Woanders anders arbeiten

Die Initiative 3rd Places macht sich für neue Arbeitsorte stark

Für einen Großteil der Wissensarbeiter findet auch heute noch Arbeit an wenigen fixen Orten statt: im Firmenbüro oder am Schreibtisch zu Hause, ab und zu auch beim Kunden, im Zug oder in der Business Lounge am Flughafen. Das ist langweilig und unflexibel - muss aber nicht so bleiben: Andere Arbeitsorte sind im Kommen. Arbeitsorte, die Wege ersparen, flexible Netzwerkstrukturen unterstützen und das kreative Potenzial einer anregenden Umgebung erschließen.

Für den Innovations-Workshop ihrer Mitarbeiter mietet Firma X für drei Tage einen mobilen Bürocontainer, der am Ufer eines Sees im Havelland aufgestellt wird - ein inspirierender Ort mit Blick aufs Wasser. Eine Mitarbeiterin von Firma Y bei Hamburg nutzt an zwei Tagen der Woche ein Büro eines Partnerunternehmens in der Nähe ihres Wohnorts Lüneburg - denn Firma Y hat mit sechs weiteren Firmen ein Netzwerk gegründet, bei dem jedes Unternehmen seinen Partnerfirmen Büroraum für deren Mitarbeiter zur Verfügung stellt. Der Freiberufler Z braucht sich kein eigenes Büro in seiner Wohnung einzurichten - er nutzt nach Bedarf das Quartierbüro, das in seinem Viertel von der Wohnungsbaugenossenschaft angeboten wird. 

So könnte der Arbeitsalltag in zehn Jahren für viele Wissensarbeiter in Deutschland aussehen - wenn es nach den Vorstellungen und Ideen der Initiative 3rd Places geht. 3rd Places wurde im Oktober 2014 vom Beratungs- und Planungsunternehmen if5 anders arbeiten zusammen mit sechs Partnerfirmen aus dem Bereich Büroausstattung gegründet. Initiatoren waren Bernd Fels und Sven Iserloth von if5. Das Ziel: Konzepte und Ideen für neue Arbeitsorte zu entwickeln und populär zu machen.


Die Etablierung alternativer Arbeitsorte


3rd Places sieht viele Gründe für die Etablierung solcher alternativer Arbeitsorte. Zum Beispiel die zunehmende Verstädterung, die zur Verödung ganzer Regionen führt, während in den Ballungszentren die Mietpreise immer weiter steigen. Lange Pendelwege in und um Ballungsgebiete sind die Folge, die die Umwelt und das Zeit- und Kostenbudget belasten. Auch der Arbeitskräftemangel aufgrund der demografischen Entwicklung hat Folgen. Vermehrt stellen Firmen ältere Arbeitnehmer, Eltern kleiner Kinder und Wochenendpendler aus anderen Ländern ein, müssen aber deren Bedürfnissen durch Teilzeitmodelle und die Möglichkeit zu ortsunabhängigem Arbeiten entgegenkommen. Zugleich wächst die Zahl der digitalen Büronomaden, denen es nicht einleuchten mag, warum eine tagtägliche Anwesenheit im Büro notwendig sein soll, wo der virtuelle Raum im Internet die Zusammenarbeit von überall her ermöglicht.  

Die virtuelle Zusammenarbeit ist aber nicht alles. Denn nach wie vor besitzt die unmittelbare physische Zusammenarbeit an einem Ort für Büronomaden einen hohen Stellenwert. Daher sind die vermehrten Bemühungen von Arbeitgebern, ihren Angestellten Heimarbeit zu ermöglichen, zwar zu begrüßen, greifen aber zu kurz, da im Homeoffice sowohl der soziale Kontakt als auch die kreative Anregung durch die Umgebung fehlen.  

Neben dem 1st Place, dem Heimarbeitsplatz, und dem 2nd Place, dem Firmenbüro, kommen daher vermehrt 3rd Places als attraktive Arbeitsorte ins Spiel.


Sich treffen, vernetzen und austauschen


Den Begriff "third places" hat der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg in seinem Buch The Great Good Place geprägt. Er bezeichnet Orte, an denen sich Menschen treffen und austauschen können. Kennzeichnende Merkmale sind für Oldenburg die Lage an einem neutralen und jedermann leicht zugänglichen Ort, ein einladendes Erscheinungsbild, eine verspielt-unverkrampfte Atmosphäre, eine rege Kommunikation unter den Nutzern und ein hoher Anteil von Stammgästen, die eine Anziehungskraft auf Neulinge ausüben. So entstehe Oldenburg zufolge eine Art Zuhause außer Haus.  

