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Spotlights: Zukunft der Arbeit

19 Denkanstöße zur Zukunft der Arbeit
Redaktion: Ute Wielandt

Eine Expertenkommission der Bertelsmann Stiftung hat Zukunftsbilder und Empfehlungen über die Arbeitswelt der Zukunft entwickelt. Auch wenn sie sich in vielen Gedanken einig waren, hatte doch jedes Kommissionsmitglied seinen eigenen Arbeitsschwerpunkt. Und Standpunkt. Diese sollen im Folgenden vorgestellt werden.

Knapp zweieinhalb Jahre, von November 2012 bis Februar 2015, beschäftigte sich eine Expertenkommission der Bertelsmann Stiftung mit dem Thema "Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland". Die Kommission bestand aus 19 Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Sozialwesen; ihre Arbeit wurde inhaltlich und methodisch durch Z_punkt The Foresight Company, ein Beratungsunternehmen für strategische Zukunftsfragen, begleitet. Am Ende stand ein Abschlussbericht, in dem die Kommission mögliche Zukunftsszenarien entwickelt und ein Paket von Ideen vorstellt, wie Bürgergesellschaft, Wirtschaft und Politik darauf hinarbeiten können, dass die tatsächlich eintretende Zukunft eine positive ist. 

Ein solches Thesenpapier wird nur dadurch umfassend und wertvoll, dass dazu Menschen mit ganz unterschiedlicher Lebenserfahrung und Arbeitsschwerpunkten beitragen. Um die Vielfalt der Positionen zu verdeutlichen, sind in den Abschlussbericht der Kommission Statements der einzelnen Kommissionsmitglieder integriert. Diese an sich schon konzentrierten Zusammenfassungen werden hier nochmals zusammengefasst dargestellt - eine Quintessenz der Arbeit der Kommission. Zur besseren Lesbarkeit und Vergleichbarkeit sind dabei die Stellungnahmen jeweils einem der Themenschwerpunkte der Expertenkommission zugeordnet, auch wenn sie oft die anderen Themen ebenfalls berühren. Es ergeben sich 19 spannende Denkanstöße, die zu einer eingehenderen Beschäftigung einladen. 

Den Reigen eröffnet das Vorwort von Liz Mohn, in dem sie die Fragestellungen der Kommission und deren gesellschaftliche Relevanz vorstellt. 


Wer? Liz Mohn ist Aufsichtsratsmitglied der Bertelsmann SE & Co. KGaA und stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung.  

Essenz: Unsere Welt befindet sich im Umbruch, der durch Globalisierung, technologischen und demografischen Wandel ausgelöst wird. In einer solchen Zeit der Unsicherheit brauchen Menschen und Organisationen eine Orientierungshilfe. Diese versucht die Kommission zu geben, indem sie sich mit den drängendsten Fragen eingehend beschäftigt und Ideen entwickelt, wie Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zukunft positiv gestaltet werden können.  

Zitat: "Wie können wir in unseren Gesellschaften den Zusammenhalt sowie verlässliche Arbeits- und Lebensperspektiven gestalten?"


Flexibilisierung der Arbeitswelt


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Wer? Dr. Erika Mezger ist stellvertretende Direktorin von Eurofound in Dublin.  

Essenz: Die Digitalisierung führt zu neuen Beschäftigungsformen und Arbeitsmodellen: Mitarbeitersharing, Jobsharing, Interimsmanagement, Gelegenheitsmanagement, durch Informations- und Kommunikationstechnik gestützte mobile Tätigkeit, Gutscheinsysteme (Bezahlung von Dienstleistungen mit Gutscheinen, die von einer vermittelnden Organisation eingelöst werden), Portfolioarbeit/Freiberuflichkeit, Crowdsourcing (Vermittlung und Aufteilung von Arbeitsaufträgen in virtuellen Netzwerken) sowie flexible Kooperationen von Freiberuflern und Mikrounternehmen. Dieses breite Spektrum an neuen Beschäftigungsformen hat vielfältige Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen und den Arbeitsmarkt.  

Zitat: "Es wird sehr wichtig sein, die Arbeitsautonomie, die Arbeitsintensität und eine nachhaltige Balance von Arbeits- und Lebenswelt, die sich immer mehr ‚verflüssigen‘, für die Beschäftigten positiv zu gestalten." 


Wer? Matthias Hartmann ist Vorstandsvorsitzender der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) in Nürnberg.  

