Der Arbeiter
Eine Reportage von Peter Felixberger.
Er war der Vorstandsvorsitzende von KarstadtQuelle. Einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse in diesem Land. Bis Wolfgang Urban im Mai 2004 jäh abstürzte. Peter Felixberger lernte ihn kurz danach kennen. Und erlebte die Zeit nach dem Ende mit.
Wolfgang UrbanWolfgang Urbans letzter Arbeitstag ist kurz und bündig. Das Hauptverwaltungsgebäude des Technologiekonzerns Linde im Rhein-Main-Gebiet. Ein sonniger Freitag, Mai 2004. Urban, dessen Abgang seit Wochen Thema in den Gazetten ist, macht an diesem Vormittag kein Federlesen: "Wo ist der Auflösungsvertrag?" Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Schwebezustand geklärt. Urban und Aufsichtsratschef Hans Meinhardt: Zwei Männer, die sich nichts mehr zu sagen haben. Danach fährt Urban ohne Umwege nach Hause. "Das war's", denkt er sich. Nie mehr wird der heute 60-Jährige seinen Fuß in die Essener Konzernzentrale von KarstadtQuelle setzen.
Am Montag darauf schreitet der Aufsichtsrat zur Tat. Man einigt sich auf die übliche Sprachregelung: "Aus gesundheitlichen Gründen." Der Aufsichtsratsvorsitzende und frühere Linde-Chef Hans Meinhardt hatte seinerseits zwei Wochen vorher auf der Hauptversammlung des Unternehmens angekündigt, sein Mandat in den nächsten Monaten zu übergeben. Der Kronprinz steht schon bereit: Thomas Middelhoff, der frühere Bertelsmann-Vorstand, dessen Finanzjongleur-Qualitäten seit dem AOL-Deal bei Bertelsmann in Branchenkreisen wohlbekannt sind. Und die er zwei Jahre später mit dem Verkauf der Karstadt-Immobilien eindrucksvoll unter Beweis stellen wird.
Urban fährt an jenem Montag sofort nach Belgien. Abschalten. Er ist für niemanden erreichbar. Zunächst fühlt er sich wie befreit "aus einer Situation, in der ich nicht mehr gewinnen konnte". Aber hinter der Fassade brodelt es. Urban ist menschlich enttäuscht, will aber nicht reden. "Ich wollte es mit mir selbst abmachen." Nicht einmal seine Frau Angelika und enge Freunde lässt er an sich heran. Nach außen versteinert sein Gesicht. "Doch innen kochte die Suppe fast über." Noch heute kann er kaum sitzen bleiben, wenn er über diese Zeit spricht. Er hebt die Arme, die Stimme wird laut, rastlos rennt er kreuz und quer durchs Büro. Plötzlich hält er inne, dreht sich um und lässt eine Frage los, die man in Gesprächen mit Urban häufig zu hören bekommen hat: "Was hätte ich denn tun sollen?"
Unterdessen bricht nach Urbans Demission das übliche Mediengetöse aus. "Urban fehlte das Rezept, um den Umsatz- und Gewinnrückgang des Handelskonzerns aufzuhalten", titelt die Financial Times Deutschland. Und die Süddeutsche stellt lapidar fest: "Allein gegen alle. Urban als Sanierer gescheitert."
Hintergrund: Urban übernimmt im Oktober 2000 den Vorstandsvorsitz der KarstadtQuelle AG. Die Geschäfte laufen zunächst nach Plan. 2001, verkündet er auf der Hauptversammlung, ist das "beste Jahr der Konzerngeschichte". Doch am Horizont ziehen dunkle Wolken auf. Europas größter Waren- und Versandhauskonzern schlittert allmählich tiefer in die Krise. Umsatzrückgang und Verluste nagen am Siegerimage. Urban versucht, strategisch dagegen zu halten. "Challenge" heißt sein ambitioniertes Aktionsprogramm. Die Idee fußt auf zwei Beinen: Verkaufsflächen an Partner mit guten Namen untervermieten. Und in zukunftsfähige Lifestyle-Bereiche investieren. Urban geht ein Joint-Venture mit der Café-Kette Starbucks ein und beteiligt sich am Deutschen Sportfernsehen (DSF). Er erwirbt überdies den Textilfilialisten SinnLeffers, die Golfbedarf-Kette Golf House sowie mehrere Fitness-Clubs.
