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Nachahmung, die Neues schafft

Soziale Innovation entsteht in einem steten Fluss von Erfindung und Nachahmung - ein Interview mit Jürgen Howaldt, Ralf Kopp und Michael Schwarz
Interview: Winfried Kretschmer

Alle Welt giert nach Innovation. Und übersieht beim Starren auf das Neue, wie dieses in die Welt kommt: meist nicht als genialer Geistesblitz, sondern als stetiger Strom von Imitation und Variation oft nur kleiner, marginaler Ideen. Erfindung und Nachahmung sind die Treiber sozialer Innovation und sozialen Wandels, das ist der zentrale Gedanke des 100 Jahre vergessenen Sozialtheoretikers Gabriel Tarde. Drei Soziologen erklären, was sein Ansatz für die Erforschung von Verbreitung sozialer Innovationen bringt.

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Lange Zeit galt sie als schieres Gegenteil von Innovation: die Nachahmung. Nun entpuppt sie sich als deren zentraler Treiber. Die Dortmunder Innovationsforscher Jürgen Howaldt, Ralf Kopp und Michael Schwarz erläutern im Interview, wie die Sozialtheorie Gabriel Tardes zu einem besseren Verständnis von sozialer Innovation verhilft. Denn soziale Innovation verbreitet sich durch Nachahmung, soziale Nachahmung wird durch Innovation in Bewegung gehalten.
 

Wir leben in einer Zeit, in der das Neue einen hohen Stellenwert hat. Auch Ihnen geht es um Innovation. Nun kommen Sie mit der Theorie eines vergessenen Soziologen, der seit 110 Jahren tot ist. Wie das? 

Jürgen Howaldt: Eine Erkenntnis der sozialwissenschaftlichen Innovationsforschung ist es, dass Ideen die Eigenschaft haben, oft lange Zeit zu schlummern, bevor sie Wirkung entfalten. Bereits Gabriel Tarde beschäftigte die Frage, warum lange vergessene Ideen aufgegriffen und zum Gegenstand von Nachahmungsprozessen werden. Damit ist zugleich eine Kernfrage der Soziologie angesprochen: Was treibt den gesellschaftlichen Wandel voran? Die Bedeutung sozialer Innovationen als Treiber und Element dieses Wandels fand bisher kaum Beachtung. Insofern wurde der Begriff sozialer Innovation konzeptionell kaum unterfüttert. Dies hat Suchbewegungen nach theoretischen Anknüpfungspunkten ausgelöst. 

Ralf Kopp: Dass wir dabei auf die Sozialtheorie von Gabriel Tarde gestoßen sind, ist alles andere als ein Zufall. Tarde hat die Theorie Schumpeters stark beeinflusst - in gewissem Sinne kann man dessen Innovationstheorie als Anwendung der sozialtheoretischen Konzepte Tardes auf das Feld der Ökonomie betrachten. Doch der Tarde’sche Ursprung ist den meisten Vertretern des Faches heute nicht mehr präsent. Später hat Everett Rogers als ein zentraler Begründer der Diffusionsforschung explizit an Tardes Konzeption angeknüpft. Allerdings ist dabei zugleich der soziologische Kern von Tardes Denken in den Hintergrund getreten. Insgesamt kann die Sprengkraft seines Werkes für die Innovationsforschung, aber auch für eine Theorie sozialen Wandels kaum überschätzt werden.
 

Worin liegt diese Bedeutung Tardes? 

Ralf Kopp: Seine Hinwendung zu einer Mikrofundierung des Sozialen und seine Auflösung struktureller Faktoren in intersubjektive Dynamik hebt viele etablierte Dualismen auf: die Entgegensetzung von Struktur und Handlung ebenso wie die von Subjekt und Objekt; von Makro und Mikro und von Gesellschaft und Individuum. 

Michael Schwarz: Man kann die Frage vielleicht auch so beantworten: Es geht hier nicht um die Wiederentdeckung eines vergessenen Klassikers der Soziologie an und für sich, sondern um die Entdeckung seiner Pionierfunktion als Katalysator für ein soziologisches Denken, das Antworten auf die Frage verspricht, wie das Neue in die Welt kommt.
 

Warum wurde Tarde vergessen? 

