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Lernen - immer und überall

Neues Lernen für eine neue Generation
Essay: Nora S. Stampfl

Sie heißen Babbel, Duolingo, Leyo!, Lingue, Vocabla, Yousician. Apps. Was sie verbindet: Lernen. Es sind Lerntools, die eine neue Form des Lernens realisieren: online, mobil, selbstbestimmt und in kleinen Lernhäppchen. Egal um welche Lerninhalte es geht - Sprachen, Lesen, Buchstaben, Noten, Instrumente, Autofahren oder einfach die Uhr -, die neue Art des Lernens ist auf dem Vormarsch. Und wird unsere gewohnten Lernwelten radikal umkrempeln. Ein Ausblick.

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Die unterschiedlichsten Etikettierungen werden den nachwachsenden jungen Generationen - Generation Y und Z, die Digital Natives oder Millennials - aufgedrückt und die unterschiedlichsten Charakteristika ihnen zugeschrieben. Zurzeit erleben wir, wie mit der sogenannten Generation Y eine Generation in das Arbeitsleben eintritt, die ganz andere Anforderungen an Lernen und die persönliche Weiterentwicklung mitbringt als die Generationen zuvor. Weil die Generation Y, also alle ab den 1980er-Jahren Geborenen, bereits im Jahr 2020 die Hälfte der Arbeitnehmer in Deutschland stellen wird, werden Unternehmen das Thema Weiterbildung grundsätzlich neu denken müssen. Denn für die junge Generation spielt Bildung eine zentrale Rolle. Für sie ist es selbstverständlich, neugierig zu bleiben und kontinuierlich dazuzulernen. Die junge Generation weiß nur zu gut, dass eine "Ausbildung" nicht mehr das gesamte Berufsleben über hält.  

Die Folgen: Einerseits verschafft der stetige Wissensaufbau größere Flexibilität und Autonomie, andererseits wird Karriere anders definiert. Es geht nicht mehr um das Erklimmen der Karriereleiter, sondern um persönliche Weiterentwicklung. Man sucht erfüllende Tätigkeiten, Teilhabe und Möglichkeiten der Mitgestaltung. Arbeit ist nicht mehr einzig Mittel zum Geldverdienen, sondern soll Sinn stiften. Dabei spielen für die mit Netzwerktechnologien ganz selbstverständlich aufgewachsene junge Generation Vernetzung und Kollaboration eine zentrale Rolle. Das Teilen und der Austausch in sozialen Netzwerken zählen zum gewohnten Umgang. Mit dem schnelllebigen Internet aufgewachsen, sind der Sofortzugriff auf Informationen, der Austausch mit Gleichgesinnten sowie sofortige Befriedigung von Wünschen und unmittelbares Feedback selbstverständlich.  

Das digitale Leben formt auch, wie die junge Generation arbeitet und lernt: Man bewältigt die Flut an Inhalten, indem man von Aufgabe zu Aufgabe hüpft, ohne sich irgendwo allzu lange aufzuhalten. Der moderne Wissensarbeiter mit Internetzugang ist heute zu einer Art von Kommunikation gezwungen, für die die Autorin und Beraterin Linda Stone den Begriff "Continuous Partial Attention" (CPA) geprägt hat. Die Logik der neuen Medien zwingt zu einer "ständig geteilten Aufmerksamkeit", um mehrere Informations- und Kommunikationsstränge gleichzeitig zu verfolgen. 

Weil die nachwachsende junge Generation Weiterbildung als nicht wegzudenkenden Teil ihrer Lebensplanung betrachtet und weil die dynamische Unternehmensumwelt kein Ende des Lernens mehr kennt, dürfen Unternehmen sich nicht länger auf eine einmal "abgeschlossene Ausbildung" verlassen, sondern müssen Lernen und Bildung stärker in die eigene Hand nehmen und eine entsprechende Lern- und Wissenskultur etablieren. Der Weg zu lebenslangem Lernen führt künftig über das Design von Lernerfahrungen, die sich im Wesentlichen durch folgende Eckpunkte umreißen lassen: Mobile Learning, Social Learning, Micro Learning und Game Based Learning.


Mobile Learning: mobil, situativ und passgenau verfügbare Lernangebote


Immer mehr Interaktionen unseres täglichen Lebens finden über mobiles Internet und mobile Endgeräte statt. Insbesondere der jungen Generation ist der Griff zum Smartphone eine Selbstverständlichkeit, wenn es um das Stopfen von Informationslücken und Organisieren von Alltagsdingen geht. Entscheidend ist: Mithilfe mobiler Technologie kann Lernen "mitgenommen" werden, es ist nicht länger an feste Zeiten und Orte gebunden, sondern begleitet uns immerzu. Mit der ubiquitären Verfügbarkeit von Informationen gelingt es, Lernen zu kontextualisieren: Auf Lerninhalte kann dann zugegriffen werden, wenn sie gerade benötigt werden. Dies trägt auch der Vorliebe der Generation Y für "Instant Gratification" Rechnung: Immer schon haben die mit dem Internet aufgewachsenen jungen Menschen Antworten und Feedback unmittelbar ohne Zeitaufschub erhalten.  

