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Mit Herz, Geist und Körper

Wie man neuen Schwung in Tagungen und Kongresse bringt - ein Interview mit Tina Gadow und Michael Gleich
Text: Winfried Kretschmer

Ein Beitrag, der Kreise zog: Vor einem Jahr erschien auf changeX Michael Gleichs Polemik "Powerpoint und Nullsummenquasselei", ein Abgesang auf die verstaubten Konferenzformate, die landauf, landab die Menschen nerven. Ein Anstoß, aus dem sich zwischenzeitlich eine Initiative entwickelt hat, die frischen Wind ins festgefahrene Veranstaltungswesen bringen will. Im Interview sagen die Initiatoren, wie.

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Tagungen und Kongresse freudvoller, interaktiver, berührender zu gestalten. Das ist das Ziel des Netzwerks "A Perfect Day", das 2010 von Michael Gleich und Tina Gadow ins Leben gerufen wurde. Im Interview erzählen die Initiatoren, wie sie neuen Schwung ins verstaubte Veranstaltungswesen bringen wollen. 

Tina Gadow arbeitet als selbständige Projektmanagerin in Berlin. Unter dem Motto "Vielfalt gestalten" konzipiert, berät und moderiert sie Veranstaltungen an der Nahtstelle von Kultur, Entwicklung und Gesellschaft. Michael Gleich ist Journalist, Buchautor und Initiator innovativer Multimedia-Projekte.
 

Michael, es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass dein Essay, deine Polemik, "Powerpoint und Nullsummenquasselei" erschienen ist. Der Beitrag hat Kreise gezogen. Was hat sich getan? 

Michael Gleich: Ja, der Beitrag hat eine verbreitete Stimmung angesprochen: Viele Menschen sind offensichtlich unzufrieden mit der gewohnten Art, Kongresse, Tagungen und Foren zu organisieren. Sie empfinden das als langweilig - doch Menschen zu langweilen ist eine Todsünde! Viele sagen, da muss was passieren, und deshalb gab es unheimlich viel positives Feedback auf den Beitrag. Das hat den Anstoß gegeben, zusammen mit Tina Gadow das Netzwerk A Perfect Day zu gründen. Mit dabei sind Leute, die sich professionell mit alternativen Konferenzkonzepten beschäftigen: Coachs, Eventmanager, Moderatoren, Designer, die allesamt dafür brennen, Zusammenkünfte von Menschen freudvoller und lebendiger zu gestalten. Auch darauf war die Resonanz wiederum unglaublich positiv.
 

Du hast also einen Nerv getroffen mit dem Beitrag, mit den Ideen, die dahinter stehen? 

Michael Gleich: Ich glaube, dass es einen Leidensdruck gibt: Sowohl bei den Teilnehmern von solchen Zusammenkünften, die sich langweilen, manchmal sogar gequält fühlen, wie auch bei den Veranstaltern, die erkennen, dass Menschen immer weniger bereit sind, Zeit und Geld zu investieren, um zu Veranstaltungen zu kommen, wo sie nicht wirklich anderen Menschen begegnen können und auch nicht wirklich etwas dabei lernen.
 

Man erlebt immer wieder, dass inhaltlich anspruchsvolle Veranstaltungen, die was bewegen wollen, dennoch im klassischen Frontaldesign stecken bleiben. Habt ihr eine Erklärung dafür, warum das so ist? Warum ist dieser Widerspruch zwischen Ideen und der Art, sie zu präsentieren, so schwer zu überwinden? 

Tina Gadow: Ich glaube, es sind zwei Dinge. Einmal schlicht und ergreifend die Gewohnheit: Wir haben es in der Schule so gelernt: zuhören - zu hören, was Experten zu einem Thema sagen. Das auf den Kopf zu stellen sind wir einfach nicht gewohnt. Dieser Wechsel, der überall zu beobachten ist, in gesellschaftlichen Prozessen wie auch bei uns, dass nämlich das Wissen der vielen und die Zusammenarbeit zwischen Menschen viel wichtiger werden, das haben wir noch nicht so ganz verstanden - jedenfalls nicht so weit, dass wir auch reagieren.
Die zweite Sache ist schlicht und ergreifend: Angst. Wer viel Geld in die Hand nimmt und eine große Öffentlichkeitswirkung erreichen will, setzt lieber auf das sichere Gewohnte, als etwas Neues auszuprobieren, wo der Ausgang ungewiss ist. Die Unsicherheit ist groß, sich auf etwas einzulassen, was vielleicht mehr Spaß und mehr Einbindung aller verspricht, wo man sich aber nicht sicher ist, was am Ende dabei herauskommt. Bei einer Publikumsdiskussion, so langweilig die auch ist, weiß man zumindest: Man kann sie steuern und am Ende kann geklatscht werden.  

