschreibung eines organischen Denkens kommen wir um einen Begriff nicht herum, der derzeit hoch im Kurs steht: den Begriff der Komplexität.  

Viel ist die Rede von permanenten Veränderungen, schier unüberschaubaren Möglichkeiten und einer damit scheinbar stetig wachsenden Komplexität. Aber der Soziologe Niklas Luhmann hat schon in den 1960er-Jahren das Phänomen der Komplexität auf die knappe Formel gebracht, dass die Welt immer dann als komplex empfunden wird, wenn es in ihr mehr Möglichkeiten gibt, als verwirklicht werden können. Damit ist Komplexität bei Weitem kein neues Phänomen, dieser Umstand begleitet uns, solange wir denken können.  

Aber wie es scheint, gehen wir heute mit einer neuen Form der Komplexität um, schon allein deshalb, weil uns deutlich mehr der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten bewusst sind. Die Verbreitung jeder nur erdenklichen Lebensform über die modernen Medien eröffnet dabei aber nicht nur neue Perspektiven, sondern schürt auch neue Bedürfnisse und Unsicherheiten. Die Sorge, dass wir von all den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten die „falsche“ auswählen und verwirklichen könnten, lässt gleichzeitig den Wunsch nach Kontrolle und Sicherheit wachsen. Das auch deshalb, weil uns andererseits traditionelle oder moralische Leitlinien verloren gehen, die gewissermaßen als Leitplanken die Zahl unserer Möglichkeiten (und damit Komplexität) reduzieren.  

Daraus entwickelt sich ein fatales Zusammenspiel aus neuen – dynamischen – Gegebenheiten und altem – statischem – Denken, das die alten Sicherheiten durch Ignoranz wiederherzustellen versucht. Die Blasen, die wir durch die Finanzkrise haben platzen sehen, sind eben auch das Ergebnis eines Denkens, das komplexe Zusammenhänge in scheinbar übersichtlichen Denkschubladen unterzubringen versucht und alles, was nicht hineinpasst, einfach außer Acht lässt. In vielen Dingen wurde und wird nicht „nachgedacht“ und wenn, stehen oft eben nur die alten Kategorien und Strukturen zur Verfügung, um neuartige Entwicklungen abzubilden – eine sehr menschliche Eigenschaft. Denn unser Gehirn versucht alles ihm Neue erst einmal auf ihm Bekanntes zurückzuführen. Aber es kann eben auch anders: Wir sind lernfähig und in der Lage, unser Denken zu „trainieren“. Und genau das ist jetzt gefragt.  

Wie aber sieht ein organisches Denken aus, das in der Lage ist, einer komplexen Gegenwart wie der unsrigen entgegenzutreten? Und welche Möglichkeiten haben wir überhaupt? Es entsteht derzeit eine ganz eigene Welt, ein technisches wie soziales System, das mittlerweile aber schon einen zentralen Platz in unserer Lebens- und Arbeitswelt eingenommen hat und deutlich macht, wie die Abkehr von einer mechanistischen Perspektive hin zu einer „organischen Lebensform“ aussehen kann. Die Rede ist vom Internet und der virtuellen Realität des Web 2.0.


Das Denken im Web 2.0


Im Internet ist alles stetig in Bewegung, setzt sich ins Verhältnis, wird vernetzt und knüpft Verbindungen – und genau dafür schätzen wir dieses ewig wuchernde Medium. Die mittlerweile viel und gern genutzte Möglichkeit, diese Bezüge in Form von Informationen über das Internet nicht nur zu rezipieren, sondern interaktiv mit ihnen zu arbeiten und in Kontakt zu anderen Menschen zu treten, ist es, was das Web 2.0 ausmacht. In der wirklichen Welt erleben wir das Web 2.0 vielfach in Gestalt von noch recht jungen Menschen, die sich auf „BarCamps“ treffen, „Crowdsourcing“ als Kommunikationsform hochhalten oder in Form von „Usern“, die eine Community nach der anderen gründen, für jede Idee das passende Portal aus dem Hut zaubern und Mobilität und Flexibilität als oberste Werte leben.  