Ralf Kopp: Mit letzter Sicherheit lässt sich das nicht beantworten. Ein wichtiger Grund ist sicher, dass sich zu einem frühen Zeitpunkt der Institutionalisierung der Soziologie die Waagschale schnell und deutlich zur Seite der strukturalistischen Theorieangebote seines Zeitgenossen und Konkurrenten Émile Durkheim neigte. Über die Gründe für diese frühe Weichenstellung lässt sich nur spekulieren - möglicherweise ermöglicht das Denken in Strukturen mehr Überschaubarkeit und Sicherheit als deren Auflösung in komplexe intersubjektive Dynamiken.
Fairerweise ist zu sagen, dass die Rezeption in Frankreich deutlich größer gewesen ist. Aktuell inspiriert Tarde die Diskussionen im Umfeld von Praxistheorien, Poststrukturalismus, Netzwerktheorien und Ökonomie. Auch in der Innovationsforschung hat Tarde - wie eben erwähnt - Spuren hinterlassen. Sein Potenzial zur Entwicklung eines neuen Innovationsverständnisses wurde aber bisher nur ansatzweise erkannt.
 

Sie sprechen davon, "dass genau die Gründe, die lange Zeit für seine Nichtbeachtung ausschlaggebend waren, heute aufgrund von umfassend veränderten Bedingungen in einem gänzlich anderen Licht erscheinen". Worauf spielen Sie an? 

Michael Schwarz: Wie eben erwähnt gab es in der Soziologie über einen langen Zeitraum hinweg eine unangefochtene Dominanz von Theoriekomplexen, die entweder auf die Bedeutung von Makrostrukturen oder auf individuelles Handeln und Verhalten fokussieren. Anthony Giddens hat sogar vom Imperialismus des gesellschaftlichen Objekts beziehungsweise Subjekts gesprochen. Nun sind soziologische Erklärungsmuster für gesellschaftliche Ordnung und gesellschaftlichen Wandel ihrerseits stets kontextabhängig. Unsere Situation heute ist nun dadurch gekennzeichnet, dass einerseits bestehende Sicherheiten und eingeschliffene Routinen durch neue Verunsicherungen und neue gesellschaftliche Herausforderungen infrage gestellt werden, andererseits neue Formen der gesellschaftlichen Bewegung, Selbstorganisation und -regulation entstehen - "Mikropolitik" bei Gilles Deleuze, "Subpolitik" bei Ulrich Beck, "life politics" bei Anthony Giddens. Damit verschiebt sich die Perspektive auf die Möglichkeiten sozialer Veränderung in der sozialen Praxis und aus der sozialen Praxis heraus.
In dieser Situation gewinnen Ansätze an Bedeutung, die die verengte Perspektive aufbrechen und statt Strukturen, Systeme oder individuelles Verhalten die Dynamik sozialer Praxis ins Zentrum rücken. Genau deshalb spielt der Bezug auf Tarde gerade in poststrukturalistischen und praxistheoretischen Ansätzen seit einiger Zeit eine vergleichsweise große Rolle. Von Bruno Latour, dem "Miterfinder" der Akteurs-Netzwerk-Theorie, stammt das Diktum, dass, wer die Gesellschaft verändern will, erst einmal den Begriff der Gesellschaft verändern muss, also eine "alternative Sozialtheorie" braucht. Genau dafür liefert Tarde mit seiner Mikrofundierung des Sozialen und des sozialen Wandels die entscheidenden Grundlagen. Mit seinem Ansatz lässt sich sozialer Wandel auf die Wirkungen kleiner und kleinster Einheiten und Prozesse zurückführen und damit als Wandel "von unten" erklären. Den Ausgangspunkt dessen bilden soziale Innovationen.
 

Ich frage aus einem bestimmten Grund. Wer Thomas S. Kuhn genau gelesen hat, wird hellhörig, wenn sich Wahrnehmungen solcherart drehen. Haben wir es mit einem Paradigmenwechsel zu tun? 

