Sie lesen diesen Artikel kostenlos
Vielen Dank für Ihr Interesse! Sie rufen diesen Beitrag über einen Link auf, der Ihnen einen
freien Zugang ermöglicht. Sonst sind die Beiträge auf changeX unseren Abonnenten vorbehalten, die mit
ihrem Abo zur Finanzierung unserer Arbeit beitragen.
Wie Sie changeX nutzen können, erfahren Sie hier: Über uns
Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!
Nicht die Zukunft verschlafen
Zukunft ist Nichtwissen. Zunächst. Obwohl wir grundsätzlich nicht wissen können, was kommen wird, gestalten wir mit unserem Handeln heute Zukunft mit. Und machen uns Bilder und Vorstellungen von der Welt von morgen. Welche Zugänge wir zur Zukunft entwickeln können, davon handelt diese Serie. In Folge 2 sagt Heiko von der Gracht: Wir brauchen dringend Zukunftskompetenz. Damit wir nicht die Zukunft verschlafen.
Abstract: Lehman, Fukushima, Arabischer Frühling, Euro-Kollaps - es ist erstaunlich, wie viele Staaten- und Wirtschaftslenker, Firmenkapitäne und Privatanleger die größten Knaller der jüngsten Geschichte verschlafen. Hinterher will natürlich jeder den Braten schon vorher gerochen haben. Doch vor dem Schuss, beinahe jedem Schuss, wiegt sich gerade auch die gern so titulierte intellektuelle, wirtschaftliche und politische Elite in einer grotesken Ahnungslosigkeit, die zu den schönsten Befürchtungen für eine verkorkste Zukunft Anlass gibt. Ist das genetisch bedingt oder besteht noch Hoffnung für die Menschheit?
Das Gute vom Bösen
Bislang lebten wir im Paradies. Trotz gelegentlicher Krisen und periodischer Dips durchwanderten wir konjunkturzyklisch rosige, das heißt mehr oder weniger der Zeitstabilitätshypothese gehorchende Zeiten: Was gestern galt, galt morgen fast auch noch. Für die Zukunftsplanung (rein sprachlich ein weißer Schimmel) konnte man schlicht die lineare Extrapolation, den fiskalischen Inkrementalismus und überhaupt die über den Daumen gepeilte Prolongation des Status quo verwenden, den mehr oder minder zyklischen Konjunkturverlauf hineinrechnen, und alles war mehr oder weniger in Butter.
Gelegentlich auftretende Schwarze Schwäne machten die sonst reinweiße Schwanherde nicht kirre. Zukunftsforschung existierte im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit schlicht nicht. Höchstens in Comic-Liebhaber-Kreisen und Nerd-Zirkeln. Obwohl die Best in Class die Disziplin schon seit 30 Jahren pflegen: Daimler, GE, Shell … Sie hatten schon lange Stäbe, Projektgruppen und ganze Denkfabriken, die man heute als Organe der Corporate Foresight bezeichnen würde. Heute, das heißt nach Lehman, Fukushima, Dexia und den anderen vermehrt auftretenden Schwarzen Schwänen, die plötzlich das Erscheinungsbild der Herde prägen.
Wenn explodierende Banken und Atommeiler etwas Gutes haben sollten, dann dies: In den letzten Monaten hätte die Welt mehr über das Wesen der Zukunft und deren Handhabung lernen können als bisher in ihrer Geschichte - wenn die Welt denn lernfähig wäre, was noch nicht raus ist. Was man hätte lernen können, ist schmerzhaft trivial: Zukunft ist wichtig. Wer unfähig ist, sie halbwegs fundiert zu antizipieren, den frisst sie, verstrahlt sie, bringt sie an den Bettelstab, ruiniert die Währung und sprengt Staatenbünde - vielleicht nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Das hätte der normale Mensch aus den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit lernen können. Manager sind nicht normal. Also hätten sie etwas anderes lernen können. Zum Beispiel: Jede Führungskraft weiß, was ein Szenario ist. Doch nach den jüngsten Krisen darauf angesprochen, war die häufigste Reaktion: "Ah, stimmt, Szenario. Auch schon mal gehört. Wie ging das noch mal?" Alles in allem sind wir als Menschheit doch recht ungebildet, was unsere eigene Zukunft angeht. Ist ja auch nicht so wichtig, Zukunft. Kommt ja sowieso, oder? Wir sind ungebildet. Schlimmer: Die Zugänge zur Zukunft, die bislang als unerlässlich oder auch nur praxistauglich galten, sind oft weder das eine noch das andere. Zum Beispiel die Chartanalyse der Börsianer.