Essenz: Die Globalisierung der Weltwirtschaft weckt hierzulande Ängste, dass massiv Arbeitsplätze in Billiglohnländer verlagert werden. Die Entwicklung zeigt jedoch, dass sich Kostenstrukturen zunehmend angleichen und dass durch den steigenden Wohlstand in den Schwellenländern neue Märkte entstehen, von denen die exportorientierte deutsche Wirtschaft profitiert - jedenfalls, solange sie produktiv ist. Dafür muss sie flexibel sein. Damit die notwendige Balance zwischen Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und den Ansprüchen der Arbeitnehmer gewahrt bleibt, ist ein ständiger Austausch aller Gesellschaftsgruppen nötig.  

Zitat: "Für Deutschland bedeutet dies, mittels einer Wissensinfrastruktur und zunehmender Flexibilisierung von Arbeitswelten die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, um im globalen Wettbewerb der Wirtschaftsräume zu bestehen." 


Wer? Birgit Gebhardt ist Beraterin und Trendforscherin in Hamburg.  

Essenz: Die Digitalisierung verändert Organisationsstrukturen und Wertschöpfungsmodelle von Unternehmen erheblich. Die größte Gewinnspanne lässt sich in Zukunft direkt an der Schnittstelle zum Kunden erzielen. Dabei werden via Data-Monitoring und anhand des Feedbacks der Marktteilnehmer echte Bedürfnisse von Zielgruppen erfasst. Auswertungsalgorithmen für diese Quellen werden in Zukunft auch unternehmerische Entscheidungen treffen, beispielsweise über Einkauf und Börsenhandel, und damit einen erheblichen Teil der Wissensarbeiter überflüssig machen - bis zu 40 Prozent. Berufstätige müssen sich daher durch ständiges Dazulernen an den neuen Arbeitsstil und neue Aufgabenfelder gewöhnen.  

Zitat: "Die Zukunft der Erwerbstätigkeit liegt in der agilen Interaktion zwischen Menschen, Software und Maschinen." 


Wer? Dr. Josephine Hofmann leitet das Competence Center Business Performance Management am Fraunhofer IAO (Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation) in Stuttgart.  

Essenz: Die Digitalisierung ist so weit fortgeschritten, dass sich die Frage stellt, welchen Wertschöpfungsbeitrag menschliche Arbeitsleistung in Zukunft überhaupt noch haben wird. Im produzierenden und im dienstleistenden Bereich ersetzt die Roboterisierung zunehmend menschliche Arbeitskraft. Aber auch Wissensarbeit ist rationalisierungsgefährdet. Denn hoch qualifizierte und wissensintensive Tätigkeiten werden durch Cognitive Computing besser und billiger erledigt. Hier ist ein intensiver Diskurs über die Zukunft menschlicher Arbeit nötig.  

Zitat: "Schafft die Wissensarbeit die Wissensarbeit ab?" 


Wer? Dr. Werner Eichhorst ist Direktor für Arbeitsmarktpolitik Europa am IZA (Institut zur Zukunft der Arbeit) in Bonn.  

Essenz: Angesichts von Globalisierung und technologischer Innovation werden Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft noch wichtiger als früher. Menschliche Kreativität und Interaktion werden zentral. Man kann von Humankapitalismus sprechen - was nicht bedeutet, dass die Arbeitswelt der Zukunft automatisch humaner wird. Zukunftsträchtig sind Arbeitsmodelle, die die Autonomie von Einzelnen und Arbeitsgruppen fördern. Hier hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher.  

Zitat: "Bezahlte Erwerbsarbeit geht nicht aus, aber der Arbeitsmarkt der Zukunft wird anders aussehen. Er wird dominiert von Tätigkeiten und Berufsfeldern, bei denen menschliche Kreativität und Interaktion zentral sind." 


Wer? Prof. Dr.-Ing. Wilhelm Bauer leitet das Fraunhofer IAO (Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation) und das Fraunhofer IAT (Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement) in Stuttgart.  

Essenz: Die Digitalisierung beeinflusst Geschäfts- und Unternehmensmodelle stark. Die meisten Unternehmen wollen sie verstärkt vorantreiben und sehen Investitionsbedarf. Experten sehen voraus, dass in den nächsten 20 Jahren bis zu 45 Prozent aller heutigen Arbeitsstellen durch Digitalisierung und Automatisierung verloren gehen werden. Das ist möglicherweise gar nicht schlecht, denn wenn die Babyboomer in Rente gehen, werden der deutschen Wirtschaft massiv Arbeitskräfte fehlen. Es trägt zum anhaltenden wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands bei, wenn ihre Wertschöpfungsleistung durch Maschinen ersetzt werden kann. Wichtig ist jedoch, dass diese Veränderungen bewusst gestaltet werden, nicht über uns hereinbrechen.  

