Toleranz. Macht. Reich.
Bibliothek der Vielfalt - Folge 1:
Kampfabsage von Ilija Trojanow und Ranjit Hoskoté.
Von Michael Gleich
Was sind die wichtigsten Bücher zu Diversity? Culture Counts eröffnet eine exklusive Serie über Standardwerke und kleine Fundstücke. Folge eins widmet sich einem Werk, das Samuel Huntingtons Hammerthese vom Clash of Civilizations entschieden entgegen tritt: Kulturen bekämpfen sich nicht, sagt ein interkulturelles Autorenduo, sie fließen zusammen. / 01.10.07
Illustration von Limo LechnerJeden Samstag wird in den Fußballstadien Gott angerufen. In München, Manchester und Malmö. Mit zum Himmel gereckten Armen. Aber keiner derjenigen, die an der Huldigung teilnehmen, weiß, wen er da im Munde führt. "Olé, Olé, Oléeeeeee" singt der Fanblock, um seine Mannschaft anzufeuern. Das kommt ihnen spanisch vor. Ist es auch. Aber die Referenz an Stiere und Toreros greift zu kurz. "Olé" stammt aus der Zeit von al-Andalus, der Blütezeit islamischer Kultur auf der spanischen Halbinsel, und geht auf das arabische Wort für Gott zurück: Allah. Die Hooligans rufen unwissentlich den "einzigen und wahren Gott" an, wie der Koran sagt, den Gott der Muslime.
Wenn wir lange Spaghetti kunstvoll mit der Gabel aufdrehen, zeigen wir damit feine Tischmanieren. Feiern unsere Zivilisation. Diese Unterentwickelten in Afrika und Asien: Wie sie mit den Fingern essen und sie abschlecken - welche Barbarei! Doch ist die Gabel wirklich eine Errungenschaft westlicher Kultur? Nein, sondern Teufelszeug. So sah es jedenfalls Kardinalbischof Petrus Damiani aus Ravenna, als er um das Jahr 1000 befand: "Gott in seiner Weisheit hat den Menschen mit natürlichen Gaben ausgestattet - seinen Fingern. Daher lästert Gott, wer beim Essen die Finger durch künstliche metallene Gabeln ersetzt." Sprach's und knubbelte die Spaghetti weiter mit den Fingern. Am Hof von Byzanz dagegen war die Gabel schon seit dem vierten Jahrhundert im Gebrauch, auch die Tartaren benutzten sie schon früh.
Mit solchen Beispielen aus der Alltagskultur betätigen sich der Schriftsteller Ilija Trojanow und der Kulturkritiker Ranjit Hoskoté als Mythenzertrümmerer. Immer noch geistert die Idee, es gebe eine "christlich-abendländische" Kultur, die man klar bestimmen und von anderen Kulturen, etwa der "arabisch-islamischen" abgrenzen könne, durch viel zu viele Köpfe. Das zeigen die öffentlichen Debatten um eine vermeintliche deutsche Leitkultur, um die Wurzeln Europas, um einen bevorstehenden Kampf der Kulturen.
Dahinter steckt die Vorstellung, Kultur sei einem Container vergleichbar: Seine Wände regeln das Drinnen und das Draußen, was dazugehört und was nicht, was vertraut und was fremd. Sein Inhalt besteht demnach aus Büchern, Liedern, Tänzen, Sitten und Gebräuchen, deren Auswahl ein kultureller Kanon festschreibt. Doch das ist eine Illusion. Sie wird auch dadurch nicht zur Wahrheit, dass sie interessierten Kreisen hervorragend in ihre politischen Strategien von Ab- und Ausgrenzung passt.

Zusammenfluss der Kulturen.