Das Chart lügt
Es ist wohl nicht allzu vermessen, zu behaupten, dass es am 9. September 2008 kein einziges Chart gab, auf dem wir den größten Crash der neueren Geschichte hätten finden können. Am 10. September war Lehman faktisch pleite. Das Tolle daran: So oft man vorgebliche Future Tools wie die Chartanalyse als esoterisch brandmarkt, so oft werden sie nach der aktuellen Erschütterung, die sie nicht vorhersagen konnten, munter weiterverwendet. Ein Großteil der Menschen bestätigt diesbezüglich Krise für Krise das platonische Höhlengleichnis: Man kann zu denen, die im ewigen Dunkel sitzen, nicht übers Tageslicht reden.
Und so finden wir in jeder Regierung, jeder Branche und jedem Unternehmen massig Future Tools, die lebhaft praktiziert und gelobt werden, die aber allein schon deshalb Unfug sind, weil sie nicht das tun, was sie zu tun vorgeben: also die Zukunft relativ zuverlässig zu beschreiben. Sie sind auf gut Deutsch invalide. Wo also steht der Kataster der invaliden Zugänge zur Zukunft? Eine naheliegende, aber keine gute Frage.
Zukunft mit Führerschein
So erstaunlich es klingt: Selbst Nieten-Instrumente wie die Chartanalyse lassen sich valide verwenden. Wenn zum Beispiel eine solche Analyse sagen würde, und einige machen das tatsächlich: "Das Chart kann nur X vorhersagen, aber nicht Y", dann wäre das legitim und hilfreich. Und umgekehrt: Ich kann auch ein Szenario, ein immerhin seit Pythagoras als wissenschaftlich anerkanntes Future Tool, so einsetzen, dass Mist dabei herauskommt. Mit der Zukunft ist es wie mit Beton oder einer durchgeladenen Walther PPK: Es kommt nicht so sehr auf das Instrument an sich an, sondern darauf, was man draus macht. Es kommt weniger auf das Future Tool als auf die Future Competence an, weniger auf das Instrument als auf die Instrumentalisierung. In einem Wort: Professionalität.
Gewiss, diese wäre auch für jede andere Tätigkeit geboten. Doch wenn ich unprofessionell Schrauben abzähle, kommt dabei höchstens eine fehlende Schraube am Polo heraus. Wenn ich jedoch einen der Unprofessionalität geschuldeten Prognosefehler auf die nächsten fünf Jahre hochrechne, kann es sein, dass erst mal gar kein Polo vom Band läuft oder zu viele oder zu teure. Im Klartext: Die üblichen Schlampereien können wir uns bei der Zukunft nicht leisten. Und was für Future Tools gilt, gilt analog für komplette Zukunftsschulen.
Zukunft macht Schule
Es tobt praktisch seit der Erfindung der Zukunft der Kathederstreit zwischen den sogenannten Intuitiv-Kreativen und den Mathematisch-Quantitativen. Erstere behaupten - auch wenn sie diese einprägsame Formulierung nie benützen würden:
"Zukunft kann man nicht berechnen. Wenn man am Ende einer mathematisch-quantitativen Prognose 1,5 herausbekommt, dann ist die Zahl objektiv - aber nicht, wie sie errechnet wurde. Deshalb kann man die Zukunft nicht mit einer Software, sondern nur mit Expertenverfahren wie Brainstorming, Workshops oder Future Advisory Boards herausfinden."