Die Welt, in der sich diese Menschen bewegen, scheint ungeheuer spannend und ein unerschöpfliches Potenzial für Veränderung und neue Ideen zu sein. Damit lösen sich althergebrachte Strukturen fast unmerklich auf. Arbeitszeiten verschieben sich. Wo gearbeitet wird, hat ebenfalls keine Relevanz – es geht nicht darum, an einem bestimmten Ort anwesend zu sein, sondern darum, Absprachen und zeitliche Deadlines einzuhalten. Alles andere kann in Bewegung sein und bleiben. Die Welt wird nicht mehr in on- oder offline unterteilt, man ist halt beides: irgendwie immer erreichbar und entsprechend flexibel. Die Lebensform und Denkweise, die sich aus dieser Dynamik ergibt, ist ein stetiges Werden, eine permanente Möglichkeit, die eben keinem Mechanismus, sondern einem Organismus gleicht. Das Schöpferische und Lebendige daran entspricht der Komplexität, wie wir sie in der Welt vorfinden. Der Einzelne setzt sich ständig neu ins Verhältnis zu seinem Umfeld und läuft damit kaum Gefahr, in erstarrten Strukturen oder scheinbaren Wahrheiten festzustecken.  

Das ist zunächst einmal eine spannende Chance, um tatsächlich auch das Denken auf neue Wege und Perspektiven zu bringen. Was aber häufig nicht gelingt: aus all diesen bunten Fäden so etwas wie ein Muster zu weben. Also die entstehenden Ideen tatsächlich in die Welt zu bringen und sie so zu verbalisieren, dass auch „Nicht-Web-2.0er“ damit etwas anfangen können. Es fehlt die nötige Brücke zu dem, was uns den nötigen Halt, die Orientierung – auch im Denken – gibt. Alles ist möglich, alles steht gleichwertig nebeneinander, bleibt aber als reine Möglichkeit vielfach an der Oberfläche. Und genau das lässt sich nur durch ein fokussiertes Denken und Handeln verändern.  

Denn das, was dem Denken ebenso eigen ist – das Sichversenken und Entdecken all der zu befragenden Facetten, der Tiefsinn also im besten Sinne des Wortes –, findet in dieser schnellen Welt, in der der Wandel nicht nur Form, sondern auch Inhalt geworden ist, viel zu wenig statt. Wenn die Veränderung aber zum Selbstzweck wird, dann verliert sich auch der organische Charakter, das Schöpferische und Lebendige. Zurück bleibt eine leere Hülle, ständig in Bewegung, aber ohne eigene Botschaft. Auf diese Weise entsteht nicht mehr als die „absolute“ Abkehr vom alten Denken. Und damit nicht wirklich etwas Neues. Denn die reine Negation bleibt das Alte – nur auf den Kopf gestellt, wie es Nietzsche schon so treffend formuliert hat.


Haltung statt Handlung: Denken im Dialog


Das Einzige, was in einer solch komplexen und pluralistischen Welt etwas wirklich Neues schaffen kann, ist die individuelle, innere Stabilität – unsere Persönlichkeit –, mit der wir das Alte ebenso wie das Neue auf seinen Wert hin befragen können. Lässt sich das Denken auf die relationalen Gegebenheiten einer organischen Welt (nicht nur des Web 2.0) ein, deren einzige Beständigkeit – ganz im Sinne Kants – die Unbeständigkeit ist, dann können wir auf diesem Fundament auch das Ziel einer substanziellen Wahrheit getrost loslassen.  

Eine persönliche Haltung ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel eines lebenslangen Lernprozesses, der nur durch die Reflexion des eigenen Denkens und Handelns zu erreichen ist. Selbstreflexion ist kein Programm, das sich als Zehn-Punkte-Plan auf die Agenda setzen lässt. Aber die ernsthafte Besinnung auf sich selbst ist und bleibt die notwendige und wichtigste Bedingung, um im Umgang mit der realen wie der virtuellen Welt die richtigen – richtungweisenden – Entscheidungen zu treffen. Gemeint ist hier eben kein selbstverliebter Egoismus, sondern die Ausbildung einer selbständigen Position, die „selbst stehen“ kann. Und uns überhaupt erst in die Lage versetzt, innerhalb der Gemeinschaft eine Rolle zu spielen. Dies gilt für die persönliche Lebensgestaltung ebenso wie für die erfolgreiche Führung eines Unternehmens oder das Steuern von Organisationen.  

