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Ideen für Geflüchtete 1: das "Tölzer Modell"
Text: Ute Wielandt

Die Aufnahme und Integration zahlreicher Geflüchteter verlangt neue Ideen, neue Lösungen und neue Wege. Kurz: soziale Innovationen. changeX hat begonnen, die besten Ideen zusammenzutragen. Folge 1: Das Tölzer Modell verschafft Geflüchteten Zugang zu kostenlosen Online-Sprachkursen.

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Das Problem: Viele der Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben eine hervorragende Ausbildung. Trotzdem sind sie auch nach Anerkennung ihres Asylantrags nur mit Schwierigkeiten in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren - vor allem, weil Sprachkenntnisse fehlen. Für reguläre Sprachkurse fehlen aber qualifizierte Sprachlehrer, Geld und Räumlichkeiten. Und für noch nicht anerkannte Flüchtlinge sind gar keine Sprachkurse vorgesehen. Unterricht durch freiwillige Helfer kann das nicht auffangen. Hier setzt das Tölzer Modell an.  


Die Idee: Flüchtlingen Zugang zu kostenlosen Online-Sprachkursen zu verschaffen, das ist der Grundgedanke. Die Idee stammt von der pensionierten Diplom-Mathematikerin Waltraud Haase aus Wackersberg bei Bad Tölz. Sie sagte sich: Das Wichtigste, was Flüchtlinge brauchen, sind Sprachkenntnisse. Dafür ist eigentlich bereits alles Nötige da: Es gibt Online-Sprachkurse, Lernvideos, langsam gesprochene Nachrichten et cetera für jedes Niveau - oft kostenlos. Man muss nur die nötige Infrastruktur schaffen, sodass die Geflüchteten darauf zugreifen können: eine maßgeschneiderte Lernoberfläche, installiert auf gespendeten Laptops. Hilfe zur Selbsthilfe also.  


Konzept und Umsetzung: Auf gespendeten Laptops wird das Betriebssystem Ubuntu plus eine selbst entwickelte Plattform installiert, die über Bookmarks Zugang zu verschiedenen kostenlosen Online-Sprachkursen verschafft. Damit sie sinnvoll genutzt werden können, sind Räume zum Aufstellen der Computer und Internetzugänge nötig. Beides wird in einigen Fällen von der Gemeinde gestellt, in anderen aus Spenden finanziert. So entstehen Computerräume, in denen die Flüchtlinge eigenständig, selbstbestimmt und in ihrem eigenen Tempo ihre Sprachfähigkeit verbessern, die lateinische Schrift lernen oder Fortbildungen absolvieren können. Mancherorts wird der Zugang über ein Ticketsystem geregelt, um die Nutzungszeiten gerecht zu verteilen. Ehrenamtliche Helfer - zum Teil sind das bereits anerkannte Flüchtlinge - unterstützen die Nutzer bei der Auswahl des richtigen Kurses oder bei technischen Problemen. Ein nicht ganz unwichtiger Punkt: Die Kosten sind im Vergleich zu herkömmlichen Sprachkursen gering.  

Das Tölzer Modell wurde nicht nur in Bad Tölz, sondern in zahlreichen Gemeinden in ganz Deutschland erfolgreich umgesetzt. Nicht wenige Flüchtlinge haben damit bereits ein Sprachdiplom auf B2-Niveau erworben. Das bedeutet: Sie können sich in Alltagssituationen gut verständigen und bei Texten die wesentlichen Informationen verstehen. Internationale Medien berichteten und berichten über die Initiative, die inzwischen in verschiedene Richtungen weiterentwickelt wird. Beispielsweise programmieren Studierende der Uni Regensburg gerade für den von Haase gegründeten Verein Asylplus eine App, die Asylsuchenden für sie wichtige Informationen, zum Beispiel zu Ansprechpartnern und Öffnungszeiten der zuständigen Behörden, in ihrer jeweiligen Muttersprache liefert.  

Der Landkreis Erding hat auf Basis des Tölzer Modells ein Konzept zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt entwickelt. Ihre Fähigkeiten und Qualifikationen werden systematisch erfasst, um sie bei der Auswahl eines geeigneten Berufsfelds und dazu passender Fortbildungen zu unterstützen.  


Potenzial und Perspektiven: Ein einfacher, unbürokratischer und kostengünstiger Zugang zu Sprachkursen und anderen Fortbildungen ermöglicht Flüchtlingen ein gutes Stück Selbstbestimmung und fördert ihre Integration. Entscheidend sowohl für die individuellen Zukunftschancen als auch für Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt. Das Tölzer Modell kann so einen Beitrag zur Bekämpfung des Mangels an Fachkräften und Auszubildenden liefern. Es ist skalierbar und kann flächendeckend eingesetzt werden. Und es ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Mentalitätswandels: Weg von dem Ruf nach staatlichen Regelungen und Lösungen, hin zu mehr Eigenverantwortung.  

Das gegenwärtige Zuwanderungsrecht zielt ausdrücklich darauf, dass noch nicht anerkannte Asylbewerber nicht integriert werden sollen, damit sie leichter wieder in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden können. Ausgrenzung durch verweigerte Bildung. Das Tölzer Modell unterläuft diese Denkweise. Es räumt Bildung den Vorrang ein - Bildung für alle, gleichberechtigt und selbstbestimmt. Das beschränkt sich nicht auf Sprachkurse. Das Modell ist auf andere Bereiche (die Umschulung Arbeitsloser oder die Mitarbeiterfortbildung etwa) übertragbar, gibt es doch zu fast jedem denkbaren Thema bereits kostenlose Online-Kurse, weitere werden ständig entwickelt. In der akademischen Welt gibt es dafür einen Namen: Massive Open Online Courses, MOOC. Sie machen Lernen gleichzeitig massentauglich und individualisierbar - und zugänglich für alle. 



changeX 15.10.2015. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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