Kultur ist kein Zustand, sie ist ein Prozess. Das Autorenduo Trojanow/Hoskoté nennt diesen Prozess "Zusammenfluss". Kulturelle Einflüsse aus verschiedenen Quellen mischen sich, werden von Menschen unterschiedlich interpretiert und in den Strudeln der Zeit neu verquirlt. So entsteht ein Fluss, der zwar einen festen Namen hat, aber letztlich etwas bezeichnet, das sich in seinem Verlauf ständig verändert. Wer an der Mündung dieses Flusses steht und glaubt, etwas Reines und klar Definiertes zu sehen, der täuscht sich. "Kultur ist nichts anderes als Hybridisierung, die wir vergessen haben", sagte Ilija Trojanow beim Culture Counts Interviewmarathon in Berlin. In dem gerade erschienenen Buch Kampfabsage gemeinsam mit dem indischen Journalisten Ranjit Hoskoté ( Times of India, The Hindu) führt er diese These aus. Nur durch das Zusammenfließen von Strömungen, Ideen, Alltagspraktiken, sprich kulturellen Einflüssen verschiedener Art entwickelt sich Kultur. Entfaltet sich Kreativität. Bewegt sich. Bleibt lebendig.
Besonders für den Mittelmeerraum und das nördlichere Europa verfolgen die beiden Autoren verschiedene Flüsse bis zu ihren Quellen zurück. Etwa auf der Iberischen Halbinsel. Nach dem Untergang des Römischen Reiches war sie in westgotischer Hand, bis sie im achten Jahrhundert von den Arabern erobert wurde. Ein europäisches Zentrum, beherrscht von den Muselmanen - war das der Untergang des Abendlandes? Im Gegenteil. Die Region wurde zu einem Kristallisationspunkt von Vielfalt und geistiger Freiheit. In Städten wie Toledo, Granada und C� rdoba wurden Universitäten und Bibliotheken gegründet, gediehen Mathematik und Architektur, tummelten sich Poeten und Maler. Religionszugehörigkeit trennte nicht. Juden, Muslime und Christen standen in regem Austausch. Die wichtigsten Werke wurden für die jeweils anderen übersetzt. Es gab Persönlichkeiten wie Shmuel ha-Levi, von den Arabern Ishmail genannt. Er war Oberhaupt der jüdischen Gemeinde von C� rdoba und legte eine steile Karriere bis zum Wesir des Emirs hin. Ein Rabbiner als zweitmächtigster Mann des muslimischen Königreichs. Niemanden befremdete das.
Von al-Andalus gingen bis zum 15. Jahrhundert entscheidende Impulse für das geistige Leben in Europa aus. Weiter nördlich sah es im Mittelalter eher düster aus. Das Kloster Sankt Gallen, stolz auf die bedeutendste Bibliothek des christlichen Abendlandes, besaß gerade mal 600 Manuskripte. Dagegen konnten sich die Gelehrten von al-Andalus in 70 großen Bibliotheken schlaumachen, allein die von C� rdoba rühmte sich, 400.000 Bücher zu besitzen.
Mit solchen Beispielen, breit recherchiert und spannend erzählt, weiten Trojanow und Hoskoté unseren kulturellen Horizont. Sie entlarven das unermüdlich wiederholte Dogma von der "christlich-jüdischen Tradition" als politische Strategie: Sie soll in Europa alles Islamische ausgrenzen und eine Politik rechtfertigen, die Europa zur Festung gegen das angeblich Fremde ausbauen will. In Wahrheit zehren wir heute von einem ägyptisch-persisch-jüdisch-islamisch-christlichen Erbe. Schauen wir unvoreingenommen auf unsere kulturelle DNA, erkennen wir, dass "das Fremde" längst eingebaut ist.
Als weitere Klitterung der Kulturgeschichte entlarven die Autoren die Annahme, die Philosophie antiker Geistesgrößen wie Platon, Aristoteles und Plotin sei nach dem Untergang des Römischen Reichs anderswo quasi im Tiefkühlfach konserviert worden. Dieser Theorie nach standen die entsprechenden Kühltruhen in Ägypten und Kleinasien; dort seien die Schriften der griechischen Denker für die Nachwelt übersetzt und aufbewahrt worden. Doch während die kulturelle Entwicklung in Mitteleuropa stagnierte, blühte sie beispielsweise in Bagdad auf. Unter der Dynastie der Abbasiden wurden dort Universitäten gegründet, trafen sich Dichter, Architekten, Mathematiker, Ärzte, Astronomen und Übersetzer. Sie spannen die Gedanken der Griechen weiter, bauten deren Theoriegebäude um und erweiterten sie mit Elementen von östlichen Weisheitslehren, aus Kleinasien und Indien. Sie diskutierten, übten skeptisches Denken, forderten von der Religion unabhängige logische Urteile und die empirische Überprüfung von Fakten. Solche Gedanken hätten in Europa zur gleichen Zeit nicht den Hauch einer Chance gehabt. Im Gegenteil: Der Kopf, in dem sie kreisten, hätte sich bald in einer Schlinge und am Galgen wiedergefunden. Während die Christenheit unter der blutigen Fuchtel der Inquisition stand und "Heiden" bei Pogromen massenweise getötet wurden, legten jüdische und arabische Gelehrte ein geistiges Fundament, ohne das später die Aufklärung nicht denkbar gewesen wäre.

