Von grenzenloser Freiheit und Entjungferung auf Raten

Die changeX-Buchkolumne für das Wirtschaftsmagazin brand eins. | Folge 2 |

Von Peter Felixberger

Die Menschen wollen raus. Wollen die muffige Enge der Heimat, der Eltern und des Angestelltendaseins verlassen. Was sie treibt? Der Wunsch nach Selbstbestimmung. Und der Traum von grenzenloser Freiheit. Gundula Englisch, Charles Leadbeater und Rainer Merkel haben das Thema aufgegriffen - lange vor dem 11. September. Nun liegen ihre Bücher aus. Damit sie in einer Zeit des Terrors und der Angst nicht ganz untergehen: eine kritische Würdigung von Peter Felixberger.

Mobilität ohne Grenzen ist zweifellos eine der großen Verheißungen der Neuen Ökonomie. Das eigene Ich wird zur Wanderdüne, als Jobnomaden durchstreifen wir die zivilisierte Wildnis, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, von Abenteuer zu Abenteuer. Der Wunsch nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung pulverisiert soziale, geografische und mentale Barrieren. Wir verlassen die muffige Enge der Heimat, der Eltern und des Angestelltendaseins und poltern hinein ins mobile Leben, in unsichere Verhältnisse, genießen die Adrenalinschübe autobiografischer Achterbahnfahrt und lassen nebenbei auch noch kirchliche und nationale Autorität links liegen. Hatten wir uns doch alle wunderbar ausgemalt? Doch plötzlich zappeln wir im Wahrnehmungsdrama einstürzender Hochbauten - ausgelöst durch Terroristen, welche auch der neuen Freiheit eine böse Fratze ziehen. Risiko wird handgreiflich, mörderisch und vernichtend. Und jetzt? Die Suche nach grenzenloser Freiheit erstarrt in der Verhinderung künftiger Terroranschläge. Es herrschen Krieg und ein Weltmachtmonopol. Einschränkung, Begrenzung, Verhinderung, Zwang, Law and Order - die Welt wieder fest in den Griff kriegen. Der Terrorismus erzwingt die Rückkehr lokaler Überwachungsideologien. Mobilität erkennt wieder Grenzen um sich herum.

Vorbild: die Tuwa-Nomaden.


Damit stellt sich die Frage, wie wir die Chronisten der postbürgerlichen Ultramobilität in den Zeiten von Schlag und Gegenschlag, von Verhinderung und Geheimdiensten würdigen sollen. Ihre Bücher waren längst vor jenem schwarzen 11. September geschrieben und liegen jetzt unschuldig in den Auslagen der Buchhandlungen. Allen voran das kleine, feine Werk der Münchner Journalistin Gundula Englisch. Mit Verve beschreibt sie den Umgang der GenerationN mit Chaos, mit Unsicherheit und ständiger Veränderung. "N" steht für jene Nomaden, die sich ihre "individuelle Existenz aus dem prall gefüllten Baukasten der Wahlmöglichkeiten immer wieder neu zusammenbauen". Englisch vergleicht sie mit den Tuwa-Nomaden in der Mongolei. "Mit ihrer Art zu leben und zu arbeiten trainieren diese jungen Menschen nomadische Lebensweisen: die Fähigkeit, immer wieder aufzubrechen, wenig Ballast mit sich zu schleppen, lockere Beziehungsnetzwerke zu knüpfen, autark zu sein."
Eine Lebensweise, welche die Autorin an einigen Beispielen eindrucksvoll zu erläutern versteht. Eine ehemalige Grundschullehrerin etwa, die beweisen möchte, "dass man auch ohne materiellen Besitz und ohne regulären Arbeitsplatz in Würde leben kann - ohne Almosen, ohne Entbehrungen und ohne Selbstzweifel". Oder ein 35-jähriger Millionär, der mit zwei Reisetaschen bepackt durch die Welt zieht. Sein einziger fester Wohnsitz ist eine Homepage im Internet. Und schließlich Galsan Tschinag, der 1995 besagtes Tuwa-Volk in einem Marsch von über 2000 Kilometern zurück in die ursprüngliche Heimat ins Altaigebirge brachte. Tschinag will den sesshaften Menschen die Augen für nomadische Sichtweisen öffnen. Wie zeitgemäß dieses Tun und Handeln ist, zeigt sein Roman Die graue Erde (Insel Verlag, 1999). Dort beschreibt Tschinag seine Kindheit, eine Zeit, in der die Mobilität und Freiheit der Tuwa-Nomaden durch stalinistische Überwachung in Schule und Alltag bedroht wird. Gundula Englisch plädiert deshalb für offene und nicht-reglementierte Räume, egal wo. Fähigkeiten, Talente und Sichtweisen sollen sich "gegenseitig befruchten, neu kombinieren und durcheinander mischen". Leider aber verhindere die jetzige Globalisierung den Zugang für die große Mehrheit der Weltbevölkerung.

Wissen macht stark.


