Auf der Suche nach Synergien
Arbeitsstrukturen in virtuellen Unternehmen unter die Lupe genommen.
Von Peter Steiner
Eine Reihe von Projekten erforscht - gefördert vom BMBF - virtuelle Unternehmen. Um sich gegenseitig kennen zu lernen und über ihre Vorhaben zu diskutieren, trafen sich die Projektmitarbeiter zu einem Workshop unter der Leitung von ViCO und NErVUM.
Gegenwärtig bekommen wir deutlich zu spüren, dass die Arbeitswelt im Wandel ist. Neue Arbeitsformen, neue Organisationsstrukturen, höhere Flexibilität, Eigenverantwortung und Qualifikationen sind gefragt. Wie wird sich dabei die Möglichkeit auswirken, Arbeit und vor allem Zusammenarbeit virtuell zu gestalten? Um diese Thematik zu diskutieren, hat sich Ende September eine Gruppe von Projekten in Dortmund zusammengefunden. Dahinter steht das Förderprogramm "Innovative Arbeitsgestaltung - Zukunft der Arbeit" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), das von der Projektträgerabteilung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) betreut wird. Sein Rahmenkonzept: "Im Vordergrund des Programms steht die Idee, ganzheitliche und nachhaltige Lösungen für die Unternehmens- und Arbeitsorganisation zu entwickeln und zu erproben, die eine Balance zwischen menschengerechter Gestaltung von Arbeit, Unternehmenserfolg und Beschäftigungsentwicklung ermöglicht." Im Themenschwerpunkt "Gestaltung der Arbeit in virtuellen Unternehmen" werden eine Reihe von Verbundvorhaben, die in einem engen inhaltlichen und thematischen Zusammenhang stehen, durch das BMBF gefördert.

Synergien nutzen.


Erfahrungsgemäß gibt es bei solchen Vorhaben Synergiepotenziale, es macht wenig Sinn, die Forschungen isoliert voneinander zu betreiben. Deshalb haben die Projekte ViCO und NErVUM, beide mit ihrer Projektleitung an der Universität Dortmund angesiedelt, Ende September 2004 einen Workshop ausgerichtet, der die Projekte des Forschungsprogramms gegenseitig bekannt machen sollte und um eine enge und nachhaltige Zusammenarbeit zu beginnen. ViCO und NErVUM kooperieren bereits seit einem Jahr intensiv. NErVUM steht für "Neue Erwerbsbiografien in virtuellen Unternehmen der Medienindustrie" und beschäftigt sich mit der Frage, ob es ein neues Erwerbsmodell nichtlinearer "Karrieren" gibt. Wie sind in solchen Berufszeiten Phasen der abhängigen Beschäftigung, der befristeten Beschäftigung und der Zeitarbeit, der Selbstständigkeit und der Arbeitslosigkeit, Qualifizierung, Umschulung und so weiter in verschiedenen Kombinationen miteinander verwoben? Erste Ergebnisse zeigen, dass implizites Erfahrungswissen und Schlüsselqualifikationen durch häufige Wechsel in der Berufsbiografie stärker in den Vordergrund treten. Wie dieser Erwerb mit Instrumenten der Personalentwicklung unterstützt werden kann, ist eines der Kernthemen.

Ein webbasierter Qualifizierungscoach.


Im Forschungsprojekt des "Virtuellen Qualifizierungscoach", ViCO, wird ein webbasierter Qualifizierungscoach entwickelt, der Akteure in virtuellen Unternehmen zukünftig unterstützt. Er ermöglicht es, sich über den Stand von Kompetenzen zu vergewissern, "Kompetenzlücken" für die jeweilig anstehende Arbeit aufzudecken und passende Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote zu finden, um sich selbstgesteuert fortbilden zu können.
Die Schnittstelle beider Projekte liegt unter anderem in der Analyse von Kompetenzprofilen, von Work-Life-Balance und der Berufsidentität von Mitarbeitern in virtuellen Unternehmen. In diesen Themenfeldern findet ein intensiver Wissensaustausch zwischen den Projekten statt, um von den Ergebnissen des anderen zu lernen und unnötige Doppelarbeiten zu vermeiden.
Die Erfahrungen aus dieser Kooperation wurden beim Workshop in Dortmund nun auch anderen Projekten im Themenschwerpunkt "Gestaltung von Arbeit in virtuellen Unternehmen" vorgetragen, mit der Absicht, einen nachhaltigen Forschungsdialog zu beginnen. Dazu wurde unter anderem ein "Open Space" eingerichtet. In kleinen informellen Gruppen konnte dabei der rege Diskurs über Forschungsfragen, -design, -methoden oder -ergebnisse in Gang gebracht werden. Anschließend bestand für die übrigen Projektpartner die Möglichkeit, die aus den Gesprächen gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich möglicher Synergien und/oder Ergänzungsbedarfe zu benennen. Die aufgelisteten Punkte wurden in einer Matrix anschaulich zusammengetragen.

