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Als Erstes also: Freiheit

Best of Sprenger: An der Freiheit des anderen kommt keiner vorbei
Rezension: Dagmar Deckstein

Niemand wohl hat das Grundproblem jeglichen Managements so klar erkannt und so vehement dagegen angeschrieben wie Reinhard K. Sprenger: Die eherne Überzeugung nämlich, dass Menschen, von sich aus faul und träge, dazu angehalten werden müssten, Leistung zu erbringen. Das verbreitete Paradigma vom steuerbaren, motivierbaren Mitarbeiter ist die Ursache von Entmündigung und Infantilisierung, von Misstrauen und ebenso verlogenen wie motivationskillenden Motivationstechniken. Abermals hält Sprenger dagegen. Und sagt, worauf es ankommt: Freiheit! Eine Würdigung zu seinem heutigen 60. Geburtstag.

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60 Jahre sind ja nun nach heutigen Nicht-Alternsmaßstäben der Babyboomer-Generation keine Schwelle, an der man sich jetzt noch schnell der Zusammenfassung und dem Abschluss seines Lebenswerks widmen müsste. 60 Jahre alt wird Reinhard K. Sprenger an diesem 11. Juni, aber man darf ihn nicht nur zum runden Geburtstag beglückwünschen, sondern auch zu diesem Zwischen-Resümee seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Management, vor allem als gefragter Managementberater und -theoretiker: Sein handliches Büchlein, zwölf mal 18 Zentimeter groß, passt in jede Hand- und Jacketttasche als ständiger Begleiter in allen Führungs- und Geführtenlebenslagen. Es kann und sollte auch immer wieder zum Zwischendrinschmökern herausgeholt werden, wenn die real existierenden Verhältnisse der Entmündigung, Infantilisierung, der Misstrauens-"Kultur" mitsamt ihren so verlogenen wie motivationskillenden Motivations-"Techniken" in der Organisation, im Unternehmen, mal wieder heftig an der eigenen Frustrationstoleranzschwelle rütteln. 

Kurz: An der Freiheit des anderen kommt keiner vorbei ist nicht Lebenswerk, sondern "Sprenger instant". Anlesen, innerlich aufschäumen, mental Erleichterung verspüren. Labsal nach dem Motto: Es geht auch anders! Zumindest auf dem Papier und im Kopf. Aber in dem beginnt ja auch jede Veränderung. Veränderung, die sich Sprenger seit nun 23 Jahren herbeizuschreiben und herbeizuberaten zur Lebensaufgabe gemacht hat. Sein größtes Verdienst ist es wohl, die obwaltenden Verhältnisse im landläufigen Standardmanagement stets so gründlich gegen den Strich gebürstet zu haben, dass vielen oft die Spucke wegblieb.


Wider das verbreitete Ideal vom steuerbaren, motivierbaren Mitarbeiter


Das begann schon 1991, als Sprengers erste Buch Mythos Motivation erschien. Zu einer Zeit also, als alle Managerwelt glaubte, ohne Mitarbeitermotivation liefe gar nichts im Unternehmen. Schon damals schrieb Sprenger: "Wie bekomme ich die ganze Arbeitskraft meiner Mitarbeiter? Diese Frage beinhaltet unausgesprochen eine Voraussetzung: Die Mitarbeiter leisten aus sich heraus nicht das, was sie sollen, wozu sie sich vertraglich vereinbart haben und wofür sie bezahlt werden." Eine Provokation! Galt es doch damals noch als Binse, dass Mitarbeiter von Haus aus faul, träge, uninspiriert und freizeitorientiert seien. Diese als ehern betrachtete Grundüberzeugung führte nicht zuletzt zu den Exzessen des frühen 21. Jahrhunderts, die vor allem Bankern und Konzernvorstandsvorsitzenden Motivationsprämien im gewöhnlich zweistelligen Millionenbereich bescherten. Mal in Dollar, mal in Euro.  

Heute schreibt Sprenger: "Dass die (mangelnde) Motivation des einen und die (gesteigerten) Motivierungsbemühungen der anderen, dass die vielen Incentives und das verbreitete Ideal vom steuerbaren, motivierbaren Mitarbeiter in einem anderen als dem weithin behaupteten Wirkungsverhältnis stehen, das hat sich bis heute - leider - noch nicht herumgesprochen." 23 Jahre älter also, alle Beteiligten, und kein bisschen weiser.  

Aber die Wurzeln für solche infantilisierenden "Erziehungs"-Vorstellungen im Management und ihrer auch weithin willigen bis widerwilligen Gefolgschaft liegen weit tiefer. Nicht von ungefähr hat Sprenger die vier Säulen seiner managementtheoretischen Befreiungsphilosophie in seinem neuesten Büchlein so hierarchisiert: Freiheit, Selbstverantwortung, Vertrauen, Motivation.


