Eigentlich ganz einfach

Kampf um Strom - das neue Buch von Claudia Kemfert
Rezension: Jost Burger

Die Energiewende ist ins Gerede gekommen: Viel zu teuer sei sie, vernichte Arbeitsplätze und sei zeitlich sowieso nicht zu schaffen. Zu diesem Imagewechsel haben auch die Lobbyarbeit interessierter Industriebranchen und die Rhetorik ihr nahestehender Parteien beigetragen. Eine renommierte Expertin räumt nun mit Lügen und Halbwahrheiten auf.

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Die Diskussion über die Energiewende in Deutschland ist ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl zu einer Schlammschlacht geworden, in der es nur noch darum geht, einander mit immer neuen Horrorszenarien zu überbieten. Horrorszenarien wohlgemerkt, denen allen mehr oder weniger subtil der Gedanke zugrunde liegt, dass die Sache eh nicht zu schaffen sei. Oder nur unter Verlust wahlweise der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, der zuverlässigen Stromversorgung im Winter oder - Stichwort Stromtrassen - Deutschlands letzter Waldgebiete.  

So oder so: Allerorten herrschen Uneinigkeit und Verwirrung, schon gar beim Wähler. Der oft überhaupt nichts mehr wissen will von der ganzen Sache. Für RWE und Konsorten wäre das gut, dann könnten sie weiterhin Kohlekraftwerke bauen.  

Absoluter Trumpf im Spiel: die Kosten. Ob "der Strompreis", ob "die Kosten für Ökostrom" oder gleich die "Kosten der Energiewende" - es ist immer zu viel. 1.000 Milliarden Euro bis 2040, diese Zahl wirft Bundesumweltminister Peter Altmaier dieser Tage in den Ring. So viel könnte uns die Energiewende kosten, das haben seine Experten berechnet. Außer natürlich, wir ziehen die Strompreisbremse, dann kommt uns die Sache möglicherweise um 300 Milliarden Euro billiger. Es wird nicht lange dauern, bis andere mit anderen Zahlen dagegenhalten und die große Verwirrung weiter steigern.


Die Sache ist ganz einfach


Alles Nebelkerzen und Täuschungsmanöver im ideologisch geführten Kampf alter und neuer Lobbys um die Pfründe auf dem Energiemarkt - im "Kampf um Strom". Findet Claudia Kemfert in ihrem so betitelten Buch. "Im Schlachtengetöse um das richtige Energiekonzept ist die Lage ziemlich unübersichtlich geworden. Richtig und Falsch, Gut und Böse, Sinn und Unsinn sind kaum mehr zu unterscheiden." Ist das alles nicht viel zu komplex, als dass da noch jemand durchblicken und entscheiden könne? Wollen wir es nicht lieber lassen? Ist es nicht, dürfen wir nicht, sagt Kemfert, die am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt leitet.  

Die Sache ist ganz einfach, erinnert sie uns: Fossile Energien sind endlich. Sie verursachen Treibhausgase. Deshalb sollten wir auf erneuerbare Energien umstellen. Kemfert ist renommierte Forscherin und mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftsautorin, und man merkt ihrem Buch an: Es ist ihr ein Anliegen, Licht in den Dschungel der Diskussion um die Energiewende zu bringen. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie die Einwände gegen die Energiewende - ist doch viel zu teuer, die Technik nicht ausgereift, und wo bleibt die Wirtschaft? - vor allem für das Ergebnis der Lobbyarbeit der klassischen Energiewirtschaft und ihrer politischen Parteigänger hält. Dennoch schickt sie sich an, in leicht verständlichen, dennoch nicht oberflächlichen Kapiteln die am häufigsten gehörten Einwände zu widerlegen.


Verwirrte Daten


Zum Beispiel: "Die Energiewende ist bis 2022 nicht zu schaffen." Hand aufs Herz: Bis wann soll die Energiewende (übrigens EU-weit, das ist ja keine rein deutsche Idee) geschafft sein? Richtig, bis 2050. 2022 ist das Datum für den - übrigens 2000 - beschlossenen Atomausstieg. Doch im Kampfgetöse hat sich in vielen Köpfen festgesetzt, dass schon in zehn Jahren nur noch Ökostrom aus der Dose kommen soll. Das ist nun wirklich nicht zu schaffen.  

Doch was sich in knapp 40 Jahren an Technologie entwickeln kann, vermag niemand zu sagen - doch anzunehmen, dass sich bis dahin etwa die Speichertechnik verschlechtern könnte, wäre aber wohl verfehlt. Kemfert sagt: Viele "Stromriesen" setzen auf diese Verwirrung der Daten und trommeln dafür, eiligst neue Kohlekraftwerke zu bauen, um angeblich in zehn Jahren entstehende Stromlücken zu füllen. Neue Kohlekraftwerke aber haben eine Laufzeit von bis zu 60 Jahren - und stehen sie erst einmal, wird sich über Jahrzehnte hinaus niemand mehr für Investitionen in erneuerbare Energien begeistern können.  

Oder auch: "Die Energiewende lässt die Strompreise explodieren." Falsch, sagt Kemfert. Das Energieeinspeisegesetz von 1991 und der Mechanismus der Ökostromumlage lassen die Strompreise für die Verbraucher explodieren, nicht der Ökostrom an sich. Zudem gelte: Nicht der Ökostrom ist zu teuer, sondern der konventionelle Strom ist zu billig, weil er die ökologischen Folgekosten nicht berücksichtigt.


Es geht um die Rettung des Planeten


Viel wird da noch einmal in Erinnerung gerufen. Wie war das noch mal mit dem Wachstumsmotor grüne Energien, dem Wachstumsmotor Energieeffizienz? Ach ja: Dass Deutschland Hightech-Standort bleibt, ist unsere einzige Chance, da dürfte selbst die FDP nicht widersprechen. Überzeugend führt Kemfert vor, dass die Solarbranche in Deutschland eben nicht nur aus Produzenten von Anlagen und Handwerkern besteht, die diese dann auf die Dächer schrauben. Sondern auch ein Forschungsschwerpunkt für Hochtechnologie ist, der immer noch atemberaubende Ergebnisse - etwa in puncto Effizienz - liefert. Ergebnisse, deren sich dann "die Chinesen" bedienen, die im Übrigen deshalb so billig sind, weil sie erhebliche staatliche Unterstützung genießen.  

Kemfert schafft es wirklich, viele der komplizierten Energiefragen aus dem Nebel der politischen Diskussion zu ziehen. Schon allein deshalb gehört ihr Buch auf den Tisch von jedem, der sich an der Diskussion zur Energiewende sinnvoll beteiligen will.  

Vor allem aber macht Kemfert etwas sehr Mutiges: Sie weist darauf hin, um was es eigentlich geht. Das Pathos bringt jetzt der Rezensent hinein, aber bitte: Wir reden hier nicht von Industriepolitik, sondern davon, den Planeten zu retten. Dass dies nicht zum Nulltarif zu haben ist, dass wir dafür tatsächlich einen radikalen Systemwechsel brauchen und dafür mutig streiten sollten - das macht Claudia Kemfert unmissverständlich klar.  



changeX 21.02.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Kampf um Strom. Mythen, Macht und Monopole. Murmann Verlag, Hamburg 2013, 144 Seiten, 14.90 Euro, ISBN 978-3-86774-257-3

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Autor

Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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