Michael Gleich: Absolut: Angst ist das Thema. Was tut man gegen die Angst? Man verfällt in Kontrollitis, in Kontrollwahn - und das ist genau das, was dem Event - auf Deutsch dem Ereignis, dem Erlebnis - entgegensteht. Ein wirkliches Erlebnis haben wir nur, wenn etwas Spontanes, etwas Überraschendes geschieht, wenn ein Erstaunen hervorgerufen wird. Eigentlich stehen Veranstalter vor der Aufgabe, etwas ganz Originärem einen Rahmen zu geben. Aber sie flüchten sich in die Routine, und deswegen sehen Kongresse immer gleich aus: Vorne steht einer mit seinen schlechten Powerpoint-Folien, die er dem Publikum vorliest. Am Ende des Tages eine Podiumsdiskussion fast ohne Publikumsbeteiligung. Und das war es dann.
 

Was wollt ihr anders machen? 

Tina Gadow: Zunächst einmal: Genau hingucken. Herausfinden, worum es eigentlich geht: Was ist der Bedarf? Was soll passieren, damit die Teilnehmer am Ende sagen können: "Das war ein perfect day!" Wir gehen von der Wirkung aus, die eine Veranstaltung erzielen soll, und entwickeln, darauf zugeschnitten, die passenden Formate. Es kann sein, dass man auch auf eher konservative Formate zurückkommt; nicht jede Methode, so offen und interaktiv und spannend, lustig und verspielt sie auch sein mag, passt per se. Aber niemals wird es so sein, dass einer der Experte ist, der redet, und die anderen dürfen nur zuhören.  

Michael Gleich: Man muss sehen, dass hier Menschen von weit her zusammenkommen, um voneinander zu lernen. Bisher ist aber viel zu wenig Raum für echte Begegnungen da. Diesen Raum zu öffnen bedeutet ein Stück weit Kontrollverlust. Es bedeutet, dem Originären, dem Unverwechselbaren, dem Spontanen, dem Kreativen die Pforten zu öffnen. Das ist das eine.
Das andere ist, dass die meisten Konferenzen und Foren eigentlich nur mit dem Kopf arbeiten. Nach dem Motto: Wenn wir viele Fakten präsentieren, wird schon was hängen bleiben.
Wir gehen aber davon aus, dass der Mensch drei Intelligenzzentren hat: erstens den Körper, zweitens das Herz, unsere Emotionen, und drittens den Geist, den Kopf. Wir möchten, dass man wirklich mit allen drei Intelligenzzentren arbeitet. Was passiert, wenn man das ignoriert, hat jeder von uns schon erlebt, wenn nämlich auf einer Konferenz nach dem Mittagessen 300 Leute in ein kollektives Koma fallen: das sogenannte Suppenkoma. Da zeigt der Körper, dass er jetzt nicht mehr aufnahmefähig ist. Darüber darf man nicht hinweggehen, sondern muss ganz normalen menschlichen Bedürfnissen Rechnung tragen.  

Tina Gadow: Das bedeutet zum Beispiel, dass man Pausen aktiv in den Programmablauf einbaut oder generell mehr Zeit lässt. Die Leute wollen sich auch unterhalten - das ist ein Teil einer Konferenz, einer Veranstaltung oder eines Events. Man muss die Menschen, die dort sind, als Menschen sehen, wie Michael gerade sagte, mit Herz, Geist und Körper. Jeder Mensch hat bestimmte Bedürfnisse. Und diese Bedürfnisse versuchen wir, einzubinden.
 