Neben der Anwendung mobilen Lernens in formellen Lernkontexten rückt das Konzept auch stärker Lernprozesse außerhalb formaler Strukturen ins Blickfeld. Informelles Lernen durch die Möglichkeit, mobil Informationen abzurufen und sich mit anderen auszutauschen, führt zu einer Entgrenzung des Lernens. Lernen geschieht beiläufig, ohne bestimmte Lernziele zu verfolgen. Mobile Learning unterstützt zudem situiertes Lernen, das nicht auf abstrakte Inhalte zielt, sondern die authentischen Aktivitäten der Lernenden unterstützt, um so Problemsituationen zu bewältigen.  


Doch reicht es für die praktische Umsetzung von Mobile Learning keinesfalls aus, althergebrachtes E-Learning einfach auf portable Geräte zu übertragen. Denn es geht um mehr als bloß ein neues Medium - Mobile Learning wandelt den gesamten Lernprozess, bringt ihn in neue Umgebungen, lässt ihn mit neuen Zeitbezügen ablaufen und gestaltet ihn beiläufig, integriert ihn in andere Tätigkeiten. Das volle Potenzial wird in vielen Fällen noch nicht ausgeschöpft, wenn Unternehmen heute etwa Lerninhalte für mobile Geräte anbieten, um der Mobilität von Mitarbeitern Rechnung zu tragen.


Social Learning: Lernende als aktive Teilhaber im Lernprozess



Lernen ist in unserer vernetzten Zeit keine einsame Angelegenheit mehr. Es findet immer öfter in Gemeinschaften statt. Dabei nutzt Social Learning heute die vielfältigen Möglichkeiten von Social Media Tools und ergänzt das traditionelle Offline-Lernen um partizipatives und kollaboratives Lernen in Online-Netzwerken. Auf Facebook, Xing, Twitter oder YouTube erzeugen Nutzer mediale Inhalte jeglicher Art, treten mit anderen in Kontakt und tauschen sich aus. Diese neuen Gemeinschaften im Internet mit allen damit verbundenen Verhaltensweisen - "Teilen" - sind der Generation Y wohlvertraut und völlig selbstverständlich. Daher wird sich für sie auch Lernen mehr und mehr in solchen Settings abspielen. Social Learning ist freilich eher Ausdruck gelebter Unternehmenskultur denn ein Prozess oder Programm, das sich beschließen und sodann ausführen ließe. Die Krux mit Social Learning ist daher, dass es sich nicht einfach implementieren lässt. Social Learning kann nicht von oben verordnet und nicht von Mitarbeitern absolviert werden.  

Ohnehin hat ein Großteil des Lernens immer schon abseits formeller Curricula, etwa durch unmittelbare Erfahrungen am Arbeitsplatz, durch den Austausch mit anderen stattgefunden. Um sich dies zunutze zu machen, führen Unternehmen Kommunikations- und Kollaborationsplattformen ein, die schnellen, unkomplizierten Austausch unterstützen und für Informationszirkulation sorgen - und den veränderten Informations- und Kommunikationsgewohnheiten insbesondere einer jungen Generation entgegenkommen sollen. Denn diese Generation nutzt heute soziale Medien, um sich über neue Entwicklungen zu informieren (zum Beispiel Twitter, RSS Feeds), um Informationen einzuholen (zum Beispiel Slideshare), um sich mit anderen zu vernetzen (zum Beispiel Xing, Facebook) oder um schnelle Antworten und Lösungen zu erhalten (zum Beispiel YouTube, Wikipedia).


Micro Learning: Kleinste Lerneinheiten ermöglichen Lernen im Alltag



Weil junge Lernende heute stets Prosumer - Produzenten als auch Konsumenten von Inhalt - sind und digitale Technologien die Entstehung von nutzergenerierten Inhalten vereinfachen, ist heute ein Trend zu Mikroformaten zu beobachten: Diese bestehen in kurzer, einfach verständlicher und gezielter Information in Form von Podcasts, Blogposts, Wiki-Einträgen oder Kurznachrichten, die auf Facebook oder Twitter allgegenwärtig sind. Mikrolernen schöpft aus dieser Inhaltsflut, die die Bausteine für neue Formen des impliziten, informellen und beiläufigen Lernens bereitstellt und damit dem Erfordernis nach Informationsbefriedigung im "Hier und Jetzt" entspricht.  

Insbesondere für die junge Generation hat sich das Internet als vorrangige Informationsquelle etabliert. Das Web wird von den Lernenden eigenständig angesteuert und zu "Lernmaterial" transformiert. Dabei können kleine Lernhäppchen, sogenannte "Learning Nuggets", die sich jeweils auf eine klar abgegrenzte Fragestellung richten, abseits formeller Lernstrukturen selbst organisiert konsumiert werden, und zwar exakt dann, wenn sie benötigt werden. Mikrolernen ermöglicht auf diese Weise nicht nur die unterbrechungsfreie Integration von Lernaktivitäten in den Alltag, sondern auch individuell zugeschnittene Lernlösungen.