Es geht darum, die eigene Wahrnehmung zu schärfen. Zu überprüfen: Was denke ich eigentlich wie und warum? Wie könnte es anders sein – und wer könnte mir dazu etwas sagen? Wo lohnt sich die Auseinandersetzung? An welchen Grenzen brauche ich Hilfestellung? Und wie lässt sich gerade im Zusammenspiel verschiedenster Kompetenzen eine gewinnbringende Gemeinschaft entwickeln? Die zentrale Voraussetzung ist eine gut und offen strukturierte Kommunikationskultur – der Dialog –, der jedoch nicht nur als Einbahnstraße von oben nach unten oder außen nach innen, sondern tatsächlich als Bereitschaft zur Kooperation gedacht und gelebt werden muss. Aus einer solchen Bereitschaft ergeben sich die angemessenen Strukturen für die jeweils im Kontext zu betrachtende Situation. Nur vor diesem Hintergrund lassen sich Denk- und Handlungsprozesse angemessen entwickeln und strukturieren: zeitlich wie räumlich.  

Ich muss dem Denken, der Besinnung ebenso viel Raum und Zeit geben wie den scheinbar so viel wichtigeren Angeboten oder dringenden Kundenterminen. Auch das Denken braucht hin und wieder einen festen Termin im Kalender, damit es sich nicht in der operativen, alltäglichen Hektik verliert. Und manchmal ist auch ein eigener Denk-Raum notwendig, um das hinterfragen und neu beleuchten zu können, wovon wir am heimischen Herd oder Schreibtisch permanent abgelenkt werden.  

Martin Heidegger hat das „Wachsein am Feuer der Nacht“ als die eigentlich philosophische Lebenshaltung beschrieben: das Wachsein im Rahmen eines überschaubaren Raumes, der eigenen Umwelt, die von viel Unverständlichkeit und Rätseln umgeben ist. Aber nur wenn wir hier (im Rahmen unserer Möglichkeiten) wach bleiben, dann gelingt der Blick über die Grenzen hinaus. Erst dann sind wir in der Lage, die Dinge, die wir dahinter sehen, denken zu lernen.  

Wer sich darauf nicht einlassen will, wer bei Altem und Gewohntem bleiben möchte, um den eigenen Gedankenapparat möglichst wenig zu beanspruchen, der wird es sich wahrscheinlich auch eine Weile bequem machen können. Auf Dauer aber siegen die Umstände, die sich einfach nicht auf unsere selbst gewählte Beschränktheit einlassen und über kurz oder lang – hoffentlich! – dafür sorgen werden, dass eben doch jeder rausfliegt, der nicht (mit)denkt. Aber gerade in Zeiten wie diesen ist es ganz sicher eine noch vielversprechendere Idee, nicht darauf zu warten, dass die Umstände die Dinge für uns zum Besseren wenden, sondern die Denker des ewig selben persönlich vor die Tür zu setzen.
 


Zitate


"Wir scheitern in unserem Denken nur deshalb, weil wir völlig selbstverständlich voraussetzen, dass es tatsächlich in der Lage ist, die Welt erkennen zu können." Ina Schmidt: Wer nicht denkt, fliegt raus

"Wir stehen der Welt nicht gegenüber, wir sind ein Teil von ihr. Unsere persönlichen Erfahrungen, Wahrnehmungen, Empfindungen und Handlungen beeinflussen das, was wir um uns herum als "Wirklichkeit" wahrnehmen." Ina Schmidt: Wer nicht denkt, fliegt raus

"Das Einzige, was in einer solch komplexen und pluralistischen Welt etwas wirklich Neues schaffen kann, ist die individuelle, innere Stabilität - unsere Persönlichkeit -, mit der wir das Alte ebenso wie das Neue auf seinen Wert hin befragen können." Ina Schmidt: Wer nicht denkt, fliegt raus

"Auch das Denken braucht hin und wieder einen festen Termin im Kalender, damit es sich nicht in der operativen, alltäglichen Hektik verliert." Ina Schmidt: Wer nicht denkt, fliegt raus

 

changeX 02.07.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Autorin

Ina Schmidt
Schmidt

Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg. In ihrer Promotion widmete sie sich dem Einfluss der Lebensphilosophie auf das Denken Martin Heideggers. 2005 gründete sie die "denkräume", eine Beratungspraxis, in der sie Unternehmen und Privatpersonen in die Kunst des philosophischen Denkens einführt. Ina Schmidt ist Mutter von drei Kindern und lebt und arbeitet in Reinbek bei Hamburg. Zuletzt erschienen von ihr die Bücher Macht Denken glücklich? Eine philosophische Betrachtung (2010) sowie Alles in bester Ordnung oder wie man lernt, das Chaos zu lieben (Herbst 2011).

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