Die Frauen fragen

Eine Krise der Repräsentation - die pro zukunft-Buchkolumne 04 | 2020
Rezensionen: Birgit Bahtić-Kunrath, Martin Fladerer

Was ist los mit unserer Gesellschaft? Wie kommt es zu Brüchen und Verwerfungen, die sich an unterschiedlichen gesellschaftlichen Diskurslinien auftun und sich offensichtlich immer weniger überbrücken lassen? Eine Auswahl von Büchern, die Antworten suchen.

Wir haben eine Krise der Demokratie. Das ist schnell gesagt. Doch stimmt es wirklich? Oder handelt es sich um eine Krise der Form, die Demokratie annimmt? Zuallererst ist die aktuelle Krise eine Krise der Repräsentation. Die darin besteht, dass Menschen oder ganze Teile der Bevölkerung sich nicht gehört oder verstanden fühlen und im System der politischen Willensbildung nicht repräsentiert sehen. Oder die - Gedankensprung - schlicht nicht präsent sind. Wie die Frauen, die in den Daten, die in der Gesellschaft erhoben werden und die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen zugrunde liegen, nicht vorkommen. Die Autorin, die diesen Missstand fulminant aufdeckt, hat zugleich einen verblüffend einfachen Lösungsansatz parat: die Frauen fragen! Ein Lösungsansatz, der sich, ganz allgemein, wiederum auch für Fragen politischer Repräsentation anbietet: die Menschen fragen. 

Eine Buchumschau, zusammengestellt aus Rezensionen aus der aktuellen Ausgabe von pro zukunft.


Erosion der Mitte


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"Wir beobachten heute Polarisierungsprozesse auf unterschiedlichen Ebenen: Sie zeigen sich in sozialen Spaltungen gesellschaftlicher Gruppen, sie prägen Debatten, fördern eine dichotome politische und ideologische Lagerbildung und zeichnen natürlich auch die intellektuelle Landschaft" - so Ulrike Ackermann, die sich in ihrem Essay Das Schweigen der Mitte mit dem Erodieren gemäßigter politischer Haltungen und dem Schwinden liberaler Positionen in öffentlichen Auseinandersetzungen beschäftigt. 

Diese Erosion der Mitte zeigt sich für Ackermann im stärker werdenden Antikapitalismus, der sich einer immer größeren Anhängerschaft versichern kann, links wie rechts; außerdem sieht sie die Meinungsfreiheit zunehmend unter Druck durch wenig differenzierte mediale Debatten und Pranger-Logiken anstelle eines lebendigen Austauschs. 

Die Politikwissenschaftlerin verortet auch an den Hochschulen eine "Verrohung der Kommunikation", indem Lehrpersonen von Shitstorms heimgesucht würden, wenn sie nicht der (tendenziell eher) linken Meinung der organisierten Studierenden entsprächen: "Die Meinungsfreiheit, aber auch zunehmend die Wissenschaftsfreiheit sind an den Hochschulen in eine prekäre Situation geraten. Der antiplurale Wunsch nach Eindeutigkeit und Reinheit mündet folgerichtig in die Forderung nach geschützten Räumen, in denen das Unbekannte, Unfassbare oder ‚Böse‘ ausgeschlossen bleiben soll." Im Literaturbetrieb sei Ähnliches festzustellen, so die Autorin. 

Nichts zeige den Verlust der Mitte so sehr wie der Niedergang der Volksparteien zugunsten von populistischen Parteien, sowohl im linken als auch im rechten politischen Spektrum. Ackermann konstatiert eine Krise der Repräsentation, die sich in der breiten Ablehnung von Eliten und von Parlamentarismus äußere - während die etablierte politische Klasse es versäume, brodelnde Probleme konstruktiv anzusprechen oder gar zu lösen, Kritik als populistisch motiviert abtue und Kommunikation zunehmend als Marketing-Strategie verstehe. Zum "Eliten-Bashing" durch populistische Stimmen gesellt sich also auch ein Eliten-Versagen. Dazu komme ein Hang zur Selbstgerechtigkeit der urbanen, hochgebildeten und global vernetzten "neuen Mittelklasse", was vor allem Angehörige der "alten Mittelklasse" - etwa Angestellte oder Handwerkerinnen und Handwerker - vor den Kopf stoße: "Inzwischen stehen sich alte Mittelklasse, Unterklasse und neue Mittelklasse kaum verbunden und einander fremd geworden gegenüber. Ihre Alltagswege kreuzen sich nicht mehr und es gibt kaum noch soziale Berührungspunkte." Ähnliches ließe sich im Verhältnis zu Stadt- und Landbevölkerung beobachten, wie die Proteste der Gelbwesten in Frankreich eindrücklich gezeigt hätten.