Michael Schwarz: Bei der poststrukturalistischen Wende und dem sogenannten "practice turn" im Feld der Sozialtheorien haben wir es ganz sicher mit einem Paradigmenwechsel im Sinne Kuhns zu tun; also im Kern mit grundlegend veränderten Voraussetzungen für die "Begriffsbildung, Beobachtung und die Apparaturen". Es geht um alternative Sozialtheorie, alternativ zur Mainstream-Soziologie: um eine sozialtheoretische Perspektive, die Stabilität und Instabilität nicht extra-sozial, sondern aus der Verkettung von Praktiken zu Praxis- oder Lebensformen heraus erklärt - oder in den Worten Tardes, aus Erfindung und Nachahmung. Diese Ansätze haben sich inzwischen als sozialwissenschaftliches Paradigma etabliert. Ein Paradigma, das man wiederum mit Tarde als erfinderische Soziologie im Sinne einer "wahrhaft experimentellen und aufklärenden Wissenschaft" bezeichnen kann. 

Jürgen Howaldt: Auch im Zusammenhang mit der Innovationsforschung macht der Begriff des Paradigmenwechsels einen Sinn. Wir erkennen zunehmend, dass sich Innovationen nicht auf das enge Feld wirtschaftlicher und technologischer Innovationen beschränken lassen. Immer mehr rückt die gesellschaftliche Vielfalt der Innovationen - wie es der renommierte Innovationsforscher Werner Rammert formuliert - in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Der Rückgriff auf Tarde erlaubt es, die - durch Joseph A. Schumpeter und im Anschluss an ihn durch die Techniksoziologie - auf ökonomisch-technologische Innovationen verengte Perspektive zu erweitern und die Vielfalt gesellschaftlicher Innovationen in den Blick zu bekommen.
 

Was macht Tardes Ansatz so aktuell? 

Jürgen Howaldt: In Tardes Perspektive geht sozialer Wandel von anfangs meist marginalen Ideen aus: Initiativen oder Erfindungen konkretisieren und vergemeinschaften sich allmählich, bis sie sich als neue soziale Praktiken etablieren und institutionalisiert werden. Kurzum: Soziale Innovationen sind die Basis transformativen sozialen Wandels. Sie setzen sich durch, indem ihre Träger kritisch, explorativ und experimentell die vorherrschenden "mental maps", also die etablierten Regeln, Routinen, Pfade und Leitbilder in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft - wie zum Beispiel die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und eine zwangsläufige Kopplung von Wohlstand und Wachstum - infrage stellen und in einem "Wettbewerb der Ideen" veränderte, alternative soziale Praktiken und Lebensstile verbreiten. 

Ralf Kopp: Damit eröffnet Tarde zugleich neue theoretische Perspektiven. Bruno Latour und Vincent Lépinay feiern Tarde geradezu dafür, dass er Ökonomie als Wissenschaft leidenschaftlicher Interessen konzipiert und so die Aufmerksamkeit auf gesellschaftsimmanente, determinismusfreie Dynamiken gelenkt hat. Und Peter Sloterdijk konstatiert in einem aktuellen Essay, Tarde habe wie kein anderer "den Mechanismen der Modernisierung auf den Grund geschaut". Zusammen mit Gilles Deleuze sei er "der einzige Denker von Rang, der das Spiel der Innovation und der Nachahmung ins Zentrum seiner Gegenwartsanalyse" stellt. Uns ermöglicht der Tarde’sche Nachahmungsgedanke, in frischer Weise über die spezifischen Verbreitungsmechanismen sozialer Innovationen nachzudenken und uns von einer Präformierung des Denkens durch Begrifflichkeiten und Verbreitungslogik technischer Innovationen zu lösen.
 

Sie beziehen sich auf die "drei Schlüssel des Sozialen" bei Tarde. Welche sind das? 

Michael Schwarz: In seinem Werk Die sozialen Gesetze verdichtet Tarde das - wie er sagt - "innere Band" seines soziologischen Ansatzes und prägt dabei diese Formulierung von den drei Schlüsseln des Sozialen, nämlich der nachahmenden Wiederholung, dem Gegensatz und der stets erfinderischen Anpassung: Nachahmung ermöglicht die Entstehung und Verbreitung von Erfindungen, Erfindungen erzeugen Differenzen, Konflikte sind dabei unumgänglich und sorgen für weitere Innovationen und Anpassungen, die, indem sie sich wiederholen, weitere Differenzen produzieren und so weiter - das heißt, es gibt keine strukturell oder institutionell prästabilierte Harmonie.
Praxistheoretisch gewendet könnte man diese drei Schlüssel vielleicht so übersetzen: Wiederholung bezeichnet die Beziehungen zwischen Menschen, in deren Rahmen die Reproduktion und Variation sozialer Praktiken stattfindet. Gegensatz thematisiert die Reibung zwischen widerstreitenden, konfligierenden, konkurrierenden Praktiken. Und bei der Anpassung handelt es sich um die Neukonfiguration sozialer Praktiken.
 

