Rätsel des Alltags

Die Geschwindigkeit des Honigs, das neue Buch von Jay Ingram.

Von Nina Hesse

Wer als Kind die "Sendung mit der Maus" geliebt hat, der wird sich darüber freuen, dass zur Zeit Bücher über Alltagsphysik im Trend liegen. Auch Jay Ingram wirft einen faszinierenden wissenschaftlichen Blick hinter die Kulissen des Alltags. Ohne Gleichungen und Fachchinesisch geht er rätselhaften Erfahrungen und Beobachtungen nach - ohne Gleichungen oder Fachchinesisch.

Der Alltag kann sehr geheimnisvoll sein. Warum zum Beispiel fällt eine Toastscheibe, die vom Tisch purzelt, meistens auf die Butter- beziehungsweise Marmeladenseite? Warum knistert ein Bonbon, das man im Theater auspackt, fast schon unnatürlich laut? Warum färben sich im Herbst die Blätter? Jay Ingram, ein kanadischer Wissenschaftsautor und Fernsehmoderator, hat einen genaueren Blick auf solche Phänomene geworfen. "Sonderbare Physik findet direkt vor Ihren Augen statt!", lockt er den Leser und rollt für ihn einige ausgesprochen eigenartige Forschungsergebnisse auf - nicht nur physikalische. Sofort fällt einem zu diesem Thema Len Fishers grandiose Reise zum Mittelpunkt des Frühstückseis ein - das Cover von Ingram ist seinem Buch bewusst nachempfunden. Unwillkürlich fragt man sich: Will Campus jetzt der Reihe nach auch noch die anderen Frühstückszutaten abhandeln? Wie viel Alltagsphysik vertragen Buchmarkt und Leser? Vermutlich noch eine ganze Menge. Denn auch Ingram hat eine ganze Menge Aha-Effekte auf Lager und schafft es, zu faszinieren.

Von zählenden Tieren und schnuppernden Mücken.


Allerdings nicht auf Anhieb. Seine Erklärungen zur Oberfläche des Kaffees und besagter Geschwindigkeit des Honigs sind etwas langatmig geraten, danach verzettelt er sich in Themen wie den visuellen Illusionen auf dem Display eines Mikrowellenofens und warum Frauen ihr Baby meistens links an die Brust halten - eine Frage, die auch Ingram nicht zufrieden stellend beantworten kann und die im Laufe des Lesens immer unwichtiger erscheint. Doch wer durchhält, wird belohnt, danach folgen spannendere Kapitel. Wussten Sie zum Beispiel, dass Tiere zählen können? Blässhühner zum Beispiel sind richtig gut darin. Was daran liegt, dass sie einander "Kuckuckseier" in die Nester legen und darauf angewiesen sind, öfter mal nachzuzählen, ob sie neben den eigenen acht auch noch andere Eier ausbrüten. Aber auch Krähen, Tauben oder Waschbären haben bewiesen, dass sie in Sachen einfacher Mathematik zumindest so gut sind wie Menschenbabys.
Oder war Ihnen klar, warum manche Menschen für Stechmücken attraktiver sind als andere? Männer werden zum Beispiel häufiger gestochen als Frauen. Mag sein, dass das etwas mit Körperhygiene zu tun hat. Jedenfalls nehmen die hochempfindlichen Rezeptoren eines Moskitos die Milchsäure im Schweiß als äußerst appetitanregend wahr. Außerdem erspüren sie das Kohlendioxid in der Ausatemluft und nehmen zudem Körperwärme wahr.

Mysterium Mensch.


Die faszinierendsten Kapitel sind die, in denen sich Ingram dem Menschen zuwendet. Können Menschen wie Fledermäuse Hindernisse durch Schall orten? Ja, sie können, wie wissenschaftliche Untersuchungen an der Cornell University herausgefunden haben - und nicht nur Blinde. Sehende können diesen Sinn, der normalerweise von visuellen Eindrücken überlagert wird, mit ein wenig Übung ebenfalls nutzen - was sie im Alltag bereits oft tun, ohne es zu merken. Man hat herausgefunden, dass diese Fähigkeit nichts mit einem geheimnisvollen "Gesichtssinn" oder Luftströmungen zu tun hat, sondern wirklich mit Schall. Auch die wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema innere Uhr/Zeitgefühl sind spannend. Zum Thema "Ist es wirklich möglich, ohne Wecker zu einer bestimmten gewünschten Zeit aufzuwachen?" haben Forscher Faszinierendes herausgefunden. Auch das Kapitel über Blickkontakt ist sehr aufschlussreich. Auch wenn Ingram die Frage: "Kann man spüren, ob jemand einen von hinten anstarrt?", wegen der widersprüchlichen Ergebnisse bisheriger Forschungen auch nicht abschließend beantworten kann.

Keine eigene Forschung.


Es ist ein wenig schade - aber bei der Bandbreite der Themen verständlich und eine Frage des Aufwands -, dass Ingram nicht wie Len Fisher selbst experimentiert, sondern nur die Ergebnisse von anderen Forschern zusammenfasst. Als man im Nachwort erfährt, dass er nicht mal die Recherche über diese Forschungen selbst geleistet hat, fühlt man sich jedoch ein klein wenig verschaukelt. Gut ist dafür, dass Ingram Forschungen aus dem gesamten 20. Jahrhundert mit einbezieht, sie jedoch nie unkritisch referiert. Dann und wann muss er den Leser sogar enttäuschen und ihm erzählen, dass dieses oder jenes berühmte Ergebnis mit zweifelhaften Arbeitsmethoden erreicht worden ist - zum Beispiel beim "Kleine Welt"-Phänomen.
Ingram schreibt nett und anschaulich, kann aber mit Len Fishers herzhaftem Humor und hemmungslosem Spieltrieb nicht mithalten. Trotzdem ist Die Geschwindigkeit des Honigs für jeden, der sich Neugier auf die Welt bewahrt hat, ein vergnügliches Buch zum Schmökern.

Jay Ingram:
Die Geschwindigkeit des Honigs.
Ungewöhnliche Erkenntnisse aus der Physik des Alltags,

Campus Verlag, Frankfurt/New York 2004,
220 Seiten, 19.90 Euro,
ISBN 3-593-37528-1
www.campus.de

Nina Hesse ist freie Mitarbeiterin von changeX.

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: Die Geschwindigkeit des Honigs. . Ungewöhnliche Erkenntnisse aus der Physik des Alltags. . Campus Verlag, Frankfurt/New York 1900, 220 Seiten, ISBN 3-593-37528-1

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