Die Turnaround-Frau
Mit harten Bandagen. Die Autobiografie - das neue Buch von Carly Fiorina.
Von Jürgen Neubauer
Einst galt sie als die mächtigste Frau in der globalen Wirtschaft. Heute gilt sie als die umstrittenste Managerin der Welt. Als CEO von Hewlett-Packard war Carly Fiorina ganz oben. Nach ihrem überraschenden Rauswurf wurde sie mit Hohn überschüttet. Viele Mitarbeiter aber bewundern sie bis heute. Ihre Autobiografie ist mehr als eine Rechtfertigungsschrift. Vielmehr ein authentisches und fesselndes Selbstporträt einer faszinierenden Führungspersönlichkeit. / 05.12.06
Unumstritten war Carly Fiorina nie. Sie war kein Liebling der Börse. Von Aktionären wurde sie ausgebuht und vor Gericht gezerrt. Man schalt sie eine Karrieremanagerin, der ihre Frisur wichtiger sei als die Produktentwicklung. Doch die Ex-Managerin hat geschwiegen, fast zwei Jahre lang. Dann hat sie ihre Autobiografie geschrieben. Und sorgt erneut für Zündstoff. Seit das Buch in den USA erschienen ist, geht es in Rezensionen vor allem um eines: den "dysfunktionalen" Verwaltungsrat von Hewlett-Packard, der mit Fiorinas Entlassung Schlagzeilen gemacht hatte und just diesen Herbst mit einem neuen Skandal aufwartete. Wer einen Blick hinter die Kulissen von HP sucht, findet in diesem Buch reichlich Stoff. Doch das ist fast der langweiligere Teil der soeben erschienenen Autobiografie. Wesentlich spannender ist es nachzulesen, wie Carly Fiorina ihren Weg zur mächtigsten Frau der globalen Wirtschaft beschreibt.
Die Carly Fiorina, die uns in ihrer Autobiografie begegnet, hat wenig mit dem Stereotyp der Karrieremanagerin zu tun. Im Alter von 23 Jahren hat sie einen Bachelor in Philosophie in der Tasche, hat ein Jurastudium abgebrochen und schlägt sich als Aushilfe in einem Maklerbüro durch. Der Begriff Unternehmen ist für die Akademikertochter ein Fremdwort. Auf den Gedanken, Betriebswirtschaft zu studieren, kommt sie eher zufällig, als sie mit ihrem ersten Mann für ein Jahr nach Italien geht und dort Geschäftsleuten Englischunterricht erteilt.

Quotentussi in der Striptease-Bar.


Auch nach ihrem MBA-Studium steigt sie keineswegs in den Karrierefahrstuhl. Sie beginnt in einem Nachwuchsprogramm beim Telefonriesen AT&T. Dort traut man der blassen und schüchternen jungen Frau wenig zu, doch je weniger man von ihr erwartet, desto hartnäckiger wird sie. In witzigen Anekdoten schildert sie, wie sie bei AT&T lernt, sich den Respekt ihrer älteren und vor allem männlichen Kollegen zu erarbeiten. Einem Chef, der sie nicht für voll nimmt, folgt sie zu einem Geschäftstermin in eine Striptease-Bar, einen anderen faucht sie an, weil er sie einem Geschäftspartner als "Quotentussi" vorgestellt hat.
In einer Authentizität, wie man sie höchstens noch in der Autobiografie von Jack Welch findet, führt Fiorina ihren Lesern vor Augen, wie sie Schritt für Schritt an ihren Aufgaben wächst, wie sie Fehler macht, Ängste hat und diese überwindet und durch kontinuierliches Zuhören, Fragen und Lernen zu einer Führungspersönlichkeit heranreift. Nebenbei streut Fiorina zahlreiche Kommentare zur Karriereplanung, Selbstmotivation, Einarbeitung, Mitarbeiterführung, Entscheidungsfindung, Unternehmenskultur, Außenkommunikation oder zu Werten ein. So wird Mit harten Bandagen zu einer äußerst inspirierenden Lektüre für Führungskräfte auf allen Ebenen.

Entschlossener Turnaround.


In vieler Hinsicht lehrreich sind auch die Schilderungen ihrer Zeit bei HP. Als Fiorina 1999 nach Palo Alto kommt, hat sie noch keinerlei Erfahrung als CEO. Sie war Vice President bei AT&T Network Systems und später, nach dessen Ausgliederung und Börsengang, President bei Lucent. Genau diese Erfahrung mit einer Neuaufstellung eines Unternehmens sucht der Verwaltungsrat von HP. Denn der Computerkonzern steckt in einer tiefen Krise. Das Unternehmen ist zu einer Behörde verknöchert, Kunden sind lästige Bittsteller, in abgeschiedenen Labors basteln Techniker am Markt vorbei an neuen Geräten und verschlafen die Entwicklung zu integrierten Systemlösungen. Der Konzern zerfällt in tausend Stämme, die gegeneinander arbeiten. HP ist keine Marke mehr, sondern ein Sammelsurium von Einzelprodukten. Die Folge: Der Konzern hat seine Marktführerschaft verloren und neun Quartale in Folge seine Gewinnerwartungen verfehlt. Fiorina reagiert entschieden. Sie schildert, wie sie eine neue Vision entwickelt, den Konzern strafft und zentralisiert und die interne Kooperation forciert. Sie betont die Entwicklung von kundenorientierten Systemlösungen und treibt die umstrittene Übernahme von Compaq voran, um im PC-Markt wieder an die Spitze zu kommen. Doch als sie den überforderten Verwaltungsrat professionalisieren will, wird sie diesem zu mächtig.

Lorbeeren für den Nachfolger.


Ohne Fiorinas entschiedenes Eingreifen wäre HP nicht dort, wo es heute ist - das erkennt sogar ihr einstiger Gegenspieler, der ehemalige HP-Verwaltungsrat Tom Perkins an. Was sie in ihrer Autobiografie beschreibt, erinnert in Vielem an die Rettung von IBM durch den gefeierten Lou Gerstner. Doch die HP-Story geht anders aus: Gefeiert wird nicht Fiorina, sondern ihr Nachfolger Mark Hurd, der nach eigenem Bekunden wenig mehr getan hat, als die Erfolge der eingeleiteten Trendwende abzuwarten. Dennoch: Ihre noch immer vehementen Kritiker wird Fiorina auch mit ihrer Autobiografie kaum überzeugen. Allen anderen bietet Mit harten Bandagen ein authentisches und fesselndes Selbstporträt einer faszinierenden Führungspersönlichkeit und ein inspirierendes Lehrbuch in Sachen Führung und Management.

Carly Fiorina:
Mit harten Bandagen.
Die Autobiografie,

Campus Verlag, Frankfurt / New York 2006,
398 Seiten, 24.90 Euro,
ISBN 3-593-38274-1
www.campus.de

Jürgen Neubauer ist freier Lektor, Übersetzer und Buchautor, er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

© changeX Partnerforum [05.12.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


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: Mit harten Bandagen. . Die Autobiografie. . Campus Verlag, Frankfurt / New York 1900, 398 Seiten, ISBN 3-593-38274-1

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Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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