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Nichts wollen

"Meditation ist immer ein Akt der Absichtslosigkeit" - ein Gespräch mit Paul J. Kohtes
Interview: Heike Littger

Achtsamkeit ist in den Unternehmen angekommen. Die wittern darin ein Mittel zur Steigerung der Effizienz, erwarten greifbare Ergebnisse, doch sie stoßen an ein Paradox: Achtsamkeit lässt sich nicht erzwingen, Meditation nicht verordnen. Vermutlich liegt gerade darin ihr Nutzen: herauszukommen aus dem Zweck-Mittel-Denken, aus der Fixierung auf vermeintliche Kausalitäten. Und Kraft zu schöpfen aus der Absichtslosigkeit, dem Nichtwollen.

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Paul J. Kohtes, Berater für Unternehmenskommunikation, Buchautor, Coach und Meditationslehrer, empfiehlt Achtsamkeit und Meditation als Instrument der Personal- und Führungskräfteentwicklung. Aber er warnt zugleich: "Meditation ist nicht dafür geeignet, von oben verordnet zu werden."
 

Herr Kohtes, früher hat man mal die ein oder andere Geschichte gelesen über Manager, die frühmorgens einsam auf ihrem Bänkchen sitzen, um in sich zu gehen. Heute schreiben sich ganze Unternehmen "Meditation und Achtsamkeit" auf die Fahne. Woher kommt das plötzliche Interesse?  

Meditation ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Waren es früher eher Hippies oder exaltierte Sinnsucher, die in der Stille ihr Heil suchten, so gehören heute Yoga, Kontemplation und Meditation für viele ganz selbstverständlich zum konventionellen Freizeitprogramm dazu. Parallel dazu hat sich die Unternehmenswelt weiterentwickelt. Erholung ist nicht mehr nur Privatsache wie vor 25 Jahren. Die Grenzen zwischen Beruf und Privatem lösen sich allmählich auf. Das gilt für den Manager, der auch im Urlaub E-Mails beantworten muss. Und das gilt für Unternehmen, die ihren Mitarbeitern zunehmend die Möglichkeit bieten müssen, sich auch tagsüber mal zurückzunehmen, Kraft zu tanken. Nicht zuletzt weil etliche Firmen ein ernstes Problem haben. Ihre Mitarbeiter brennen zunehmend aus - trotz ausgefeilter Gesundheitsprogramme. Der enorme Anstieg von stressbedingten Erkrankungen und psychosozialen Beeinträchtigungen zeigt, dass es einer noch aktiveren Fürsorge bedarf, damit Mitarbeiter sich bei ihrer Arbeit nicht verschleißen.
 

Auch bei SAP soll es Achtsamkeitskurse geben. Gleichzeitig wird Konzerngründer Hasso Plattner mit der Aussage zitiert: "Manchmal will ich die Walldorfer Entwickler packen und schütteln und anschreien: Bewegt euch schneller!" Passt das zusammen?  

Ganz allgemein beobachte ich, dass Unternehmen mit Meditation und Achtsamkeitspraktiken mitunter ein Mehr an Effizienz verbinden. Die Kunst, komplexe Prozesse konkreter und souveräner führen und managen zu können. Achtsamkeitspraktiken allein unter diesen Gesichtspunkten in Unternehmen zu etablieren, ist meiner Meinung nach legitim und funktioniert auch bis zu einem gewissen Grad. Es stellt sich nur die Frage, wie sinnvoll ein solch limitierter Ansatz langfristig ist. Sicherlich mag es für eine Führungskraft gesünder sein, jeden Morgen eine halbe Stunde zu meditieren, um ihrem Zwölf-Stunden-Arbeitstag gewachsen zu sein, als dies nicht zu tun und nach einigen Jahren mit den typischen Burnout-Erscheinungen zusammenzubrechen. In dieser Gleichung wäre die Achtsamkeitspraxis allerdings nahezu ein Nullsummenspiel, denn sie eröffnet keine neuen Potenziale. Achtsamkeitspraxis verhindert dann lediglich, dass die bestehenden Potenziale von den äußeren Rahmenbedingungen untergraben werden.
 

