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Die Freiheit, Großartiges zu tun

Hört auf zu arbeiten! - das neue Buch von Anja Förster und Peter Kreuz
Rezension: Winfried Kretschmer

Endlich aufhören zu arbeiten! Dieser Wunsch treibt viele um. Sie zählen die Tage bis zur Pensionierung, träumen davon auszusteigen, ihr eigenes Ding zu machen. Ein Missverständnis! Sagen zwei Erfolgsautoren. Anders wird was draus: Arbeit hört auf, wenn man anfängt, etwas Bedeutendes zu machen.

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Dem Medienwissenschaftler und Sozialphilosophen Norbert Bolz verdanken wir einen klugen Gedanken: In seinem Buch Profit für alle berichtet er, in seinen letzten Lebensjahren habe Abraham Maslow an seiner berühmt gewordenen Bedürfnispyramide gezweifelt, genauer: an deren Spitzenwert, der Selbstverwirklichung. Maslow fragte sich, was danach komme. Seine Antwort: Selbsttranszendierung. "Selbstverwirklichung als Selbstüberschreitung", so Bolz: "Das Selbst wird wirklich, indem es sich übersteigt. Konkret heißt das, den anderen oder einer Sache dienen." Einen Unterschied machen, der für andere zählt. 

Was hier etwas pflichtethisch daherkommt - "dienen" -, lässt sich indes auch von der anderen Seite her denken: vom Funkeln in den Augen. Von jener besonderen Stimmungslage, die sich einstellt, wenn Menschen ganz bei sich sind und aufgehen in dem, was sie tun. Der subjektiven Erfahrung des vollen Eingebundenseins ins Leben, die der Glückspsychologe Mihaly Csikszentmihalyi als "Flow" beschrieben hat. Künstler, Sportler, Bergbauern zogen zuallererst das Interesse des Psychologen auf sich. Menschen also, die mehr oder weniger selbstvergessen und ichbezogen ihrem Tun folgen. Aber auch Menschen bei "normaler" Arbeit interessierten Csikszentmihalyi, Arbeit nicht im eigenen Atelier oder auf der Almwiese, sondern zusammen mit anderen, in Unternehmen, in der Fabrik.


Vom Schweißer Joe


In einem Beispiel erzählt der Flow-Forscher vom Schweißer Joe in einer amerikanischen Fabrik, die Eisenbahnwaggons herstellte. Joe hatte mehrere Beförderungen abgelehnt, wollte einfach nur einfacher Schweißer sein. Er stand zwar auf der niedrigsten Stufe der Firmenhierarchie, aber alle kannten Joe und stimmten darin überein, dass er die wichtigste Person in der Fabrik sei. Der Grund: Joe hatte jede Stufe der Produktion kennengelernt, er kannte jede Maschine, konnte sie alle reparieren und er half gerne, wenn man ihn rief. Und er hatte Spaß bei der Arbeit, immer noch, kurz vor seiner Pensionierung. Joe hatte die Faszination für technische Geräte, die ihn seit seiner Kindheit umtrieb, zum Kern seines Jobs gemacht und sich so eine einzigartige Rolle in seiner Firma erarbeitet. Wir müssen uns den Schweißer Joe als glücklichen Menschen vorstellen.  

Und wenn Joe wieder mal eine Maschine zum Laufen gebracht hatte, dann hatte er sicher ein Funkeln in den Augen. Um dieses Funkeln geht es Anja Förster und Peter Kreuz in ihrem neuen Titel Hört auf zu arbeiten!. Was bei Norbert Bolz und Mihaly Csikszentmihalyi auf wenigen Seiten angedeutet ist, dem widmen Förster/Kreuz nun ein ganzes Buch: Wie man in dem, was man tut, etwas Bedeutungsvolles verwirklicht. Etwas, was einen zu dem werden lässt, der man ist. Ihre Botschaft: "Wir glauben, dass wir alle die Fähigkeit haben, uns ein besseres Leben zu schaffen, wenn wir aufhören zu arbeiten und anfangen, etwas Bedeutsames zu tun. Etwas, was wirklich zählt."


