Krise? Ach was - Neues!
Warum wir die Krise als Chance sehen sollten - ein Gespräch mit Andreas Steinle.
Von Winfried Kretschmer
Umsatzeinbrüche, Pleiten, Kurzarbeit. Wie gebannt starren die Menschen auf die Zeichen der Krise. Sie sehen das Alte, das vergeht, nicht das Neue, das entsteht. Nicht die Chance, die in jeder Krise schlummert: Innovation, Neuorientierung. Wie wollen wir leben? Weiter in der Tretmühle? Was wollen wir produzieren? Weiter Sprit schluckende Monsterautos? Wie wollen wir uns begegnen? Weiter mit den Ellenbogen? Die Krise ist eine Phase der Besinnung auf das, was wir wirklich wollen. Und sie wird Innovationen anschieben, dort, wo es nottut: nachhaltige Technologie, Gesundheit, Bildung. / 14.01.09
Andreas SteinleAndreas Steinle, Diplom-Kommunikationswirt, ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Kelkheim/Frankfurt. Er verantwortet dort den Consulting-Bereich des Unternehmens und betreut nationale wie internationale Kunden in Strategie- und Innovationsprozessen.
Guten Tag Herr Steinle, beginnen wir mit Schumpeter: Der schrieb, die Wirtschaft zerstöre unaufhörlich die alte Struktur und schaffe unaufhörlich eine neue. In Krisen geschieht dies beschleunigt. Ist - oder wirkt - eine Krise kreativ?
Absolut. Krisen fördern Kreativität. Denn sie zwingen die Menschen, mit neuen Lösungen den gewachsenen Herausforderungen und Problemen zu begegnen. Sie zwingen zu Innovation und bergen damit immer auch besondere Chancen. In der Krise werden die Märkte neu verteilt. In der Krise werden diejenigen untergehen, die austauschbar sind, die schlechte Angebote machen, schlechte Produkte haben. Diejenigen aber, die Substanz haben, werden von der Krise beflügelt.
Nun verfallen alle in Angststarre, die Horrormeldungen häufen sich. Blicken wir zu sehr auf den ersten Teil der schumpeterschen Formulierung: die Zerstörung, die wir als Bedrohung empfinden, und zu wenig auf den zweiten: die Entstehung von Neuem?
In Deutschland sicherlich. Wir Deutschen lieben den Weltuntergang - und sind hinterher immer ganz überrascht, dass er doch nicht stattgefunden hat. Wir sind eine Nation der Pessimisten, der Skeptiker ...
... und hängen am Alten. Sollte man besser die Krise wirken lassen, anstatt mit staatlichen Rettungspaketen alte, nicht innovative, letztlich gescheiterte Industrien künstlich am Leben zu erhalten?
Ja. Was zum Untergang verdammt ist, das wird man nicht retten können. Jede künstliche Stützung verlängert nur das Leiden. Natürlich kann man Dinge nicht einfach sterben lassen - hier kommt der zweite Punkt zum Zuge: Man muss die Perspektive einer Neuerfindung entwickeln. Auch hier kann eine Krise heilsam sein. Denn sie zeigt: Es ist normal, dass man sich immer wieder neu erfinden muss. Denn wir werden immer Krisen haben.
Und wenn jetzt jemand denkt: "Schon wieder die Zwangsoptimisten vom Zukunftsinstitut!" Was sagen Sie dann?
Dass es eine ganz wichtige Aufgabe ist, auf die Chancen hinzuweisen. Denn Wirtschaft ist in starkem Maße Psychologie. Wenn alle sich sagen, wie schlecht es wird, dann wird es tatsächlich schlecht. Wenn man das weiß, dann ist man zum Optimismus verpflichtet. Denn Optimismus hilft einer Wirtschaft, sich aus der Krise zu befreien, hilft, mit Unternehmergeist die Probleme anzugehen. Aber wir propagieren keinen naiven Optimismus. Sondern einen skeptischen, einen kritischen Optimismus.
Die Wurzeln der Krise liegen im Überschwang der Zeit davor. Braucht es eine gute Portion Zerstörung, wenn die Behäbigkeit und die Trägheit in einer Wirtschaft zu groß geworden sind?
Allen Krisen geht eine Phase des Booms voraus. Aber in diesen Phasen der Euphorie und des Überoptimismus werden wichtige Infrastrukturen für zukünftige Geschäftsmodelle geschaffen. Denken Sie an die Eisenbahn, die Verkehrswege oder - wenn wir noch weiter zurückschauen - die Tulpenblase in Holland. Damals wurde aberwitzig viel Geld für Tulpenzwiebeln ausgegeben, aber es wurde auch eine Infrastruktur geschaffen: Man hat sich das Wissen angeeignet, Blumen zu züchten und zu vermarkten - und heute ist Holland weltweit im Blumenexport führend. Nicht anders war es bei der New Economy, der jüngst zurückliegenden Blase. Damals wurden immense Summen in den Datenverkehr investiert - das aber ist die Infrastruktur, auf der heute die Geschäfte von Google, Amazon und so weiter basieren. Damit haben Blasen letztlich auch ihr Gutes.