Darüber können die Apologeten der mathematisch-quantitativen Schule nur lachen: "Zukunft kann man doch nicht mit dem Bauch vorhersehen! Das ist nicht fundiert. Da sind zu wenig System und Struktur dahinter. Das ist weder reliabel noch nachvollziehbar!"
Dieser Streit hat über die Jahre ein Vakuum der Lehre erzeugt. Und weil weder Natur noch Wissenschaft und am allerwenigsten die Praxis ein Vakuum tolerieren, haben es sich die führenden Think-Tanks inner- und außerhalb von Unternehmen in der goldenen Mitte eingerichtet. Dort haben sie zum Beispiel Instrumente entwickelt, die sowohl die quantitative als auch die qualitative Seite der Zukunftsbeschäftigung mit einbeziehen. Zum Beispiel das Delphi-Verfahren: Die befragten Experten äußern zwar rein subjektiv ihre Meinung. Doch eine dabei irrlichternde Subjektivität rechnet das darauf aufgesetzte statistische Verfahren dann wieder heraus: Et voilà, ein praktikabler und vor allem nützlicher und nachvollziehbarer Blick in die Zukunft. Ein Blick, der objektiver ist als das reine Bauchgefühl des Managers und zugleich sein Bauchgefühl nicht diskreditiert. Delphi kultiviert das Bauchgefühl, bringt The Best of Both Worlds zusammen - der Streit ist geschlichtet. Ein ähnlicher Streit tobt übrigens zur Frage: Wahrscheinlichkeit oder nicht?
Wahrscheinlich oder nicht?
Vorstände sagen gerne Dinge wie: "Das wird der Markt der Zukunft!" Allein auf Basis solch schöner Hoffnungen werden jährlich Milliarden Euro investiert - und verloren. Denn es kann gut sein, dass das zwar "der Markt der Zukunft" wird. Aber eben nur für 2,5 Prozent der Bevölkerung.
Deshalb wäre die Frage doch wohl interessant: Mit welcher Wahrscheinlichkeit wird das der Markt der Zukunft? Kann man das sagen? Man könnte eventuell - aber man sollte nicht. Denn dass zum Beispiel der Markt für Elektroautos mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 80 Prozent bis in fünf Jahren fünf Millionen Autos aufnimmt, ist eine relativ nutzlose Aussage: Was passiert, wenn die restlichen 20 Prozent eintreffen? Dann stehen die Autos rostend auf dem Hof - was keine Antwort ist. Doch genau solche Fragen kann die plebejische Verwendung der Wahrscheinlichkeit nicht beantworten: die Frage nach der Alternative.
Umkehrschluss: Denkst du an die Zukunft, denk nicht in Wahrscheinlichkeiten, sondern in Alternativen, das heißt Szenarien. Wenn ich ein Szenario "fünf Millionen Autos in fünf Jahren" fahre und ein Szenario "eine Million in fünf Jahren" und eines mit "sieben Millionen in fünf Jahren", und jedes Szenario bis zum Ende (fast) aller Konsequenzen durchdenke, dann habe ich heute schon eine sehr viel stärker empfundene Sicherheit und Flexibilität für die Zukunft, als ich sie mit einer bloßen Wahrscheinlichkeitsangabe hätte. Zu diesem Vorgehen tendieren zumindest Praktiker und führende Zukunftsforscher. Also sollten Sie die Nähe von beiden suchen, wenn Sie etwas über die Zukunft erfahren wollen? Das hängt davon ab, wie alt sie sind.
Was Cäsar wusste
Thornton Wilder lässt seinen Cäsar in den Iden des März sagen: "Die besten Philosophen sind Knaben, deren Flaum am Kinn noch frisch ist." Was hat das Alter mit Zukunftskompetenz zu tun? Nun, Gegenfragen: Kennen Sie einen Zukunftsforscher? Wie alt ist er/sie?