Doch Konsumkrise, Euro-Umstellung und Rabattschlachten im Handel sind stärker. Die Rechnung geht nicht auf. Im ersten Quartal 2004 kommt es dann besonders dick. Urban muss als Quartalsergebnis ein Minus von 4,4 Prozent und eine Vervierfachung des Verlustes bekannt geben. Die Großaktionäre sind sich uneins. Madeleine Schickedanz, die wichtigste Eigentümerin von KarstadtQuelle, hält zu Urban. Sie ist von den Sanierungsplänen, die dieser noch am 18. März 2004 dem Aufsichtsrat unterbreitet hat, überzeugt. Ihnen zufolge sollen weitere 3.000 Arbeitsplätze abgebaut und neue Partner für schwächelnde Innenstadtflächen verpflichtet werden. Von den 180 Warenhäusern sollen überdies nur 120 in der bisherigen Form weiter bestehen.
Urban zeigt sich kämpferisch. Sein Leitspruch für 2004: "Jetzt erst recht!". Auf der anderen Seite opponiert die Gruppe um Margarete Riedel. Die Nichte Madeleines entstammt dem Familienzweig Dedi aus erster Ehe von Gustav Schickedanz und verfügt über 12,2 Prozent der Aktien. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die Riedels wollen mehr Rendite sehen. Ein klassischer Familienzwist. Und Aufsichtsratschef Hans Meinhardt gilt nicht unbedingt als treuer Gefolgsmann von Urban.
Während Urban an einer langfristigen Vision des Geschäftsmodells Warenhaus schmiedet und sich zu diesem Zweck intensiv bei der europäischen Konkurrenz in Großbritannien (Selfridge's) und Frankreich (Lafayette) umsieht, sorgt die Konsumflaute hierzulande weiter für miese Nachrichten. Das kurzfristige Drehen des Tankers KarstadtQuelle will einfach nicht gelingen. Doch das Grundproblem lautet anders: Urban will langfristig-unternehmerisch denken, wird aber von kurzfristigen Erfolgsinteressen im Zaum gehalten. Heute weiß er: "Es geht im Shareholder-Kapitalismus immer um kurzfristige Lösungen, nie um langfristige. Wer da nicht mitspielt, hat keine Chance."

Rollos runter und verschanzen.


Die ersten Monate nach der Entlassung vergehen wie im Flug. Gegenüber den Medien ist Urban weiter stumm. Obwohl der öffentliche Druck auf ihn steigt. In dieser Zeit ereilt mich eine Anfrage von Detlev Samland von Pleon, der früheren PR-Agentur Kohtes Klewes. Samland ist der damalige Kommunikationsberater von Urban und glaubt, dieser müsse unbedingt ein Buch zur Rehabilitation seiner Person schreiben. Thema: "Die Zukunft des Warenhauses". Ich treffe Urban zum ersten Mal in Düsseldorf im Sommer 2004.
Wer mit Urban spricht, muss sich warm anziehen. Man wird von seinem Blick und seinem schnörkellosen Gesprächsstil förmlich in den Sessel gedrückt. Schwächen sollte man nicht sichtbar werden lassen. Über eine Stunde hört er sich meine Konzepte und Ideen an. Er sitzt konzentriert da, obwohl man ständig das Gefühl hat, der Mann schwebe momentan in ganz anderen Sphären. Dann kommt die Absolution: "Das gefällt mir. Wir machen das!" Aus. Punkt. Meeting beendet. Kein weiterer Dialog. Was ein Trugschluss ist: Denn von diesem Ausspruch an gehört man zur Familie. Schon eine Stunde später klingelt erstmals mein Handy. "Über mich und meine Zeit bei KarstadtQuelle kein Wort. Haben Sie verstanden?" Misstrauisch, argwöhnisch, fast ein wenig feindlich ist der Tonfall.
