Wer ist der beste Broker?

Für das Projekt VICO erforschen die Wirtschaftspädagogen der Universität Oldenburg die Herausforderungen des Arbeitens in virtuellen Unternehmen.

Von Nina Hesse

VICO - das steht für "virtueller Qualifizierungscoach". Für ein ausgefeiltes Programm, das Mitarbeiter virtueller Unternehmen künftig bei der Weiterbildung unterstützen soll. Aber bis die intelligente Software fertig ist, muss noch viel Forschung geleistet werden. Weil sich ein solches Projekt nur transdisziplinär anpacken lässt, arbeiten sechs Kooperationspartner aus der Wissenschaft und zwei Unternehmen aus der Wirtschaft in dem Verbundprojekt mit. Wie in einem Staffellauf steigen die Partner nacheinander ein; die einzelnen Teilprojekte greifen ineinander. In den ersten Phasen des Projekts sind unter anderem die Wirtschaftspädagogen von der Universität Oldenburg beteiligt.

Die Projektpartner von VICO gehen davon aus, dass Menschen, die in virtuellen Unternehmen arbeiten, mit dem Unvorhersehbaren umgehen lernen. Sie müssen tagtäglich in einem unklaren Umfeld entscheidungsbereit und flexibel handeln und sich schnell auf neue und komplexe Arbeitsbedingungen einstellen können. Nicht nur, dass sie veränderte Unternehmensstrukturen und Geschäftsprozesse bewältigen müssen, sie müssen sich unter anderem auch wandelnden Anforderungen der IT-Technologie anpassen, neue Koordinations- und Kooperationsstrategien sowie Schlüsselkompetenzen für die webbasierte Zusammenarbeit erwerben. Doch bisher ist noch nicht genau erforscht, welche Kompetenzen für erfolgreiches Arbeiten in virtuellen Unternehmen überhaupt notwendig sind.
An diesem Punkt setzen der Lehrstuhl Technik und ihre Didaktik der Universität Dortmund und das Fachgebiet Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Universität Oldenburg an. Ihre Hauptaufgabe ist es, durch die Befragungen von Mitarbeitern virtueller Unternehmen Hypothesen zu überprüfen oder neue zu generieren. "Daraus werden sich, so hoffen wir, erste konkrete Hinweise auf notwendige Kompetenzen ergeben, die Mitarbeiter in virtuellen Unternehmen benötigen", erklärt Karin Rebmann, Professorin am Institut für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik. "Zum Beispiel im Hinblick auf webbasiertes Arbeiten, selbst gesteuertes Lernen, das Lernen im Prozess der Arbeit und neue Managementkompetenzen."

Das Arbeitspaket der Wirtschaftspädagogen.


Zum gemeinsamen Arbeitspaket der Oldenburger Wirtschaftspädagogen und der Dortmunder Kooperationspartner gehört insgesamt:

  • für VICO Übersichten didaktischer Modelle und hybrider Lernumgebungen in der beruflichen Bildung zu erstellen;
  • die Interviews mit Mitarbeitern virtueller Unternehmen vorzubereiten, durchzuführen und zu analysieren;
  • anschließend einen Onlinefragebogen zu entwickeln und auszuwerten, er soll die qualitativen Ergebnisse erhärten;
  • ein "Expertendelphi" durchzuführen, das bedeutet, Experten nach ihren Einschätzungen zu fragen und aus diesen Aussagen die wahrscheinlichsten Zukunftsszenarien zu destillieren.