Plädoyer für eine antitotalitäre Selbstaufklärung


Besonders polarisierende Debatten sind Ackermann zufolge jene um Heimat - hier gehörten auch die Themenkomplexe Migration und Umgang mit dem politischen Islam dazu - und Identitätspolitik. Während der Flüchtlingskrise 2015 seien kritische Stimmen, die auf die Wichtigkeit intakter Grenzen verwiesen und danach gefragt hätten, wie viel Einwanderung ein Land vertragen würde, schnell ins rechte Eck gestellt worden, während es am rechten Rand der Gesellschaft zu Radikalisierungen gekommen sei: "In Deutschland ist es allerdings bis heute nicht gelungen, eine ‚Sprache der Mitte‘ in dieser Debatte zu finden und sie so zu führen, dass die Argumente der Gegenseite als legitim respektiert würden und tatsächlich über verschiedenen Handlungsoptionen offen gestritten worden wäre." Ein Problem ist für die Autorin auch der Umgang mit dem politischen Islam: Kritische Auseinandersetzungen mit islamistischen Parallelgesellschaften - beispielsweise mit dort existierendem Sexismus oder Antisemitismus - gebe es unter dem Vorwurf der "Islamophobie" kaum. 

Ähnliches gelte für Identitätspolitik: Diese stellte sowohl auf rechter wie auf linker Seite Gruppenzugehörigkeit und damit verbundene kollektive Erfahrungen in den Vordergrund und unterminiere damit den Individualismus. Die damit einhergehende Moralisierung propagiere einen "Reinheitsterror", der auf Opfernarrative setze: "Immer neue Opferkollektive fühlen sich beleidigt, missachtet, unterrepräsentiert und überbieten sich besonders gern im gegenseitigen Rassismusvorwurf. Eine derartige kulturelle und ethnische Identitätspolitik, die eigentlich Gleichheit befördern wollte, reproduziert und konserviert nun auch noch im Namen des Antirassismus just jene Zuschreibungen und Vorurteile, die man mit Rasse und Volkszugehörigkeit assoziiert." 

Die Ausführungen enden mit einem "Plädoyer für eine antitotalitäre Selbstaufklärung": Es gehe darum, den Wettstreit von Ideen wieder aufzunehmen, der Wissenschaft ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu garantieren und dem Aufschwung der politischen Ränder entgegenzutreten. Ein selbstbestimmtes, autonomes und aufgeklärtes Individuum sei der beste Garant gegen Kollektivismus von links und rechts; dazu brauche es Intellektuelle, die an alte liberale Traditionen anknüpften und der Mitte wieder eine Stimme verliehen. 

Politisch dem Liberalismus nahestehend, zeigt sich Ackermann vor allem gegenüber linken antikapitalistischen Positionen kritisch, ohne dabei jedoch die Probleme zu thematisieren, welche der Kapitalismus jüngeren Datums geschaffen hat - etwa die ökologische Krise oder soziale Verwerfungen. Damit bleibt ihre Kritik an der linken und rechten Liberalismuskritik unvollständig. Zudem bietet sie keine "Wege aus der Polarisierungsfalle", wie der Untertitel suggeriert, sieht man von dem kurzen Plädoyer für die antitotalitäre Selbstaufklärung ab. Und trotzdem ist dieses Buch wichtig, weil es aus der Komfortzone holt, Tabuthemen anspricht und damit Debatten anregt. Es ist ein Plädoyer für den Pluralismus, der zunehmend unter Druck gerät - ein wichtiger Befund, der mit Das Schweigen der Mitte treffend benannt ist. Von Birgit Bahtić-Kunrath


