Der kalte Frieden

Selbst nach dem Ende der "Troubles" in Nordirland kostet es Kraft, den Frieden zu erhalten.

Von Michael Gleich

Eine traurige Armee von Arbeits- und oft Wohnungslosen, verarmt und traumatisiert - viele ehemalige Terroristen haben den Übergang in den Frieden nicht geschafft. Joe Doherty und Peter McGuire sind rechtzeitig ausgestiegen und engagieren sich heute in der Jugendarbeit. Denn viele Jugendliche auf beiden Seiten sind gefährdet, in die Szene der Paramilitärs abzudriften. Oft aus Hoffnungslosigkeit oder Langeweile.

Joe Doherty im Jugendclub von
New Lodge: "Hey Joe, erzähl
uns vom Krieg!".
Fotos: � uli reinhardt/zeitenspiegel
Joe Doherty und Peter McGuire haben sich vermutlich nie getroffen. Vermutlich war das auch besser so. Das Treffen hätte tödlich ausgehen können.
Joe schmeißt heute Abend den Jugendclub von New Lodge, einem katholischen Viertel von Belfast. Gelassen erträgt er einen Trubel, wie ihn nur Teenager entfachen können. Das Gebrüll aus der Turnhalle, wo die Jungs kicken. Das Disco-Dröhnen im Foyer, wo die Mädchen abhängen. Mittendrin der 47-Jährige, gelassen, aber auch ein wenig befremdet. Dauerklingelnde Handys, grünliche Tütenchips als Abendessen, gelgepolsterte Turnschuhe - exotische Dinge haben die Straßen von New Lodge erobert während all der Jahre, die Joe im Gefängnis gesessen hat. Eine weitere neue Merkwürdigkeit ist der Frieden. Damit hat Joe keine Erfahrung. Er kennt den Kampf und den Knast. Aber Frieden? Daran muss er sich erst noch gewöhnen.
Er war so alt wie die Kids im Jugendclub, da spionierte er bereits für die Irisch-Republikanische Armee. Den IRA-Leuten meldete er Bewegungen der britischen Soldaten, der verhassten Besatzer. Tränengasschwaden schickten sie in seine Straße, mitten in der Nacht drangen sie ins Haus ein und schlugen seine Eltern. Joe war stolz, dass mit seinen Informationen Attentate vorbereitet wurden. "Wir glaubten, wir könnten auf diese Weise die Briten vertreiben." Mit 17 wurde er Soldat. Sagte er. Terrorist, sagten die Briten. Als ihn wenig später eine Polizeipatrouille mit Sprengstoff im Wagen erwischte, wurde Joe zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe kam er frei: ein Mittzwanziger, randvoll von Rachegefühlen, eine lebende Bombe. Er begann, den ersten Mordanschlag zu planen.

Vom Untergrundkämpfer zum Sozialarbeiter.


20 Jahre später ringt Joseph Doherty um den richtigen Kurs. Eine Transitexistenz, irgendwo auf dem Weg vom alten Nordirland ins neue, vom Untergrundkämpfer zum Sozialarbeiter. Ein Weg, den auf protestantischer Seite auch Peter McGuire gegangen ist. Auch er sagte sich vom Terror los und engagiert sich heute in der Jugendarbeit. Zwei Biografien, deren Verwerfungen den Wandel widerspiegeln, den das ganze Land durchmacht. Zu den wenigen Verlässlichkeiten der nordirischen Gesellschaft zählt die andauernde Zerreißprobe. Zwar haben IRA, britische Armee und die protestantischen Paramilitärs dem Frieden zugestimmt, der am Karfreitag vor fünf Jahren geschlossen wurde. Doch das Abkommen droht immer wieder zu scheitern.
Für sozialen Sprengstoff sorgt, dass die Friedensdividende ungleich ausgezahlt wird. Während die Mittelklasse profitiert, verdichtet sich in der breiten Unterschicht das Gefühl, das Abkommen habe nichts gebracht. Wie in vielen Konflikten, die sich hinziehen, im Falle Irlands sogar über Jahrhunderte, fühlen sich alle nur als Opfer. In den 35 Jahren der "Troubles" wurden fast 4.000 Menschen getötet. Fast jede Familie hat Verluste zu beklagen. Täter? Die jeweils anderen! Insofern hat das Karfreitagsabkommen einen kalten Frieden gestiftet. Er steht auf dem Papier, es gibt keine Alternative zu ihm, aber in den Köpfen und Herzen der Nordiren ist er noch nicht angekommen.

