Superorganismus Menschheit

Franz Josef Radermacher und Bert Beyers: Welt mit Zukunft. Die ökosoziale Perspektive
Text: Ulrike Fokken und Annegret Nill

Unsere Welt hat nur dann eine Zukunft, wenn die Starken die Schwachen, die Reichen die Armen unterstützen. Nur ein globaler Marshall-Plan kann es den weniger entwickelten Ländern ermöglichen, am Wohlstand der Welt teilzuhaben. Das ist die These des Buches von Franz Josef Radermacher und Bert Beyers, das in einer umfassend überarbeiteten Neuauflage erschienen ist.

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Der erreichte Wohlstand in einem Land wie Deutschland ist ein hohes Gut. Er ermöglicht den hohen Lebensstandard der Mehrheit in diesem Lande und garantiert so den sozialen Frieden. Gerade noch, möchte man sagen. Denn was zunehmend auf der Strecke bleibt, ist die Hoffnung der Menschen auf eine materiell abgesicherte Zukunft. Zum einen bedrohen die wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung den eigenen Arbeitsplatz und vernichtet die Finanzkrise öffentliches und privates Kapital. Ganze Volkswirtschaften kommen ins Schwanken und die Eurokrise gefährdet den europäischen Zusammenhalt. Zum anderen schleicht sich die Angst ein, die weltweiten ökologischen Schäden, die in letzter Zeit durch die Explosion der Ölplattform im Golf von Mexiko und nun den GAU von Fukushima plastisch vor Augen geführt und verstärkt wurden, könnten sich auf das eigene Leben, ja das Überleben der Nachkommen auswirken. Unwohlsein macht sich in der Mitte breit, und das ist gut, denn dort sitzen die Menschen, die Franz Josef Radermacher und Bert Beyers benötigen, um Gehör für ihre klugen Ideen für eine Welt mit Zukunft, so der Titel ihres Buches, zu finden. Denn in dem Maße, in dem "Wohlstand systemischer Natur und weniger das Werk einzelner ‚Wertschöpfer‘ ist", kann auch die Lösung des Problems nur durch das kooperative Zusammenarbeiten im "Superorganismus Menschheit" gelingen.


Für einen globalen Marshall-Plan


Radermacher und Beyers weisen schlüssig nach, dass die Menschheit nur dann die negativen Folgen von Materialismus und Kapitalismus in nachhaltige Lebensgrundlagen wandeln kann, wenn die Starken die Schwachen, die Reichen die Armen unterstützen. Dabei hat ihre Forderung nach finanzieller Unterstützung der Entwicklungs- und Schwellenländer nichts mehr mit der gönnerhaften Geste der Entwicklungshilfe gemein. Sie fordern einen globalen Marshall-Plan, der in konzertierter Aktion der Industrieländer die sozialpolitisch unterentwickelten Länder auf einen Stand bringt, der es ihnen erlaubt, an der weltweiten ökosozialen Marktwirtschaft teilzuhaben, die die Autoren als "Wunschszenario" und "Langfristperspektive" vor Augen haben: "Das Ziel ist die Balance zwischen leistungsorientierter Wirtschaft, Solidarität und dem Schutz der Umwelt, und zwar auf staatlicher, europäischer und globaler Ebene."  

Einen Nutzen davon haben - von dem Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler Radermacher unzweifelhaft dargestellt - vor allem die jetzt schon wohlhabenden Länder. Denn nur wenn die endlichen Ressourcen der Erde effizient und verantwortungsbewusst überall auf diesem Planeten eingesetzt werden, kann sich auch eine reiche Gesellschaft wie in Deutschland in der angestrebten Weise weiterentwickeln. Hoffnungsvolle Ansätze für eine solche Entwicklung, die die Autoren für durchaus möglich halten, sehen sie "im Entgegenkommen der Schwellenländer, namentlich von China und Indien, zu ‚relativen‘ Emissionsreduktionen", das sich bei den Klimakonferenzen Ende 2009 in Kopenhagen und Ende 2010 in Cancún gezeigt hat.