Inzwischen wächst der mediale Druck auf Urban. Ende Juni lädt der neue Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff zur Abschiedsparty seines Vorgängers Meinhardt nach Bielefeld. Nur ein kleiner Kreis ist geladen, darunter Großaktionärin Madeleine Schickedanz, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Wolfgang Pokriefke und auch Christoph Achenbach, der neue Vorstandsvorsitzende. "Eine persönlicher Affront", wie Urban heute noch Achenbachs Berufung kommentiert. Ein paar Tage später zieht Middelhoff in Urbans Ex-Büro. Achenbach, zuvor nur für das Versandgeschäft von Quelle und Neckermann zuständig, schwört im umgebauten Casino der Karstadt-Zentrale in Essen-Bredeney die Mitarbeiter der ersten und zweiten Führungsebene auf neue Zeiten ein. Notiz am Rande: Achenbach wird nicht mal ein Jahr im Amt bleiben.
Der Mai 2004 ist ein Desaster, heißt es bei Karstadt, der Umsatz rauscht mit zweistelligem Minus weiter in den Keller. Die Probleme sind bekannt: Mehr als 80 Prozent des Umsatzes von knapp über 15 Milliarden Euro wird in Deutschland erzielt. Doch dort herrscht Konsumflaute. Immer weniger der 180 Häuser in den Innenstädten werfen noch Gewinne ab. Und das, obwohl die Kosten schon dramatisch reduziert und mehrere tausend Stellen gestrichen wurden. Die Warenhäuser sind nicht das einzige Problem: Auch die konzerneigenen Textilfilialketten Sinn-Leffers und Wehmeyer machen Verluste. Im Versandhandel sieht es noch schlechter aus. Die zweimal jährlich erscheinenden Produktkataloge bei Quelle und Neckermann haben es nach dem Wegfall des Rabattgesetzes besonders schwer. "Konkurrent Otto ist Quelle längst meilenweit enteilt", schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.
Unterdessen sitzt Wolfgang Urban in seinem Kölner Anwesen und sieht tatenlos den Mediensturm heranbrausen. Ausgelöst wird er durch den neuen Karstadt-Chef Christoph Achenbach, der "die fehlende Entschluss- und Umsetzungsfreudigkeit der früheren Führung" rügt. Obwohl er selbst ein Bestandteil war. In der Mitarbeiterzeitung schreibt er: "Unsere Ausgangslage hat sich in den vergangenen Monaten auf breiter Front deutlich verschlechtert." Gleichzeitig kündigt er einen weiteren Stellenabbau bis 2006 an: 6.000 Stellen im stationären Handel, 2.500 im Versandhandel von Quelle und Neckermann.
Am 30. September kommt es dann zum zweiten Showdown für Urban. Bundeskanzler Gerhard Schröder macht das frühere Management in scharfer Form für die Krise des Unternehmens verantwortlich. Bei Karstadt habe es "Management-Fehler in ihrer krassesten Form und Unfähigkeit bis zum geht nicht mehr gegeben". Schröder hatte sich einige Tage zuvor mit dem neuen Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff getroffen. Am nächsten Tag stehen Fernsehteams vor Urbans Einfahrtstor. Mikrofone ragen über den Zaun, Fotografen lauern an der Einfahrt auf Schnappschüsse. Angelika Urban ruft Freunde an, was man tun solle. "Rollos runter und verschanzen", lautet die Empfehlung. Bei verschlossenen Türen und Fenstern beobachten die Urbans im Fernsehen, wie sie demontiert werden. Am nächsten Morgen lässt Kanzleramtschef Frank Steinmeier telefonisch ausrichten, der Kanzler habe es dezidiert nicht so gesagt und gemeint. Man bitte aber um Verständnis, dass ein Rückzieher nicht möglich sei. Business as usual.