Game Based Learning: Lernen nach dem Erfolgsmuster von Spielen



Videospiele entwickeln sich immer mehr zum prägenden Medium unserer Zeit und spielen eine wachsende Rolle in der Wissens- und Kulturvermittlung. Weil die Generation Y mit Videospielen aufgewachsen ist, sind ihr die Prinzipien dieses Mediums wohlvertraut. Vielfach werden die spezifischen Funktionsweisen von Spielen sogar in anderen Lebensbereichen vorausgesetzt. Game Based Learning und Serious Games versuchen, das "Erfolgsrezept" von Spielen, also jene Prinzipien, die Spiele unterhaltsam und motivierend gestalten, auf Lern- und Arbeitsprozesse zu übertragen.  

Auf unterschiedlichste Weise können Lernszenarien mit Spielprinzipien angereichert werden: Entweder werden bloß einzelne Spielmechanismen (zum Beispiel Punkte, Badges, Fortschrittsanzeige) integriert, Spiele oder einzelne Spielsequenzen in eine Lernsituation eingebettet, Lernaufgaben in ein Spiel eingefügt, oder eine gesamte Lernveranstaltung wird als Spiel inszeniert. Spielerische Herangehensweisen an die Gestaltung von Lernsituationen fördern nicht nur die Motivation und tragen dem Lernenden eine aktivere Rolle zu, darüber hinaus bieten Spiele Räume für Probehandeln, in denen eine aktive, aber risikolose Erprobung von Fähigkeiten und Kenntnissen möglich ist. Durch die Möglichkeit der Simulation können Spiele zudem das Verständnis komplexer Zusammenhänge fördern.


Individueller Mash-up an Lerninhalten


Die Ausrichtung der Lernaktivitäten an den Prinzipien von Mobile, Social, Micro und Game Based Learning bringt eine völlig neue Herangehensweise an Lernen hervor. Weil sich jeder Lernende selbst organisiert und entsprechend den eigenen Lernbedürfnissen seinen individuellen Mash-up an Lerninhalten zusammenstellt, geht es beim Design von Lernerfahrungen künftig stärker um die Gestaltung stimulierender Lernumgebungen denn um das Erstellen von Kursen, die exakte Planung von Lernsequenzen und Instruktion. Für die berufliche Bildung bedeutet dieser Wandel eine Neudefinition der Rolle der Personalentwicklung. Um den Anforderungen der jungen Lernenden gerecht zu werden und das Potenzial der neuen Lernmodi zu heben, darf nicht länger Wissensvermittlung im Mittelpunkt stehen. Vielmehr muss die Aufgabe jeder Personalentwicklung darin gesehen werden, Lernende zu ermächtigen, sich als aktive Koproduzenten von Inhalten zu betätigen und sich in einen regen Austausch mit anderen einzulassen.  

Fazit und Ausblick: Nie war lebenslanges Lernen dringlicher als heute. Spätestens mit dem Einzug einer Generation, die Bildung als Altersvorsorge und Weiterbildung als Wohlfühlfaktor sieht, müssen Unternehmen umdenken. Völlig selbstverständlich greift die nachwachsende Generation auf neue Technologien und neue Lernmodi zurück. Die Konsequenz: Es braucht eine veränderte Lern- und Wissenskultur in Unternehmen.  


Mit der Neuerfindung von Corporate Learning beschäftigt sich ein weiterer Beitrag der Autorin, der kommende Woche erscheint.


Zitate


"Für die junge Generation spielt Bildung eine zentrale Rolle. Für sie ist es selbstverständlich, neugierig zu bleiben und kontinuierlich dazuzulernen." Nora S. Stampfl: Lernen - immer und überall

"Die junge Generation weiß nur zu gut, dass eine ‚Ausbildung‘ nicht mehr das gesamte Berufsleben über hält." Nora S. Stampfl: Lernen - immer und überall

"Mithilfe mobiler Technologie kann Lernen 'mitgenommen' werden, es ist nicht länger an feste Zeiten und Orte gebunden, sondern begleitet uns immerzu." Nora S. Stampfl: Lernen - immer und überall

"Mobile Learning wandelt den gesamten Lernprozess, bringt ihn in neue Umgebungen, lässt ihn mit neuen Zeitbezügen ablaufen und gestaltet ihn beiläufig, integriert ihn in andere Tätigkeiten." Nora S. Stampfl: Lernen - immer und überall

 

changeX 22.04.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

Autorin

Nora S. Stampfl
Stampfl

Nora S. Stampfl studierte Wirtschaftswissenschaften in Österreich (Mag. rer. soc. oec.) und den USA (MBA). Sie arbeitet als Unternehmensberaterin und Zukunftsforscherin in Berlin. Den Arbeitsschwerpunkten strategische Unternehmensführung, gesellschaftlicher Wandel und Zukunftsfragen widmet sie sich auch als Autorin.

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