Nichts ist selbstverständlich


Im Ton sind Radermacher und Beyers angenehm moderat, und das macht ihre durchaus radikalen Thesen für einen Systemumbau des Kapitalismus zur anregenden Lektüre. Denn da kritisieren keine Radikalinskis die desaströsen sozialen und ökologischen Auswirkungen von Globalisierung und abgehobenem Weltfinanzsystem. Sie zeigen jedoch, in welche gefährliche Situation die marktradikale Ideologie Staaten und Gemeinwesen bereits gebracht hat und weiterhin bringt: "Die Staatsschulden sind explodiert. Durch die mögliche Insolvenz der Staaten droht eine Finanzkrise II. Die Anzeichen dafür sind bereits überdeutlich." Die Autoren fordern daher neue Regeln für den Finanzmarkt und eine Begrenzung ihrer Macht. In die klammen Kassen der Staaten muss wieder mehr Geld fließen, damit nicht weiterhin bei den Schwächsten gespart werden muss: "Der Schlüssel zur Lösung des Problems liegt vielmehr in einer adäquaten Besteuerung aller grenzüberschreitenden Wertschöpfungsprozesse und in der ‚Einhegung‘ der sogenannten Steuerparadiese." Hier geht es nicht um Peanuts: 2.000 bis 3.000 Milliarden US-Dollar im Jahr soll die Transaktionssteuer bringen, 700 bis 800 Milliarden könnten gewonnen werden, wenn grenzüberschreitende "Steueroptimierungen" abgestellt und Steuerparadiese geschlossen würden. Vereinbaren und durchsetzen könnten die Regeln die G 20, in denen die Autoren "eine starke Bewegung in Richtung Weltdemokratie" sehen. 

Radermacher und Beyers kommen aus eben jener gebildeten nutznießenden Mitte, die sich bislang viel zu sehr aus der Gestaltung der Globalisierung heraushält. Sie schweigt, genießt und leidet allenfalls still. Im Gegensatz zu vielen anderen hingegen nehmen Radermacher und Beyers die Aufgabe einer Elite an: Sie übernehmen Verantwortung - und fordern diese Verantwortung auch ein. "Dass wir in Ländern leben, die funktionieren, in sozialen Marktwirtschaften mit ökologischer Orientierung und entwickelter Demokratie, ist übrigens nicht die Folge freier Märkte und unregulierten Wettbewerbs. Es ist das Ergebnis langer historischer und teilweiser brutaler Auseinandersetzungen, aber auch die Folge von verlorenen Kriegen. Das Erreichte ist erkämpft. Nichts ist selbstverständlich, nichts garantiert, vor allem nicht der soziale Ausgleich."


Im Geiste Kants


Neben der Darstellung einer "konkreten Vision" samt Umsetzungsvorschlägen macht ihr Bewusstsein, ihre Haltung eines werteorientierten Bürgertums, ihr Glaube an das "Projekt Weltethos" ihr Buch so lesenswert. Nach den Krisen und Umweltkatastrophen der letzten Jahre findet diese Haltung in Deutschland zunehmend wieder Anhänger. Radermacher und Beyers denken positiv und lösungsorientiert.  

Ihnen geht es nicht um eine Zerschlagung der Welthandelsorganisation WTO oder des Währungsfonds wie manchen Politaktivisten der globalisierungskritischen Organisationen. Ihnen geht es darum, die organisatorischen Ungetüme der Globalisierung umzugestalten und einzubinden. Das Jahr 2012, in dem das Kyoto-Protokoll ausläuft, dient dabei als hoffnungsvolles Datum, um den Einstieg in eine "Welt mit Balance" zu schaffen. Nur weil diese Idee schon älter ist, muss sie noch lange nicht veraltet sein. Ebenso wenig wie der kategorische Imperativ des alten Kant, in dessen Geiste Radermacher und Beyers denken, schreiben und handeln: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." 


changeX 08.04.2011. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Welt mit Zukunft. Die ökosoziale Perspektive. Murmann Verlag, 2. weitg. überarbeitete Auflage, Hamburg 2011, 395 Seiten, ISBN 978-3-86774-111-8

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Autorin

Ulrike Fokken

Ulrike Fokken ist freie Mitarbeiterin bei changeX.

Autorin

Annegret Nill
Nill

Annegret Nill arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin in Berlin. Sie schreibt als freie Autorin für changeX.

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