Präsent, beharrlich, gewaltfrei

Neue Autorität in Pädagogik und Beratung - ein Interview mit Martin Lemme und Bruno Körner
Interview: Margarethe Seul-McGee

Autorität ohne Durchsetzung von Macht. Stattdessen klare Präsenz von Führung. Mit dem Ziel, für eine respektvolle Beziehungskultur zu sorgen und positive Entwicklungsprozesse in Gang zu bringen. Das ist kurz umrissen das Ziel des Konzepts Neue Autorität. Zwei Coaches widmen sich seiner Umsetzung.

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Martin Lemme und Bruno Körner sind als Berater und Autoren engagierte Vertreter des Konzepts Neue Autorität in Pädagogik und Schule. Martin Lemme ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut, Bruno Körner Diplom-Sozialpädagoge, Systemischer Familientherapeut und Systemischer Elterncoach, beide sind Systemische Coaches für Neue Autorität und Partner im SyNA - Systemisches Institut für Neue Autorität. Gemeinsam sind sie Autoren des Buchs Neue Autorität in Haltung und Handlung.
 

Worin besteht (sehr verkürzt gesprochen) das Konzept "Neue Autorität" oder worin liegen seine Vorzüge gegenüber einer "alten" Autorität? 

Aus unserer Sicht sind besonders zwei Aspekte wichtig: Zum einen verzichtet Neue Autorität auf die Durchsetzung von Macht und fokussiert auf die (Wieder-)Herstellung von Beziehung beziehungsweise Kooperationsbereitschaft. Denn eine Veränderung von Verhaltensweisen bei anderen setzt voraus, dass die betroffene Person zustimmt. Ziel ist dabei, eine an den Bedürfnissen orientierte Entwicklung der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu fördern, nicht deren Gehorsam. 

Zum anderen setzt aus unserer Sicht die Neue Autorität bei der erziehungsverantwortlichen Person und ihrer Präsenz an. Es geht dabei (erstens) um die Stärkung ihrer inneren Haltung, um Klarheit und Verantwortungsübernahme; (zweitens) um die Möglichkeit, trotz kritischen Verhaltens Kooperationsangebote machen und in Beziehung bleiben zu können; und drittens darum, sowohl im eigenen Handeln wie im eigenen Denken und Fühlen transparent und verbindlich zu sein sowie Unterstützung hinzuzuziehen.
 

Stärke statt Macht - ein weiteres Ihrer programmatischen Begriffspaare - scheint eher auf das Selbstverständnis von Pädagogen abzuzielen. Beginnt Neue Autorität immer zuerst in den Köpfen von Lehrern und Erziehern? 

Ja, denn wir gehen von einem Haltungs- und Handlungskonzept aus. Das bedeutet, dass die Veränderung der eigenen Haltung ausschlaggebend für die daraus folgenden Verhaltensweisen ist. Wenn Erziehungsverantwortliche Kindern und Jugendlichen begegnen, die in ihrem Verhalten ihre Not zum Ausdruck bringen, dies aber in einer destruktiven oder provokativen Art und Weise machen, dann können die Erziehungsverantwortlichen diesem Verhalten nur dann konstruktiv begegnen, wenn sie es selbst schaffen, innerlich ruhig und in der eigenen Gewissheit der Beziehungsgestaltung zu bleiben. Das weitere Vorgehen ist dann geprägt von mehr Präsenz und Nähe, also von eigener Aktivität. Es hängt somit nicht vom Verhalten der Kinder und Jugendlichen ab. Gleichzeitig verlangt das, anzuerkennen, dass niemand gegen seinen Willen zu etwas gezwungen werden kann.
 

  Worin liegt die Kernaufgabe einer Erziehung und Pädagogik, die auf strukturelle Machtlogiken verzichtet? 

Im Konzept der Neuen Autorität werden Maßnahmen überlegt, die auf folgenden Haltungsaspekten beruhen: 

Sie sollen beziehungsfördernd und entwicklungsorientiert sein. 

Sie bleiben Angebote und sind in der Durchführung nicht vom Verhalten des betroffenen Kindes abhängig. 

Sie bieten Möglichkeiten der Wiedergutmachung an und fordern keine Vergeltung - sie sind gewaltfrei. 

Sie schaffen Nähe (Präsenz) statt Distanz und Abkehr. 

Sie achten die Bedürfnisse des Kindes stärker als die Bedürfnisse der Erwachsenen. 

Sie sind geprägt von Ruhe, Verzögerung, reiflicher Überlegung und Selbstkontrolle. 

Sie werden beharrlich wiederholt. 

Sie werden transparent gemacht für die Betroffenen selbst wie auch für eine wohlwollende Öffentlichkeit. 

Sie geschehen in Absprache mit den weiter beteiligten Personen und den Netzwerken.
 

