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Welches Wachstum wollen wir?

Zukunftskolumne 3: Ein Umsteuern im Energiesystem als Vorbote einer neuen Wirtschaftslogik.
Text: Cornelia Daheim und Holger Glockner

Selten liegen die Dinge so klar wie bei der Energie: Wir wissen genug über die Zukunft, jetzt muss gehandelt werden! Weniger klar indes sind die Konsequenzen: Ein Umsteuern im Energiesystem erfordert, sich der Frage zu stellen: Welches Wachstum wollen wir?

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„Was auf der Makroebene sichtbar wird, ist erst durch Wechselwirkungen zwischen den Elementen des Systems erklärbar“, schreibt Sandra Mitchell in ihrem Buch Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen. Wir stimmen zu und meinen: In der heutigen Welt sind lineare Lösungsansätze und Handlungsstrategien nicht mehr tragfähig. Zu groß sind die Dynamik von Veränderungen und die Komplexität der Systeme, als dass einfache Lösungen noch greifen könnten.
Diese Diagnose betrifft viele Handlungsfelder in modernen Gesellschaften, insbesondere aber die aktuelle Situation in der Energiefrage. Sie gilt umso mehr, wenn wir versuchen, den Blick weit(er) in die Zukunft zu lenken, um mögliche und notwendige Entwicklungslinien aufzuzeigen, die über die gerade noch übliche Perspektive der nächsten Dekade hinaus im Wortsinne „zukunftsfähig“ sind.
„Energie ist alles“ – so lehren es die Physik wie auch die traditionelle östliche Philosophie. Ganz nüchtern betrachtet ist das Energieproblem auf das Engste mit den wichtigsten globalen Herausforderungen verknüpft, mit denen sich die Menschheit in mittel- bis langfristiger Perspektive konfrontiert sieht: Es wird vorangetrieben durch ein rasantes Bevölkerungswachstum in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Handlungsdruck entsteht insbesondere aufgrund der immer spürbarer werdenden Folgen und Kosten des anthropogen verursachten Klimawandels. Politische Konflikte um Energie und Energiequellen nehmen zu, der weltweite Wettlauf um den Zugang zu (Energie-)Ressourcen hat geopolitische Erwägungen wieder auf die globale Agenda gespült. Nicht zuletzt führt der Energiehunger der Schwellenländer zu dem kontrovers diskutierten „land grabbing“, dem Sichern landwirtschaftlicher Anbauflächen in anderen Weltregionen, unter anderem zum Anbau von Energiepflanzen. Der Versuch des koreanischen Konzerns Daewoo, Anfang des Jahres ein Viertel der Ackerfläche Madagaskars – ein Landstück in etwa halb so groß wie Belgien – zu pachten, ist hier nur die Spitze des Eisbergs. Die Konkurrenz zwischen Energie- und Ernährungsversorgung verschärft sich, die damit einhergehenden Preissteigerungen gehen meist zulasten der Ärmsten der Armen und verschärfen soziale Spannungen. In den Entwicklungsländern sind die Chancen auf Bildung, wirtschaftliche Entwicklung und soziale Teilhabe unmittelbar mit dem Zugang zu Nahrung und Energie verknüpft. Das gibt der Energiefrage eine Brisanz weit über die unmittelbare Versorgung mit Energie hinaus.


Perspektiven: das heterogene Bild der Energielandschaft.