Ein Held?


"Hey Joe", betteln die Kids im Jugendclub, "erzähl uns vom Krieg!" Heldentaten wollen sie hören. Der Joe hat mal einen von den Feinden umgelegt. Er hat für die Freiheit gekämpft. Ist in den Knast gewandert. Von dort ausgebrochen. In die USA geflohen. Wieder eingefangen worden. An der New Lodge Road haben sie ihn dreifach lebensgroß auf die Brandmauer gemalt. Der ist ein "cooler Freak", was übersetzt so viel bedeutet wie: Held.
"Glaubt bloß nicht diesen Quatsch", wehrt Joe ab. Ein trauriger Krieg sei das gewesen, ein dreckiger. Seine Gedanken kreisen immer wieder um jenen Toten, der Joes Leben verändert hat. Er hieß Richard Westmacott, war ein in Belfast stationierter britischer Elite-Soldat und auf IRA-Leute angesetzt - mit der Lizenz zum Töten. Am 5. Mai 1980 wurde der Captain, gerade 28 Jahre alt, selbst erschossen. Auf der Straße, ganz in der Nähe des heutigen Jugendclubs. Einer der Schützen war Joe Doherty.
Es wurde nie geklärt, welcher der drei Attentäter die Kugel abfeuerte, die Westmacotts Stirn durchschlug. "Wir waren alle verantwortlich", sagt Joe. Ob er Reue empfinde? "Es tut mir leid um jeden, der sterben musste. Doch dieser Mann hatte ein Gewehr bekommen und wurde nach Nordirland geschickt, um gegen uns zu kämpfen. Ich bin nicht in diesen Krieg gezogen, der Krieg kam zu mir."

Aufstand aus Langeweile.


Joseph Doherty spürt bleischwer die Füße, den Rücken, den Kopf. Ein langer Tag, mal wieder. Am Vormittag Sozialberatung im Büro. Nachmittags Flugblätter verteilen im Viertel, ein Tribunal gegen die britische Armee, bitte zahlreich kommen. Und abends in den Youthclub. Die Überstunden bekommt er nicht bezahlt. "Wisst ihr, wovon ich träumte, als ich so alt war wie ihr?" Jetzt sind die Kids aber mal gespannt. "Klempner wollte ich werden. Flanschen und schrauben und schweißen, das hat mir Spaß gemacht. Klempner, ja, das wär's gewesen." Die Teenies nicken. Ein Handwerk zu lernen, das taugt in New Lodge immer noch zum Traum.
Die Jugendlichen, die heute in den armen katholischen Stadtvierteln von Belfast aufwachsen, haben von der Zukunft wenig zu erwarten. Die meisten verlassen die Schule ohne Qualifikation. Lehrstellen sind rar, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Im Sommer, wenn die Schule geschlossen und auch sonst nichts los ist, führen die Kids von New Lodge weiter Krieg. Es geht gegen die Protestanten im benachbarten Wohnviertel. Am Interface, der Nahtstelle zwischen den Territorien, versammelt man sich zu Prügeleien. Dann fliegen Steine. Manchmal Brandsätze. "Recreational Rioting" nennt Joe Doherty das, ein Aufstand aus Langeweile, gegen die Langeweile. Er weiß aus Erfahrung, wie leicht Schießereien daraus werden können. "Die Jugendlichen auf beiden Seiten sind gefährdet, in die Szene der Paramilitärs abzudriften." Das will er verhindern helfen. Dafür schiebt er die Überstunden.

"Kämpfen führt in die Sackgasse"