Auch der englische Management- und Tony-Blair-Berater Charles Leadbeater kündet von kommenden unsicheren Zeiten, in denen das Leben immer schwieriger zu planen und weniger sicher sei. Und dummerweise fehle noch immer eine "motivierende utopische Vision, wie unsere Gesellschaft künftig aussehen könnte". Geistige Mobilität - offenbar Fehlanzeige im Westen? Eingeschlossen die bisherige New Economy, die fad und seelenlos daherkomme. Der Ausweg für Leadbeater ist klar: Es müsse eine Massenfantasie ebenso wie einst für das Industriezeitalter ausbuchstabiert werden. Damals galt unumstößlich: "Wer hart arbeitet und sparsam ist, bekommt seinen Lohn in Form von Sicherheit, einem stetig steigenden Einkommen und einem stabilen, ruhigen Lebensabend." Hier liegt für Leadbeater des Pudels Kern: Erfolgreich ist eine Vision dann, wenn sie eine spürbare Verbesserung des alltäglichen Lebens der Menschen anstrebt. Leadbeaters Ansatz, das macht ihn symphatisch, besteht in einer Wissensgesellschaft, "welche die Menschen durch Wissen stark macht". Die durchtrainierten Geister, so Leadbeater, könnten politisch und sozial besser integriert werden. Das schaffe Sicherheit. Der Gscheithansel als besserer Bürger. Für Leadbeater ja, denn gebildetere Gesellschaften seien demokratischer und stabiler.
Und so ist der Weg nicht mehr weit, der entfesselten Globalisierung der Eliten das Zaumzeug anzulegen. Alle müssen ins Boot geholt werden. "Wir müssen Institutionen schaffen, um die Weltwirtschaft zu steuern, damit sie ohne ständiges Durcheinander funktioniert und einer größeren Anzahl von Menschen Nutzen bringt." Gut gebrüllt, denn Globalisierung muss Zugänge zu Entfaltungsräumen schaffen - für alle, und nicht nur für die Eliten, wie es im Moment in erster Linie der Fall zu sein scheint. Ein Buch für Kosmopoliten mit einem zarten Hang zum Kontrollzwang.

Freigeist in Zwangsjacke.


Diesen Zwang zur Kontrolle - auch und besonders in den Mikrokosmen der New Economy -beschreibt der Berliner Schriftsteller Rainer Merkel, dessen Roman Jahr der Wunder gleich den Literaturförderpreis der Jürgen Ponto-Stiftung erhalten hat. Erzählt wird der zunächst leise Übertritt eines verkrachten Medizinstudenten in eine supercoole Werbeagentur, die Entdeckung grenzenloser Mobilität und die Entjungferung auf Raten. Christian Schlier, so heißt die Figur, wird dabei zum Agenturjunkie, der "begeistert ist von diesem berauschenden Zwang, ständig auf der Hut zu sein, ständig kommunizieren zu müssen und immerfort alles im Blick zu haben". Eine entfesselte Welt mit schier überbordenden Möglichkeiten zieht ihn in den Bann. Immer deutlicher gerät der Freigeist Schlier jedoch in die Hände der Kontrolleure im scheinbar herrschaftsfreien Raum - und damit in die Zwangsjacke des Opfers. Als Grassi, eine Art scheinheiliger Psychocontroller, ihn danach fragt, antwortet Schlier mit den Worten: "Ich opfere mich gerne auf ... Es macht mir großen Spaß." Ein fesselndes Buch über den Alptraum grenzenloser Freiheit - authentisch in allen Dialogen und Verrenkungen. Und fast ein Muss für Werber und ihre Opfer!

Peter Felixberger ist Publizist und Lektor sowie Geschäftsführer der changeX GmbH.

Gundula Englisch:
Jobnomaden. Wie wir arbeiten, leben und lieben werden,
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2001,
224 Seiten, 42 Mark,
ISBN 3-593-36766-1

Charles Leadbeater:
Der mobile Mensch. Warum wir mehr Unternehmergeist brauchen,
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München 2001,
334 Seiten, 49,80 Mark,
ISBN 3-421-05426-6

Rainer Merkel:
Das Jahr der Wunder,
S. Fischer, Frankfurt 2001,
283 Seiten, 38,92 Mark,
ISBN 3-10-048440-1

Zu Folge 1: Handverlesen
Zu Folge 3: Und ewig droht der Kapitalist
Zu Folge 4: Exzentrische Frevler
Zu Folge 5: Volle Dröhnung

www.brandeins.de

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Zu den Büchern

: Das Jahr der Wunder. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001, 283 Seiten, ISBN 3-10-048440-1

Das Jahr der Wunder

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Osiander

: Jobnomaden. Wie wir arbeiten, leben und lieben werden. Campus Verlag, Frankfurt am Main / New York 2001, 224 Seiten, ISBN 3-593-36766-1

Jobnomaden

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Osiander

: Der mobile Mensch. Warum wir mehr Unternehmergeist brauchen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart / München 2001, 334 Seiten, ISBN 3-421-05426-6

Der mobile Mensch

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Autor

Peter Felixberger

Peter Felixberger ist Publizist, Buchautor und Medienentwickler.

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