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Wenn die Kasse chingelt

Verändern Flattr, Kachingle & Co. die Nutzung von Inhalten im Web? Ein Interview mit Leander Wattig.
Text: Winfried Kretschmer

Bezahlen? Im Internet?! Was wie ein bitterer Joke anmutet, könnte sich zu einer ernsthaften Alternative zum Gratis-Web entwickeln: Nutzer bezahlen für Inhalte, die es sonst nicht geben würde - aber auf eine Web-typische Art: freiwillig und in "like it"-Manier nach dem Lesen. Dabei steht zugleich das gutenbergsche Modell des Publizierens zur Disposition.

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Freiwilliges Bezahlen im Internet kann sich zu einer Alternative zu klassischem Paid Content und Werbung entwickeln. Es stellt insbesondere für Autoren eine große Chance dar, die dadurch unabhängiger von Verlagen werden könnten. Das ist die These des Bloggers und Beraters Leander Wattig.
Leander Wattig unterstützt führende Medienunternehmen bei der Entwicklung und Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen im Internet. Daneben bloggt der Diplom-Buchhandelswirt seit 2008 über Medientrends und war 2009/10 als Lehrbeauftragter an der HTWK Leipzig tätig. 2009 hat er die Initiative "Ich mach was mit Büchern" für eine stärkere Vernetzung der Buchbranche ins Leben gerufen.
 

Herr Wattig, Flattr, Kachingle & Co. - was steckt dahinter? 

Diese Plattformen sind sehr interessant und stehen für einen größeren Trend, der auch als "Crowdfunding" bezeichnet wird. Flattr und Kachingle, aber auch andere Plattformen wie Kickstarter und yourcent, ermöglichen das Bezahlen für Inhalte beziehungsweise Content.
 

Was unterscheidet diese Bezahlmodelle von klassischem Paid Content? 

Bei klassischen Paid-Content-Modellen wird vor dem Lesen eines Textes Geld bezahlt und die Bezahlung ist zwingend. Bei Flattr und Kachingle wird nach dem Lesen bezahlt. Die Bezahlung erfolgt dort auch nur freiwillig, das heißt: wenn der Leser den Text mochte.
 

Besucher bezahlen freiwillig - warum tun sie das? 

Da muss ich ein wenig ausholen und auf die grundsätzliche Problematik der Finanzierung von digitalen Inhalten eingehen. Zu Recht wird ja angemerkt, dass sehr viel Internet-Content aus der Print-Welt stammt oder über die Print-Welt querfinanziert wird. Es stellt sich aber die Frage, was passiert, wenn die Print-Basis zunehmend wegbrechen sollte. Das ist eine sehr berechtigte Frage, die meist dazu genutzt wird, um auf die Notwendigkeit klassischer Paid-Content-Modelle auch im Internet hinzuweisen. Anders formuliert ist es so, dass im Internet zwar die Grenzkosten für die Verbreitung von Inhalten niedriger sind als in der Print-Welt. Schließlich müssen keine physischen Objekte hergestellt und transportiert werden. Dennoch existieren auch bei Content, der für die digitale Welt produziert wird, die sogenannten First Copy Costs, also die fixen Kosten, die bei der Herstellung der Urkopie eines Medienprodukts unabhängig von der Zahl der Nutzer entstehen. Schließlich fallen uns auch in der digitalen Welt gute Inhalte nicht einfach so in den Schoß. Jemand muss auch hier wertvolle Ressourcen aufwenden, um die Inhalte zu erstellen.
Die entscheidende Frage ist: Was passiert, wenn aufgrund der viel behaupteten "Gratiskultur" im Internet die First Copy Costs von Inhalten nicht mehr refinanzierbar sind? Kann es dann nicht passieren, dass viele Inhalte nicht mehr erstellt und uns dann fehlen werden? Einfache Antwort: ja.
Interessant finde ich nun, dass die Internet-Nutzer als angebliche Anhänger einer "Gratiskultur" diese Problematik auch zu erkennen scheinen. Schließlich sehen wir im Netz immer mehr Plattformen, die sich der Sache annehmen, indem sie Paid-Content-Modelle auf freiwilliger Basis erproben - Modelle also, die etwas anders aussehen, als wir das gewohnt sind. Ganz neu ist dieses Prinzip im Übrigen auch nicht. Schließlich gibt es viele Beispiele in der Gesellschaft dafür, dass wir eine Sache freiwillig finanziell fördern, die aus unserer Sicht förderungswürdig ist und die sich sonst über den Markt nicht finanzieren könnte. Der ganze Non-Profit-Bereich beziehungsweise der Dritte Sektor liefert zahlreiche Beispiele dafür.
 