Im Schnitt sind Zukunftsforscher steinalt. Was wunderbar ist. Intelligenz und Kompetenz sind schließlich nicht altersbedingt - sonst wäre der Bundestag der bundesrepublikanische Rat der Weisen. Aber haben Sie sich nicht auch schon mal gefragt, warum die Explosion der Social Networks kaum einer aus der Riege der grauen Eminenzen der Zukunftsforschung auf dem Radar hatte? Logische Antwort: Weil ein 50-Jähriger Facebook oder Twitter kaum als Erster entdeckt. Und wenn er der Letzte ist, der sich einklickt, ist er der vorletzte, der den Trend mitbekommt.
Daher: Der Zukunftsforschung der Zukunft täte eine Verjüngung gut. Also doch: Flaumtest beim Bewerbungsgespräch. Falls sich das überhaupt lohnt.
Lohnt das überhaupt?
Wie viele Millionen gibt Siemens jährlich für Zukunftsforschung aus? Wir wollen das nicht wissen. Wir wollen lieber wissen: Lohnt sich das? Und: Weiß Siemens, ob sich das für Siemens lohnt?
Bislang lebt die Zukunftsforschung in einem Fool’s Paradise: Dicke Budgets, man wird in Ruhe gelassen, tolle IT - und keiner musste darüber richtig Rechenschaft ablegen. Noch nicht einmal auf die denkbar einfachste Weise: Ist die Vorhersage so eingetroffen, wie ihr sie vor zwei Jahren gemacht habt? Früher war das so im Marketing: Man holte sich Adrian Lyne und John Malkovich und drehte für 20 Millionen einen TV-Sport für 30 Sekunden. "Macht mal lustig Werbung, lasst es ordentlich knallen, Geld spielt keine Rolle."
Heute sagt das keiner mehr zu den Marketingleuten und morgen (hoffentlich) nicht mehr zu den Zukunftsforschern: Zukunftsforschung muss nutzen, und das muss sie nachweisen können, sonst geht man mit dem Geld doch lieber auf die Kirmes, weil man da wenigstens weiß, was man davon hat. Und der Nachweis erfolgt (hoffentlich) über die Qualität der in die Szenarien reingesteckten Annahmen, über die Professionalität der Anwendung der eingesetzten Tools, über die Nachvollziehbarkeit bei der Auswahl der Experten, die Erhöhung von Flexibilität und Agilität der Rezipienten der Zukunftsforschung und vieler anderer Standards of Performance, die für eine noch junge Disziplin erst noch geschaffen, als solche anerkannt und verabschiedet werden müssen.
HAL 9000 - oder Zukunft fettarm?
In Arthur C. Clarkes 2001: A Space Odyssey, verfilmt von Stanley Kubrick, bestimmt ein Computer namens HAL 9000 die Geschicke der Raumschiffbesatzung und im Endeffekt der ganzen Menschheit. Es scheint, dass der Albtraum auf Umwegen wahr wird: Die IT wird mehr und mehr zur Stütze der Zukunftsforschung. Manchmal wird sie sogar schon mit ihr verwechselt. Verfahren wie Real Time Delphi, Crowdsourcing, die stark in Mode geratenen Prognosemärkte oder auch nur Trenddatenbanken sind ohne ausgefeilte IT schlicht undenkbar. Irgendwann haben wir mit dem IT-Futuristen auch ein neues Berufsbild. Entwickelt sich die Zukunftsforschung vielleicht in Richtung undurchschaubarer Finanzmathematik? Unbezahlbar, überkomplex, nur mit Zusatzstudium zu verstehen? Also nur etwas für DAX-Konzerne? Richtig. Und genau deshalb gibt es auch die diametrale Entwicklung: Future light.