Frei, neu zu beginnen


Als Erstes also Freiheit. Mit ihr haben es die Deutschen mit ihrem sozialstaatlichen Gleichheits- und Gerechtigkeitsbestreben eh noch nie so sehr gehabt. Sprenger hält es aber da mit Amartya Sen, dem indischen Nobelpreisträger für Ökonomie: "Entwicklung ist der Prozess der Ausweitung von Freiheiten." Oder mit dem großen Liberalen und Ökonomen Ralf Dahrendorf, demzufolge Freiheit als Leitwert weder Wohlstand noch soziale Teilnahme, weder harte Arbeit noch Zugang zu gesellschaftlichen Positionen, weder Bildung noch irgendeine "Gerechtigkeit" bedeute.  

Aber, und da sind wir wieder an der Frustrationstoleranzschwelle im manageristischen Unternehmen: Sprenger scheucht nicht nur karrieregeile Kontrollettis in Führungsetagen mit seinen unbotmäßigen Botschaften auf, sondern auch die armen, still leidenden "Untergebenen", die Adressaten fürsorglicher Bevormundung seitens des Staats oder Konzerns: "Das Problem ist: Die meisten Menschen haben vergessen, dass sie wählen. Sogar täglich wählen. Sie vergessen einfach, dass sie sich für diese Lebensumstände täglich neu entscheiden. Dass sie auch abwählen könnten, wenn sie wollten, und es aus Gründen nicht tun, für die nur sie selbst verantwortlich sind. … Auch wenn es sich seltsam anhört: In jeder Sekunde unseres Lebens sind wir frei, alles über den Haufen zu werfen und neu zu beginnen. Dennoch schöpfen die meisten Menschen diese Freiheit nur selten aus, ja sie sind sich ihrer Freiheit gar nicht bewusst. … Wer sagt: ‚Ich kann nicht‘, der will nicht."


Fürsorgliche, allzuständige Belagerung


Solche profunden Provokationen sprengerscher Provenienz zerren auch die selbstmitleidvollen "Opfer" vermeintlich "ungerechter" Zumutungen durch Fremdsteuerung aus eben dieser manchmal auch bequemen Opferrolle ans grelle Sonnenlicht der Freiheit. Wer schränkt uns denn ein, wenn nicht oft wir selbst? Fast ist man nach solchen Sprenger-Sätzen geneigt, den US-Republikanern und ihrem talibanähnlichen "Tea Party"-Auswuchs zumindest ein wenig Nachsicht entgegenzubringen. Freiheit, zumal im US-amerikanischen Sinne verstanden, ist immer die Freiheit des Einzelnen gegenüber staatlicher oder sonstiger institutioneller Übergriffigkeit. Es kann ja auch nicht ganz falsch sein, wenn Sprenger im Namen der Freiheit an die bürgerlichen Revolutionen erinnert, die dem Staat zwar das Gewaltmonopol übertrugen, als Macht, die "die Entwicklung freiwilliger und geordneter Formen des Zusammenlebens" ermöglichen sollte. Aber der sollte keine fürsorgliche, allzuständige Belagerung seiner Staatsbürger betreiben. Tut er aber mittlerweile, und sei es finanziert und vermittelt über Billionen-Euro-Schulden.  

Auch beim Staat geht es ja mittlerweile zu wie in den motivationsmisstrauischen Unternehmen der herkömmlichen Art, die mit Möhren (Boni), Tschakka-tschakka-Seminaren und sonstigem Motivationsfirlefanz versuchen, angeblich arbeitsfaule Mitarbeiter zu Höchstleistungen anzuspornen. Als ob man zum Beispiel mit Herdprämien und Erziehungsgeld die Regenerationslust der Staatsbürger anfachen könnte!


Endlosschleife von Anreizen


Jetzt sind wir aber schon bei den Sprenger-Büchern der Folgejahre nach Mythos Motivation. Da folgten Das Prinzip Selbstverantwortung, Aufstand des Individuums, Der dressierte Bürger, Vertrauen führt und zuletzt, im vergangenen Jahr, Radikal führen. All das längst Geschriebene, aber immer noch Hochaktuelle fügt Sprenger zu einem Extrakt aus seinen vorherigen Büchern zusammen. Das Thema "Motivation", mit dem er einst seine publizistische Karriere begann, stellt er an den Schluss dieses "Best of Sprenger"-Buches.  

