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Normal leben

Die Sehnsucht nach einem nichtoptimierten Leben - ein Interview mit Eva Bilhuber
Interview: Winfried Kretschmer

Nicht nur in der Wirtschaft, auch im Alltagsleben regieren mittlerweile Effizienz und Wettbewerb. Selbstoptimierung ist zur Maxime des Lebens geworden, im Job genauso wie auf dem Mountainbike. Es zählt, was einen vom Durchschnitt abhebt, das Einzigartige. Doch je alltäglicher das Außergewöhnliche wird, desto reizvoller erscheint das eben noch verpönte Normale. Und entwickelt das Potenzial, zum Besonderen zu werden.

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Eva Bilhuber, promovierte Ökonomin der Universität St. Gallen, lebt und arbeitet als selbstständige Managementberaterin und Executive Coach in der Schweiz. Ihr besonderes Interesse gilt der Vereinbarkeit von ökonomischer Effizienz und Menschlichkeit in Unternehmen. In ihrem Buch Bemerkenswert normal fragt sie nach dem normalen Leben in einer maximierungswütigen Gesellschaft.
 

Frau Bilhuber, ein Buch über das Normale - ist das nicht langweilig? 

Auf den ersten Blick möglicherweise schon - auf den zweiten Blick vielleicht weniger. Deshalb heißt es ja auch "Bemerkenswert normal". (lacht)
 

Was verstehen Sie unter normal? 

Im Prinzip all das, was gerade "Mainstream" ist. In Bezug auf unser herrschendes Lebensgestaltungsideal ist das für mich heute das Selbstoptimierungsstreben. Es ist normal, dass wir heute das Maximale und Beste aus unserem Leben herausholen wollen, alles für ein perfektes Ich tun und nach dem Optimalen für Körper, Geist und Seele streben. 
 

Normal ist das Gegenteil von ...? 

Paradoxerweise normal. Denn normal ist ja ein zeitpunktbezogener Begriff. Was vor Jahren normal war, wie zum Beispiel das Rauchen in Gaststätten und öffentlichen Räumen, ist es heute nicht mehr. Und was heute normal ist, wie etwa in Jeans in die Oper zu gehen, war früher verpönt.
 

Was genau kritisieren Sie: Dass die Menschen das Besondere, das Einzigartige anstreben? Oder die Art und Weise, in der sie das tun: als Selbstoptimierungsstreben? 

  Es geht mir um das Ausmaß und die Unbewusstheit, mit der wir das tun. Sein Leben ausschließlich nach Selbstoptimierungskriterien auszurichten, hat zwei entscheidende Nebenwirkungen: Erstens sind wir ständig auf der Jagd nach der besten Option. Und zweitens sind wir gleichzeitig in einer Art Dauerparanoia, wir könnten im Wettbewerb nicht bestehen und somit nicht die beste Option für andere sein. Das stresst uns.  

Wenn wir die dieses Jahr veröffentlichten Studien der WHO - oder gerade dieser Tage der Krankenkassen - ernst nehmen, dann beginnt uns diese Lebensweise offensichtlich langsam aufs Gemüt zu schlagen. Jeder zehnte Weltbürger klagt über ein psychisches Leiden, 60 Prozent der Deutschen fühlen sich gestresst - gerade auch die junge Generation. Als zweithäufigster Grund dafür wird angegeben: "die Ansprüche an mich selbst". Mit diesem ständigen Kreisen um uns selbst laufen wir Gefahr, nicht nur zu einer psychisch labilen, sondern auch zu einer sehr ego-bezogenen Gesellschaft zu werden.
 

Aber ist es nicht eigentlich normal, wenn in einer ausdifferenzierten, individualisierten Gesellschaft das Nicht-Normale, das Abweichende, Außergewöhnliche gewissermaßen zur Norm wird? 

Absolut. Wenn plötzlich alle "CEO" auf ihre Visitenkarte schreiben oder "Manager of irgendwas", dann ist das nichts Außergewöhnliches mehr. Genauso wird damit auch klar, warum Kindergeburtstage heute nicht mehr ohne Eventorganisation auskommen oder eine Schönheits-OP fast schon zur Normalbiographie gehört.
 

