Blumenstrauß an Programmen

Ideen für Geflüchtete 18: das Bündnis Hochschule ohne Grenzen
Text: Winfried Kretschmer

Die Aufnahme und Integration zahlreicher Geflüchteter verlangt neue Ideen, neue Lösungen und neue Wege. Kurz: soziale Innovationen. changeX trägt die besten Ideen zusammen. Folge 18: das Bündnis Hochschule ohne Grenzen an der Leuphana Universität Lüneburg will Geflüchteten den Weg zu einem Studium ebnen.

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Das Problem: Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Die etablierten Bildungseinrichtungen sind jedoch nicht auf die neue Zielgruppe der Geflüchteten eingestellt. Denn diese bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen und Qualifikationen mit, sprachlich wie fachlich. Das verlangt individuelle Betreuung und Qualifizierung statt normierter Studiengänge. 


Die Idee: Ein Bündnis unterschiedlicher Organisationen an der Leuphana Universität Lüneburg hat eine Palette von Studien- und Sprachprogrammen entwickelt, die Geflüchtete in die Lage versetzen sollen, ein Studium an einer deutschen Universität aufzunehmen und zu absolvieren. Geflüchtete nehmen an Veranstaltungen auf dem Campus teil und lernen Deutsch. Dabei erhalten sie Beratung und werden von Studierenden als "Buddy" unterstützt, die ihnen helfen, sich an der Uni zurechtzufinden.  


Konzept und Umsetzung: Begonnen hat alles im März 2015. Damals entstand die Idee, das Gasthörerprogramm der Universität für Geflüchtete zu öffnen. Denn als Gasthörer haben sie einen universitären Status und können universitäre Einrichtungen wie die Mensa nutzen. Die Initiatoren der Aktion: der damalige AStA-Sprecher, zwei Lehrende, die in der Willkommensinitiative an der Universität aktiv waren, und Tom Schmidt, Student an der Leuphana-Universität und heute Sprecher des Bündnisses. Das war der erste Schritt. Hinzu kam der Gedanke, auch die universitären Sprachkurse zu öffnen. 

Das aber ging nicht ohne Reibungen. Unterschiedliche Akteure wollten mit ihren unterschiedlichen Interessen berücksichtigt sein. Kooperation war gefragt, neue Lehrkapazitäten mussten geschaffen werden. Nach und nach wuchs ein loser Zusammenschluss mit unterschiedlichen Beteiligten. "Dieses Bündnis ist eher organisch entstanden, aus der Notwendigkeit der Zusammenarbeit und den ersten Erfolgen heraus", erinnert sich Tom Schmidt.  

Nach und nach entstand ein Programm mit unterschiedlichen, aufeinander abgestimmten Lerneinheiten. "Der Grundgedanke hinter unserem Bündnis ist, die diversen Studien- und Sprachprogramme über eine Organisation der Diversität, über ein Stakeholder-Prinzip zu entwickeln. Wir bauen mit den unterschiedlichen Organisationen innerhalb, aber auch außerhalb der Universität die verschiedenen studienvorbereitenden Programme auf." Eingebunden sind sowohl Integrationsinitiativen als auch universitäre Einrichtungen und die Universitätsleitung. Der Grundgedanke: "Die Idee ist, dass sich die Universität ganzheitlich für Geflüchtete öffnet, also einer neuen Zielgruppe mit eigenen strukturellen Herausforderungen. Dafür haben wir einen Blumenstrauß an Studien- und Sprachprogrammen entwickelt." 

Die Kernelemente der Hochschule ohne Grenzen: 

  • Open Lecture Hall: Im Rahmen der Open Lecture Hall können Geflüchtete am Gasthörerprogramm der Universität teilnehmen, ausgewählte Lehrveranstaltungen besuchen und so den Universitätsbetrieb an einer deutschen Universität kennenlernen. Alle Teilnehmer erhalten dabei individuelle Beratung und Betreuung.

  • "Buddys": Zentraler Bestandteil der Open Lecture Hall ist die individuelle Unterstützung der Teilnehmer durch "Buddys". Das sind Studierende der Universität, die während des Semesters als persönliche Ansprechpartner bei der Bewältigung des universitären Alltags helfen.

  • Brückenstudium: Das Brückenstudium wendet sich an Geflüchtete, die aufgrund ihrer Flucht ein Studium unterbrechen mussten respektive gar nicht aufnehmen konnten und denen ein regulärer Zugang zu einem Studium in Deutschland noch nicht möglich ist. Im Rahmen des Brückenstudiums können sie ausgewählte Lehrveranstaltungen besuchen und an Prüfungen teilnehmen. Die erfolgreiche Teilnahme, erworbene Prüfungsleistungen und Kreditpunkte werden mit einem Zertifikat dokumentiert. Diese Leistungen können auf ein späteres Studium angerechnet werden.

  • Sprachkurse: Zwei vorbereitende Deutschintensivkurse sollen Studieninteressierte mit Fluchthintergrund in die Lage versetzen, sich an einer deutschen Universität zu bewerben, ein Studium aufzunehmen und zu absolvieren.

  • Kiron: Ergänzend zu den eigenen Modulen bietet die Hochschule ohne Grenzen einen Zugang zu den digitalen Kursen der Kiron University (genauer: Kiron Open Higher Education).

Hinzu kommen Seminare und Projekte mit Geflüchteten, weitere MOOC-Kurse (Massive Open Online Course) und eine Vorlesungsreihe "Einwanderungsland Europa" mit 25 Diskussionsveranstaltungen, die ein wissenschaftlicher Mitarbeiter zusammen mit der Volkshochschule entwickelt hat. Mittlerweile kann die Initiative auf eigene studentische und wissenschaftliche Hilfskräfte zurückgreifen, die durch die Universität und den Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD finanziert werden. Die Übergänge zu universitären Einrichtungen sind fließend. So fügt sich nahtlos in das Programm ein, dass die Universität selbst am International Office mit einer Ansprechpartnerin speziell für Flüchtlingsfragen eine intensive Betreuung für Geflüchtete anbietet. Seit August 2015 laufen die Angebote unter dem Namen "Hochschule ohne Grenzen". Im Sommersemester 2016 nahmen mehr als 89 Geflüchtete an den Lehrangeboten teil. 

Potenzial und Perspektiven: In ihrer offenen Struktur ist die Hochschule ohne Grenzen einerseits ein Vorbild dafür, wie sich unterschiedliche Akteure in einem losen Zusammenschluss zusammenbinden lassen. Andererseits ist dieses Modell aus den spezifischen Bedingungen der Universität gewachsen und daher nicht einfach skalierbar. Auch hier gilt: Best Practice als Ready-to-copy-Modell funktioniert nicht. Es braucht einen offenen Austausch und die Bereitschaft, voneinander zu lernen.  

Genau dies strebt Tom Schmidt an. Er hat das Projekt "Europe Welcomes" angestoßen, das eine überregionale europäische Vernetzung zivilgesellschaftlicher Flüchtlingsarbeit schaffen will. "Europe Welcomes ist der Versuch, ein Netzwerk der Integrationsinitiativen in Europa aufzubauen", sagt Schmidt. Das Ziel: sich gegenseitig zu unterstützen und einen Wissenstransfer herzustellen. Aber auch: zu zeigen, welche Bandbreite an vorbildhaften zivilgesellschaftlichen Projekten es in Europa gibt. "Es ist also ein europäischer Gedanke, der dahintersteckt", so Schmidt. 

 

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changeX 26.09.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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