Sie sind optimistisch, dass die Weisheit der vielen die Lösung des Problems selbst generiert - in Form eines Web-typischen Bezahlmodells? 

Das Problem bleibt unverändert bestehen: Viele der klassischen Paid-Content-Modelle funktionieren im Internet nicht so gut wie bisher, weshalb damit künftig nicht mehr so viele Inhalte finanziert werden können. Interessant finde ich nun, dass viele Leute im Internet nicht nach Vater Staat oder Regulierungen rufen, sondern sehr konstruktiv reagieren mit verschiedensten Versuchen, Inhalte über neue alternative Wege zu finanzieren. Dieses Experimentieren ist tatsächlich sehr Web-typisch.
 

Subjektiv gesehen: Was motiviert Nutzer, freiwillig Geld zu bezahlen? Könnte hier die Logik von Social Networks eine Rolle spielen - also dass Menschen zeigen, wofür sie stehen? Und dies wird besonders deutlich, wenn man für etwas bezahlt. 

Neben der Ermöglichung von Inhalten kann eine weitere Motivation für das freiwillige Bezahlen die Selbstdarstellung sein. Bei Kachingle sehen andere Leute, welche Seiten ich unterstütze. Flattr ermöglicht es, Seiten, die ich "flattere", in meinem Facebook-Nachrichtenstrom anzeigen zu lassen. Auch dadurch sehen andere Leute, wofür ich freiwillig Geld bezahle …
 

... und besonders großzügige Unterstützer fallen besonders positiv auf? 

Absolut! Das kennen wir doch aus dem Alltag. Wer eine Sache von allgemeinem Interesse besonders stark fördert, den werden andere Leute, die sich für die Sache interessieren, besonders würdigen. Dafür gibt es unzählige Beispiele. In meiner Heimatstadt Greifswald wurde beispielsweise nach Berthold Beitz, einem der großen Förderer der Stadt, vor ein paar Jahren ein Platz inmitten des von ihm geförderten Universitätsgeländes benannt.
 

Könnte sich freiwilliges Bezahlen zu einer ernsthaften Alternative zu Paid Content und Werbeerlösen entwickeln? 

Das lässt sich nicht so leicht beantworten, weil wir uns in einer so frühen Phase dieser Entwicklung befinden. Ich glaube aber schon, dass freiwillige Zahlungen eine relevante Alternative werden, weil wir viele der bestehenden Geschäftsmodelle der Print-Welt nicht so leicht ersetzen können. Mir ist aber wichtig zu betonen, dass auch diese Alternative die alten Geschäftsmodelle nicht gleichwertig ersetzen kann. Sie ergänzt sie eher in bestimmten Bereichen.
Was Flattr und Kachingle betrifft, muss man berücksichtigen, dass diese Plattformen noch sehr jung sind - gegründet 2010 beziehungsweise 2009 - und wir noch nicht absehen können, wie sie sich weiterentwickeln werden. Im Zweifel kennen wir die Plattformen, welche diesen Markt revolutionieren werden, noch gar nicht. Schließlich war auch Facebook nicht das erste Social Network und ist dennoch das erfolgreichste geworden.
 

Wie hoch ist der Verbreitungsgrad der beiden Plattformen? 

Laut www.ikosom.de hat Kachingle circa 2.000 und Flattr um die 25.000 Nutzer. Beide Plattformen sind interessanterweise besonders im deutschsprachigen Raum verbreitet.
 

Sie sagen, einzelne Autoren erzielen über diese Plattformen schon "relevante Erlöse". Was kommt dabei an Einnahmen zustande? Und: Sind das eher Einzelfälle oder ist das bereits ein Trend? 

Obwohl Flattr erst seit August 2010 in der offenen Beta ist, erzielen Einzelpersonen wie Tim Pritlove schon monatliche Einnahmen von rund 1.000 Euro damit. Natürlich sind das noch die Ausnahmen und quasi die "Leuchttürme". Es zeigt aber, welches Potenzial diese Plattformen bergen. Ich denke ganz grundsätzlich, dass jeder zusätzlich verdiente Euro mit Texten, die frei und kostenlos zugänglich sind, eine prima Sache ist. Wenn es wie bei Tim Pritlove circa 1.000 Euro sind, dann reden wir allerdings schon über einen Betrag, den die allermeisten Autoren heute mit ihren Inhalten nicht erwirtschaften. Insofern können schon kleinere Beträge eine große Chance für Autoren bedeuten, weil jeder Cent letztlich ein wertvolles Mehr an Zeit für das Schreiben bedeutet.
 