Wie dringend ein Umsteuern im Energiesektor geboten ist, zeigt ein Blick in die Vielzahl von Prognosen und Studien. Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, Industrialisierung, Zunahme der Mobilität und die Globalisierung westlicher Konsummuster sind nur einige der zentralen Treiber, die zu einer Verschärfung der Energiekonflikte führen werden. Laut Aussagen des aktuellen World Energy Outlook der International Energy Agency (IEA) müssen wir bis 2030 unter Bedingungen des „Weiter so“ (Referenzszenario) mit einem Anstieg des weltweiten Energiebedarfs von etwa 40 Prozent rechnen, der allein mit fossilen Quellen und bestehenden Systemen nicht zu decken ist. Selbst das aktuelle „450-Szenario“, das konsequent auf das Ziel der UNO, die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, ausgerichtet ist und die Kohlendioxid-Konzentration auf 450 ppm (parts per million) begrenzen möchte, würde den Zuwachs des globalen Energieverbrauchs nicht stoppen, sondern auf „nur“ 20 Prozent begrenzen – und einen fundamentalen Umbau der Versorgungssysteme erfordern.
Zugleich sehen wir, dass sich in der Energiebranche eine Dynamik entfaltet, die in vielen Zügen der Entwicklung der IT-Branche in den 1990er-Jahren ähnelt. Nicht umsonst lag im Silicon Valley das Venture Capital im Energiesektor 2008 erstmals höher als in der IT-Industrie. Neue Technologien und Kooperationen sorgen für eine weitere Ausdifferenzierung des Energiesektors und scheinen teils an unerwarteter Stelle auf. So sollen neuartige Techniken des „Energy Harvesting“ die Gewinnung von Umgebungsenergie zum Beispiel aus Vibrationen oder Luftströmungen möglich machen. Gleichzeitig treiben zahlreiche Akteure die Neuerfindung der Mobilität für ein postfossiles Zeitalter voran. Dies gilt nicht nur für die aktuell von Politik und Wirtschaft favorisierte Entwicklung der Elektromobilität, sondern auch für die, vor allem noch von Daimler und Linde, vorangetriebene Entwicklung einer auf Brennstoffzellen basierenden Wasserstoffinfrastruktur. Smart Grids, intelligente Stromnetze zur Steuerung, Lastenverteilung und Speicherung von Energie, sollen den bedarfsoptimierten Verbrauch ermöglichen. Etablierte IT-Konzerne wie IBM, Cisco und auch Google treten hier in Wettbewerb zu den klassischen Netzbetreibern. In dem Konzept „Vehicle-to-Grid“ sollen zukünftig Elektroautos nicht nur Strom aus dem Netz entnehmen, sondern diesen zwischenspeichern und für Spitzenlastzeiten bereithalten. Zentral bleibt aber die Frage, aus welchen Energiequellen der Strom für die Elektromobilität gewonnen wird.
Die Energieerzeugung wird einerseits zunehmend dezentralisiert, sei es bei der Nutzung fossiler Energiequellen zum Beispiel in Blockheizkraftwerken oder bei der Nutzung erneuerbarer Energiequellen in Geothermie-, Fotovoltaik-, Windkraft- und Biogasanlagen. Andererseits werden neue, effizientere Kraftwerksgenerationen ans Netz gehen. Viele der etablierten Energieversorger setzen dabei auch auf die umstrittene CCS-Technologie zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid und sprechen bereits von der Kohlendioxid-freien Kohleenergie.
Dezentrale Versorgungsstrukturen und erneuerbare Energieträger werden zum Teil bottom-up, zum Teil top-down vorangebracht. Prominente Beispiele reichen vom sich bereits mit Strom und Wärme selbst versorgenden niedersächsischen „ersten Bioenergiedorf“ Jühnde als Beispiel für die Vielzahl nach Energieautarkie strebenden Gemeinden und Städte, bis hin zum Desertec-Projekt, das Europa und Nordafrika mit Strom aus Solarparks in der Wüste versorgen soll. Zugleich entscheiden sich immer mehr Konsumenten für die Unabhängigkeit von großen Versorgern und wechseln zu alternativen Anbietern, bauen auf Eigenversorgung oder stellen ihre Lebensweise auf einen geringeren Ressourcenverbrauch um. Ein Beispiel ist die boomende Bewegung von „The Compact“ in den USA, deren Mitglieder sich verpflichten, ein Jahr lang – von lebensnotwendigen Produkten abgesehen – auf jeglichen Konsum zu verzichten. Nicht zuletzt strebt ein Verbund von kommunalen Versorgungsbetrieben in Deutschland mit der geplanten Übernahme der Thüga danach, die Marktdominanz der etablierten Versorger zu brechen.
Ob bei der Energieerzeugung, dem Energietransport oder der Energiespeicherung, in allen Feldern sind vielfältige Aktivitäten zu erkennen. Gleichzeitig bieten ein reduzierter Energieverbrauch und eine effizientere Energieerzeugung aktuell noch die stärksten Hebel, um Einsparpotenziale zu realisieren. Die BASF hat berechnet, dass sich mit bereits verfügbaren angebots- und nachfrageseitigen Effizienzmaßnahmen globale Einsparpotenziale von 24 Prozent für den industriellen Sektor, von 27 Prozent für den Bereich Gebäude (private Haushalte und Büros) und von etwa 20 Prozent im Transportsektor realisieren ließen.