"Dauer-Casting, Dauerbeobachtung, permanenter sozialer Vergleich, Wettbewerbs-Endlosschleife" - worauf zielt Ihre Gesellschaftsdiagnose? 

  Wir haben dem ökonomischen Marktprinzip Zutritt in unsere Wohnzimmer gewährt. Wir gestalten nicht nur unser Wirtschaftsleben, sondern mittlerweile auch unser privates Alltagsleben fast ausnahmslos nach Effizienz- und Wettbewerbskriterien, und das eher unbewusst als bewusst. Wir hechten automatisch zur kürzesten Kassenschlange im Supermarkt, um ein paar Minuten rauszuschinden, können Stunden im Internet irgendwelchen Preisvergleichen nachjagen und wollen unsere Partnerwahl auf Internetplattformen optimieren. Kurz: Der Immer-besser-schöner-klüger-erfolgreicher-Imperativ bestimmt unser Leben.
 

Vor diesem Hintergrund lässt sich vermutlich der Begriff "normal" differenzierter bestimmen? 

Genau. Je inflationärer nämlich das Außergewöhnliche wird - sei es nun tatsächlich oder nur in unserer Wahrnehmung -, desto mehr hat das ursprünglich Normale wieder das Potenzial, für uns das Einzigartige oder Bemerkenswerte zu werden. In einer Gesellschaft, die vorwiegend nach eigenem Vorteilsstreben funktioniert, werden plötzlich normale Rücksicht und Hilfsbereitschaft als außergewöhnlich registriert: das freundliche Reinwinken vor sich in den Stau oder eine Kassiererin darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich zu unseren Gunsten verrechnet hat.
 

Und das geschieht gerade? Sie sprechen von Alltagsbeobachtungen, in denen das verschmähte Normale als wiederentdeckte Attraktion oder gar Erfolgsprinzip erscheint. Welche Beobachtungen sind das? 

Zum ersten Mal ist es mir in der Werbung aufgefallen, die Lebensideale ja einerseits zu treffen, aber auch zu beeinflussen versucht. Da gab es vor ein paar Jahren eine Schweizer Werbung anlässlich der Ski-Weltmeisterschaft, in der junge Snowboarder gezeigt wurden mit dem Slogan: "Es geht nicht ums Gewinnen. Es geht nicht darum, der Beste zu sein. Ich snowboarde, weil es mein Leben ist." Man kann die Sehnsucht nach einem nichtoptimierten Leben aber auch daran ablesen, dass Zeitschriften, die sich um das normale Leben in Natur, Garten oder Küche drehen, ihre zweistelligen Auflagenzuwächse halten können, während andere ums Überleben kämpfen. Oder dass in der Haute-Couture, dem Tempel des perfekten Aussehens, plötzlich Alltags-Streetwear auf dem Laufsteg gezeigt wird.
 

Sie sprechen von einer wachsenden Tendenz zur Imperfektion, ja von einer Abkehr von der Perfektion. Worin erkennen Sie das? Sind das Anzeichen für eine Trendumkehr? 

Tja, gute Frage. Natürlich bin ich in dieser Frage befangen, weil ich die Trendwende gerne sehen würde. Ehrlicherweise kann man das Glas aber genauso halbvoll wie halbleer sehen. Wenn ich es halbvoll sehen will, dann erkenne ich das einerseits daran, dass in der Öffentlichkeit stehende Personen, die transparent mit ihrer Imperfektion umgehen, viel Zuspruch ernten, wie etwa Lena Dunham oder Jürgen Klopp. Gleichzeitig boomen Ratgeber zum gekonnten Scheitern, und in der Start-up-Szene gilt schon seit Längerem: Wer anerkannt sein will, muss mindestens einmal gescheitert sein. Wir scheinen also langsam die Qualität von Unvollkommenem anzuerkennen und diese zu entdiskriminieren. Man könnte andererseits aber sicher auch die bahnbrechenden Erfolge von Mantra-Malbüchern und Slow-TV anführen - beides ja Dinge, die uns eine selbstoptimierungsfreie Zone eröffnen. Wir scheinen langsam zu merken, dass uns gerade die ungemessenen Momente große Glücksmomente bescheren können. Das ist es wohl auch, was immer mehr Leute antreibt, nicht allein nach einer aufwärtssteigenden Karriere zu schielen, sondern sich auch wieder downsizen, also eine Stufe zurückversetzen zu lassen - zugunsten von mehr Lebensqualität und Freiheit.
 