Zitat: "Wenn wir uns als Gesellschaft kein Wunschbild von der Zukunft machen, wenn wir keinen Orientierungsrahmen schaffen, dann können Dinge geschehen, die wir so nicht wollen." 


Wer? Dr. Lore Maria Peschel-Gutzeit ist Rechtsanwältin. Sie war Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht Hamburg und Senatorin für Justiz in Hamburg und Berlin.  

Essenz: Die Rollenverteilung in heutigen Familien hat sich verändert; Männer und Frauen sind beide sowohl für Kindererziehung als auch für Erwerbsarbeit verantwortlich. Das heißt, dass immer weniger Arbeitnehmer ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Beruf widmen können; ohnehin werden bruchlose Erwerbsbiografien immer seltener. Dieser gesellschaftliche Wandel erfordert auch veränderte Arbeitsmodelle: Solche, die nicht nur von den Arbeitnehmern zeitliche und räumliche Flexibilität fordern, sondern auch von den Unternehmen. Der zunehmende Fachkräftemangel wird Unternehmen zwingen, hier stärker auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer einzugehen.  

Zitat: "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen, schafft zufriedene Arbeitnehmer und ist deshalb vordringlich." 


Wer? Birgit Riess ist Direktorin des Programms "Unternehmen in der Gesellschaft" der Bertelsmann Stiftung und verantwortliche Redakteurin für den Abschlussbericht der Expertenkommission.  

Essenz: Angesichts der steigenden Komplexität und Interdependenz unserer Lebenswelt kann es keine einfachen Lösungen mehr geben. Daher stehen alle Akteure - Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft - gleichermaßen in der Verantwortung, die zukünftige Entwicklung positiv mitzugestalten. Unternehmen müssen ökonomische Ziele verfolgen, aber auch soziale und ökologische Spielregeln beachten. Wichtige Punkte sind dabei die sinnvolle Integration älterer Mitarbeiter und von Jugendlichen mit suboptimalen Voraussetzungen sowie die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das sichert Fachkräfte und stärkt den sozialen Zusammenhalt.  

Zitat: "Im Sinne der Subsidiarität sollten Unternehmen Dinge dort in die Hand nehmen, wo nationalstaatliche Lösungen an ihre Grenzen stoßen oder private Regulierungen passgenauere Lösungen ermöglichen."


Zukunftsfähige Führung in Organisationen und Gesellschaft


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Wer? Prof. Dr. Rita Süssmuth war 1985 bis 1988 Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit sowie 1988 bis 1998 Präsidentin des Deutschen Bundestags. Sie ist in zahlreichen Stiftungen und Institutionen im Bereich Wissenschaft, Soziales, Migration und Integration aktiv.  

Essenz: Der gesellschaftliche Wandel kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Welche davon überwiegen werden, liegt in der Verantwortung der heute handelnden Menschen. Führung im Sinne verantwortlichen Denkens und Handelns ist dabei nicht mehr nur die Aufgabe weniger Manager, sondern eine gesamtgesellschaftliche. Damit wir dieser Aufgabe gerecht werden können, ist Bildung zur Verantwortung nötig, die wirklich alle Menschen erreicht und ein Leben lang weitergeführt wird.  

Zitat: "Es kommt immer noch primär auf den Menschen an - auf seine Lernchancen, seine Lernmotivation und Lernbereitschaft, vor allem auf seine Bildung, seine Freiheit und Verantwortungsfähigkeit, sein ethisches Handeln in einer Welt voller Widersprüche." 


Wer? Martin Spilker ist Mitglied des Führungskreises der Bertelsmann Stiftung, Leiter des Kompetenzzentrums Führung und Unternehmenskultur und persönlicher Referent von Liz Mohn.  