Was kann dieses Denken zu einem besseren Verständnis sozialer Innovation beitragen? 

Jürgen Howaldt: Tarde macht soziale Innovationen zum Ausgangspunkt für das Verständnis sozialer Zustände und ihrer Veränderung. Ihm zufolge bestehen die wahren Ursachen der Veränderungen in einer Kette zahlreicher unterschiedlicher, diskontinuierlicher Ideen, die wiederum in noch viel zahlreichere Nachahmungshandlungen eingebettet sind. Soziale Nachahmung wird somit durch Innovation in Bewegung gehalten. Entwicklung und Wandel werden ermöglicht durch Erfindung, durch erfolgreiche Initiativen, die imitiert und damit zu (sozialen) Innovationen werden.
Anders formuliert verändern die zahl- und namenlosen Erfindungen und Entdeckungen durch ebenso zahllose Nachahmungshandlungen die Gesellschaft und ihre Praktiken und werden erst durch diese zu einem wahrhaft sozialen Phänomen. Für Tarde geschieht im Sozialen alles als Erfindung und Nachahmung. Er beschreibt die Nachahmung als Flüsse und vergleicht die Erfindungen mit Bergen. Nachahmung ist bei Tarde der zentrale Mechanismus der sozialen Reproduktion und des sozialen Wandels.
 

Geben Sie uns ein Beispiel? 

Ralf Kopp: Wenn man sich dieser Vorstellung einmal genähert hat, erkennt man in der Nachahmung eine Kulturtechnik, die sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche zieht. Nachahmungsmechanismen finden sich in der gesamten Kunst- und Musikgeschichte - zu denken wäre beispielsweise an die Renaissance als Epoche der Nachahmung antiker Vorbilder; die Anfertigung von Kopien gehört teilweise auch heute noch zur Ausbildung von Malern und Bildhauern; die Entwicklungsgeschichte der Musik weist viele Nachahmungsmuster auf - hierzu gehören Cross-over-Praktiken ebenso wie die des Remixens und Samplens. Die Mimesis ist im Theater ebenso zu Hause wie im Film. Außerhalb von Kunst finden sich Spuren der Nachahmung im Nachahmungslernen in Pädagogik und Psychologie, in der Kulinarik, aber auch in der Wirtschaft, Beispiel Produktpiraterie oder Generika. 

Jürgen Howaldt: Konkrete Beispiele sind Sharing Economy, Urban Gardening, Carsharing, Gemeinwohlökonomie et cetera. Am Anfang handelt es sich um aus vielen Ideenquellen gespeiste kleine Nischenbewegungen, die durch nachahmende Variation immer weitere Kreise ziehen und einen Strom neuer Geschäftsmodelle und Praktiken des Wirtschaftens, Produzierens und Konsumierens generieren.
 

Was heißt das Ganze nun für die Erforschung sozialer Innovationen? 

Jürgen Howaldt: Diese Mikrofundierung gesellschaftlicher Phänomene gibt wichtige Anstöße für eine integrative Theorie der Innovation. Sie lässt entdecken, wie soziale Phänomene, Zustände, Gebilde zustande kommen und sich wandeln. Der Schlüssel dafür ist das akribische Aufspüren von sozialen Erfindungen und Innovationen und die damit verbundenen sozialen Praktiken ihrer Nachahmung. 