Worauf ich hinauswollte: Im Boom ist gutes Geld leicht verdient. Doch wenn zu gut verdient wird, hemmt das die Innovation und steigert die Gier, das Verlangen nach mehr.
Ja, das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Wenn es leicht ist, Geld zu verdienen, dann macht man sich nicht die Mühe, den schwierigeren, steinigeren Weg zu gehen und über Innovationen das Geschäft neu zu erfinden. Ein Stück weit trifft das auf die Autoindustrie zu. Man hat lange Zeit zu gut daran verdient, Sprit schluckende Monstercars nach Asien und nach Russland und sonst wohin in die Welt zu verkaufen. Doch wenn man so prächtig verdient, dann nimmt man nicht das Geld in die Hand, um kleine Elektroautos zu erfinden. Denn man hat ja Erfolg! Aber der Erfolg macht blind.
Werden wir jetzt die gegenteilige Entwicklung erleben? Mehr Innovationen und vielleicht auch mehr Bescheidenheit?
Ja, auf jeden Fall mehr Bescheidenheit. Krisen sind immer Phasen der Besinnung. Man fragt sich: Was ist wirklich wichtig? Was zählt? Das ist meist auch verbunden mit einer Zurückhaltung im Konsum, nicht unbedingt aus Geiz oder Enthaltung, sondern als eine Form der Besinnung: Brauche ich den ganzen Plunder? Habe ich nicht mehr davon, wenn ich mir gleich ein gutes Produkt kaufe? So fördert die Krise durchaus auch den Wunsch nach Substanz, nach guten Produkten und Angeboten.
Jetzt werden wir mal konkret: Was empfehlen Sie Unternehmen als Strategie in der Krise?
Die meisten Unternehmen müssen sparen, denn die Umsätze und die Gewinne gehen zurück. Viele Unternehmen aber haben ihre Innovationsausgaben an den Umsatz gekoppelt, und das ist gefährlich. Das Gefährlichste aber ist, die Innovationsausgaben zu kürzen. Denn die sind das Einzige, was die Unternehmen wieder aus der Krise herausführen kann. Sparen ist sicherlich notwendig, aber anderswo, keinesfalls an Forschung, Entwicklung und Innovation.
Ein zweiter Punkt sind Allianzen und Kooperationen. Also sich zusammenzuschließen, wenn man nicht die Mittel hat, alles alleine zu machen. Wir werden in der Automobilindustrie mehr Kooperationen haben, weil der Innovationsbedarf von einem Unternehmen alleine nicht getragen werden kann. Unternehmen sollten sich fragen: Wo kann ich kooperieren, wo kann ich mich mit anderen zusammentun und Allianzen schließen?
Der dritte Punkt ist: Über Innovation nachdenken. Für den Kunden Lösungen entwickeln, die ihm das Leben erleichtern. Oftmals sind Unternehmen noch sehr in ihrer Branche gefangen und bieten perfekte Lösungen in ihrem kleinen Spezialbereich, obwohl die Kunden eigentlich ganzheitliche Lösungen haben wollen. Beispiel Waschmittel: Hier investieren die Hersteller Millionen, damit das Waschmittel noch weißer wäscht. Aber das ist gar nicht das Problem der Menschen. Ihr Problem ist, dass sie kaum Zeit haben, Wäsche zu waschen. Alle leiden unter Zeitnot, haben immer weniger Zeit für Haushaltsarbeiten. Hier setzt zum Beispiel die Firma Clean Box an, die deutschlandweit einen Wäscheservice aufbaut, bei dem man via Internet bestimmen kann, wo die Wäsche - vom Logistikpartner DHL - abgeholt und wieder zurückgebracht wird. Das ist eine ganzheitliche Lösung, die den Menschen wirklich weiterhilft. Das Outsourcing von Alltagsarbeiten ist sicherlich ein Wachstumsmarkt.
Wobei das Geld für die Dienstleistungen erst einmal verdient sein muss.
Natürlich, aber es ist ja nicht so, dass nicht Millionen von Menschen auch in dieser Krisenzeit ihren gut bezahlten Job hätten. Und sicherlich gerne so einen Service nutzen.
Alltagsdienstleistungen sind ein Bereich. In welchen Bereichen unserer Wirtschaft wird die Innovationsmusik vor allem aufspielen?
Ich sehe da zwei, drei große Märkte. Zum einen Ökologie und Nachhaltigkeit - ganz einfach, weil das auch mit ökonomischen Vorteilen verbunden ist. So bietet die Firma Loewe, die im Krisenjahr 2008 stark in Umsatz und Gewinn wachsen konnte, ein Fernsehgerät, das sich dank innovativer Technologie an die Lichtverhältnisse anpasst und bis zu 50 Prozent der Energiekosten spart. Das sind intelligente Produkte, die in die heutige Zeit passen! Und die Nachfrage nach hochwertigen, ressourcenschonenden und nachhaltigen Produkten wird weiter wachsen. Auch im Bereich der Finanzwirtschaft wächst die Zahl nachhaltiger Fonds weiterhin stark.