Essenz: Die Komplexität und Gleichzeitigkeit von Entwicklungen führt dazu, dass Unternehmensstrategien weniger planbar werden: "Many surprises - No solutions - Be prepared!" Innerhalb der Unternehmenskulturen wird es eine zunehmende Segregation zwischen hochkompetenten, digital affinen und deshalb stark nachgefragten Fachkräften einerseits und durch die Automatisierung zunehmend ersetzten, deshalb gefährdeten Servicekräften andererseits kommen. Die Führungskultur der Zukunft muss mit dieser Heterogenität umgehen können und neue Formen der Kooperation und Partizipation, aber auch des Konfliktmanagements entwickeln. Führung wird daher situativer, flexibler, stärker an individuellen Persönlichkeiten orientiert und zugleich kooperativer.  

Zitat: "Unternehmen müssen für verschiedene Führungssituationen unterschiedliche Führungstypen vorhalten. Führungsmodelle werden durchlässiger und temporärer mit einem stetigen Wechsel an Personal- und Budgetverantwortung." 


Wer? Prof. Dr. Heiko Roehl ist Geschäftsführender Gesellschafter der Kessel und Kessel GmbH.  

Essenz: In Organisationen muss heute unter steigender Ungewissheit entschieden werden. Die Veränderungsfähigkeit von Organisationen wird daher zum elementaren Wettbewerbsvorteil. Die früheren Führungs- und Steuerungssysteme waren auf Stabilität und Kontinuität ausgelegt und eignen sich nicht mehr. In Zukunft ist die Aufgabe von Führungskräften, Mitarbeiter bei deren selbstbestimmter Arbeit zu unterstützen. Die Führungssysteme werden in drei Richtungen steuern: Sie werden das Wissen aus der Wertschöpfung an die Stellen tragen, wo strategische Entscheidungen fallen, sie werden die strategische Gesamtorientierung an die Mitarbeitenden kommunizieren, und sie werden sich auf der Ebene der Gleichrangigen vernetzen. Bis dorthin ist es allerdings noch ein weiter Weg.  

Zitat: "Die flachen, flexiblen und stärker selbstorganisierten Matrixstrukturen zukünftiger Organisationen werden auf ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Steuerung auf der Ebene der Mitarbeitenden angewiesen sein." 


Wer? Prof. Dr. Ulrike Detmers ist Mitglied der Geschäftsführung und Gesellschafterin der Mestebacher GmbH in Gütersloh sowie Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Bielefeld.  

Essenz: Der Führungsstil der Zukunft muss je nach Situation im Wechsel straff oder locker sein. Das können nicht viele, deswegen muss der Personalpool für Führungskräfte erweitert werden. Infrage kommen Deutschstämmige wie Zuwanderer, Frauen wie Männer, Mütter wie Väter, sexuell anders ausgerichtete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer - Hauptsache, sie haben die nötigen Fähigkeiten. Ein weiteres Charakteristikum der zukünftigen Arbeitswelt ist die hohe Flexibilität. Arbeitszeit und Arbeitsort können freier bestimmt werden. Das Bedürfnis nach Work-Life-Balance muss berücksichtigt werden.  

Zitat: "Der autoritäre Führungsstil hat im 21. Jahrhundert in der modernen geschlechterdemokratischeren Welt der Arbeit, der Familie, der Freizeit und summa summarum Kultur nichts mehr zu suchen."


Soziale Teilhabe und Bildung


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Wer? Mario Junglas leitete bis zu seiner Pensionierung 2014 das Büro Berlin des Deutschen Caritasverbandes.  

Essenz: Die öffentlichen Sicherungssysteme in Deutschland begegnen individuellen Risiken im Alter, bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und Pflegebedürftigkeit wirksam. Aber sie können menschliche Zuwendung nicht ersetzen und den Unterstützten kein selbstbestimmtes Leben in Würde garantieren. Hierfür sind persönliche Solidarität und sensible Einsatzbereitschaft für andere nötig - auch ohne unmittelbaren eigenen Nutzen. Der Sozialstaat muss also von der Bürgergesellschaft ergänzt werden.  

Zitat: "Eine solidarische Gesellschaft muss mehr sein als die Summe der Steuer- und Beitragszahler. Sie braucht zusätzlich den persönlichen Einsatz und die aufmerksame Sensibilität für die Mitmenschen, für den Nachbarn." 


Wer? Dr. Martin von Broock ist Vorsitzender des Vorstands des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik, Lutherstadt Wittenberg.  