Zahlreiche andere Projekte.


Die anderen Vorträge des Workshops widmeten sich der "Effizienten Zusammenarbeit in virtuellen Unternehmen" (@virtu), dem Aufbau eines virtuellen Unternehmens in der Luftfahrtindustrie (AERVICO), Kleinunternehmen und Freelancern in Netzwerken (AVAG), virtuellen Unternehmens- und Arbeitsstrukturen im Kommunalbereich (KOVIUS) und neuen Arbeitsformen für den Kulturbereich (vertikult). Arbeit@VU, die kurz vor dem Workshop die Projektarbeit aufgenommen haben, stellten ihr Vorhaben zur Managementstrukturierung von Arbeits- und Organisationsprozessen in virtuellen Unternehmen vor. ViP-NET schließlich behandelte virtuelles Arbeiten und Lernen in projektartigen Netzwerken.
Alle Projekte werden in Zukunft auf Grund der erstellten Matrix konzentriert kooperieren können. Darüber hinaus haben sie die Zusammenarbeit für weitere Workshops im nationalen Rahmen und unter Einladung einschlägiger Unternehmen sowie im internationalen Rahmen verabredet.

Was sind eigentlich virtuelle Unternehmen?


Die Forschungsprojekte drehen sich alle um Bedingungen, Strukturen und Optimierungen, um die Entwicklung von Unterstützungstools oder Best Practice für virtuelle Unternehmen. Aber, was sind virtuelle Unternehmen? Eine wissenschaftliche Definition dafür ist nicht schwer zu finden, es gibt derer sogar viele. Die zusammengekommenen Projekte sind sich darin weitgehend einig: Virtuelle Unternehmen organisieren sich zeitweise, um bestimmte Arbeitsvorhaben durchzuführen. Ihre Organisation, Kommunikation, Produktentwicklung erfolgt im Wesentlichen ohne Verträge, auf Vertrauensbasis und wird überwiegend mit neuen Medien, insbesondere über das Internet, abgewickelt. Doch die Frage, die sich nach Sichtung der realen Arbeitswelt stellt, ist, ob es virtuelle Unternehmen in dieser Form wirklich gibt. Viele der Merkmale finden sich in vielen Netzwerkorganisationen, auch in großen Firmen, Firmenkonglomeraten et cetera, aber so gut wie nie in "Reinform". Die BMBF-Projekte, die unterschiedliche Ziele für die Anwendung ihrer Forschungen verfolgen, sahen sich teilweise mit dem Problem konfrontiert, dass befragte oder untersuchte Unternehmen und Unternehmer, auch wenn sie sich ausdrücklich "virtuell" nannten, oft der Forschungsfrage nach der Virtualität fremd gegenüberstanden. Allerdings muss dabei festgehalten werden, dass gerade das Feld des Internets eine, verglichen mit fast allen anderen Unternehmensfeldern, extreme Veränderungsgeschwindigkeit und Vergänglichkeit aufweist. Doch, auch wenn das Wort virtuell inzwischen nicht mehr en vogue zu sein scheint, die Sachlage scheint sich nicht wesentlich verändert zu haben. Daher bleibt der Versuch, die "weichen" Thematiken der Selbstorganisation und Entwicklung persönlicher Fähigkeiten mit Softwareentwicklung und Darstellung über das entfremdende und verfremdende Medium des Internets zu realisieren, eine lohnende und spannende Aufgabe. Hier wird sich mit entscheiden, ob man in Deutschland in der Lage sein wird, neue Arbeitsprozesse, auch angesichts der internationalen Konkurrenz, gewinnbringend zu gestalten.

Peter M. Steiner ist einer der Gründer und wissenschaftlicher Vorstand von Global Lectures, einem Partner des Projekts ViCO.

Zu den Partnern von ViCO siehe
www.virtueller-coach.de,
von NErVUM
www.nervum.de

Links zu weiteren Projekten des Forschungsschwerpunktes "Innovative Arbeitsgestaltung - Zukunft der Arbeit":

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Peter M. Steiner

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