Ist es das, was Sie unter einem "bemerkenswert normalen Leben" verstehen? 

Ab und an Maximierungsverzicht zu praktizieren, ist sicher ein Teil davon. Ein bemerkenswert normales Leben ist für mich ein Leben, in dem das Selbstoptimierungsprimat nicht als alleiniges Lebenskonzept regiert, sondern ab und zu auch dagegen gehandelt wird. Damit erhält all das einen Platz, was unter strengen ökonomischen Wettbewerbskriterien keinen Wert hat und deshalb zunehmend rausfällt: Spontanität, Unvollkommenheit, Pause, Ruhe, aber auch Zeit für Mitgefühl, Toleranz oder auch das Achten auf die Interessen anderer, nicht nur die eigenen. Der Vorteil ist, dass ich in einem solchen Leben meinen Selbstwert nicht einzig und allein von meinem Marktwert bestimmen lasse. Das kann nicht nur zu mehr Lebensqualität, sondern auch zu gesellschaftlich anerkanntem Erfolg führen.
 

Erfolg also, der sich einstellt, obwohl - oder weil - man ihn nicht bewusst anstrebt? 

Wir alle leben bewusst oder intuitiv nach der Formel "Erfolg gleich Glück": Wenn ich erst erfolgreich bin, dann werde ich auch glücklich sein. Die positive Psychologie hat nun herausgefunden, dass es auch andersherum geht: "Glück gleich Erfolg". Wenn ich darauf achte, dass es mir gut geht, dann werde ich am ehesten erfolgreich sein. Das bedeutet nicht, einfach die Beine hochzulegen oder weniger Leistung zu bringen. Aber es geht nicht in erster Linie darum, andere auszustechen. "Gewinnen können, ohne andere besiegen zu müssen", dieser Satz beschreibt diese Lebenskunst aus meiner Sicht am besten.
 

Erfolg, das hat man uns jahrzehntelang gepredigt, hängt von Talent und individueller Anstrengung ab, und die Verantwortung dafür liegt vollständig beim Einzelnen. Ist es eine Art neoliberaler Persönlichkeitsentwurf, der hinter der Selbstoptimierungslogik steht? 

Ich glaube, man könnte das durchaus dort verorten. Wobei es heute eben nicht mehr allein um Anstrengung und Leistung geht, sondern vielmehr darum, sich im Wettbewerb behaupten zu können.  

Man kann aber auch andere Wurzeln finden. Der französische Philosoph Yann Dall‘Aglio sieht die Wurzeln unserer heutigen Konsum- und Selbstoptimierungslogik allerdings eher in der Einführung der Liebesheirat begründet. Von da an hatte man den Platz in der Gesellschaft nicht mehr per Geburt oder per Heirat sicher, sondern musste ihn sich selbst erkämpfen. Damit war das freiheitliche Recht auf Selbstwerdung geboren, das gleichzeitig allerdings auch mit einer Pflicht der Selbstwerdung einhergeht. Das Marktprinzip und die damit aufkommende Selbstoptimierungslogik waren uns dabei bisher durchaus gute Gehilfen. Sie haben uns ja über Jahrzehnte Fortschritt, Wohlstand und eine demokratisch-freiheitliche Gesellschaft gebracht, die nach dem Prinzip der Chancengleichheit ausgerichtet ist. Das sollten wir bei aller Kritik keinesfalls vergessen.
 

Also liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen? Sie schreiben, das Dazwischen sei eine übersehene Kategorie in unserem Leben. Wie meinen Sie das? 