Es gibt schon heute weit gereifte Bestrebungen, auch dem in vielen Belangen zu kurz kommenden Mittelstand die Möglichkeiten einer eigenen Zukunft zu eröffnen. Indem die komplexe Materie der Zukunftsforschung auf Mittelstandsverhältnisse heruntergebrochen wird. Was sich ein wenig herablassend anlas, machen die cleveren Klein- und Mittelbetriebe eigentlich schon seit Jahren: Sie kupfern schamlos von den Großen ab und entwickeln abgespeckte und adaptierte Methoden und Instrumente, mit denen sie dann unter Ausspielung ihrer angestammten mittelständischen Vorteile die großen, von denen sie abgeguckt haben, locker abhängen: Zukunft ist kein Privileg der geistigen oder finanziellen Eliten. Zukunft ist das, was man draus macht. Wie Pasteur gesagt haben könnte: "Die Zukunft favorisiert den vorbereiteten Geist." Und wie man sich vorbereitet, ist der Zukunft egal. Gilt das auch für die berühmten Schwarzen Schwäne?
Schwarze Schwäne
Spätestens seit Nassim Nicholas Taleb ein Buch über Lehman und Fukushima schrieb, bevor Lehman und Fukushima havarierten, fragen Politiker und Manager vermehrt und manchmal panikartig nach dem Überraschungsfaktor der Zukunft: Kann man Schwarze Schwäne, entgegen ihrer Definition, doch irgendwie vorausahnen?
Die Zukunftsforschung zeigt: Das könnte man vielleicht - aber man sollte nicht. Was nützte es zum Beispiel dem internationalen Luftverkehr, wenn seine Luftverkehrsmanager herausfinden wollten, ob demnächst wieder ein isländischer Vulkan die Lufträume dichtmacht? Eine zuverlässige Prognostik an den Vulkanen der Welt würde allein schon wegen des seismologischen und vulkanologischen Instrumentenparks Millionen verschlingen.
Es geht billiger. Denn wenn die Manager nicht die Eintrittswahrscheinlichkeit des schwarzschwanenhaften Events, sondern ihre eigenen kritischen Geschäftsprozesse betrachten, verliert der Schwarze Schwan sein Bedrohungspotenzial: Wenn ein kritischer Geschäftsprozess entlang der Supply Chain von Jeans aus Ankara die Luftfracht ist, dann ist die Frage nicht: Und was, wenn der Vulkan ausbricht? Sondern: Und was, wenn dieser kritische Prozess durch irgendein Ereignis ausfällt? Für die Luftfracht ist es unerheblich, ob der Luftraum wegen eines Vulkanausbruchs oder eines Lotsenstreiks lahmgelegt wird: Hat der Logistiker den potenziellen Stillstand eines seiner Kernprozesse frühzeitig antizipiert, kann er auf Alternativen zurückgreifen, die unabhängig sind vom Grund des Ausfalls - während die Konkurrenz noch die Krise beklagt.
Ein schönes Paradoxon der Zukunftskompetenz: Um in Zukunft zu bestehen, muss man nicht deren Ereignisse vorhersehen, sondern lediglich deren potenzielle Auswirkungen.
Too much information. Oder: Malen nach Zahlen
Früher beklagte man sich noch, dass man einfach nicht genug wisse, um über die Zukunft Aussagen zu machen. Heute ist das Gegenteil eingetreten. Wer auf Google "Zukunft der Branche X" eintippt, bekommt eine fünfstellige Zahl an Fundstellen: Too many!
Es geht heute längst nicht mehr um Informationsgewinnung, sondern um die intelligente Verknüpfung von vorhandenen Daten. Die CIA zum Beispiel hat das verschlafen. Sie wurde von der Zukunft überrollt. Und das ausgerechnet in der Chicago Tribune. Die Zeitung ließ einige ihrer Reporter im Internet wühlen und die gefundenen Daten abgleichen mit Telefonbüchern, Dokumenten über Immobilienverkäufe, Wahlregistereinträgen, Gerichtsurteilen, Grundsteuerbescheiden, Offenbarungseiden, Handelsregistereinträgen und Einträgen von professionellen Datenbanken. Alles frei zugängliche Daten ohne jede Geheimhaltung. Und für sich genommen nicht die Bohne aussagekräftig. Doch für den Zukunftskompetenten zählen nicht die einzelnen Daten, sondern ihre Verbindung untereinander: das Muster. Zukunft ist deshalb so etwas wie Malen nach Zahlen: Connect the dots!