Remix und Mashup.


Vor den Augen des Lesers von Kampfabsage entsteht eine weit verzweigte Flusslandschaft europäischer Kultur. Ströme, Seitenstränge, Quellen, Altarme und Deltas. Ein Motor hinter dem Zusammenfließen ist seit alters der Handel. In seinen Kontinente überspannenden Netzen wechseln nicht allein Waren die Besitzer. Gleichzeitig übertragen sich kulturelle Einflüsse wie etwa Lieder und Märchen, mathematische Formeln und buchhalterische Techniken. Wie ein Virus wandern sie von Wirt zu Wirt. Ideen haben etwas Ansteckendes. Das gilt noch stärker in Zeiten der Globalisierung. Sie beschleunigt Prozesse der Hybridisierung. Wie es Salman Rushdie ausdrückt: "Melange, Mischmasch, ein bisschen von diesem, ein bisschen von jenem, auf diese Weise entsteht Neues in der Welt." Wissenschaftlich heißt das Hybridisierung. Ein Autor wie Ilija Trojanow verkörpert sie geradezu: In Bulgarien geboren, mit seiner Familie nach Deutschland ausgewandert und gleich weiter nach Kenia gezogen danach in München, Bombay, Kapstadt und Paris gewohnt, schreibt er Romane auf Deutsch und Gedichte auf Englisch und kommt auch mit Suaheli durch. "Die meisten Menschen bestehen aus einem vielfältigen Ich", heißt es dazu im Buch, sie erweitern es "durch Lernen und Anpassung, verändern ihre Identität aus taktischen Gründen oder weil es der gesellschaftliche Kontext oder ihre persönlichen Vorstellungen verlangen".
Das Zusammenfließen der Kulturen geschieht allerdings keineswegs heiter und harmonisch. Sonst wäre die vor unseren Augen ausgebreitete Hybridisierung der Kulturen nicht mehr als eine nette Metapher. Ihre Brisanz bekommt sie dadurch, dass es immer wieder kracht. Zahlreich sind in Geschichte und Gegenwart die Beispiele von Gesellschaften, die sich abschotteten. Sich hinter Dogmen der Ausgrenzung verschanzten. Alles Andersartige bekämpften. Immer wenn Dämme gegen den organischen Zusammenfluss errichtet wurden, war es nicht weit bis zu Gewalt und Genozid. Fundamentalismus, ob nun christlicher, islamistischer oder hinduistischer Einfärbung, hat die Höchststrafe für die dämonisierten Anderen zur Folge. Aber auch die Dammbauer werden bestraft: durch Stagnation, durch Verödung ihrer Kultur.

Toleranz statt Kampf.