Eine Politik des Vertrauens


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2015 und 2018 wurde in Deutschland im Auftrag der Wochenzeitung Zeit und dem infas Institut eine umfassende Studie zum Zustand des Vertrauens in Deutschland durchgeführt - die sogenannte "Vermächtnisstudie". Die Ergebnisse wurden von Jutta Allmendinger und Jan Wetzel, Präsidentin und wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB, in einem schmalen Band zusammengefasst: Vertrauen wir uns selber und anderen? Wie gestalten sich Vertrauensbeziehungen im "kleinen Wir" im Familien- und Freundeskreis, und im "großen Wir" mit Blick auf die Gesellschaft? Was bedeutet das für unsere Familien, die Arbeitswelt, unseren Sozialstaat, unser Miteinander? 

Ein zentraler Befund ist, dass Selbst- und Fremdbilder stark voneinander abweichen: So sehen die meisten Befragten sich selbst als familienfreundlich, als offen für Neues, sie empfinden Erwerbsarbeit als zentralen und sinnstiftenden Teil des Lebens und wünschen sich einen solidarischen Sozialstaat. Doch von den anderen nimmt man diese Einstellungen nicht an: "Bei diesen Themen sind sich von außen gesehen zwar alle relativ einig, wenn sie über sich selbst reden. Sobald sie aber über die anderen sprechen, gehen sie davon aus, diese sähen es ganz anders als sie selbst. Hier findet eine Entkopplung der Bilder statt, die man von sich selbst und von der Gesellschaft hat." 

Zudem zeigt die Studie, dass bildungsferne Menschen weniger Vertrauen aufbauen als gut gebildete, was oft mit einem Gefühl von Kontrollverlust über das eigene Leben und gesamtgesellschaftliche Entwicklungen verbunden ist. Dazu gehört auch die Angst vor dem sozialen Abstieg, der vor allem Bildungsferne heimsucht: "Wiederholt haben wir gezeigt, dass Bildung der Schlüssel zu mehr Vertrauen in sich selbst und in die anderen ist, insbesondere eine breite Grundbildung. Bildungsarmut untergräbt und zerstört Vertrauen." Gesellschaftlicher Zusammenhalt kann nur gelingen, wenn wir einander wieder vertrauen. Daher plädieren Autorin und Autor für eine "Politik des Vertrauens" in verschiedenen Bereichen: etwa in der Gestaltung einer ausgewogenen Wohnpolitik, die Getto-Bildung, auch im Schulbereich, verhindert; mit der Förderung von bürgerlichen Netzwerken und von Partizipation; oder durch einen gut ausgebauten Sozialstaat und ein Grundeinkommen, das Sicherheit und Flexibilität in der Lebensgestaltung erlaubt. Von Birgit Bahtić-Kunrath


Krise der Repräsentation


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Vielfach wird heutzutage über die Krise der Demokratie diskutiert. Doch ist die Demokratie wirklich im Krisenmodus? Warum feiern populistische Parteien gerade jetzt Erfolge? Philip Manow zeigt in seinem Buch, dass Populismus nicht immer antidemokratisch sein muss, und dass Globalisierung und Denationalisierung wichtige Erklärungsfaktoren für den Erfolg dieser Bewegungen sind. 

Manow erkennt weniger eine Krise der Demokratie als eine der Repräsentation. Dass es zu einer Krisenwahrnehmung komme, sei dem Versagen der Mitte geschuldet, aber nicht dem Populismus: "Die Populisten sind nicht das Problem der repräsentativen Demokratie. Sie zeigen nur an, dass sie eines hat." Manow beanstandet somit, dass sich entsprechende Kritikerinnen und Kritiker am Populismus abarbeiten, die aktuellen Schwächen der repräsentativen Demokratie aber nicht erkennen und thematisieren würden. 