Der Autor und Sozialtheoretiker Richard Florida hat Oldenburgs Idee noch weiterentwickelt. Er sieht eine wachsende Notwendigkeit von "4th Places", "wo wir uns nicht nur zwanglos treffen, vernetzen und austauschen können, sondern auch die Gelegenheit haben, wirklich zu arbeiten". Für solche 4th Places gelten aber die gleichen, von Oldenburg beschriebenen Kriterien.  

Ein typisches Beispiel für 3rd Places sind die sich zunehmend etablierenden Coworking Spaces, bei denen sich Angehörige unterschiedlicher Firmen oder Freiberufler ein Büro teilen. Die Mischung sorgt für eine anregende, kreative Atmosphäre. Solchen 3rd Places der ersten Generation ist gemeinsam: Man arbeitet neben- und nicht miteinander. Aufenthalts- und Erlebnisqualitäten bieten diese Orte häufig nur bedingt.  

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Genau hier setzt die Idee der 3rd Places 2.0 an. Etablierung von alternativen Arbeitsorten abseits der Firmenzentrale für mehr Spaß an der Arbeit zum Wohle von Arbeitgebern, Arbeitnehmern sowie der Gesellschaft. Eine sinnvolle Weiterentwicklung sieht die Initiative zudem darin, dass 3rd Places der zweiten Generation zukünftig von den Firmen selbst oder durch die Immobilienwirtschaft organisiert werden.


Nutzung statt Eigentum


Formen solcher 3rd Places können sein:  

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Das Stattbüro: Hierbei handelt es sich um einen Coworking Space für jedermann mit separiertem Firmenbereich, in dem im Sinne eines Test- oder Lernbüros neue Arbeitswelten erprobt werden können.  

Das Stadtbüro, auch Dorfbüro oder Pendlerbüro: Dies sind von den Kommunen eingerichtete Büroarbeitsplätze, die an Firmen oder Freiberufler vermietet werden, um Arbeitskräfte in der Region zu halten.  

Das Eckbüro ist ein Büroraum bei Partnerfirmen des eigenen Arbeitgebers. Unternehmen stellen einander wechselseitig Büroraum und Infrastruktur zur Verfügung. Das erspart Pendelwege und fördert die Zusammenarbeit.  

Das Quartierbüro: Hierbei handelt es sich um mietbare Büronutzungsrechte im Quartier, die aber nicht von den Kommunen, sondern von Wohnungsbauunternehmen oder privaten Interessengruppen zur Verfügung gestellt werden.  

Das mobile Büro: Hierbei handelt es sich um mobile Arbeitsräume, zum Beispiel attraktiv gestaltete, transportable Bürocontainer, die auch in Lastwägen oder anderen Fahrzeugen eingerichtet werden. Sie können nach Belieben an verschiedenen öffentlichen Orten aufgestellt und stunden-, tage- oder monatsweise gemietet werden.  

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All diesen neuartigen Arbeitsorten gemeinsam ist, dass sie nicht mehr Eigentum des Unternehmens oder des Arbeitnehmers sind, sondern flexibel angemietet werden. Ihre Nutzung ist dann auch nicht mehr ausschließlich einer Person vorbehalten, sondern die Benutzer wechseln. So kann die Arbeit je nach Bedarf an verschiedenen Orten stattfinden, projektweise oder an bestimmten Wochentagen in unterschiedlichen Teamkonstellationen. Dadurch wird der modernen, flexibel vernetzten Organisationsform von Arbeit Rechnung getragen.


Die Initiative 3rd Places


Ziel der Initiative 3rd Places ist es, die Möglichkeiten bekannt zu machen und für sie zu werben, damit möglichst bald ein gut ausgebautes Netz solcher Arbeitsorte geschaffen wird - auch für den "normalen" Arbeitnehmer, der bislang derartige Raumkonzepte nicht nutzt oder nicht nutzen darf. Daher wendet sie sich insbesondere an Unternehmen, die innovative Arbeitsorte suchen, als auch an Immobilienunternehmen, Wohnungsbaugenossenschaften und Kommunen, die zu ihrer Einrichtung beitragen können.  

"Es spricht vieles dafür, dass die beschriebenen 3rd Places deutlich an Bedeutung gewinnen werden. Sie schaffen Freiräume für die Mitarbeiter, können den Weg zur Arbeit erheblich reduzieren und erhöhen die Flexibilität des Corporate Real Estate Management", sagt Andreas Pfnür von der TU Darmstadt, der das Institut für Immobilienwirtschaftslehre leitet und die Initiative 3rd Places unterstützt.  

Weitere Möglichkeiten und wie sie umgesetzt und verbreitet werden können, will die Initiative 3rd Places auf ihrem Kongress "Spaces" am 6. Mai 2015 in Berlin erkunden. Außerdem soll es in Kürze eine Umfrage zum Thema geben, deren Ergebnisse im Mai veröffentlicht werden.  


changeX 11.02.2015. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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