Aber den Methodenkoffer oder die Grundregel, die man befolgen muss, um jetzt plötzlich eine ganz tolle perfekte Veranstaltung aus dem Hut zu zaubern, die gibt es nicht? 

Michael Gleich: Es gibt ein Patentrezept: Wirklich genau zu gucken, wie wir Menschen ticken. Was wir Menschen brauchen. Also Menschenkenntnis! Das bedeutet: Eingehen auf die Ziele des Veranstalters, aber eben auch auf die ganz menschlichen Bedürfnisse der Teilnehmer. Ein Beispiel: In dieser virtualisierten Welt, wo wir viel Skypen, SMS und E-Mails verschicken, uns in Social Networks und Web-Konferenzen bewegen, gibt es ein ganz starkes Bedürfnis der Menschen, sich von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Und nicht wie beim Frontalunterricht auf eine Bühne zu gucken, wo Powerpoint läuft.
Es gilt, diese ganz normalen menschlichen Bedürfnisse zu analysieren und zu schauen, wie man mit einer Veranstaltung darauf eingehen kann. Zum Beispiel auf den Spieltrieb des Menschen: Wir möchten gerne etwas in die Hand nehmen, wir möchten es selber erfahren. Und wir möchten ein Erlebnis haben, das darauf beruht, dass wir etwas selbst gemacht haben und später davon erzählen können. Solchen Dingen gilt es Rechnung zu tragen.  

Tina Gadow: Ein anderes "Rezept" ist, viel zu visualisieren und Emotionen und Humor mit einzubringen. Wenn man auf einer Veranstaltung lachen kann, dann ist das nicht nur netter, und man fühlt sich besser aufgehoben in der Gruppe, die da zusammenkommt. Sondern man merkt sich die Dinge auch besser.
Doch einen Methodenkasten gibt es nicht - den darf es auch nicht geben. Weil jede Veranstaltung einzigartig ist und individuell konzipiert werden muss. Aber Emotionen zulassen, Geschichten erzählen, das Herz und den Spieltrieb ansprechen - das sind Punkte, die auf jeden Fall beachtet werden müssen.  

Michael Gleich: Wir machen ja nicht nur Ankündigungen, sondern alle im Netzwerk haben schon Erfahrungen gesammelt. Ein Beispiel: Bei einem großen Maschinenbaukonzern haben wir es geschafft, den Ingenieuren, Experten allesamt, Powerpoint wegzunehmen. Stattdessen haben wir ein Rednercoaching mit ihnen gemacht. Dabei sind sicherlich nicht aus ruhigen Ingenieuren die feurigsten Redner der Welt geworden. Aber sie waren nach kurzem Training so weit, dass sie zehn Minuten frei auf der Bühne sprechen konnten. Und man hörte ihnen von der ersten bis zur letzten Minute zu - das war vorher völlig anders.
 

Auch ein Beispiel: die Falling Walls Conference in Berlin. Jost Burger, der für uns darüber geschrieben hat, war begeistert von der Veranstaltung, die beim Publikum total gut ankam, aber extrem frontal war: Da trat ein Wissenschaftler nach dem anderen auf, exakt 15 Minuten jeder - die Zuhörer aber blieben bis zum Abend konzentriert dabei. Das Erfolgsrezept war eigentlich ganz simpel: Es gab einen Schauspieler, der in unterschiedlichen Rollen darüber wachte, dass diese 15 Minuten exakt eingehalten wurden - und das hat wohl den Zuhörern das Gefühl vermittelt, dass da eine strenge Regie darüber wachte, dass ihre Ansprüche gewürdigt werden. Das war das Erfolgsrezept. Ist das auch ein Beispiel für eine gute Konferenzdramaturgie? 