Ursprünglich sollte das System der Repräsentation die von vielen Philosophen gefürchtete "Pöbel-Herrschaft" verhindern - ein Denken, das sich bis weit ins 19. Jahrhundert hielt. Im 20. Jahrhundert wurden Demokratien inklusiver, gleichzeitig hielt sich das System der Repräsentation. Das bedeutete aber auch, dass Meinungen beziehungsweise Bevölkerungsteile, die als nicht repräsentierbar galten, auch nicht repräsentiert wurden. Dies wird vom Populismus zunehmend infrage gestellt: Repräsentation ist für Populisten eine "Kaschierung blanker Elitenherrschaft", die durch Liberalisierung, Globalisierung und Europäisierung zur Entpolitisierung beiträgt. Gemeinsam mit der Erosion nationalstaatlicher Macht wird dies als Kontrollverlust erlebt, den populistische Parteien gezielt aufgreifen. 

Die Repräsentationskrise führt paradoxerweise durch die Ausweitung von Partizipationsmöglichkeiten auch zu einem Demokratisierungsschub, mit der Konsequenz, dass populistische Stimmen an Einfluss gewinnen. Sowohl traditionelle als auch soziale Medien spielen dabei eine wichtige Rolle: erstere, weil sie in ihrer Dramatisierungslogik eben diesen Stimmen permanent eine Bühne geben, letztere, weil diese ungefiltert kostenlose Bühnen für alle schaffen - und das mit schwerwiegenden Konsequenzen: "Die Enden der Verteilung, der long tail, die extremeren Positionen, die Außenseiterpräferenzen, die bislang durch etablierte Mechanismen, eingespielte Verfahren und intermediäre Instanzen verlässlich herausgefiltert wurden, nehmen dadurch plötzlich regen Anteil an dem, was man Öffentlichkeit nennt. Zugleich werden die Enden der Verteilung selbst ‚dicker‘, die Normalverteilung wird flacher, sie franst zu den Extremen hin aus, weil extremere Positionen mit Aufmerksamkeitsprämien rechnen können." 

Parallel zu dieser problematischen Form von Demokratisierung laufen jedoch Prozesse der Entdemokratisierung ab, festzumachen etwa an der Aushöhlung nationalstaatlicher Institutionen: zum Beispiel, wenn politische Auseinandersetzungen nur mehr vor Gericht ausgehandelt werden, weil es den Parlamenten an politischer Handlungsfähigkeit fehlt. Erkennbar sind Tendenzen zur Entdemokratisierung auch dann, wenn Gegnerinnen und Gegner bestimmter politischer Positionen oder Entscheidungen vorschnell mit dem Vorwurf des Antidemokratischen zur Hand sind.


Keine Demokratie ohne Nationalstaat?


Die große Herausforderung bleibt nach Manow der Umgang mit dem Nationalstaat und seinen Institutionen. Sie sind fundamental für funktionierende Demokratien, mehr noch: Ohne Nationalstaat keine Demokratie, denn universale Demokratien, die gleichzeitig die für Demokratien essenzielle Volkssouveränität schützen, gebe es nicht. Das zeigt sich auch bei der Europäisierung: "So hat die Europäische Union nicht nur ein Demokratiedefizit, sondern generiert eines für ihre Mitgliedstaaten." Für Manow ist die von populistischen Organisationen und Personen gezielt propagierte Rückkehr von Nationalitäts- und Identitätsfragen eine logische Konsequenz aus entpolitisierender Liberalisierung und Internationalisierung. Mehr Diskussion über Repräsentation und demokratische Institutionen wären gefragt, anstatt den Tod der Demokratie heraufzubeschwören. 

Manows Auseinandersetzung mit dem Populismus ist auch eine kritische Auseinandersetzung mit dessen Kritikerinnen und Kritikern, gerade auch der Linken, die sich zwar querdenkerisch gibt, aber wenig zur Stabilisierung angeschlagener demokratischer Institutionen beiträgt. Das Buch lädt ein, die oft beklagte Krise der Demokratie mit anderen Augen zu sehen. Unklar bleibt indes, warum der Autor den Nationalstaat als einzigen sinnvollen Referenzrahmen für Demokratie sieht: Zumindest was eine Demokratisierung Europas anbelangt, gibt es eine Reihe von spannenden Konzepten, die zeigen, dass Demokratie und Repräsentation auch jenseits des Nationalstaates gedacht werden kann. Von Birgit Bahtić-Kunrath