Essenz: Die Globalisierung schafft neue Freiheiten, aber auch neue Verantwortung. Dank der Ausdehnung von Handel und Austausch können mehr Menschen am Wertschöpfungsprozess teilnehmen und ihre Arbeitsweise selbst bestimmen. In den dezentralisierten, internationalen Kooperationsstrukturen sind jedoch neue Spielregeln nötig, damit niemand ausgebeutet wird. Auch die Solidarität mit denjenigen, die keinen eigenen Beitrag zur Wertschöpfung leisten können, muss sichergestellt werden. Dafür sind gemeinsame Werte und Ideen nötig, auf die die gestaltenden Kräfte in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ihre Handlungen gründen können.  

Zitat: "Es muss erkennbar bleiben: Auch in globalen, zunehmend digitalisierten Märkten ist und bleibt der Mensch Zweck von Wertschöpfung und handelndes Subjekt." 


Wer? Edeltraud Glänzer ist stellvertretende Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie in Hannover.  

Essenz: In der veränderten Arbeitswelt gibt es Regelungsbedarf, zum Beispiel um die Balance zwischen Autonomiespielräumen und der Gefahr von Überlastung zu finden. Die aktuelle Gesetzgebungspraxis und die Regelungen zur betrieblichen Mitbestimmung decken diesen Bedarf nicht ab; die Betriebsräte stoßen häufig an Grenzen. Abgesicherte Mitbestimmungsrechte sind aber ein entscheidender Bestandteil von guter Arbeit. Deshalb sollten die Regelungen zur betrieblichen Mitbestimmung weiterentwickelt und ausgebaut werden.  

Zitat: "Wir müssen die Mitbestimmungsrechte den sich rasant verändernden Bedingungen von Arbeit und Wirtschaft anpassen." 


Wer? Detlef Hollmann ist Senior Project Manager im Programm "Unternehmen in der Gesellschaft" der Bertelsmann Stiftung und verantwortlicher Redakteur des Abschlussberichts der Expertenkommission.  

Essenz: Unternehmen sollten ihre Mitarbeiter ganzheitlich in den Blick nehmen und sowohl deren ständige Weiterbildung als auch deren ehrenamtliches Engagement fördern. Auf diese Weise machen sie ihr Unternehmen "demografiefest". Zudem tragen sie zur Lebenszufriedenheit ihrer Mitarbeiter bei, was auch positive Wirkungen auf das soziale Umfeld und auf die politischen Strukturen in der Region hat. Kooperationen zwischen Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft sind notwendig, um zur nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen.  

Zitat: "Lebenswerte Arbeitswelten haben das Potenzial, zum Rückgrat einer lebenswerten Region zu werden." 

Wer? Prof. Dr. Thomas Rauschenbach ist Vorstandsvorsitzender und Direktor des Deutschen Jugendinstituts e. V. in München.  

Essenz: Bildung wird in Deutschland oft mit Schulbildung gleichgesetzt. Es geht bei Bildung aber nur vordergründig um Abschlüsse und Zertifikate; hauptsächlich soll sie Menschen die Fähigkeit zur eigenständigen Lebensführung vermitteln. In der von der Expertenkommission beschriebenen beschleunigten Arbeits- und Lebenswelt kommt es auf situative Handlungskompetenz an. In diesem Sinn ist Bildung eine zentrale Zukunftsressource sowohl für das Individuum als auch für die Gesamtgesellschaft.  

Zitat: "Bildung ist nichts anderes als die ständige Entwicklung und Verbesserung der individuellen Handlungsfähigkeit." 


Wer? Prof. Dr. Ernst Pöppel ist emeritierter Professor für Medizinische Psychologie und Vorstand im Humanwissenschaftlichen Zentrum der Universität München.  

Essenz: Es ist eine Einengung, danach zu fragen, welche Art von Bildung für den Arbeitsmarkt der nächsten zehn Jahre nötig ist. Erstens wirkt Bildung in der individuellen Biografie sehr viel länger, bis zu den Enkeln; zweitens ist eine rein instrumentalisierte Betrachtungsweise von Bildung kritisch zu sehen. Praktische Anwendbarkeit ist zwar wichtig, gleichzeitig muss Bildung aber auch eine Antwort auf die Sinnfrage ermöglichen. Ein modernes und in die Zukunft reichendes Bildungssystem steht auf drei Säulen: einem breiten Orientierungswissen, einem individuell zu wählenden spezialisierten Wissen und Respekt vor dem Spezialwissen der anderen. Nur damit wird das Individuum befähigt, Herausforderungen anzunehmen und Verantwortung für sich und das Allgemeinwohl zu übernehmen.  