Wolfgang Urban sieht seine Bilderbuchkarriere in wenigen Tagen in tausend Scherben zerbersten. Wie ein Film läuft in diesen Tagen sein Leben vorüber. Angefangen hatte der heute 60-Jährige vor vielen Jahren beim Bielefelder Nähmaschinenhersteller Phönix. Als Lehrling in der Produktion. "Eine Zeit, die mich mehr als alle anderen geprägt hat. Zu sehen, was die einfachen Arbeiter wirklich bewegt", sagt er heute. Die weiteren Stationen: Facharbeiterbrief 1964, Kaufmannsgehilfenbrief 1967. Über den 2. Bildungsweg arbeitet sich der in Schlesien geborene Urban weiter nach oben. Diplom-Betriebswirt (FH) 1973. "Eigentlich wollte ich weiter studieren", doch auf Empfehlung eines Professors landet er in der Buchhaltung bei Kaufhof in Köln. Schnell werden Vorgesetzte auf ihn aufmerksam. Mit Siebenmeilenstiefeln rennt er in Richtung der Chefetagen. Und damit mitten hinein in die Krise.
Denn bereits Ende der 1970er Jahre ist längst nicht mehr alles Gold, was glänzt. 1978 macht Kaufhof erstmals Verlust. "Ein riesiger Konflikt wurde sichtbar. Wir mussten an eine Zukunft glauben, von der wir eigentlich nicht mehr überzeugt sein konnten. Das Warenhaus war damals bereits ein Problem." Managen in einem Umfeld, das dem Ende geweiht war, lautet Urbans Devise für die nächsten Jahre. Er richtet sich dennoch auf hohem Niveau ein. Wie ein Berserker arbeitet er an kleinen Verbesserungen im Tagesgeschäft. "Wenn man jeden Tag über dem Abgrund schwebt, hat man wenig Zeit für hochtrabende Visionen", beschreibt er das Dauerdilemma im deutschen Einzelhandel.
1987 wird Urban in den Vorstand der Kaufhof AG berufen. Von Finanzen über Personal bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit bekleidet er in den folgenden Jahren nahezu alle Vorstandsbereiche. Und Kaufhof expandiert heftig durch Firmenzukäufe. An der Spitze mit einem "exzellenten" Team um Jens Odewald und Urban. 1985 beteiligen sie sich an Saturn-Hansa, 1988 kaufen sie Media-Markt, 1993 die Warenhausgruppe Horten und weitere Firmen. "Die erfolgreichste Zeit in meinem Berufsleben. Der Wille zur Höchstleistung trieb uns an. Alles, um das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen." Und mit dem legendären Erwin Conradi stand ein Meisterdompteur und Einpeitscher an der Spitze des Unternehmens. Urban spricht immer noch mit Hochachtung von ihm.
Im März 1996 kommt es zur endgültigen Fusion von Kaufhof und Asko mit der Metro Gruppe. Seit 1980 hielt die Metro Cash&Carry bereits Mehrheitsanteile bei der Kaufhof AG. Urban wird Co-Sprecher des Vorstandes und ist ab sofort zuständig für Controlling und Finanzen. Doch von nun an geht's bergab. "Die Metro-Kultur war völlig anders," beschreibt Urban diese Phase und ergänzt: "Metro, Kaufhof und Asko saßen an einem Tisch. Da konnte es nur einen Gewinner geben." Metro-Chef Conradi setzt sich durch. Erste Vorwürfe machen die Runde. Conradi sagt, Urban sei zwar eine integre Persönlichkeit, allerdings auch übereifrig und jemand, der sich bisweilen verzettele. Das Ende vom Lied: Conradi entzieht Urban die Ressorts Finanzen und Controlling. "Wie das Ende einer Ehe", bilanziert Urban heute.