Wer das schafft, erhält aus vielen Punkten plötzlich ein stimmiges Bild. Im Falle der Chicago Tribune waren es die supergeheimen Identitäten von CIA-Agenten, die Standorte von geheimen Trainingslagern, Flugzeugen und anderen Einrichtungen der CIA. Die Einrichtungen waren teilweise mit Stacheldraht, Beton, Fahrsperren und schwer bewaffneten Wachen gesichert. Doch das simple Verbinden von nicht geheimen Daten entlarvte die bestgehüteten Staatsgeheimnisse der USA, ohne dass auch nur ein Schuss gefallen oder ein Spion zum Einsatz gekommen wäre. Die Reporter zeigten ihre Ergebnisse der CIA. Die war ziemlich beeindruckt, fürchtet jetzt die Chicago Tribune mehr als den KGB - und gibt die perfekte Metapher dafür ab, wie Zukunft funktioniert.
Exogene Schocks
Wir leben angeblich in der Ära exogener Schocks. Was nützt mir da Zukunftskompetenz? Wenn die nächste Börsenblase platzt, ist meine Bank doch ohnehin pleite! Berechtigter Einwand, aber fehlerhafte Schlussfolgerung: Gerade weil ein heranwachsender, bonusgeiler Banker in Texas neuerdings das Weltfinanzsystem zum Einsturz bringen kann, ist Zukunftskompetenz entscheidend. Wir sollten nämlich nicht vergessen: Bei jedem exogenen Schock gibt es 80 Prozent Belämmerte und 20 Prozent Krisengewinnler.
Ein bekannter deutscher Regisseur zum Beispiel sprach schon vor Jahren seinen Banker auf die damals wachsende Immobilienblase an. Der Banker sagte: "Klar platzt die irgendwann. Aber bis es so weit ist, machen wir Reibach!" Der Regisseur kannte die Zukunft nicht. Aber er sagte: "Einem System, das derart die Zukunft ignoriert, vertraue ich mein Geld nicht länger an." Er leerte alle seine Konten. Vier Monate später ging Lehman pleite. Man braucht nicht die Wahrscheinlichkeit von exogenen Schocks zu kennen. Es reicht, wenn man weiß, dass sie kommen werden.
Heute ist Zukunftskompetenz noch etwas Exklusives. Bleibt sie das? Oder kann demnächst der Jugendliche per App via Facebook The Wisdom of the Crowd anzapfen? Dann freilich wäre Zukunftskompetenz so populär wie das Publikumsvoting bei "Deutschland sucht den Superstar". Bis heute ist das nicht der Fall. Der Zukunftskompetente würde sagen: Lasst uns mal beide Szenarien durchspielen: kommt - kommt nicht. Das ist Zukunftskompetenz: nicht die perfekte Voraussicht einer Superkristallkugel, sondern das Abdecken der denkbaren Szenarien. So werden die Deals und Gewinne der Zukunft gemacht. Wenn das so ist, warum kann man das dann nicht längst studieren? Kann man doch! An mittlerweile 50 Universitäten auf der ganzen Welt können Studierende Kurse oder ganze Studiengänge zur Zukunftsforschung belegen. In Deutschland übrigens erst seit 2010 den Master-Studiengang Zukunftsforschung an der FU Berlin. Wenn das so ist, warum wissen das dann so wenige?
Kompetenz ist Holschuld
Um auch die Massen in Politik, Medien und Wirtschaft zu erreichen, muss dafür die Zukunftsforschung besser werden? Populärer, wirksamer vermarktet, einfacher zu verstehen, von gut gebauten Damen in knappen Outfits präsentiert?