Zitat: "Stolz und Bescheidenheit sind die persönlichen Kriterien, nämlich Stolz auf das eigene Können und Bescheidenheit angesichts des Könnens anderer, die den Gebildeten der Zukunft ausmachen." 



Zitate


"Es wird sehr wichtig sein, die Arbeitsautonomie, die Arbeitsintensität und eine nachhaltige Balance von Arbeits- und Lebenswelt, die sich immer mehr ‚verflüssigen‘, für die Beschäftigten positiv zu gestalten." Erika Mezger: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Die Zukunft der Erwerbstätigkeit liegt in der agilen Interaktion zwischen Menschen, Software und Maschinen." Birgit Gebhardt: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Schafft die Wissensarbeit die Wissensarbeit ab?" Josephine Hofmann: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Bezahlte Erwerbsarbeit geht nicht aus, aber der Arbeitsmarkt der Zukunft wird anders aussehen. Er wird dominiert von Tätigkeiten und Berufsfeldern, bei denen menschliche Kreativität und Interaktion zentral sind." Werner Eichhorst: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Für Deutschland bedeutet dies, mittels einer Wissensinfrastruktur und zunehmender Flexibilisierung von Arbeitswelten die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, um im globalen Wettbewerb der Wirtschaftsräume zu bestehen." Matthias Hartmann: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Wie können wir in unseren Gesellschaften den Zusammenhalt sowie verlässliche Arbeits- und Lebensperspektiven gestalten?" Liz Mohn: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Wenn wir uns als Gesellschaft kein Wunschbild von der Zukunft machen, wenn wir keinen Orientierungsrahmen schaffen, dann können Dinge geschehen, die wir so nicht wollen." Wilhelm Bauer: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen, schafft zufriedene Arbeitnehmer und ist deshalb vordringlich." Lore Maria Peschel-Gutzeit: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Im Sinne der Subsidiarität sollten Unternehmen Dinge dort in die Hand nehmen, wo nationalstaatliche Lösungen an ihre Grenzen stoßen oder private Regulierungen passgenauere Lösungen ermöglichen." Birgit Riess: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Es kommt immer noch primär auf den Menschen an - auf seine Lernchancen, seine Lernmotivation und Lernbereitschaft, vor allem auf seine Bildung, seine Freiheit und Verantwortungsfähigkeit, sein ethisches Handeln in einer Welt voller Widersprüche." Rita Süssmuth: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Unternehmen müssen für verschiedene Führungssituationen unterschiedliche Führungstypen vorhalten. Führungsmodelle werden durchlässiger und temporärer mit einem stetigen Wechsel an Personal- und Budgetverantwortung." Martin Spilker: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Die flachen, flexiblen und stärker selbstorganisierten Matrixstrukturen zukünftiger Organisationen werden auf ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Steuerung auf der Ebene der Mitarbeitenden angewiesen sein." Heiko Roehl: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Der autoritäre Führungsstil hat im 21. Jahrhundert in der modernen geschlechterdemokratischeren Welt der Arbeit, der Familie, der Freizeit und summa summarum Kultur nichts mehr zu suchen." Ulrike Detmers: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Eine solidarische Gesellschaft muss mehr sein als die Summe der Steuer- und Beitragszahler. Sie braucht zusätzlich den persönlichen Einsatz und die aufmerksame Sensibilität für die Mitmenschen, für den Nachbarn." Mario Junglas: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Es muss erkennbar bleiben: Auch in globalen, zunehmend digitalisierten Märkten ist und bleibt der Mensch Zweck von Wertschöpfung und handelndes Subjekt." Martin von Broock: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Wir müssen die Mitbestimmungsrechte den sich rasant verändernden Bedingungen von Arbeit und Wirtschaft anpassen." Edeltraud Glänzer: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Lebenswerte Arbeitswelten haben das Potenzial, zum Rückgrat einer lebenswerten Region zu werden." Detlef Hollmann: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Bildung ist nichts anderes als die ständige Entwicklung und Verbesserung der individuellen Handlungsfähigkeit." Thomas Rauschenbach: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

"Stolz und Bescheidenheit sind die persönlichen Kriterien, nämlich Stolz auf das eigene Können und Bescheidenheit angesichts des Könnens anderer, die den Gebildeten der Zukunft ausmachen." Ernst Pöppel: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Pfade der Veränderung

 

changeX 29.10.2015. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland - Pfade der Veränderung. Ergebnisse der Arbeit der Expertenkommission Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2015, 83 Seiten, Gratisdownload

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