Unser Buch des Jahres

Die changeX-Jury kürt die besten Bücher des Jahres

Mit einem Treppchen statt einer langen Bestenliste präsentiert sich die Wahl zum changeX-Buch des Jahres. Mit einem klaren Sieger und einem ebenso klaren Platz zwei. Nur auf Platz drei gibt es Gedrängel: mit einer wuchtigen Kontrastierung zweier wichtiger Bücher. Bitte sehr!

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14 Jahre changeX, zwölfmal die Bücher des Jahres - unser Oscar für die besten Vordenker, Durchdenker, Andersdenker auf dem Buchmarkt gehört inzwischen zu uns wie die Zimtsterne auf dem Adventsteller. Und doch, oder gerade deshalb, haben wir uns gefragt: Stimmt das Format noch? Geht es besser, spannender, interessanter? Braucht der Preis einen neuen Zuschnitt? 

Unser Ergebnis: Keine Top-11-Jahresbestenliste wie in den vergangenen Jahren, sondern eine klare Entscheidung fürs Treppchen. Gold, Silber, Bronze. Und eine wirkliche Jury, die abwägt, wertet und diskutiert. Mithin eine Abkehr vom Zahlenspiel. Nicht derjenige gewinnt, der in der Summe der Einzelvoten numerisch vorne liegt, sondern Sieger wird, wer in einer abschließenden inhaltlichen Diskussionsrunde via Skype überzeugt. Qualität vor Quantität. Keine im Redaktionstopf gekochte Mehrfruchtmarmelade. Sondern kollaborative Wahl vor individuellem Abwägen in der Denkerstube.  

Nicht zuletzt eine Jury, die unsere bewährten Stammautoren um Querdenker von außen ergänzt. Wir haben Detlef Gürtler, Chefredakteur des Schweizer Zukunftsmagazins GDI Impuls, und Holm Friebe, digitaler Vordenker und Gründer der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin, mit ins Boot geholt: Was sind für euch die Highlights 2014?  

Schnell war klar: Das Buch des Jahres kommt dieses Jahr nicht aus der Managementliteratur. Und auch nicht aus der wachsenden Zahl der den Managementansatz dekonstruierenden und transzendierenden Titel. Nicht weil es hier keine hervorragenden Bücher gegeben hätte. Sondern weil uns Ende 2014 etwas anderes wichtig erscheint: Heute geht es um mehr, um Größeres. Der digitale Wandel beschleunigt sich, wir stehen mitten in einer fundamentalen Umwälzung unserer Gesellschaft, unseres Lebens, unseres Arbeitens. Das ist die Herausforderung. Sie verlangt nach einem zeitdiagnostischen Blick und (mehr noch) nach Antworten, die sich nicht auf Detailfragen kaprizieren, sondern den Entwurf eines neuen Zusammenhangs wagen, eine Neukonfiguration von Leben und Arbeiten. Hier bündelten sich denn auch die Sympathien im Jurorenkreis: Der digitale Wandel passiert uns - Gestaltungsmöglichkeiten zu finden, darauf kommt es an!


Dark Horse: Thank God it’s Monday!


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Unser Buch des Jahres: Dark Horse: Thank God it’s Monday! Dark Horse zeigt konkret, knackig, lebensnah, wie wir unsere Arbeit selbst gestalten können - ebenso wie die Unternehmen, in denen wir arbeiten. Dark Horse demonstriert damit zugleich, welchen Weg Unternehmen gehen könnten, um in der digitalen Zukunft zu bestehen - indem sie sich und Arbeit neu organisieren. Das Autorenkollektiv tut das mitreißend und in einer mehrdimensionalen Perspektive.  

Die 30 Gründer und Chefs der Berliner Start-ups liefern nicht nur ein kristallklares Selbstzeugnis der Generation Y als Avantgarde. Sie präsentieren auch ein bis in die Spitzen ausgefeiltes Konzept, professionelle Unternehmen hierarchiefrei zu gestalten. Mit sozialer Mikroinnovation und ohne ermüdende Wollsocken-Basisdemokratie. Wie man den Kreis quadriert, erklärt das Dark-Horse-Kollektiv schmissig, klug und praxiserprobt. Und demonstriert dabei nebenher sogar, wie man kollaborativ ein gutes Buch schreibt. Nicht zuletzt: selbst schreibt. Eine verteufelt kluge Anregung zum Weiterdenken und Selberhandeln. Ein Buch wie geschaffen für unsere Themen, unsere Leser, unsere Zukunft. Deshalb unser Buch des Jahres.