Ein anderer Bereich ist der Gesundheitssektor. In Zeiten der Krise besinnen sich die Menschen wieder auf ihren Körper, auf ihre Gesundheit. In Boomzeiten stecken alle im Hamsterrad, sind unendlich beschäftigt. Die Zeit der Entschleunigung, die eine Krise mit sich bringt, bietet dann die Chance, mehr Sport zu treiben und sich stärker um seinen Körper zu kümmern. Davon profitieren die Gesundheitsanbieter, die Fitnesscenter und Wellnessanbieter, aber auch manche Pharmafirma.
Ein weiterer Wachstumssektor - und das ist sehr sinnvoll - ist der Bildungsbereich. Wer mehr Zeit hat, sollte diese Zeit effektiv nutzen, um sich weiterzubilden und an seinen Talenten zu arbeiten. Davon können Weiterbildungsinstitute und die gesamte Ratgeberliteratur profitieren. Bildung, Gesundheit, Nachhaltigkeit - das sind drei große Krisengewinner.
Welche langfristigen Entwicklungstrends werden durch die Krise eher gestärkt oder beschleunigt werden?
Mit Sicherheit die weitere Pluralisierung der Biografie. Die Menschen erfahren und lernen, dass Umbrüche in ihrer Biografie normaler werden. Phasen der Weiterbildung, Phasen der Selbständigkeit und Phasen des Angestelltendaseins wechseln einander ab. Daran gewöhnen wir uns zunehmend. Und darin liegt auch die Chance, eine Krise nicht gleich als Untergang zu begreifen. Sondern die Zeit produktiv zu nutzen für etwas, das man schon immer mal machen wollte: sich weiterbilden, ein Buch schreiben, an der Doktorarbeit weiterbasteln zum Beispiel. Früher war ein Jobverlust immer gleich Weltuntergang, heute kann man diese Situation eher produktiv nutzen. Aber das erfordert natürlich ein gewisses Umdenken und ein anderes Selbstverständnis.
lso diesen Perspektivwechsel, in der Krise auch einer Chance zu erblicken, für sich persönlich umzusetzen?
Ganz genau. Biografische Brüche produktiv zu nutzen ist ein klarer soziokultureller Trend. Natürlich erfordert das finanzielle Ressourcen. Aber wir werden lernen zu haushalten. Also in guten Zeiten vorzusorgen und in schlechten Zeiten zu investieren: in seine Talente und in seine Weiterbildung.
Den Zwangsoptimisten hatte ich Ihnen ja schon vorgehalten. Ein zweiter Vorwurf: Ist es nicht zynisch, wenn Sie die Krise als Chance preisen? Was sagen Sie denen, die ihren Arbeitsplatz verlieren?
Es ist überhaupt nicht zynisch gemeint - nur liegt darin die einzige Chance. Wenn man sich vorsagt, wie schlimm alles ist, wird es einem nicht leichter fallen, eine Lösung zu finden. Ein kritischer Optimismus zeigt, dass nicht alles düster ist. Zum Beispiel gibt es einen zweiten soziokulturellen Trend, der in Krisenzeiten gestärkt wird: die gesellschaftliche Solidarität. Wir sehen, dass in unserer Gesellschaft durchaus das Bedürfnis nach und die Bereitschaft zu Solidarität vorhanden ist. Familie, Freunde und Netzwerke können in Krisensituationen Halt geben und gewinnen an Bedeutung. Und es können neue Formen der Solidarität entstehen. Dazu bietet unsere heutige Gesellschaft mehr Chancen. Man kann in Netzwerken aktiv sein, sich Initiativen anschließen, sich über die Mitarbeit dort vielleicht auch neue Perspektiven erschließen. Eine gesteigerte gesellschaftliche Solidarität kann auf der menschlichen Seite eine Krise abmildern.
Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer bei changeX.
Zum Thema erscheint in Kürze eine Broschüre des Zukunftsinstituts:
Zukunftsinstitut GmbH (Hg.):
Strategien für Zukunftsmacher.
Die Krise als Chance nutzen.
Acht Beiträge von Experten des Zukunftsinstituts.

Kelkheim, Januar 2009,
55 Seiten, ca. 60 Euro.
Zu beziehen ab 21. Januar unter www.zukunftsinstitut.de/verlag.
© changeX [14.01.2009] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

Zitate


"Krisen fördern Kreativität. Denn sie zwingen die Menschen, mit neuen Lösungen den gewachsenen Herausforderungen und Problemen zu begegnen." Andreas Steinle im Interview mit changeX

 

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Winfried Kretschmer
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Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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