Weibliche Lücke in den wissenschaftlichen Daten


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Es geht um Systeme und Prozesse, die von Männern geschaffen wurden. Und es geht vor allem darum, wie die Ignoranz der weiblichen Perspektive in diesen Systemen vorerst das Leben der Frauen in unserer Welt gefährlicher, einsamer, unglücklicher und sogar tödlicher macht. Darüber hinaus führt sie zu schlechteren politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Entscheidungen. Für Freundinnen und Freunde des ökonomischen Arguments: Es kostet uns Geld, viel Geld. Ganz im Gegenteil, wie zum Beispiel eine zitierte Studie der Universität Yale zur sanitären Versorgung in südafrikanischen Townships zeigt, kann der Einbezug der weiblichen Perspektive die öffentliche Hand über die notwendigen Investitionen hinaus entlasten. 

Mit Unsichtbare Frauen liegt das erste Buch von Caroline Criado-Perez in deutscher Übersetzung vor, es folgt dem schon 2015 publizierten, aber bisher nur auf Englisch erschienen Do It Like a Woman, in welchem ausgewählte Pionierinnen aus unterschiedlichsten Bereichen vorgestellt werden. Die in Brasilien geborene Journalistin und Aktivistin studierte an der Universität Oxford und an der London School of Economics and Political Science englische Literaturwissenschaften sowie Gender Studies. Öffentlich bekannt wurde sie 2012 durch ihren Einsatz für Gleichberechtigung und Diversität in den Medien, für welchen sie 2015 mit dem Ritterorden Officer of the British Empire gewürdigt wurde. 2013 leitete Criado-Perez weiterhin eine Kampagne gegen die Bank of England, die dazu führte, dass seit 2017 mit Jane Austen auch wieder eine historisch bedeutsame Frau auf der Rückseite englischer Pfund-Noten abgebildet wird. Als Grundlage für das hier vorgestellte Werk recherchierte sie über vier Jahre, den Zeitraum nützte sie unter anderem für zahlreiche Interviews mit Expertinnen und Experten. 

Die zentrale These des Buchs ist, dass "eine geschlechterbezogene Lücke in den wissenschaftlichen Daten, eine Gender Data Gap" existiert, und dass eben diese Lücke eine "dezidiert weibliche Form" hat. In dem, was folgt, schreibt Criado-Perez kein weibliches Pamphlet (wie es an anderer Stelle genannt wurde), sondern vielmehr ein eindrucksvoll recherchiertes Sachbuch, das für alle relevant ist, die unsere Welt gerechter machen wollen. In sechs gesellschaftlichen Bereichen (Alltag, Arbeit, Design, Medizin, Politik, Krisen) prüft die Autorin umfassend die wissenschaftliche Datenlage und zeigt auf, dass uns geschlechterspezifische Daten fehlen - was in der Konsequenz häufig zu schlechteren Entscheidungen führt. Auch veranschaulicht sie, dass in den Fällen, wo geschlechterspezifische Daten existieren, diese oftmals ignoriert werden (zum Beispiel bei Sicherheitstests im Straßenverkehr). An diesen Stellen überrascht und informiert die Offenlegung der Schieflage nicht mehr nur, sie konsterniert. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn die Autorin im Bereich Entrepreneurship schildert, welche respektlosen Erfahrungen Entwicklerinnen von weiblichen Medizinprodukten mit einer von Männern dominierten Investorengruppe machen mussten.


Wenn die Zahlen fast die Hälfte der Bevölkerung nicht abbilden


Was dieses Buch zu einem herausragenden Sachbuch macht, ist unter anderem die ausgewogene Informationsdarlegung. Dort, wo Beispiele existieren, dass geschlechterspezifische Daten erhoben und berücksichtigt werden, führt Criado-Perez diese an. Beispielsweise bei Quartiersentwicklungsprojekten in Wien, die - auf Grundlage geschlechtsspezifischer Daten zur aufgewendeten Zeit für Haushalt und Kinderbetreuung (Frauen verbringen in der Regel doppelt so viel Zeit wie Männer mit unbezahlter Care-Arbeit) - speziell an diesen Bedürfnissen ausgerichtet gestaltet wurden. Criado-Perez’ Analyse beleuchtet auch, dass Big Data, entgegen vielerlei Hoffnungs- und Erwartungshaltungen, keine Lösung sind, "wenn die Zahlen, mit denen die statistischen Algorithmen gefüttert werden, fast die Hälfte der Bevölkerung nicht abbilden", sondern vielmehr das herrschende System und seine Verzerrungen reproduzieren - wie zum Beispiel bei Google geschehen. 