Christoph Kucklick mit Die granulare Gesellschaft


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Platz zwei: Christoph Kucklick mit Die granulare Gesellschaft. Eine Menschheitszäsur, so wichtig wie die Erfindung der Sprache, der Schrift, des Buchdrucks - nicht mehr und nicht weniger ist für Christoph Kucklick die Digitalisierung unserer Welt. Das ist nicht neu. Sondern von Denkern der Systemtheorie, allen voran Dirk Baecker, bereits als Big Picture entworfen. Überzeugt hat uns der Detailblick: Die Digitalisierung zerlegt unsere Realität in granulare Brösel, zerrieben und hoch aufgelöst bis zur Unkenntlichkeit. Ein neuer Aggregatzustand, in dem wir uns und diese Welt neu zusammensetzen müssen.  

Beeindruckt hat uns beides: Die originelle Perspektive, die das Granulare, die Feinauflösung, als veränderndes  Wesensmerkmal der Digitalisierung ausmacht, ebenso wie die Treffsicherheit, mit der Kucklick dieses Denkmodell konsequent durchdekliniert. Durchsetzen wird sich der Begriff "granulare Gesellschaft" vermutlich nicht, denn er integriert nur die Atomisierung, nicht aber die Forderung nach Neumodellierung dieses Zustandes. Doch der Denkanstoß sitzt: kühl, kritisch, analytisch, fernab feuilletonistischer Jammerkultur. Ein Must-read in diesem Jahr.


Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft versus The Second Machine Age


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Auf Platz drei eine Doppelbesetzung. Wir stellen zwei Bücher einander gegenüber, die sich in ihrer Einschätzung der technischen Entwicklung fundamental unterscheiden: Jeremy Rifkin mit Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft und Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee mit The Second Machine Age. Heilserwartung versus Alarmismus, Optimismus versus Realismus - gleichviel, wo man seinen eigenen Erregungspegel einjustiert, diesen mächtigen Gegensatz muss im Blick haben, wer Zukunft ermessen will.  

Die These: Die Technik macht alles gut. Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut, Rückzug des Kapitalismus - Jeremy Rifkin, nach wie vor einer der bedeutendsten Gesellschaftstheoretiker unserer Zeit, bastelt die Koordinaten der neuen Zeit zu einem optimistischen Bild zusammen. In der Null-Grenzkosten-Gesellschaft schafft uns der technische und soziale Fortschritt so viel Überfluss, dass die Knappheit, seit Anbeginn der Evolution unser ständiger Begleiter, abgeschafft wird - und zugleich das Problem des Klimawandels gelöst. So viel Optimismus war selten.  

Die Antithese: Die Technik hat ihre wohlstandsmehrende Wirkung eingebüßt, zumindest was den gesellschaftlichen Durchschnitt betrifft; das Gefälle in der Wohlstandsverteilung wächst. Sagen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, die beiden Technotheoretiker vom MIT. Der technologische Fortschritt galoppiert davon. Und lässt jene im Staub zurück, deren Jobs Computer und Roboter besser, schneller und billiger erledigen können. Produktivität und technischer Fortschritt haben sich entkoppelt, die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Gewinnern und Verlierern wächst, Wohlstand verteilt sich neu. Zusammengenommen eine Wucht: die technologische Entwicklung - und damit unsere gesellschaftliche Zukunft - in einer ausdrucksstarken, aber dennoch detailreichen Alternative.


Fazit


Das waren also die Titel, die uns im zurückliegenden Jahr am meisten beeindruckt haben. Wir können nur empfehlen: selber lesen!


changeX 16.12.2014. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

Ausgewählte Beiträge zum Thema

Unsere Shortlist

Die Nominierungsliste für die Wahl zum changeX-Buch des Jahres 2014 zur Shortlist

Autor

Jury Buch des Jahres 2014
Jury Buch des Jahres 2014

Das Buch des Jahres wählten: Detlef Gürtler, Chefredakteur des Schweizer Zukunftsmagazins GDI Impuls, und Holm Friebe, digitaler Vordenker und Gründer der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin, gehörten als externe Mitglieder der Jury an. Sie ergänzten das Team der bewährten changeX-Stammautoren Jost Burger, Dominik Fehrmann, Anja Dilk und Heike Littger um changeX-Chefredakteur Winfried Kretschmer.

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