  Wie wirkt neue Autorität im schulischen Alltag? 

Die Umsetzung der Neuen Autorität wurde von uns in "Neue Autorität" in der Schule. Präsenz und Beziehung im Schulalltag beschrieben. Das verdeutlicht, wie umfangreich eine erschöpfende Antwort sich zeigen müsste. Grundsätzlich gibt es für uns kein festgelegtes Ideal der Umsetzung. Jede Schule, die wir begleiten, entwickelt ganz eigene Vorgehensweisen und auch Leitbilder sowie Organisationsentwicklungen.
 

  Wo erkennen Sie außerhalb der Schule weitere Kernbereiche, in denen Neue Autorität wirksam werden sollte? 

Wir sehen verschiedene Bereiche, in denen das Konzept bereits jetzt zunehmend mehr Anerkennung findet. Dies ist neben der Beratung und dem Coaching von Eltern, der Umsetzung in Schule und Jugend- wie heilpädagogischer Hilfe vor allem der Bereich von Führung in Institutionen und Unternehmen. Daraus ergibt sich auch, dass dieses Konzept eine zunehmende Bedeutung in Politik und gesellschaftlichen Prozessen erlangen sollte. Auch in der Psychotherapie sehen wir das Konzept als sehr hilfreich und innovativ an.
 

  Sollte das Konzept "Neue Autorität" zum integralen Bestandteil von regulären Ausbildungen zum Beispiel an Hochschulen werden? 

Das wäre eine prima Vorstellung und findet zunehmend auch statt. Aktuell werden die angehenden Schulleiter und Schulleiterinnen in Hessen im Rahmen der Schulleiterqualifikation alle mit diesem Konzept als Führungsmodell bekannt gemacht. An der Fernuniversität Kassel "Unikims" gibt es bereits seit 2015 einen Lehrbrief dazu von uns. Wünschenswert wäre eine entsprechende Integration vor allem in der Ausbildung pädagogischer Berufe wie Erzieher, Sozial- und Heilpädagogen wie auch Lehrer und Lehrerinnen.
 

Ein Fallbeispiel aus dem Buch 

Eine Gesamtschule publizierte in Reaktion auf einen umfangreichen Mobbingfall die folgende Ankündigung des zuständigen Klassenteams: "Wir sind in großer Sorge um Euch und um die Sicherheit jeder und jedes Einzelnen von Euch. Wir haben mitbekommen, dass einige von Euch andere in der Klasse beschimpft, beleidigt und auf Facebook bloßgestellt haben. Wir sehen darin Mobbing, und dies ist für uns eine Form der Gewalt. Gewalt dulden wir an unserer Schule in keiner Form und werden dagegen vorgehen. Daher werden wir folgende Schritte unternehmen: 

Zunächst haben wir bereits alle KollegInnen und die Schulleitung von unseren Beobachtungen berichtet. 

Im nächsten Schritt werden wir Eure Eltern von unseren Beobachtungen in Kenntnis setzen und einen Elternabend dazu veranstalten. Gemeinsam werden wir dann weitere Schritte planen. 

Wir wissen mindestens von einigen, wer daran von Euch beteiligt ist. Jede und jeden Einzelnen von diesen werden wir ansprechen, Gespräche mit Euren Eltern führen und dann weitere Schritte planen. 

Wir werden unseren Protest in besonderer Weise mit Schweigen sichtbar machen und Euch um Vorschläge für Lösungen anfragen. 

Keine Angst, niemand wird der Schule verwiesen. Doch wir erwarten Wiedergutmachungen und Entschuldigungen, die der Klasse sichtbar gemacht werden. 

Auch werden wir ein Projekt mit Euch dazu durchführen. 

Alle Ergebnisse und Vorgehensweisen werden der Schulleitung den KollegInnen, Euren Eltern und Euch sichtbar und transparent gemacht. 

Wir tun dies, weil ihr uns alle wichtig seid! 

Und wir werden uns auch in Zukunft dafür einsetzen, dass Gewalt an dieser Schule in keiner Form geduldet wird. 

Euer Klassen-Team"
 


Zitate


"Neue Autorität verzichtet auf die Durchsetzung von Macht und fokussiert auf die (Wieder-)Herstellung von Beziehung beziehungsweise Kooperationsbereitschaft." Martin Lemme, Bruno Körner: Präsent, beharrlich, gewaltfrei

 

changeX 18.05.2018. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

cav

Carl-Auer Verlag

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Quellenangaben

Zum Buch

: Neue Autorität in Haltung und Handlung. Ein Leitfaden für Pädagogik und Beratung. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2018, 251 Seiten, 29.95 Euro (D), ISBN 978-3-8497-0221-2

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Osiander

Autorin

Margarethe Seul-McGee
Seul-McGee

Margarethe Seul-McGee leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Carl-Auer Verlag in Heidelberg.

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