Das alles sind Aufgaben, mit denen das Team reichlich Erfahrung hat. Denn Wirtschaftspädagogen und Technikdidaktiker beschäftigen sich mit dem Beziehungsgeflecht von Beruf, Wirtschaft, Arbeit und Bildung aus pädagogischer Sicht. Mit pädagogischen Theorieansätzen zur beruflichen Bildung liefern sie Beschreibungs-, Erklärungs- und Gestaltungsmodelle für die berufliche Erst-, Fort- und Weiterbildung. Rund 600 Studierende haben sich im Fachgebiet Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Universität Oldenburg eingeschrieben; viele von ihnen wollen Handelslehrer an berufsbildenden Schulen werden. In der Forschung beschäftigt sich der Lehrstuhl unter anderem mit der Entwicklung und Erprobung komplexer Lehr-Lernverfahren. Andere Projekte betreffen die Themen Umweltbildung und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Aber auch kritische Stellen der Berufsbildung unter die Lupe zu nehmen gehört zu den Schwerpunkten der Forscher.
Zurzeit arbeiten Karin Rebmann, Verena Kehl und ihre Kollegen vom Lehrstuhl Technik und ihre Didaktik an den Interviewleitfäden. Was sie enthalten werden, steht schon fest: "In den Interviews wird der Mitarbeiter des virtuellen Unternehmens unter anderem gebeten, eine typische Arbeitssituation mit einem Kollegen, Broker oder Kunden vor dem Hintergrund der virtualisierten Arbeitsstrukturen zu nennen", erklärt Projektmitarbeiterin Verena Kehl. "Dadurch wird für die Forscher deutlich, was die besonderen Herausforderungen und Schwierigkeiten in dieser Situation sind und welche Strategien es gibt, sie erfolgreich zu bewältigen. Daraus ergeben sich wiederum die im Arbeitsalltag benötigten Fähigkeiten."
Als Nächstes soll der Interviewpartner ein Idealbild eines Brokers oder Mitarbeiters in virtuellen Unternehmen beschreiben. Aus den Antworten kann man eine ganze Menge ablesen. Zum Beispiel, welche "weichen Faktoren" wichtig sind, wo die Unterschiede zu Mitarbeitern nichtvirtueller Unternehmen liegen, ob es Unterschiede in der Arbeitshaltung von Netzwerkern und Mitarbeitern traditioneller Unternehmen gibt. Aber auch über die Vor- und Nachteile virtualisierter Arbeitsformen, Erwartungen an andere Netzwerker, Erwartungen anderer Personen an den Interviewpartner, Reibungsflächen und Problemfelder kann der Interviewer etwas herausfinden.
Der zweite Teil widmet sich einer Art Überprüfung des theoretischen Unterbaus. Die Interviewpartner sollen zu Aussagen Stellung nehmen, die aus der Fachliteratur zum Thema virtuelle Unternehmen stammen und die sich auf üblicherweise genannte Problemfelder wie Entgrenzung, Subjektivierung und diskontinuierliche Erwerbsbiografien beziehen. Alle Aussagen werden eingebettet in typische Arbeitssituationen, die der Interviewpartner einschätzen soll. Dabei achten die Wirtschaftspädagogen sowie die Mitarbeiter des Lehrstuhls für Technik und ihre Didaktik besonders auf Aspekte wie:

  • Kommunikations- und Kooperationskompetenzen, die Prozesse in virtualisierten Arbeitsstrukturen einschließen.
  • Die Fähigkeit, mit kulturellen Differenzen umzugehen. Diese Kompetenz braucht man, damit Missverständnisse und Kommunikationsbarrieren vermieden werden, wenn unterschiedliche Unternehmensstrukturen und -kulturen zusammentreffen.
  • Neue Managementkompetenzen, um den veränderten Führungsanforderungen virtueller Organisationsstrukturen gerecht zu werden und dabei unternehmerisch denken und handeln zu können.
  • Identitätskompetenz, um sich problemlos in wechselnde Teamkonstellationen integrieren und mit Ablösungs- und Vertreibungsmechanismen umgehen zu können.
  • Rollenflexibilität und Ambiguitätstoleranz, um die wechselnden Anforderungen, Aufgaben und Rollen bewältigen zu können.

Abschließend werden die Interviewpartner gebeten, die Bedeutsamkeit verschiedener Kompetenzen (zum Beispiel Selbstkompetenz) und deren Teilkompetenzen (zum Beispiel Eigeninitiative und Eigenmotivation) einzustufen.
Den Fragebogen zu formulieren bedeutet intensive Arbeit. Denn es gilt, viele Informationen in einem knappen, konzentrierten Interview abzufragen. Es sollte möglichst kurz sein, damit es die Mitarbeiter des virtuellen Unternehmens nicht zu viel Zeit kostet. Neben dem Inhalt des Interviewleitfadens spielt auch sein grafischer Aufbau eine wichtige Rolle. "Er ist besonders wichtig für den Interviewer, da er fast immer unter Zeitdruck steht", erklärt Karin Rebmann. "Er kann nicht erst lange suchen, sondern muss rasch erkennen können, welche Frage er als Nächstes zu stellen und welche Fragen er zu überspringen hat."
Nach dem ersten Entwurf wurde zunächst ein "Pretest" durchgeführt, um den Leitfaden auf seine Validität (Gültigkeit) sowie auf seine Reliabilität (Zuverlässigkeit) hin zu überprüfen, also zu untersuchen, ob er wirklich das misst, was er messen soll.