Michael Schwarz: Als praxistheoretische Innovationstheorie kann Tardes Gesellschaftstheorie den Zusammenhang von sozialem Wandel und sozialen Innovationen entschlüsseln. Sie überwindet zugleich die Verengung des Innovationsbegriffs auf den technisch-ökonomischen Kontext ebenso wie eine deterministische Erklärung sozialen Wandels. Mit Nachahmung und Wiederholung als entscheidendem Mechanismus des Wandels vermag diese Theorie zugleich die Dynamiken sozialer Praxis zu erfassen. Daraus wiederum ergeben sich wichtige Hinweise für die Initiierung und Implementierung sozialer Innovationen, verstanden als intentionale Neukonfiguration sozialer Praktiken. Ganz wichtig: Im Verbund mit Nachahmung und Erfindung werden Differenz, Gegensatz und Opposition konstitutiv für das Soziale und die Dynamik sozialer Praxis. Eine solche Konzeption geht weit über gängige Versuche der Verhaltensbeeinflussung, der Technologieförderung wie über eine normativ überfrachtete Konzeption sozialer Innovationen im Sinne von sozial wünschenswert oder gut hinaus.
 

Noch mal zurück zum Ausgangspunkt, der Erfindung. Wie wird aus einer sozialen Erfindung eine soziale Innovation? 

Ralf Kopp: Der Weg von der Erfindung, der Invention, zur Innovation erfolgt über Verbreitung, Wiederholung und Diffusion. Das gilt auch für technische Innovationen beziehungsweise Artefakte. Aber während deren Verbreitungsmechanismen von sozialwissenschaftlicher Innovationsforschung seit Langem untersucht werden, gibt es wenig gesicherte Erkenntnisse im Bereich sozialer Innovationen. Soziale Innovationen definieren wir als intendierte Veränderung von Handlungspraktiken. Mit Tarde gehen wir davon aus, dass für Handlungspraktiken Nachahmung und Wiederholung ein zentraler (leidenschaftsgetriebener) Verbreitungsmechanismus sind, der immer komplexere, einander irritierende und sich durchkreuzende Nachahmungsströme hervorbringt. Jeder Nachahmungsakt ist mit einer Variation verbunden. Wenn etwas wiederholt wird, verbreitet und verändert es sich. Eine Handlungspraxis, die sich wiederholt hat, ist nicht mehr dieselbe. Tarde sagt in diesem Zusammenhang: "Die Wiederholung gibt es also um der Variation willen."
Die Erforschung der nachahmenden Verbreitung sozialer Innovation kann zwar an Erkenntnisse zur Evolution von Wissenskulturen, zu Selbstorganisation, Reflexivitätssteigerung, Wissens- und Netzwerkmanagement und vielem anderem mehr anknüpfen. Aber diese Arbeit liegt noch vor uns. Wir befinden uns erst am Anfang eines Weges, der konkretere Aufschlüsse über die Transformation sozialer Erfindungen zu sozialen Innovationen ermöglicht.
 

Hilft dieser Ansatz, den Unterschied zwischen technischen und sozialen Innovationen besser zu verstehen? 

Jürgen Howaldt: Tarde unterscheidet nicht zwischen technischen Artefakten, sozialen Praktiken oder kulturellen Errungenschaften, sondern subsumiert unter Innovation sowohl technologische als auch soziale Neuerungen. Was ihn interessiert, sind nicht die Erfindungen, die nahezu täglich entstehen, wieder in Vergessenheit geraten, erneut aufgenommen werden und so weiter. Ihn interessieren die Prozesse der Nachahmung, die dazu führen, dass sich diese Neuerungen in die Gesellschaft hinein verbreiten und damit erst zu sozialen Phänomenen werden.
Mit dieser Perspektivverschiebung wird die Frage zentral, wie über Prozesse der Nachahmung neue soziale Praktiken entstehen. Die Herstellung und der Gebrauch technischer Artefakte sind dabei als spezifische Praxisform zu begreifen. Die Entwicklung und die Verbreitung neuer Technologien sind also eingebettet in einen umfassenden Fluss der Reproduktion und Entwicklung sozialer Praktiken - als der eigentlichen Triebkraft. Zu diesem kontinuierlichen Veränderungsprozess gehören auch die Praktiken des Organisierens, des Konsumierens, des Produzierens et cetera. Wie Michael Tomasello bemerkt hat: Es sind die sozialen Praktiken und darin eingebundenen Artefakte, die die kulturelle Evolution vorantreiben.
 

Die Bedeutung, die der Nachahmung zukommt, relativiert die Bedeutung des Neuen? Kann man das so sehen? 

