Ein Europa der Menschen
Was es heißt, Europäer zu sein - das neue Buch von Jorge Semprún und Dominique de Villepin.
Von Nina Hesse
Europa und sein Verfassungsentwurf liegen in Trümmern. Europa-Müdigkeit, wohin man blickt. Ein spanischer Intellektueller und ein französischer Politiker beginnen trotzdem einen Briefwechsel. Ihre These: Die Menschen haben Europa mehr im Herzen, als es bleierne Bürokraten und Politiker in Brüssel zu verhindern wissen. Gegen diese richte sich in erster Linie die Ablehnungswut in manchen Ländern. Das ausgeprägte Gefühl, Europäer zu sein, lasse sich indes nicht mehr verdrängen.
Ein spanischer Schriftsteller, Sozialist und früher im Widerstand gegen das Franco-Regime, und der heutige französische Premierminister, ein Napoleon-Biograf, beginnen einen Briefwechsel über Europa. Woche für Woche tauschen sie Meinungen und Argumente aus. Heraus kommt schließlich ein Europa-Buch, das sich wohltuend von den sonstigen Feiertagspublikationen und medialen Selbstbeweihräucherungen der Europa-Befürworter unterscheidet.
Warum? Nun, weil es den Blick auf den aktuellen Wirrwarr und das Desaster nicht außer Acht lässt, gleichzeitig aber trotzig und tapfer an der langfristigen gemeinsamen Friedensidee festhält. Im gemeinsamen Schlusswort der beiden Autoren heißt es: "So gleicht dieser Kontinent einer riesigen Familie von mehr oder weniger entfernten, aber einander niemals gleichgültigen Cousins, die jahrhundertelang in Auseinandersetzungen und Kämpfe verstrickt waren, ehe sie ein Gleichgewicht fanden, das zerbrechlich bleibt."
Für die beiden Autoren kann man das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen. Europa ist bereits zu sehr Wirklichkeit geworden. Schüler und Studenten, Manager und Handwerker, Touristen und Senioren leben und arbeiten kreuz und quer in Europa. 40.000 Deutsche leben alleine in London. In manchen Restaurants an der Algarve in Portugal wird mehr Englisch und Deutsch als Portugiesisch gesprochen. Das Prinzip Europa lasse sich nicht mehr in Frage stellen. Die Menschen haben längst dafür gestimmt.
Was sie hingegen ablehnen, ist der bürokratische Wahnsinn und die Regelungswut in Brüssel. Kurz: die gesammelte Unzulänglichkeit in den Amtsstuben. Sie hindert das Schwungrad Europa daran, die Welt mehr zu bewegen als bisher. Vor allem auch als Gegenentwurf zur amerikanischen oder asiatischen Leitkultur. Darüber hinaus haben viele Engländer, Holländer und Franzosen Angst, dass sie durch Aufweichen von Nationalökonomie und -politik den Nachteilen der Globalisierung stärker ausgesetzt seien als je zuvor. "Ein Land, das unter hoher Arbeitslosigkeit leidet, das über die Gefahren der Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland beunruhigt ist und das nach soliden Garantien für den Fortbestand seines Modells sucht, war nicht gewillt, sich auf ein neues europäisches Abenteuer einzulassen." Da hat Villepin nicht ganz Unrecht. Die größte Europa-Müdigkeit herrscht nämlich in jenen Regionen vor, die am härtesten von wirtschaftlichen Problemen betroffen sind.
Der Ausweg ist für Frankreichs Premier eindeutig. Die eigene Leistungsfähigkeit wieder herstellen. Neudeutsch, die Kernkompetenzen und Core Assets stärken. "Um Ja zu Europa zu sagen, um die Möglichkeiten zu nutzen, die uns ein offener Werte-, Kultur- und Handelsraum bietet, müssen wir zunächst das Vertrauen in uns, unsere Fähigkeiten und unsere ureigenen Talente wiederfinden." Bei alledem, schreibt Semprún in seiner Erwiderung, dürfe man nicht nur ökonomisch argumentieren. Denn schließlich paktiere der Kapitalismus heutzutage mit allen möglichen Regimes: In China mit einer Einparteienherrschaft genauso wie in Russland mit einer Führungsclique. Ihn zu bändigen sei das Gebot der Stunde. Nicht, ihn zu ersetzen. Deshalb wendet sich Semprún sehr strikt und ein Stück weit auch überraschend gegen zu viel autoritäre Staatlichkeit. "Die Verteufelung des Marktes, die von den Anhängern des NEIN auf der Linken und extremen Linken wie ein Refrain vorgetragen wurde, ist einer der schändlichsten, kindischsten und altertümlichsten Bestandteile, die das Einheitsdenken der Europa- und Globalisierungsgegner bilden."
Was bleibt? Für die beiden Autoren momentan nur das ausgeprägte Gefühl, Europäer zu sein. Offen für das Andersartige zu sein, Unterschiede zu respektieren, andere Sprachen und Traditionen zu akzeptieren. Wie gesagt: Die Menschen sind im Alltag weiter als Politik und Verwaltung. Der europäische Einigungsprozess besitzt seine stärksten Befürworter im grenzüberschreitenden Miteinander der Menschen. Seine größten Gegner sind bleierne Bürokraten und Politiker, die ihre Pfründe und Macht verteidigen - in sinnlosen Bürokratiescharmützeln und Politkungeleien.
Das neue Motto: Es existiert mehr Europa, als heute sichtbar ist. Darauf lässt sich aufbauen. Immer wieder, wenn es sein muss.
Nina Hesse ist freie Mitarbeiterin von changeX.
Jorge Semprún / Dominique de Villepin:
Was es heißt, Europäer zu sein,
Murmann Verlag, Hamburg 2006,
216 Seiten, 24.90 Euro,
ISBN 3-938017-48-1
www.murmann-verlag.de
© changeX [08.06.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


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: Was es heißt, Europäer zu sein. . Murmann Verlag, Hamburg 1900, 216 Seiten, ISBN 3-938017-48-1

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