Tina Gadow: Absolut! Ich hätte das auch erraten, wenn du die Lösung nicht gesagt hättest. Denn das ist ja der Punkt: Die Menschen, die auf solche Veranstaltungen gehen, gehen auf x Veranstaltungen im Jahr. Und sie machen immer die Erfahrung, dass ein Redner im Programm für fünf Minuten Begrüßung angekündigt ist, dann aber 20 Minuten spricht, weil er sich so gerne reden hört. Weil aber nicht nur er das so macht, sondern auch die anderen, wird die Veranstaltung zu einer ganz schrecklichen Hatz, bei der die Moderation ständig den Sprechern in die Rede fährt, um irgendwie den Zeitplan einzuhalten. Wenn man aber daraus - und da sind wir wieder beim Stichwort Spiel - etwas Verspieltes macht, eine Art Countdown, und klar ansagt: "Leute, ihr habt 15 Minuten, macht was daraus!", dann signalisiert man den Zuschauern: "Wir nehmen euch ernst. Wir strapazieren eure Geduld nicht. Wir halten, was wir sagen: nämlich 15 Minuten!" Der interessante Nebeneffekt ist, dass die Vorträge dann auch interessanter, lustiger, pointierter, fokussierter werden. Und das macht jedem Zuschauer Spaß.
 

Und das ist zugleich ein Stück Wertschätzung, die man dem Zuhörer, dem Teilnehmer entgegenbringt. Eigentlich ist er ja die Hauptperson ... 

Michael Gleich: ... das ist so! Manchmal aber hat man das Gefühl, dass diese einfache Erkenntnis total vernachlässigt wird: dass das Ganze eine dienende Funktion hat. Dass es nicht darum geht, dass sich auf der Bühne jemand sein Ego aufbläst. Sondern all das, was dort geschieht, im Dienste des gegenseitigen Lernens, des Sichbegegnens, des Wachsens passiert. Die Veranstaltungsformate, die wir alle kennen, sind dafür nicht geeignet. Sie fördern die Promi-Show, wo Menschen auf die Bühne gehen, ohne Punkt und Komma reden, das zudem viel zu lange, und sich einfach nur gut fühlen dort oben. Darüber, was beim Teilnehmer ankommt, über Didaktik und wie man ihn einbeziehen könnte, daran verschwendet man aber keinen Gedanken.
 

Ihr schreibt in eurem Manifest von einer Haltung. Wie sieht diese Haltung aus? Was kennzeichnet sie? 

Tina Gadow: Respektvoll mit den Teilnehmern umzugehen. Ihre Interessen immer im Blick zu haben. Ich würde es als eine offene Haltung beschreiben: sich auf ungewohntes Terrain vorzuwagen, sich auf Prozesse einzulassen, die man noch nicht kennt. Sich selbst auch dieses spielerische Moment, diesen Suchprozess zuzugestehen. Und damit ist es auch eine mutige Haltung. Mutig müssen nicht nur die Veranstalter sein, sondern auch wir, wenn wir uns Dinge ausdenken, die vielleicht total neu sind.  

Michael Gleich: Zu dieser Haltung hat mich auch das Cluetrain-Manifest inspiriert. Dort heißt es: "Märkte sind Gespräche." Ich würde sagen: Konferenzen sind Gespräche! Zwischen Menschen. Das ist eine Kommunikation in viele Richtungen, auf keinen Fall aber ist es eine Einbahnstraße von einer Bühne runter auf ein passives Publikum! Das ist eine Haltung, wie Tina sagte, des Respekts. Es ist eine Haltung der Partizipation, die darauf zielt, die Weisheit der vielen einzubeziehen. Es ist eine spielerische Haltung. Es ist eine zutiefst menschliche Haltung.  

Tina Gadow: Und es ist die Haltung, sich nicht damit zufriedenzugeben, dass eine Veranstaltung schlicht ihren Zweck erfüllt. Sondern zu erkennen, dass ein Teilnehmer sehr viel befriedigter aus einem Tag herausgeht, wenn er irgendetwas mitnimmt, ob es ein konkretes Ergebnis ist, ein Aha-Erlebnis, eine Erkenntnis oder auch nur eine gemeinsame Erfahrung. Aber etwas, das jeden bereichert.
 


Zitate


"Konferenzen sind Gespräche! Zwischen Menschen. Das ist eine Kommunikation in viele Richtungen, auf keinen Fall aber ist es eine Einbahnstraße von einer Bühne runter auf ein passives Publikum!" Michael Gleich, Tina Gadow: Mit Herz, Geist und Körper

 

changeX 23.02.2011. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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