Wie wirkt sich Achtsamkeitspraxis langfristig aus?  

Es gibt so gut wie keine wissenschaftlichen Studien über die Langzeitwirkung von Meditation und Achtsamkeitspraktiken im Businesskontext. Meditation ist ein Weg, den jeder für sich selbst gehen muss, sei es als Individuum oder sei es als Unternehmen. Irrungen und Wirrungen sind selbstverständliche Begleiter auf diesem Weg, und erst indem man solche Phasen durchläuft, lässt sich ermessen, was Meditation bedeuten kann. Die Stolpersteine und Sackgassen sind also ein vitaler Teil des Prozesses. Für Vorreiter in diesem neuen Feld der Unternehmens- und Personalentwicklung ist das Risiko einer Fehlinvestition jedoch extrem gering, weil die bisherigen Praxiserfahrungen belegen, dass ein verstärktes konstruktives Miteinander die Mindestausbeute ist.
 

Und die Maximalausbeute?  

Auch hier gilt: Keiner kann präzise vorhersagen, was dabei herauskommen wird, wenn eine Führungsriege über Monate und Jahre hinweg in Achtsamkeit oder Meditation geschult wird. Es ist immer ein Akt der Absichtslosigkeit. Dies anzuerkennen und sich darauf einzulassen, ist nicht immer einfach - vor allem im Businesskontext, wo Zeit Geld ist und greifbare Ergebnisse erwartet werden. Aber vielleicht ist das ja der größte Benefit überhaupt: herauszukommen aus dem Kosten-Nutzen-Denken und der vergleichsweise starren Wahrnehmung von vermeintlichen Kausalitäten. Wenn sich unser Geist zu öffnen beginnt, schielen wir nicht mehr auf A, um damit B zu erreichen. Wir werden uns bewusster, dass sich das Leben einer ingenieurmäßigen Planbarkeit entzieht. Auch wenn wir uns das noch so sehr wünschen.  

Ich rate Unternehmen immer, Meditation als ein Experiment zu verstehen mit tendenziell offenem Ausgang - im positiven Sinn. Denn wenn Mitarbeiter achtsamer werden, wenn sie beginnen, die äußeren Zwänge, die sie sich zu eigen gemacht haben, zu durchschauen, und wenn sich durch dieses Loslassen ein neues Gefühl der Freiheit einstellt, dann eröffnen sich Möglichkeiten, die vorher nicht absehbar waren.
 

Können Sie das genauer erklären?  

Meditation fördert die Wachheit von Menschen gegenüber sich selbst und ihrem inneren Befinden sowie im Hinblick auf die äußeren Umstände, die sie umgeben. Der wachsende Grad der Bewusstheit, der erfahrungsgemäß mit einer regelmäßigen Praxis einhergeht, rückt häufig Reibungspunkte im eigenen Leben, aber auch mögliche Widersprüche im beruflichen Umfeld deutlicher in das Wahrnehmungsfeld. Damit ist es sehr wahrscheinlich, dass Mitarbeiter, die im Unternehmenskontext mit Meditation in Berührung kommen, beginnen, bisherige Gewissheiten in ihrem beruflichen Wirken zu hinterfragen. Sind die Unternehmen selbst an einem Wandel interessiert und besteht genügend Offenheit, die von Mitarbeitern ausgehenden neuen Impulse zu integrieren, dann kann dies die Basis legen für eine nachhaltige Transformation innerhalb des Unternehmens.
 

... und wenn nicht?  