Würden Sie so weit gehen zu sagen, dass die Modelle des freiwilligen Bezahlens Autoren unabhängig von den Verlagen machen und damit die Branche umkrempeln könnten? 

Nun, Autoren sind ja auch unabhängig von Flattr, Kachingle & Co. nicht mehr zwingend auf Verlage angewiesen, um ihre Texte zu veröffentlichen. Das kann heute jeder, der über einen Internet-Zugang verfügt. Jedem Autor stellt sich aber die Frage, wie er darüber hinaus tatsächlich auch viele Leser erreichen kann. Hier zeigt sich, dass Verlage etliche Dienstleistungen bieten, die auch künftig gefragt sein werden - ob in der heutigen gebündelten Form und ob die Verlage diese Dienstleistungen gut genug für die Autorenansprüche von heute und morgen erbringen, das sollte durchaus kritisch diskutiert werden. Fest steht, dass Verlage sich künftig noch mehr anstrengen müssen, wenn sie erfolgsträchtige Autoren verlegen möchten. Viele der erfolgreichen Autoren suchen sich schon heute für jedes ihrer Anliegen den aus ihrer Sicht jeweils besten Dienstleister aus - eben weil sie es sich leisten können. Genau hier kommen auch Flattr, Kachingle & Co. ins Spiel. Es ist durchaus möglich, dass auch weniger erfolgreiche Autoren künftig über solche Plattformen relevante Beträge erwirtschaften werden, die sie unabhängiger von klassischen Verlagen machen. Dann werden auch bei diesen Autoren die Ansprüche steigen.
 

Wie können Verlage auf diese Herausforderung reagieren? 

Kurz gesagt: Verlage müssen besser sein als die Autoren selbst und als all die neuen Wettbewerber im Netz, die recht ähnliche Dienstleistungen erbringen. Unabhängig davon bieten Flattr, Kachingle & Co. aber auch eine große Chance für Verlage, die ja ständig neue Autoren und Texte mit großem Erfolgspotenzial suchen müssen. Die Verlage könnten also schauen, welche Autoren über Flattr, Kachingle & Co. echte - das heißt mit konkreten Geldbeträgen verknüpfte - und große Nachfrage generieren. Diese Autoren und Texte könnten die Verlage dann verlegen, und ich vermute, dass deren Erfolgswahrscheinlichkeit recht hoch wäre.
 

Wie könnte Publizieren in der Zukunft aussehen? 

Ein großer Unterschied zwischen der Print- und der Internet-Welt ist, dass digitale Bücher nicht mehr abgeschlossen werden müssen, um vertrieben werden zu können. Ein Buch kann im Netz aus vielen Teilen bestehen, die jeweils separat veröffentlicht werden - während an der Geschichte weitergeschrieben wird. So lassen sich heute wirklich potenziell unendliche Geschichten schreiben. Viele Verlage und Internet-Plattformen gehen aber noch immer vom fertigen Buch aus. Ich denke, wir werden künftig eher vom Prozess des Publizierens her denken und überlegen, wie wir diesen Prozess monetarisieren können. Flattr, Kachingle & Co. stellen hier eine interessante Option dar. Werbung ist eine andere und altbekannte. Wir werden weitere kennenlernen.
Grundsätzlich wird es auch künftig sein wie bisher: Die technischen Möglichkeiten setzen den Rahmen für die Gestaltung von Inhalten. So war es auch bei der Druckerpresse und dem Buch. Künftig werden die technischen Möglichkeiten aber nahezu unbegrenzt sein. Wir dürfen also sehr gespannt sein, wie sich unser Umgang mit Inhalten weiter verändern wird.
 


Zitate


"Ein großer Unterschied zwischen der Print- und der Internet-Welt ist, dass digitale Bücher nicht mehr abgeschlossen werden müssen, um vertrieben werden zu können. Ein Buch kann im Netz aus vielen Teilen bestehen, die jeweils separat veröffentlicht werden - während an der Geschichte weitergeschrieben wird." Leander Wattig: Lass die Kasse chingeln

"Die entscheidende Frage ist: Was passiert, wenn aufgrund der viel behaupteten "Gratiskultur" im Internet die First Copy Costs von Inhalten nicht mehr refinanzierbar sind? Kann es dann nicht passieren, dass viele Inhalte nicht mehr erstellt und uns dann fehlen werden? Einfache Antwort: ja." Leander Wattig: Lass die Kasse chingeln

 

changeX 20.10.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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