Vielfalt bereichert, Intoleranz macht arm. Dieser Befund hat Brisanz. Er stört die Kreise all jener Politiker und Strategen, die sich, weil machtgeil, als Kulturkämpfer profilieren wollen. In den USA, wo aus kriegstheologischen Gründen eine "Achse des Bösen" erfunden wird, um dann Menschen anderer Länder und Kulturen befreit von moralischen Skrupeln im "Krieg gegen den Terror" töten zu dürfen. In Europa, das seinen Reichtum gegen arme Migranten und andere Hungerleider verteidigt, immer mit dem Hinweis auf abendländische Traditionen, zu denen die ungebetenen Gäste leider, leider nicht passen. Oder auch in arabischen Ländern wie dem Iran, dessen Regime unter einem verbohrten Staatspräsidenten das empirische, rationale Denken verhöhnt und so weit geht, den Holocaust zu leugnen. Hinter all diesen Dämmen wider den Zusammenfluss staut sich die Freiheitsliebe und ertrinkt die Kreativität.
Das kann doch nur zum "Clash of Civilizations" führen, wie Samuel Huntington voraussagte, oder? Mit seiner These, dass gewaltsame Konflikte zwischen Kulturkreisen den alten Ost-West-Antagonismus ablösen, ist der amerikanische Politologe berühmt geworden. Wenn es in einer Berliner Hauptschule mit hohem Ausländeranteil kriselt; wenn in von arabischen Einwanderern dominierten Vorstädten Paris' Barrikaden brennen; wenn empörte Muslime gegen Mohammed-Karikaturen in westlichen Zeitungen demonstrieren: Immer zitieren die Zeitungen gerne den "Kampf der Kulturen". Die Formel stabreimt sich so schön.
Doch Trojanow und Hoskoté sagen den Kampf ab. Sie sehen hier nicht Kulturen aufeinanderprallen, sondern nur Menschen, die aus machtpolitischem Kalkül aufgehetzt und fanatisiert werden. Beim Umgang mit Menschen islamischen Glaubens verfalle der Westen, so die Autoren, in verhängnisvolle Muster: "Wir mystifizieren, schotten uns ab und flüchten uns in Verallgemeinerungen. Kurz: Wir verraten die Aufklärung."
Genau das Gegenteil wäre richtig. Genau hinsehen. Die Vorteile von Vermischung zur Kenntnis nehmen. Vielfalt sichtbar machen. Sein Herz öffnen und das Andere in sich selbst entdecken. Das Verdienst der Kampfabsage besteht darin, die unmittelbaren Vorteile von Toleranz und Offenheit faktenreich und anschaulich ins Bild zu setzen. "Den Kampf abzusagen heißt, den Zusammenfluss anzunehmen", heißt es im Buch. Man könnte ergänzen: Zusammenfluss zuzulassen, macht uns kulturell und menschlich reicher.

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PS: Wir haben uns für Culture Counts ein Motto gegeben, das sowohl zum Thema kultureller Vielfalt passt als auch unsere Projektarbeit steuert. Es lautet: "Wo es fließt, dort gieß hinein. Wo es stockt, da lass es sein!" Und weil wir selbst gerne panschen, haben wir es niederbayerisch-sauerländisch-lateinisch übersetzt: "Ubi flut, ibi tut! Ubi stock, ibi block!"

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Michael Gleich ist Koordinator von Culture Counts.

Ilija Trojanow, Ranjit Hoskoté:
Kampfabsage.
Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen.

Karl Blessing Verlag,
München 2007,
240 Seiten, 17.95 Euro.
ISBN 978-3-89667-363-3
www.randomhouse.de/blessing

Mit einer Illustration von Limo Lechner.

© changeX Partnerforum [01.10.2007] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


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: Kampfabsage. . Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen. . Karl Blessing Verlag, München 1900, 240 Seiten, ISBN 978-3-89667-363-3

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Autor

Michael Gleich
Gleich

Michael Gleich, Publizist, Stroryteller und Redner, hat 2011 "der kongress tanzt. Netzwerk für gute Veranstaltungen" initiiert. Es berät Veranstalter darin, Konferenzen und Foren als lebendige Lernorte zu gestalten.

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