Eher im Gegenteil: Die Praxis muss besser werden. Die ersten Future Tools haben immerhin schon die alten Griechen in Sandalen entwickelt - Stichwort Orakel zu Delphi. Trotzdem weiß in manchen Branchen nicht die Hälfte der Manager, was ein Szenario ist - oder hat nie eines durchgeführt. Aus dieser Wissenslücke heraus eine größere Popularität der Zukunftsforschung zu fordern ist Opferdenke: Hold me, feed me, love me. Wenn ich als Touri nach Amerika jette, beschwere ich mich ja auch nicht, dass ich die Amis nicht verstehe - ich mache vor meiner Reise einen Sprachkurs. Wer zu bequem dafür ist, hat weder Amerika noch eine Zukunft verdient.
Es sind - wie immer - mindestens zwei Szenarien denkbar. Erstens: Zukunftskompetenz ist und bleibt Herrschaftswissen weniger, die sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich immer mehr durchsetzen; Darwin sei Dank. Zweitens: Irgendwann in naher Zukunft lernen bereits ABC-Schützen Rechnen, Schreiben, Lesen und Simulieren.
Fazit: Zukunftsfit?
Wie viel Gold haben Sie im Depot? Wann kommt die Neue Deutsche Mark? Wie lange können/wollen Sie im Job noch so weitermachen? Szenarien, Delphi, Future Advisory Boards - die Future Tools zur Beantwortung solcher zukunftsentscheidender Fragen sind längst da. Dass sie nicht in gebotenem Maße genutzt werden, liegt nicht an der mangelnden Popularität der Zukunftsforschung, sondern am mangelnden Bewusstsein des Homo sapiens, seiner mangelnden Future Awareness. 1.000 Jahre in mehr oder minder geregelten Verhältnissen haben ihn denkfaul gemacht. Das ist schlimm für die Faulpelze, die von der neuen Dynamik in Wirtschaft und Gesellschaft überrollt werden. Gleichzeitig ist es gut für jene, die Zukunft lernen, wie sie Algebra, Tennis und Unternehmensführung gelernt haben. Denn nichts anderes ist Zukunftskompetenz: lernbar.
Zitate
"Zukunft ist wichtig. Wer unfähig ist, sie halbwegs fundiert zu antizipieren, den frisst sie, verstrahlt sie, bringt sie an den Bettelstab, ruiniert die Währung und sprengt Staatenbünde - vielleicht nicht unbedingt in dieser Reihenfolge." Heiko von der Gracht: Nicht die Zukunft verschlafen
"Mit der Zukunft ist es wie mit Beton oder einer durchgeladenen Walther PPK: Es kommt nicht so sehr auf das Instrument an sich an, sondern darauf, was man draus macht." Heiko von der Gracht: Nicht die Zukunft verschlafen
"Die üblichen Schlampereien können wir uns bei der Zukunft nicht leisten." Heiko von der Gracht: Nicht die Zukunft verschlafen
"Der Zukunftsforschung der Zukunft täte eine Verjüngung gut." Heiko von der Gracht: Nicht die Zukunft verschlafen
"Zukunft ist kein Privileg der geistigen oder finanziellen Eliten. Zukunft ist das, was man draus macht." Heiko von der Gracht: Nicht die Zukunft verschlafen
"Gerade weil ein heranwachsender, bonusgeiler Banker in Texas neuerdings das Weltfinanzsystem zum Einsturz bringen kann, ist Zukunftskompetenz entscheidend." Heiko von der Gracht: Nicht die Zukunft verschlafen
changeX 16.05.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.
Artikeltags
Ausgewählte Beiträge zum Thema
Serie Zukunft der Zukunft 1: ein Essay von Klaus Burmeister, Cornelia Daheim, Holger Glockner, Andreas Neef zum Essay
Ausgewählte Links zum Thema
-
Übersicht über die bisher erschienenen Folgen der Serie "Zukunft der Zukunft"Zukunft der Zukunft
Autor
Heiko von der GrachtDr. Heiko von der Gracht ist Direktor des Institute for Futures Studies and Knowledge Management (IFK) der EBS Business School.