Nun haben die meisten von uns nicht dazu beigetragen, dass das System so ist, wie es ist (und Caroline Criado-Perez geht nicht davon aus, dass es bewusst oder absichtlich herbeigeführt wurde), und doch tragen wir eine Verantwortung, etwas daran zu verändern, wenn wir in einer gerechteren Welt leben möchten. Der vorgeschlagene Ansatzpunkt ist elegant wie pragmatisch: "Die Datenlücke (…) lässt sich recht einfach schließen, nämlich indem man die Frauen fragt." Ja, und wahrscheinlich werden wir noch weitere Instrumente brauchen. Ein Buch, das zum Nach- und Weiterdenken sowie zum Dialog anregt. Von Martin Fladerer 


Zitate


"Der antiplurale Wunsch nach Eindeutigkeit und Reinheit mündet folgerichtig in die Forderung nach geschützten Räumen, in denen das Unbekannte, Unfassbare oder ‚Böse‘ ausgeschlossen bleiben soll." Ulrike Ackermann: Das Schweigen der Mitte

"Inzwischen stehen sich alte Mittelklasse, Unterklasse und neue Mittelklasse kaum verbunden und einander fremd geworden gegenüber. Ihre Alltagswege kreuzen sich nicht mehr und es gibt kaum noch soziale Berührungspunkte." Ulrike Ackermann: Das Schweigen der Mitte

"Bildungsarmut untergräbt und zerstört Vertrauen." Jutta Allmendinger, Jan Wetzel: Die Vertrauensfrage

"Die Populisten sind nicht das Problem der repräsentativen Demokratie. Sie zeigen nur an, dass sie eines hat." Philip Manow: (Ent-)Demokratisierung der Demokratie

"Die Datenlücke (…) lässt sich recht einfach schließen, nämlich indem man die Frauen fragt." Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen

 

changeX 15.09.2020. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zu den Büchern

: Das Schweigen der Mitte. Wege aus der Polarisierungsfalle. wbg Theiss, Darmstadt 2020, 206 Seiten, 22 Euro (D), ISBN 978-3-8062-4057-3

Das Schweigen der Mitte

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: Die Vertrauensfrage. Für eine neue Politik des Zusammenhalts. Dudenverlag, Berlin 2020, 128 Seiten, 16 Euro (D), ISBN 978-3-411-75642-1

Die Vertrauensfrage

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: (Ent-)Demokratisierung der Demokratie. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 160 Seiten, 16 Euro (D), ISBN 978-3-518-12753-7

(Ent-)Demokratisierung der Demokratie

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: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. btb Verlag, München 2020, 496 Seiten, 15 Euro (D), ISBN 978-3-442-71887-0

Unsichtbare Frauen

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Autorin

Birgit Bahtić-Kunrath
Bahtić-Kunrath

Birgit Bahtić-Kunrath ist Mitarbeiterin der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen. Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ) in Salzburg versteht sich als Einrichtung einer kritischen und kreativen Zukunftsforschung. Die JBZ publiziert das vierteljährlich erscheinende Magazin pro zukunft, das Buchmagazin für zukunftsweisende Debatten, und organisiert Veranstaltungen und Tagungen.

Autor

Martin Fladerer
Fladerer

Martin Fladerer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter, Trainer und Coach am Center for Leadership and People Management der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie am Lehrstuhl für Forschungs- und Wissenschaftsmanagement an der Technischen Universität München. Er ist freier Mitarbeiter bei pro zukunft, dem Buchmagazin für zukunftsweisende Debatten, herausgegeben von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg.

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