Ein radikaler Systemwandel ist notwendig.


Trotz der vielen Lösungsvorschläge und Innovationskeime, die zu einem großen Teil in die richtige Richtung weisen, wird das Streben nach mehr Effizienz in der Energienutzung nicht ausreichen. Im Gegenteil, der wachsende Energiehunger der Schwellenländer, gar allein Chinas und Indiens, wird alle Einsparbestrebungen in der westlichen Welt überkompensieren.
Warum aber ist die Diskussion so langwierig und das Handeln so schwerfällig? Gründe sind sicherlich die langen Planungszyklen und Laufzeiten von Energieinfrastrukturprojekten sowie die Vielzahl der beteiligten Akteure, die ihre eigenen Interessen vertreten und in deren Aufgabenfeld eben nicht die Zusammenschau der globalen Probleme und des gesamten Systems liegt. Entscheidend scheint uns, dass den vielfältigen Aktivitäten kein Bild einer zukünftigen natur- und klimaverträglichen, international konsensfähigen Energieversorgung zugrunde liegt. Die Dekarbonisierung des Energieverbrauchs stellt eine Jahrhundertaufgabe exorbitanten Ausmaßes dar.
Das heißt: In der Energiewirtschaft ist nicht weniger als ein radikaler Systemwandel notwendig, um die heutigen, und erst recht die kommenden Probleme zu bewältigen. So kann die Erhöhung der Effizienz im bestehenden System zwar ein wichtiger Baustein auf dem Weg in eine zukunftsfähige Energieversorgung sein. Langfristig steht aber der Umbau des gesamten Systems an – und das ist mehr eine Frage der Effektivität denn der Effizienz. Doch in der aktuellen Debatte um die Energiefrage fehlen zumeist der Mut zum radikalen Umsteuern und die Weitsicht zu einem Zusammendenken der Herausforderungen. Weder das Tempo der aktuellen wie anstehenden Veränderungen noch das Ausmaß des Handlungsdrucks finden in der politischen Debatte bisher ausreichend ihren Niederschlag. Und so steht auch das aktuelle Tauziehen im Umfeld der Klimakonferenz von Kopenhagen noch unter den Vorzeichen der Durchsetzung von Partikularinteressen.
Wir wissen genug über die Zukunft, jetzt muss gehandelt werden. Der gebotene Umbau betrifft alle Beteiligten. Beginnend bei den Konsumenten insbesondere in den westlichen Industrieländern, die sich der Frage stellen müssen, ob ihr energieintensiver Lebensstil weiterhin vertretbar ist. Der Gedanke der Suffizienz, also ein bewusster Konsumverzicht und eine Neuausrichtung des Konsums auf ressourcenarme Produkte und Dienstleistungen, ist in einer auf Wachstum konditionierten Gesellschaft nur schwer vermittelbar. Dennoch müssen sich die Akteure in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit der Frage einer gerechten Verteilung und Nutzung von Ressourcen im globalen Maßstab auseinandersetzen.
Entsprechend ruft der Bedarf nach einem Systemumbau nach neuen Formen der intelligenten Regulierung und Steuerung, die stärker als bisher auf supranationaler Ebene stattfinden muss. Letzten Endes liegt der „Ball“ in diesem Spiel in den Händen der Industrieländer. Denn angesichts des vielfach höheren Pro-Kopf-Verbrauchs an Energie in diesen Ländern liegt die Verantwortung für eine Vorreiterrolle eben hier, wo die Grundsteine für ein offensichtlich zu ressourcenintensives Leben und Wirtschaften gelegt wurden. Wenn die Industrieländer vorangehen, ist auch das notwendige radikale Umsteuern der Schwellen- und Entwicklungsländer am ehesten vorstellbar. Der entscheidende Hebel hierbei wird sein, die Kosten von Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung konsequent und flächendeckend zu bepreisen und an die Verursacher zu übertragen. Diese – oft geforderte – Internalisierung externer Kosten bedeutet zum Beispiel, einen allgemeingültigen globalen Emissionshandel für Treibhausgase einzuführen oder auch der steuerlichen Begünstigung des Flugverkehrs in Europa über die Kerosinsteuer ein Ende zu setzen.
Mit dem Effizienz- und Suffizienzdenken als Übergangsstrategien können wir Zeit gewinnen, um den langfristigen Umbau zu bewerkstelligen. Michael Braungart und William McDonough haben mit ihrem Ansatz des „Cradle to Cradle“, also von der Wiege zur Wiege, ein Konzept für eine Kreislaufwirtschaft vorgelegt, in der es nach dem Vorbild der Natur idealerweise keine Abfälle mehr gibt. Damit mahnen sie an, die richtigen Dinge zu tun (Effektivität) und nicht einfach die Dinge weniger schlecht zu tun, wie es häufig nach dem Effizienzprinzip geschieht. Danach sollen alle Verbrauchsgüter in einen biologischen und alle Gebrauchsgüter in einen technischen Kreislauf überführt werden, um so auch für neun Milliarden Menschen ausreichend Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Nach diesem Konzept stecken gerade in den Produktionstechnologien und Materialwissenschaften branchenübergreifend erhebliche Innovationschancen, die von Unternehmen noch unzureichend erkannt und genutzt werden. Diese Chancen müssen aber auch von der Politik gefördert und vom Verbraucher nachgefragt werden.