Es hält sich bis heute das Gerücht, dass Conradi vorzeitig erfahren hatte, dass Urban schon auf dem Absprung in Richtung KarstadtQuelle war. Und recht hatte er. Im März 1998 geht Urban als Mitglied des Vorstandes in die Schickedanz-Holding Stiftung nach Fürth, um ein Jahr später in den Karstadt-Vorstand aufzurücken. Dort trifft Urban auf den Vorstandsvorsitzenden Walter Deuss, der Urbans Berufung von Anfang an ablehnend gegenübersteht. Die Folge: Deuss tritt vorzeitig zurück. Urban übernimmt den Chefsessel. Mit Segen der Familie Schickedanz.

Die Mühlsteine, die ihn zermalmen.


Wer mit Wolfgang Urban heute im "Ruhestand" spricht, wundert sich manchmal über dessen aufbrausende Art. Wie aus heiterem Himmel wird die Stimme laut, komplexe Argumente werden zu einfachen Wahrheiten gebündelt und fertig ist das Statement. Als "Workaholic in Rage" hat ihn die Süddeutsche einmal bezeichnet. "Ja, ich war bisweilen sehr massiv. Habe Leute unter Leistungsdruck gesetzt und bin sehr laut geworden", erwidert er heute. "Ich habe den Druck weitergegeben, in der Hoffnung, ich würde es doch noch hinkriegen", ergänzt er. "Ich habe der Realität nicht ins Auge gesehen." Urban wird bei solchen Sätzen ruhig und die Stimme immer leiser. Bis dahin, dass sein Gemurmel fast lautlos versandet und man ihn nicht mehr versteht.
Sein Selbstbild hingegen ist klar und eindeutig: Er sieht sich als treuer Parteisoldat, dem nichts anderes übrig blieb, als das tagesaktuell Mögliche zu realisieren. Für die ganz großen Visionen blieb ihm nie ausreichend Zeit. Ein Selbstbild, das in der rauen Medienwirklichkeit wie ein Kartenhäuschen zusammenfällt. Dort herrscht eher das Bild vor, dass er mit der harten Hand Conradis im Nacken gut war, ohne straffe Führung jedoch versagt hat. Ein rastloser Aktionist, ein aufbrausender Rastelli, der Mitarbeiter zu jeder Tages- und Nachtzeit anrief, um mit ihnen über neue Ideen zu diskutieren und hautnah informiert zu sein.
Es gibt aber noch eine weitere Interpretation: Urban ist der klassische Held im modernen Konzerndrama, der zwangsläufig untergehen muss. Im Grunde werden Vorstandsvorsitzende heute neben dem kurzfristigen Shareholder-Denken von zwei weiteren Mühlsteinen beschwert. Erstens vom Glauben, mehr selbstständiger Unternehmer als optimierender Manager zu sein. Was jedoch mit dem vorgegebenen Rollenbild kollidiert. Vorstände vergessen, dass sie der Rendite der Eigentümer zu dienen haben. Denn im Konzernkapitalismus regieren Aktienkurse und Finanzquartalsberichte. Im Sperrfeuer kurzfristiger Erfolgsmeldungen haben langfristige unternehmerische Visionen immer seltener Platz. Gefragt ist heute der bilanzhungrige Manager-Maschinensoldat!
Zweitens benötigen Eigentümer biegsame Marionetten im operativen Geschäft. Diese müssen tun, was ihnen angeschafft wird. Sind sich die Shareholder über den Geschäftskurs einmal uneins, geraten Vorstände in Entscheidungsdilemmata. Mehreren Herren kann man schließlich schlecht dienen. Urban zermalmen beide Kraftströme: Der Zwang zum kurzfristigen Managerdenken und der Zwist unter den Gesellschaftern. Hinzu kommt die hemdsärmelige Kumpelmentalität des einfachen Arbeiters, der sich von ganz unten nach ganz oben gearbeitet hat. Pommes mit Mayo sind ihm heute noch lieber als jedes Haute-Cuisine-Gedöns. Das wird in der schicken, stromlinienförmigen Business-Welt der Middelhoff&Co. nicht goutiert.