"Als ich im Gefängnis saß, schrieben meine Eltern, dass viele Kids an Straßenecken herumlungern, Drogen nehmen und Ärger machen. Da wusste ich, was ich machen will, wenn ich rauskomme." 1999, ein Jahr nach dem Karfreitagsabkommen, kam er frei. Die IRA hatte sich inzwischen vom Terror losgesagt, die Führung setzte auf friedliche Veränderungen über ihren politischen Arm, die Sinn Fein Partei. "Unser Ziel war immer gewesen, dass Katholiken in Nordirland eine faire Chance bekommen", sagt Joe. Nun gebe die Arbeit mit den Jugendlichen dem bewaffneten Kampf nachträglich einen Sinn. Ganz auf Parteilinie, will er seine Kids aus der Gewaltspirale lösen. Nicht durch fromme Reden, sondern durch handfeste Hilfen: Computerkurse, Irish Dance, zum Schwimmen mal raus aus dem Viertel, Bewerbungstraining, Fußball mit den Jungs. Er holt sie von der Straße. Und damit raus aus dem Dunstkreis der Untergrundgruppen.
Die locken mit all dem, was Jugendlichen abenteuerlich, auf legalem Weg aber unerreichbar scheint: viel Geld, freie Zeiteinteilung, willige Girls und die Macht, die ein Gewehr verleiht. Verglichen mit Arbeitslosigkeit klingt die Stellenbeschreibung eines Paramilitärs äußerst attraktiv. Da wäre zwar das hohe Berufsrisiko, aber dafür geht es um eine große Idee: Sterben für Irland oder für die britische Union, da kann jeder nach seiner Konfession selig werden.
Einer der Jungen schimpft: "Du hast selbst gekämpft, Joe, nun willst du uns verbieten, Protestanten zu vermöbeln." Joes stärkstes Argument ist die eigene Biographie. Wenn er ihnen sagt, "Kämpfen führt in die Sackgasse", dann spricht einer, der sich mit Sackgassen auskennt. Die Hoffnung, die britische Armee mit Terror zu vertreiben, war eine. Jedes Grab seiner Kombattanten war eine. Seine Gefängniszelle war eine. In Nordirland leben rund 100.000 Ex-Häftlinge aus der Zeit der "Troubles". Eine traurige Armee von Arbeits- und oft Wohnungslosen, verarmt und traumatisiert, die den wackeligen Frieden zusätzlich belasten. Dass Joe mit der Jugendarbeit auch für sich selbst aus der Sackgasse gefunden hat, verleiht ihm hohes Ansehen.

Zwei parallele Lebenslinien.


Ein Terrorist als Friedensengel? Solche glatten Vom-Saulus-zum-Paulus-Geschichten sucht man in Nordirland vergeblich. Joes Kontakt zur IRA ist noch warm, der Frieden noch kaltes Kalkül. Den Kids schärft er zwar ein, "die anderen", die Protestanten nicht zu provozieren, aber er predigt bei weitem keine Gewaltlosigkeit: "Wenn ihr angegriffen werdet, müsst ihr euch verteidigen." Er will nie wieder zusehen müssen, wie Katholiken drangsaliert werden, gleichzeitig befürchtet er, die Troubles könnten wieder aufflammen.
Diese Sorge teilt er mit Peter McGuire, seinem Pendant im protestantischen Lager. Vermutlich haben sich die beiden nie getroffen. Schade, denn vermutlich hätten sie sich einiges zu erzählen. Joe kämpfte auf katholischer Seite, Peter in der protestantischen Ulster Volunteer Force (UVF). Joe saß wegen Mordes, Peter konnte man Straftaten solchen Kalibers nie nachweisen, er verbüßte für andere Delikte insgesamt zehn Jahre. Und heute engagieren sich beide in der Jugendarbeit. Ihre Lebenslinien gleichen zwei Parallelen, die nah nebeneinander liegen und doch durch ein ehernes Gesetz für immer getrennt verlaufen. Das Gesetz lautet: Jeder Nordire wird per Geburt einem der beiden Lager zugeordnet, darin lebt er, darin stirbt er, basta.

Wachsende Zweifel am Sinn der Gewalt.


Peter McGuire hasst solche Dogmen und Denkverbote. "Ich habe schon immer starke Meinungen vertreten und dafür Prügel bezogen", sagt er. Rotgesichtig, mit vollem, weichem Mund und Nickelbrille hat er mehr Ähnlichkeiten mit einem evangelischen Pfarrer als mit dem landläufigen Bild vom eiskalten Terroristen. Von seinen inneren Spannungen erzählen die Hände. Wenn der 36-Jährige nachdenkt, presst er die Finger zusammen, bis das Weiße um die Knöchel hervortritt. Und er denkt viel nach. Über Kinder, die verbrannten, weil sie nach der falschen Konfession getauft waren. Über Entführungen und Überfälle, an denen er selbst beteiligt war. Über seine Karriere als Terrorist. Die Gedanken bedrängen und verdrängen einander, er scheint sie mit seinen Händen zusammenhalten zu wollen. Das kostet Kraft. Schwer vorstellbar, aber wahr, dass er Menschen überfallen, bedroht, gefesselt, verschleppt hat.