... kommt es zu Konflikten, weil die Mitarbeiter beginnen, sich innerlich von der bisherigen Unternehmenskultur zu verabschieden. Wir sollten jedoch bedenken, dass sich bereits jede dritte Führungskraft heute schon auf religiöse oder spirituelle Leitideen beruft und für jeden vierten Deutschen spirituelles Bewusstsein zu einem guten Leben dazugehört. Dies zu berücksichtigen, kann die eigene Konkurrenzfähigkeit explizit fördern, die Zukunftsfähigkeit eindeutig stärken und das Image in der Bevölkerung verbessern. Den vermeintlichen Leistungsträgern wird heutzutage eine Weisheitskompetenz fast völlig abgesprochen - da helfen auch keine Berichte zur Corporate Social Responsibility oder Compliance-Richtlinien. Was wir brauchen, sind neue Wege und Methoden, um die Menschen, die in der Arbeitswelt aktiv sind, im Kern ihres Menschseins zu berühren. Nicht zuletzt um neue Antworten zu finden auf drängende Fragen unserer Zeit - jenseits von Effizienz, Optimierung und materiellem Output.
 

Auf was müssen Unternehmen Acht geben, wenn sie Achtsamkeitstrainings anbieten wollen?  

Meditation ist nicht dafür geeignet, von oben verordnet zu werden. Da Praktiken der Achtsamkeit sehr stark auf das Innenleben von Menschen wirken und damit die Sphäre des Privaten tangieren, sollte man keinerlei Handlungsdruck wecken. Die Teilnahme an Vorträgen, Seminaren oder Einzelcoachings muss immer freiwillig sein.  

Im Moment sehe ich leider eine Art Selfmade-Mentalität aufziehen - nach dem Motto "Meditieren kann jeder". Was im Grunde richtig ist. Im Prinzip ist kaum etwas einfacher. Man nimmt eine sitzende, aufrechte Körperhaltung ein, schließt die Augen und tut - nichts. Doch dieses Nichts hat es in sich, besonders dann, wenn man sich fragt, wie kompatibel es mit dem Business ist, das ja erfahrungsgemäß eher mit allem anderen als dem Nichts beschäftigt ist. Menschen hier vernünftig anzuleiten und eine nachhaltige Erfahrung anzustoßen, ist eine besondere Kunst. Im Moment gibt es noch zu wenig erfahrene Lehrer, die den Transfer in die Unternehmenswelt hinbekommen. Wir haben ein quantitativ-qualitatives Problem.
 

Sie haben es vorher angesprochen, "die Mindestausbeute ist ein verbessertes Miteinander", wie kann man sich das vorstellen?  

In vielen Unternehmen scheint jeder nur noch für sich selbst zu kämpfen. Statt in wechselseitiger Unterstützung Synergieeffekte zum Nutzen des gesamten Unternehmens zu realisieren, ist - zugespitzt ausgedrückt - jeder seines eigenen Glückes Schmied. Diese Ellbogenmentalität schafft nicht nur Gräben innerhalb der Mitarbeiterschaft, sondern auch zwischen Mitarbeitern und dem Unternehmen. Einige der großen Fehlspekulationen der Wirtschafts- und Finanzkrise belegen eindrucksvoll, wie die Konzentration auf die Optimierung persönlicher Vorteile Firmen in den Abgrund gerissen hat. Der Versuch, solche Negativentwicklungen allein durch Direktiven von oben zu kompensieren, greift zu kurz.  

Meditation kann zu einer Neubesinnung führen, indem ein Miteinander unmittelbar erlebt wird. In der Erfahrung der Stille wird für viele Menschen nämlich die Dimension erfahrbar, die über die eigene Selbstbezogenheit hinausweist. Das Ich wird sich in seiner Relativität bewusst und spürt zugleich, dass es mit anderen verbunden ist. Voraussetzung ist jedoch, dass auch die organisatorischen und strukturellen Voraussetzungen innerhalb des Unternehmens entsprechend angepasst werden.
 

Nehmen wir an, ein Unternehmen bietet seinen Mitarbeitern ein mehrwöchiges Achtsamkeitsseminar an, was muss danach passieren, damit die Wirkung nicht verpufft?  