Die Zukunft des Warenhauses.


Das Manuskript für das Buch ist mittlerweile fertig gestellt. In unzähligen Gesprächen und Interviews hat sich Urbans Vision für das Warenhaus herausgeschält. Er hatte viel Zeit, darüber gründlich nachzudenken. Ob es jemals publiziert wird, steht in den Sternen. Urban hat es auch für sich selbst geschrieben. Als Selbstvergewisserung, dass ihn 25 Jahre Kaufhof-Metro-Karstadt-Welt nicht blind gemacht haben. Die These des Buches ist eindeutig: "Innenstädte werden sich in Zukunft völlig neu organisieren - als zusammenhängender Erlebnisraum mit Einkaufsstätten, Kultur- und Sporteinrichtungen, Gastronomie und anderen Treffpunkten." Dort sieht Urban ganz neue Spiel-, Arbeits- und Lebensstätten entstehen. Die neuen Alten beispielsweise funktionieren die alten Warenhaustempel zur Wohn- und Lifestyle-Welt um. Mit Fitness- und Gesundheitseinrichtungen, mit Restaurants und Wohlfühloasen. Mitten in der Stadt. Kurze Wege, hohe Angebotsqualität. Die Bedürfnisse der Menschen wollen unmittelbar befriedigt werden. Der Warenhaus-Generalist, der alles für alle anbietet, hat für ihn ausgedient. "Das neue Geschäftsmodell basiert auf der Kooperation von Spezialisten, die jeder für sich Spitzenklasse sind."
Urban setzt deshalb auf hoch qualifizierte Erlebnishäuser. "Die Welt kann viel mehr produzieren, als sie konsumieren kann. Noch mehr vom immer Gleichen auszustoßen und abzusetzen ist absurd - auch wenn es noch so billig auf den Markt geschleudert werden kann. Wenn billig hierzulande der letzte Wohlstandsanker ist, dann wird es höchste Zeit, die Augen zu öffnen und nach vorne zu blicken. Wenn die Kostenvorteile aus dem globalen Wettbewerb weiterhin in Form von Preisstürzen verbrannt werden, mag der Kunde zwar profitieren - aber zu welchem Preis? Der deutsche Einzelhandel jedenfalls wird daran zugrunde gehen - und mit ihm viele Arbeitsplätze und Zukunftschancen. Wenn sich ein Industrieland wie Deutschland seinen Wohlstand durch die Billiglöhne der Dritten Welt subventionieren lassen muss, dann ist das ein Armutszeugnis. Wenn sich der Standort Deutschland aber seiner Innovationskraft und seiner reichen, aber brachliegenden Wissensressourcen erinnert, und diesen ganz spezifischen Globalisierungsvorteil in den wirtschaftlichen Fortschritt investiert, dann ist damit allen gedient."
Wolfgang Urban ist derzeit viel unterwegs. In der Unternehmenswelt ist sein Ruf weitaus besser als in der Wirtschaftspresse. Vorstandskollegen haben es ihm hoch angerechnet, dass er nach seinem Ende bei KarstadtQuelle nicht schmutzige Wäsche gewaschen hat. Gejuckt hat es ihn oft in den Fingern. Ich erinnere mich indes an einen Anruf am Weihnachtstag 2004. Um die Mittagszeit. Urban erzählt von der Machtlosigkeit, noch einmal irgendetwas bewegen zu können, ein Gefühl, das ihn tagsüber immer wieder überfällt. Er redet eine dreiviertel Stunde ohne Punkt und Komma. "Glauben Sie mir! Von einer Sekunde auf die andere ist man weg. Das ist die ganze Erkenntnis des Lebens." Vielleicht aber ist es auch erst der Anfang.

Foto: � Hartmut Nägele

Peter Felixberger ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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Peter Felixberger

Peter Felixberger ist Publizist, Buchautor und Medienentwickler.

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