Peter McGuire: "Ich habe schon
immer starke Meinungen
vertreten und dafür Prügel
bezogen".
Und wann hat er dann das Licht gesehen? Das ist er von einer buddhistisch angehauchten Friedensfreundin tatsächlich mal gefragt worden. Ihr hätte die Heilsgeschichte vom bösen Buben, der erleuchtet und geläutert wird, gut ins Konzept gepasst. Es gab zwar kein mystisches Schlüsselerlebnis, aber Situationen, die ihn immer stärker am Sinn des Guerillakriegs zweifeln ließen. Als seine Leute ein katholisches Haus mit Brandbomben bewarfen, starben drei Kinder in den Flammen. "Das hat mich total schockiert. Die Kleinen hätten genauso gut in einer unserer Familien aufwachsen können. Was hatten die mit den Troubles zu schaffen?"Wenig später verhängte die Führung der UVF die Höchststrafe über einen Kameraden. Peter erhielt den Auftrag, den Mann in den Wald zu locken und zu erschießen. "Der Typ ist mitgegangen, obwohl er wusste, worum es ging. Als Ausgestoßener konnte er in ganz Nordirland nirgendwo mehr hin, der war völlig verzweifelt." Eine Art passiver Selbstmord. Peter konnte nicht abdrücken. Er befahl ihm, im Ausland unterzutauchen. Und fragte sich: "Was hat dieser Krieg aus mir gemacht?" Als Adoptivkind, das von Stiefeltern und -geschwistern hin und her geschubst worden war, hatte er immer nur eins gewollt: "Kontrolle über mein eigenes Leben". Doch jetzt bestimmten andere über ihn, verlangten sogar den Kameradenmord. Das war 1997. Seitdem hat er sich Schritt für Schritt aus der UVF zurückgezogen.

Das ganz normale Leben.


Heute propagiert er politische Lösungen des Konflikts. Das Karfreitagsabkommen sei keinesfalls eine Niederlage, wie es viele Loyalisten empfänden. "Unser strategisches Ziel ist doch gewesen, in Nordirland ganz normal leben zu können. Mittlerweile haben sich die britischen Soldaten in die Kasernen zurückgezogen, die IRA hat einen Großteil ihrer Waffen verschrottet. Wir haben die Normalität gewonnen, und damit den Kampf."
Mit dieser, in loyalistischen Kreisen exotischen Ansicht konfrontiert Peter McGuire auch die Jugendlichen, die seine Seminare besuchen. Noch schlimmer: Er arbeitet mit "dem Feind" zusammen. Er lässt Katholiken auftreten, die die jungen Teilnehmer mit einer völlig ungewohnten Sicht von Geschichte und Gegenwart schockieren. Seit mehr als drei Jahren organisiert Peter solche "kritischen Dialoge". Zielgruppe sind Jugendliche im Umfeld der Paramilitärs, die noch schwanken. "Es geht nicht darum, aus �schlechten' Menschen �gute' zu machen. Wir machen ihnen nur klar, dass sie Alternativen haben." Jeden Einzelnen, der nach seinen Seminaren aus der Szene aussteige, rechnet er sich als Erfolg an.
Peter McGuire und Joe Doherty werden sich vermutlich demnächst mal treffen. Das ist gut, denn vermutlich könnten sie hervorragend zusammenarbeiten. Peter hat ein Studium der Sozialarbeit begonnen, Joe will eine Familie gründen, in einem Alter, wo andere schon lange Haus und Kinder haben. Beide beginnen noch einmal von vorn, vielleicht ihren schwierigsten Kampf. Und können dabei nur gewinnen, was andere nicht mal geschenkt wollen: das ganz normale Leben.

Michael Gleich ist Wissenschaftspublizist und engagiert sich in der Initiative Peace Counts project für den Frieden.

www.peace-counts.org

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Michael Gleich
Gleich

Michael Gleich, Publizist, Stroryteller und Redner, hat 2011 "der kongress tanzt. Netzwerk für gute Veranstaltungen" initiiert. Es berät Veranstalter darin, Konferenzen und Foren als lebendige Lernorte zu gestalten.

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