Aber nicht ohne hilfreiche Anregung: "Für Führung ergeben sich daraus zwei weitreichende Konsequenzen, die auf einen simplen Nenner gebracht werden könnten: Anstatt den Mitarbeiter in einer Endlosschleife von Anreizen zu dem gewünschten Verhalten zu bewegen, käme es darauf an, ihn ernst zu nehmen; ihn in seinem So-Sein wahrzunehmen und die eigenen Erwartungen zu kommunizieren. Würden Führungskräfte nur halb so viel über die Motivierung ihrer Mitarbeiter und stattdessen über ihr Menschenbild, ihre eigenen Motive und Erwartungen nachdenken, wäre viel gewonnen." Das wäre selbstredend auch ein fabelhafter Hinweis nicht nur für Unternehmen und Organisationen, sondern auch für viele private Beziehungen und Ehen.


Vertrauen verpflichtet


Ach ja, noch eine kurze Anmerkung zur Sprenger-Themensäule "Vertrauen", ohne das ja ganze globale Finanzmärkte heutzutage ohne sehr beherzte Notenbank-Interventionen sofort zusammenbrechen würden. Am Mangel von Vertrauen bleiben auch ganze Unternehmen weit jenseits ihrer innovativen, wachstumsfördernden Möglichkeiten. Stichwort: "Misstrauenskultur".  

So also Sprenger: "Markus S. hatte während eines Besuchs auf einem Berliner Wochenmarkt unerwartet viele Einkäufe gemacht. Beim Verlassen des Marktes bemerkte er im Vorbeigehen noch ein wertvolles Buch auf einem Antiquariatsstand. Weil das Bargeld aufgebraucht war, sagte er zu seiner Frau: ‚Schade, das Buch hätte ich gerne noch mitgenommen, aber wir haben kein Geld mehr.‘ Da sagte die Dame hinter dem Tisch: ‚Nehmen Sie das Buch nur mit, Sie können mir das Geld überweisen.‘ ‚Aber ich komme aus einer anderen Stadt‘, antwortete er überrascht. ‚Wir kennen uns doch gar nicht. Was macht Sie so sicher, dass ich das Geld auch überweise? Wollen Sie nicht wenigstens meinen Namen notieren?‘ Markus S. nahm das Buch mit - ohne dass er seinen Namen hinterlassen hatte. Er musste dann über sich selbst lächeln, als er am Montagmorgen später zur Arbeit ging, weil er pünktlich um 8.30 Uhr beim Öffnen der Bank der Erste sein wollte, der einen Überweisungsträger ausfüllte." 

Schöner und begreiflicher lässt sich die menschliche Geschichte der Zusammenhänge zwischen Freiheit, Selbstverantwortung und Motivation gar nicht darstellen: "Diese Geschichte ist mir so zugetragen worden. Sie verweist auf eine größere Leistung des Vertrauens, eine Leistung, der weder Macht noch Geld nahekommen: Vertrauen verpflichtet. Es erzeugt Ansprüche. Es bindet. Es erzeugt einen tief gespürten Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Und je größer die riskante Vorleistung, desto größer die verpflichtende Wirkung." 

Man könnte natürlich auch zynisch den alten Spruch ins Feld führen: "No risk, no fun." Aber der enthält vielleicht mehr Wahrheit, als die stets präsenten Zyniker im Management wahrhaben wollen. Oder mit Sprenger: Vertrauen ist der Anfang von allem - und führt am Ende zu: selbstverantwortetem Erfolg.  

Mit anderen Worten: LESEN!  


Zitate


"Vertrauen verpflichtet. Es erzeugt Ansprüche. Es bindet. Es erzeugt einen tief gespürten Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Und je größer die riskante Vorleistung, desto größer die verpflichtende Wirkung." Reinhard K. Sprenger: An der Freiheit des anderen kommt keiner vorbei

"Wer sagt: ‚Ich kann nicht‘, der will nicht." Reinhard K. Sprenger: An der Freiheit des anderen kommt keiner vorbei

"Dass die (mangelnde) Motivation des einen und die (gesteigerten) Motivierungsbemühungen der anderen, dass die vielen Incentives und das verbreitete Ideal vom steuerbaren, motivierbaren Mitarbeiter in einem anderen als dem weithin behaupteten Wirkungsverhältnis stehen, das hat sich bis heute - leider - noch nicht herumgesprochen." Reinhard K. Sprenger: An der Freiheit des anderen kommt keiner vorbei

 

changeX 11.06.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: An der Freiheit des anderen kommt keiner vorbei. Das Beste von Reinhard K. Sprenger. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2013, 286 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-593399270

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Autorin

Dagmar Deckstein
Deckstein

Dagmar Deckstein ist freie Wirtschaftsautorin in Stuttgart. Sie schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung und für changeX.

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