Vorboten einer neuen Wirtschaftslogik.


Hier entstehen die Konturen einer neuen Systemlogik, die Strahlkraft über die Grenzen der Energiesysteme hinaus besitzt: Eine Logik, die vom Streben nach einer umfassend verstandenen Nachhaltigkeit im ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Sinne geprägt ist. Eine Logik, die nicht das wirtschaftliche Wachstum mit dem Tunnelblick auf die Steigerung des Bruttosozialproduktes in den Fokus nimmt, sondern auch die viel beschworenen „weichen“ Faktoren wie Lebensqualität und eine ethische Ausrichtung allen Handelns am Ressourcenverbrauch und seinen langfristigen Folgewirkungen aufgreift. Die von dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy eingesetzte „Kommission zur Messung der ökonomischen Leistung und des sozialen Fortschritts“ und entsprechende Initiativen von OECD und EU haben die Debatte um alternative Indikatorensysteme, die das Bruttoinlandsprodukt als dominantes Maß für die Wirtschaftsleistung ablösen sollen, maßgeblich angeschoben. Dies zeigt, dass eine revolutionäre Neudefinition von erfolgreichem Wirtschaften auch in den Zentren der Macht denkbar geworden ist. Nichtsdestotrotz benötigen wir eine breite gesellschaftliche Diskussion über die Frage „Welches Wachstum wollen wir?“
Der Cradle-to-Cradle-Gedanke ist ebenso Vorreiter wie Vorzeichen einer solchen neuen Logik. Und die Internalisierung externer Kosten auf einzelne Produkte und Dienstleistungen könnte im Zentrum dieses Umsteuerns stehen. Geboten ist damit, dass alle Akteure wagen, das radikal Neue zu entwerfen und umzusetzen. Es gilt, sich von dem Denken des „Weiter so“ zu verabschieden und einen globalen Diskurs der wirtschaftlichen wie politischen Neuordnung zu beginnen. Zu befürchten ist allerdings, dass die Problemlösungs- und Steuerungsfähigkeit von Politik und Unternehmen der historisch neuartigen Gleichzeitigkeit von globalen Herausforderungen nicht gewachsen sein wird.


Zitate


"Wir benötigen eine breite gesellschaftliche Diskussion über die Frage 'Welches Wachstum wollen wir?'“ Cornelia Daheim und Holger Glockner, Zukunftskolumne 3

 

changeX 15.12.2009. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Autorin

Cornelia Daheim
Daheim

Cornelia Daheim ist Managing Partner von Z_punkt.

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Autor

Holger Glockner
Glockner

Holger Glockner ist Director Foresight Consulting / Member of the Management von Z_punkt.

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