Chancen für VICO.


Doch wie werden all diese Erkenntnisse einmal in VICO integriert - und wie wird er überhaupt arbeiten? "Der virtuelle Coach soll nicht selbst qualifizieren, sondern Mitarbeiter virtueller Unternehmen in die Lage versetzen, sich selbst gesteuert fortbilden zu können", erinnert Verena Kehl. "Angedacht sind bisher die Funktionen Weiterbildungsplattform, Self-Assessment, Selbstlern-Assistent, Problemanalyst, Partnering-Pool sowie Coaching-/Beratungsvermittler." Diese Funktionen bieten eine Vielzahl an Möglichkeiten. VICO erstellt zum Beispiel ein Lernerprofil des Nutzers, ermittelt gemeinsam mit ihm den individuellen Qualifizierungsbedarf und präsentiert ihm einen genau auf ihn zugeschnittenen Maßnahmenkatalog. Anschließend übernimmt eine spezialisierte Metasuchmaschine die Suche nach geeigneten Qualifizierungsangeboten im Internet. Zum Schluss prüft er den individuellen Erfolg der einzelnen Maßnahmen. Treten Fragen auf, hilft VICO dem Mitarbeiter, diese zu strukturieren und unterstützt seine Spezialisierung und Profilierung. Der virtuelle Coach ermittelt aber auch, anonymisiert aus den Bedarfsbestimmungen, den allgemeinen Qualifizierungsbedarf in virtuellen Unternehmen und erkennt allgemeine Trends.
Wird all das einmal die berufliche Weiterbildung revolutionieren? Was steckt aus Sicht der Wirtschaftspädagogen hinter VICO? "Lebenslanges Lernen ist nicht mehr bloß ein Aspekt von Bildung und Berufsbildung, sondern es wird zum Grundprinzip, an dem sich Angebot und Nachfrage in sämtlichen Lernkontexten ausrichten", erklärt Karin Rebmann. "Ein solches lebensbegleitendes Lernen erfordert jedoch zunehmend Qualifizierungskonzepte, die Lernen im Kontext der Arbeit, informelles Lernen, zeit- und ortsungebundenes Lernen sowie kooperatives Lernen gleichermaßen ermöglichen." So genannte Computer-Based Trainings (CBT) oder Web-Based Trainings (WBT) erlauben zwar eine zeit- und ortsungebundene Weiterqualifizierung, doch sie sind zu wenig flexibel und dynamisch, um den speziellen Anforderungen von Mitarbeitern virtueller Unternehmen gerecht werden zu können.
Die Oldenburger Wirtschaftspädagogen sind sicher: Virtuelle Fortbildungen werden in Zukunft einen sehr hohen Stellenwert einnehmen. Vor allem in einer bestimmten Variante des E-Learnings, dem so genannten "Blended Learning". So nennt man die didaktisch sinnvolle Verknüpfung von "traditionellem Klassenzimmerlernen" und Online-Lernen auf der Basis neuer Informations- und Kommunikationsmedien. "Hier wird die Zukunft virtueller Fortbildung liegen", ist sich Rebmann sicher. "Auch Qualifizierungscoachs werden einen hohen Stellenwert haben. Denn Lernende brauchen die wirkungsvolle Begleitung und Unterstützung des eigenen Lernprozesses. Bisherige Web-Based Trainings sind nicht in der Lage, Lernende bei individuellen Weiterbildungsbemühungen zu unterstützen, zu begleiten oder gar zu coachen. VICO soll versuchen, diese Lücke zu schließen."

Nina Hesse ist freie Mitarbeiterin von changeX.

www.uni-oldenburg.de/bwp

Zum changeX-Partnerportrait: ViCO - Virtueller Qualifizierungs-Coach.

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