Arbeiten im vierten Quadranten


Was aber macht eine Tätigkeit "bedeutsam"? Förster und Kreuz veranschaulichen das an einer einfachen Matrix. In der Horizontalen geht es um die Bedeutung für mich, in der Vertikalen um die Bedeutung für andere. Vier Felder umfasst die Matrix: Im Feld links unten steht Arbeit, die weder für einen selbst noch für andere große Bedeutung hat. Arbeit, die man tun muss, aber nur ungern tut: "Miese Arbeit". Im Feld links oben: Arbeit, die hohe Bedeutung für andere hat, deren Erwartungen man stets bestmöglich zu erfüllen sucht, mit der aber nur wenig Bedeutung für einen selbst verbunden ist: "Gute Arbeit". Das ist die Arbeit, die im Industriezeitalter geschätzt war: Ziele erreichen, Erwartungen erfüllen, funktionieren. Effizienzgetriebene Arbeit, die auf einem klaren Deal beruht: guter Lohn für gute Arbeit. Weil die Fremdbestimmung hoch, die Bedeutung für einen selbst gering ist, träumen viele von einem anderen, besseren Leben. Spielen mit dem Gedanken auszusteigen, ihr Ding zu machen. "Sein Ding machen" ist der Quadrant rechts unten. Wer aber den Appell des Buchtitels in diesem Sinne verstanden hatte, sieht sich getäuscht. ",Mein Ding‘ ist ein Missverständnis", sagen Förster/Kreuz. Denn "Glück entspringt nicht allein dem Inneren eines Individuums", Selbstverwirklichung ist nicht der Pfad ins Glück. Es fehlt etwas, das es nur im rechten oberen, im vierten Quadranten gibt: die hohe Bedeutung nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere. Es fehlt die Resonanz. "Bedeutsame Tätigkeiten zeichnen sich durch einen hohen Grad an Selbstbestimmung aus, werden als persönlich sinnvoll wahrgenommen und liefern einen Wertbeitrag für etwas, für eine Sache oder für andere Menschen." Hierin liegt wahre Freiheit: Die "Freiheit, Großartiges zu tun".


Freiheit


Großartig ist es, wie Anja Förster und Peter Kreuz den Wert wirklich wertvoller Arbeit herausschälen. Ihr Buch ist dabei Einlösung des eigenen Programms. Auf jeder Seite spürt man förmlich, wie ihre Augen funkeln. Mit sicherem Gespür widmen sie sich dem zentralen Thema des Arbeitslebens heute und denken es bis zu dem Punkt, an dem jeder Einzelne am Zug ist. Und für sich selbst entscheiden muss, in welchem Quadranten er arbeiten möchte. Das Buch möchte kein Ratgeber sein, der den Weg weist. Den muss jeder selber finden, sagen Förster/Kreuz. Es ist auch kein Aufruf zur Systemveränderung, obwohl es eine klare Analyse liefert, warum Arbeit bei uns so ist, wie sie ist: Es ist das Fortdauern industriegesellschaftlicher Strukturen und Methoden, das das Arbeitsleben zur Hölle macht. Arbeit hat sich längst verändert, aber organisiert wird sie nach wie vor nach Industriezeitalter-Muster. Das ist der Grundwiderspruch unserer Zeit.  

Klar sagen Förster/Kreuz: Es geht "um die Neuerfindung des Managements" oder "um die Ablösung von Management durch etwas Neues". Aber ebenso konsequent setzen sie nicht auf die Veränderung der Systeme, sondern auf den Einzelnen. Konsequent ist das, weil jeder für sich der Schlüssel zum Ganzen ist. In der Haltung des Einzelnen, in seiner Verantwortung für sich, für seine Arbeit und seine Weiterentwicklung realisiert sich die Veränderung der Arbeit. Anja Förster und Peter Kreuz sagen klar, worum es letztlich geht: Freiheit.  


Zitate


"Bedeutsame Tätigkeiten zeichnen sich durch einen hohen Grad an Selbstbestimmung aus, werden als persönlich sinnvoll wahrgenommen und liefern einen Wertbeitrag für etwas, für eine Sache oder für andere Menschen." Anja Förster, Peter Kreuz: Hört auf zu arbeiten!

"Die Dinge, die uns das Gefühl geben, einen Unterschied zu machen, sind die Dinge, die es wert sind, getan zu werden." Anja Förster, Peter Kreuz: Hört auf zu arbeiten!

 

changeX 03.05.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Hört auf zu arbeiten!. Eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt. Pantheon Verlag, München 2013, 240 Seiten, 14.99 Euro, ISBN 978-3-570-55189-9

Hört auf zu arbeiten!

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Autor, Redakteur & Macher bei changeX.

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