Future made in Germany
100 Produkte der Zukunft - das neue Buch von Theodor W. Hänsch.
Von Sigmar von Blanckenburg
Wie war das doch gleich, vor zwei Jahren, im Jammertal? Die Deutschen arbeiten zu wenig, produzieren zu teuer und Innovationen entstehen allenfalls im Ausland. Hieß es. Ein deutscher Nobelpreisträger schenkte derlei Katastrophengerede keinen Glauben, machte sich auf die Socken und trug 100 innovative Produktideen made in Germany zusammen. Fazit: Von so viel Zukunft kann einem ganz schummrig werden. / 06.11.07
Hänsch CoverEs war einmal ein Softwareexperte, der meinte, dass 640 Kilobyte Speicherkapazität im Computer für jeden Nutzer genug sein sollten. Sein Name war Bill Gates. Und Kaiser Wilhelm II. sagte zur Erfindung des Autos: "In fünf Jahren wird keiner mehr vom Auto reden, ich setze aufs Pferd." Um mit seinen Vorhersagen nicht dermaßen aufs falsche Pferd zu setzen wie Bill Gates und der letzte deutsche Kaiser, hat Nobelpreisträger Theodor W. Hänsch mit seinem Team 100 Produkte zusammengetragen, die die Zukunft prägen könnten: "Wir haben Ideen in und aus Deutschland gesammelt, die in der Gegenwart geboren wurden und die unsere Zukunft schöner, einfacher und besser machen können." Eine Jury wählte die besten Ideen aus und Hänsch präsentiert nun die Auswahl zwischen zwei Buchdeckel gepackt. Ziel des Bandes ist es auch, die Vielfalt und Innovationskraft der deutschen Forschungslandschaft vorzuführen. Und dabei zu zeigen, wie wir in Zukunft Herausforderungen des Alltags bestehen können. Das allerdings setzt voraus, sich auf das Neue einzulassen - und auch einiges an technischem Verständnis aufzubringen. Denn wenn unsere Zukunft auch schöner, einfacher und besser werden sollte, einfach zu verstehen ist es nicht, wie die künftige Technik funktioniert.

Wärme zu Kälte.


Viele Innovationen stimmen sehr zuversichtlich: Da ist etwa die sogenannte "Absorptionskältemaschine". Sie soll in tropischen Regionen Wärme in Kälte umwandeln. Es handelt sich eigentlich um nichts anderes als einen Kühlschrank - nur wird er nicht durch Strom, sondern durch Wärme angetrieben. Laut Projektleiter Professor Rainer Braun von der Fachhochschule Gelsenkirchen gibt es bereits Interessenten aus Marokko, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Indien. Aber nicht nur in Gelsenkirchen wird versucht, drängende Probleme unserer Zeit durch Erfindergeist zu lösen. In Braunschweig und Bielefeld forschen Mikrobiologen und Biotechnologen an nützlichen Bakterien, mit denen man "voraussichtlich ab 2010" Ölteppiche in Gewässern auf natürliche Weise auflösen kann. In München tüftelt ein Team mit vielversprechenden Ergebnissen an biologisch abbaubarem Plastik. In Berlin entwickelt eine Forschergruppe des Instituts für Land- und Seeverkehr eine Segeltechnik, mit der man schneller als der Wind segeln soll. Am Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart ist ein Motor in Arbeit, der "Freikolbenlineargenerator" heißt und ab 2013 wahlweise mit Erdgas, Wasserstoff, Ethanol, Biodiesel oder Brennstoff aus Biomasse laufen soll. In Dresden arbeitet das Fraunhofer-Institut an Minikraftwerken aus Keramik, mit denen Handy und Laptop ihren Strombedarf ungefähr ab 2011 selbst decken sollen.

Die persönliche Pille.


Manche Projekte zeigen, dass das Zeitalter der Massenproduktion bald vorbei sein könnte. So arbeitet ein Team der Charité in Berlin an der "persönlichen Pille". Mithilfe von gentechnischen Tests soll schon im Voraus festgestellt werden, welche Medikamente bei einem Patienten wirken und welche nicht. Dadurch würde dem Patienten erspart, dass Ärzte - letztlich auf Kosten der Gesundheit - die richtige Medikation erst ausprobieren müssen. Stattdessen träfen sie nach sorgfältiger genetischer Prüfung mit einem Medikament genau ins Schwarze. "Die Vision der Wissenschaftler sieht so aus, dass Patienten eines Tages ein genau auf sie zugeschnittenes Medikament verabreicht bekommen: die ganz persönliche Pille in der individuell-adäquaten Dosierung." Das Pendant dazu in der industriellen Fertigung wäre das "5-Tage-Auto". Durch neue Strukturen in der Produktion sollen Autos "in Zukunft nur noch auf Bestellung" hergestellt werden. Die Massenproduktion soll durch eine flexible Fertigung ersetzt werden. Der Kunde kann sich dann sein Auto "frei nach Wunsch" aus verschiedenen Modulen zusammensetzen lassen. Das spart Lagerkosten und mindert die Risiken für den Handel. Denn der Kunde bekäme genau das Auto, "das er auch wirklich will".

Stauwarnung auf der Windschutzscheibe.


Auch unsere Wahrnehmung wird sich verändern. In nicht allzu ferner Zukunft werden durchsichtige Displays Verkehrsinformationen direkt auf der Windschutzscheibe anzeigen. Mittels Handzeichen werden wir mit einem Werbeplakat in Interaktion treten und wie auf einer Internetseite Informationen über ein Produkt abrufen. Mithilfe von 3-D-Projektionen können Architekten einem Kunden ein plastisches Raumerlebnis eines künftigen Bauwerks verschaffen - lange bevor die Bauarbeiter überhaupt mit ihrer Arbeit begonnen haben. Chirurgen erweitern ihren Horizont durch ein System, mit dem sie während einer Operation einen virtuellen Blick in den Körper ihres Patienten werfen können; so sind sie in der Lage, schwierige und gefährliche Operationen mit größerer Genauigkeit und Sicherheit durchzuführen.
Das Buch liefert einen eindrucksvollen Überblick über Innovationen aus deutschen Labors und Forschungsinstituten. Und lässt das Gejammer über die angeblich so lethargischen und innovationsfeindlichen Deutschen in anderem Licht erscheinen. Als Leser ist man am Ende jedenfalls so gesättigt mit Zukunftsvisionen, dass man Kaiser Wilhelm II. verstehen kann, der sich doch lieber wieder aufs Pferd setzen wollte. Nur wird es sein wie damals: Die Zukunft lässt sich nicht aufhalten, nur falsch einschätzen. Verändern wird sich aber das Maß unserer Abhängigkeit von Technik. Diese wird vermutlich derart wachsen, dass wir ohne Technik nahezu orientierungslos sein werden. Dafür könnten viele scheinbar unlösbare Probleme auf wundersame Weise verschwinden.

Sigmar von Blanckenburg ist freier Mitarbeiter bei changeX.

Theodor W. Hänsch (Hg.):
100 Produkte der Zukunft.
Wegweisende Ideen, die unser Leben verändern werden,

Econ Verlag, Berlin 2007,
255 Seiten, 24.90 Euro,
ISBN 978-3-430-20035-6
www.econ.de

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: 100 Produkte der Zukunft. . Wegweisende Ideen, die unser Leben verändern werden.. Econ Verlag, Berlin 1900, 255 Seiten, ISBN 978-3-430-20035-6

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Sigmar von Blanckenburg

Sigmar von Blanckenburg schreibt als freier Autor für changeX.

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