Es ist wie mit allem: Man muss dranbleiben. Wenn das Unternehmen keinen Raum schafft, in dem das Erlernte angewendet und vertieft werden kann, und die Mitarbeiter nicht auch für sich selbst üben, klingt der Effekt schnell ab. Ich habe früher jeden Tag zwei Stunden meditiert. Ohne Ausnahme. Diese Strenge ist jedoch nicht unbedingt nötig. Man braucht am Anfang zwar schon eine höhere Dosis, um die eigentliche Qualität überhaupt zu erfahren. Doch danach sind über den Tag verteilt mehrere kurze Impulse besser als einmal die Woche eine lange Einheit, die dann, aus welchen Gründen auch immer, wieder ausfällt.  

Im Zen sagt man: Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond. Das bedeutet: Die positiven Wirkungen von Meditation und Achtsamkeitspraxis sind offensichtlich, jedoch erschließen sie sich nicht alleine auf der Ebene der objektiven Fakten und wissenschaftlichen Beweise, sondern vor allem in der persönlichen Erfahrung.
 

Wie kann ein solcher Impuls aussehen? 

Ganz einfach: Ich nehme eine aufrechte Körperhaltung ein. Schließe die Augen und atme tief ein und aus. Meine Aufmerksamkeit ist ganz auf den Fluss des Atems ausgerichtet. Falls die Gedanken abschweifen, kehre ich einfach zum Atem zurück. Ich kann im Geiste die Atemzüge zählen. Oder ich begleite das Ein- und Ausatmen innerlich mit einem stillen "ein" und "aus". Eine Minute reicht, eine Minute, in der ich nichts tue - außer mir selbst zuzuschauen und wahrzunehmen, was ist. In der Regel sind die Menschen oft über die Wirkung dieser simplen Übung verblüfft - wenn sie sich denn trauen, die anfänglichen Widerstände gegen dieses Nichts zu überwinden.
 

Zur Person: Paul J. Kohtes ist Berater für Unternehmenskommunikation, Buchautor, Meditationslehrer und Manager-Coach. Er ist Mitinitiator des Führungskräfteprogramms "Zen for Leadership" und Koveranstalter des Kongresses Meditation & Wissenschaft, der alle zwei Jahre in Berlin stattfindet. Sein neues Buch Mit Achtsamkeit in Führung (zusammen mit Nadja Rosmann) ist bei Klett-Cotta erschienen.
 


Zitate


"Meditation ist ein Weg, den jeder für sich selbst gehen muss, sei es als Individuum oder sei es als Unternehmen." Paul J. Kohtes: Nichts wollen

"Wenn sich unser Geist zu öffnen beginnt, schielen wir nicht mehr auf A, um damit B zu erreichen. Wir werden uns bewusster, dass sich das Leben einer ingenieurmäßigen Planbarkeit entzieht." Paul J. Kohtes: Nichts wollen

"Was wir brauchen, sind neue Wege und Methoden, um die Menschen, die in der Arbeitswelt aktiv sind, im Kern ihres Menschseins zu berühren." Paul J. Kohtes: Nichts wollen

"Meditation ist nicht dafür geeignet, von oben verordnet zu werden." Paul J. Kohtes: Nichts wollen

"Meditation kann zu einer Neubesinnung führen, indem ein Miteinander unmittelbar erlebt wird." Paul J. Kohtes: Nichts wollen

"Eine Minute reicht, eine Minute, in der ich nichts tue - außer mir selbst zuzuschauen und wahrzunehmen, was ist." Paul J. Kohtes: Nichts wollen

"Meditation ist immer ein Akt der Absichtslosigkeit." Paul J. Kohtes: Nichts wollen

 

changeX 08.01.2015. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Mit Achtsamkeit in Führung. Was Meditation für Unternehmen bringt. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2014, 276 Seiten, 29.95 Euro, ISBN 978-3-608-94865-3

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Autorin

Heike Littger
Littger

Heike Littger ist selbständige Journalistin und wohnt in Mountain View, Kalifornien. Sie schreibt als freie Autorin für changeX.

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