Michael Schwarz: Darauf kann ich nur mit einem entschiedenen "Ja und Nein" antworten. Einerseits ist Nachahmung genau der Mechanismus, der die Reproduktion des Bestehenden "organisiert" und insofern Ordnung und Regelmäßigkeit schafft. Zugleich aber ist sie der Modus, in dem sich die Verbreitung des Neuen vollzieht, der Mechanismus, aus dem Neues überhaupt erst entsteht. Eine Wiederholung des Gleichen gibt es nicht, das ist das Paradox der Wiederholung. Nachahmung beinhaltet immer auch Variation. Richtig ist aber auch, dass der Fokus auf Nachahmung die geläufige Überbetonung des Neuen relativiert und stattdessen in den Blick nimmt, wie sich aus schon Vorhandenem Neues entwickelt, etwa indem in einem bestimmten Kontext etablierte Praktiken auf andere Kontexte "auswandern" und so neue Arrangements entstehen.  

Ralf Kopp: Die Aufwertung des Originals, der Geniekult, das Originalitätsdogma und heroische, quasi-religiös überhöhte Vorstellungen sprunghafter, radikaler Innovationen werden zurückgenommen. Nicht mehr der Erfinder, auch nicht die innovative F&E-Abteilung einer Organisation, sondern inklusive Netzwerke, der permanente intersubjektive Austausch, die Ensemble-Leistung, das kollektive Moment rücken in den Mittelpunkt des Interesses. Die Ursprünge des Neuen interessieren Tarde wenig. Wichtiger ist ihm die Fähigkeit, Potenziale bestehender Erfindungen zu erschließen, zu variieren, neu zu konfigurieren. Ihm geht es darum, wie sich "bereits gemachte Erfindungen besser verstehen und die bereits gemachten Erfahrungen besser nutzen lassen". Aber es ist schon überraschend, dass ausgerechnet die schlecht beleumundete Nachahmung, die lange Zeit als Gegenteil von Innovation aufgefasst wurde, nun gerade Impulse für eine Weiterentwicklung der Innovationstheorie gibt.
 

Prof. Dr. Jürgen Howaldt ist Direktor der Sozialforschungsstelle und Professor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der TU Dortmund. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Innovations- und Organisationsforschung mit Fokus auf das Thema "Soziale Innovation".
Dr. Ralf Kopp ist langjähriger Koordinator des Forschungsbereichs "Organisation und Netzwerke" der Sozialforschungsstelle Dortmund, ZWE der TU Dortmund. Arbeitsschwerpunkte sind Organisations- und Netzwerkentwicklung sowie Innovations- und Wissensmanagement. Dr. Michael Schwarz war bis Juli 2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter im Forschungsbereich "Organisation und Netzwerke" der Sozialforschungsstelle Dortmund. Seitdem ist er freiberuflich tätig mit den Arbeitsschwerpunkten Soziale Innovation, Nachhaltige Entwicklung, Netzwerkentwicklung und Governance. Die drei Soziologen sind Autoren des Buches Zur Theorie sozialer Innovationen. Tardes vernachlässigter Beitrag zur Entwicklung einer soziologischen Innovationstheorie. 


Zitate


"Wir erkennen zunehmend, dass sich Innovationen nicht auf das enge Feld wirtschaftlicher und technologischer Innovationen beschränken lassen. Immer mehr rückt die gesellschaftliche Vielfalt der Innovationen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit." Jürgen Howaldt: Nachahmung, die Neues schafft

"Soziale Nachahmung wird durch Innovation in Bewegung gehalten." Jürgen Howaldt: Nachahmung, die Neues schafft

"Der Weg von der Erfindung, der Invention, zur Innovation erfolgt über Verbreitung, Wiederholung und Diffusion." Ralf Kopp: Nachahmung, die Neues schafft

"Soziale Innovationen definieren wir als intendierte Veränderung von Handlungspraktiken." Ralf Kopp: Nachahmung, die Neues schafft

"Eine Wiederholung des Gleichen gibt es nicht, das ist das Paradox der Wiederholung. Nachahmung beinhaltet immer auch Variation." Michael Schwarz: Nachahmung, die Neues schafft

 

changeX 17.06.2014. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Zur Theorie sozialer Innovationen. Tardes vernachlässigter Beitrag zur Entwicklung einer soziologischen Innovationstheorie. Verlag Beltz Juventa, Weinheim 2014 2014, 116 Seiten, 16.95 Euro, ISBN 978-3-7799-2727-3

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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