Wir leben in einer Welt, die sich zunehmend polarisiert. Es scheint so, als gäbe es nur noch Leitbilder der Extreme. Entweder ich mache Sport wie ein Wahnsinniger, laufe Marathon oder klettere wie der Teufel - oder ich bin gleich bekennender Sportmuffel oder Totalverweigerer. Das erklärt auch, warum wir gegenläufige Trends wahrnehmen: einen Trend zur gesunden Ernährung beispielsweise genauso wie einen Trend zum Übergewicht. Die Leute, die das "Dazwischen" können, wie zum Beispiel jeden Tag einfach 20, 30 Minuten Sport machen, muss man suchen. Ein Kollege, der früher mal Triathlon lief, sagte mir neulich, er würde jetzt gar keinen Sport mehr treiben. Wenn man mal vier Stunden täglich trainiert hat, so sein Argument, mache alles darunter keinen Spaß mehr. Ich glaube, er ist damit nicht allein. Den meisten von uns fällt ein Dazwischen - eine Art hybrider Lebenskunst - auf jeden Fall schwer.
 

"Hybride Lebenskunst" meint? 

Das meint, dass nicht nur das schwarz-weiße Entweder-oder-Prinzip im Leben Gültigkeit hat, sondern auch ein Sowohl-als-auch. Im Fachjargon nennt sich das auch "Ambiguitätstoleranz". Dann kann ich es gut finden, mich fleischlos zu ernähren, muss aber deshalb Fleischesser nicht verteufeln und kann vielleicht ab und zu sogar selbst ein Stück Fleisch genießen. Das funktioniert natürlich auch bezogen auf andere Lebenswerte und -ideale. Ich glaube, dass nur aus dieser Sowohl-als-auch-Fähigkeit die Fähigkeit zur Nachhaltigkeit erwächst: also Balance und Maß im Leben zu halten und nicht Exzessen zu verfallen.  

Dahinter scheint mir die grundlegende Fähigkeit zu stehen, verschiedene, sich polarisierende Welten vereinen zu können und Brücken zwischen ihnen zu bauen, statt Gräben aufzureißen. Eine Fähigkeit, die ich in unserer Gesellschaft nicht nur auf individueller, sondern auch auf politischer Ebene gerne mehr sehen würde.
 

Das Sowohl-als-auch ist also nicht nur für die persönliche Lebensführung von Bedeutung, sondern auch politisch und gesellschaftlich? 


Ja. Zum Beispiel müsste aus meiner Sicht die Staatsaufgabe der materiellen Wohlstandsmehrung gepaart werden mit dem Blick auf das Wohlergehen einer Nation. Ansonsten riskieren wir, das Kind mit dem Bade auszuschütten: Der Freiheitsgewinn unserer pluralistischen Gesellschaft kehrt sich in sein Gegenteil um - in eine Zwangsjacke, die Unzufriedenheit, Obsession und Intoleranz erzeugt. Gerade in einer zunehmend interdependenten Welt brauchen wir eine neue Anerkennungskultur, in der wir nicht nur den Wettbewerbssieg Einzelner zelebrieren, sondern auch Kooperation und Kompromissfähigkeit schätzen - eben ein Sowohl-als-auch und Dazwischen.
 

Das Interview haben wir schriftlich in einer Frage- und einer Nachfragerunde geführt. 


Zitate


"Wir haben dem ökonomischen Marktprinzip Zutritt in unsere Wohnzimmer gewährt." Eva Bilhuber: Normal leben

"Wir gestalten nicht nur unser Wirtschaftsleben, sondern mittlerweile auch unser privates Alltagsleben fast ausnahmslos nach Effizienz- und Wettbewerbskriterien." Eva Bilhuber: Normal leben

"Der Immer-besser-schöner-klüger-erfolgreicher-Imperativ bestimmt unser Leben." Eva Bilhuber: Normal leben

"Wir scheinen langsam zu merken, dass uns gerade die ungemessenen Momente große Glücksmomente bescheren können." Eva Bilhuber: Normal leben

"Je inflationärer das Außergewöhnliche wird, desto mehr hat das ursprünglich Normale wieder das Potenzial, für uns das Einzigartige oder Bemerkenswerte zu werden." Eva Bilhuber: Normal leben

 

changeX 14.10.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Bemerkenswert normal. Von der Kunst, ein normales Leben zu führen in einer überdrehten Gesellschaft. Versus Verlag, Zürich 2016, 157 Seiten, 23.90 Euro, ISBN 978-3-03909-185-0

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Osiander

Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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