Food at Work

Schluss mit Desk Food - das Personalrestaurant wird zum Prestigeprojekt
von David Bosshart

Lange wurden Kantinen nur auf Kosten und Effizienz hin optimiert. Doch in Zukunft wird die Verpflegung der Mitarbeitenden auch zum Schaufenster des Unternehmens. Für den "European Food Trends Report" 2013 untersuchte das GDI Gottlieb Duttweiler Institute Trends beim beruflichen Essen.

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Nur wenige gehen für das Mittagessen noch nach Hause (außer in Frankreich), die meisten ernähren sich am oder in der Nähe des Arbeitsplatzes. Selbst Vollzeit berufstätige Eltern essen mittags nur noch selten gemeinsam mit ihren Kindern. Viele Schweizer und Deutsche äußern sich ambivalent zum am Arbeitsort angebotenen Essen. Es wird vor allem als praktisch, funktional, langweilig, hektisch und tendenziell eher ungesund eingeschätzt. Zwar glaubt man, Qualitätsprodukte zu erhalten, misstraut aber deren Herstellungsweise.  

Eine Studie aus den USA zeigt, dass rund ein Drittel aller Arbeiter ihr Mittagessen von zu Hause mitnehmen. Bei denen, die es vor Ort kaufen, steht Fast Food an erster Stelle (43 Prozent), 25 Prozent verpflegen sich in der Kantine, 17 Prozent gehen in ein bedientes Restaurant, die anderen holen sich etwas in Supermärkten, Convenience-Shops oder Automaten. In Deutschland steht knapp einem Drittel der Beschäftigten eine Kantine zur Verfügung, die von gut der Hälfte täglich oder mehrmals wöchentlich besucht wird.


Entstressung


Unternehmen, die bis dahin die Verpflegung ihrer Mitarbeitenden entweder ausgelagert oder auf Kostengünstigkeit, Effizienz und Funktionalität getrimmt haben, beginnen zu realisieren, dass eine Mittagspause, die weder gesund noch erholsam ist, letztlich dem Unternehmen selbst schadet. Hinzu kommt eine Arbeitswelt, die im Umbruch ist, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zusehends verschwimmen. Da können gemeinsame Essen oder Kaffeepausen im Team willkommene und strukturgebende Momente sozialen Austauschs sein.  

Ein erster Schritt in diese Richtung ist die oft loungeartige Aufwertung der Kaffeeküchen mit dem Ziel, einen entsprechenden kommunikativ-vernetzenden Effekt zu haben. Diese Entwicklung macht auch vor den Kantinen nicht halt. Und dort gleich im doppelten Sinne: Einerseits werden die Räume so gestaltet, dass Interaktionsmöglichkeiten und eine entspannte Atmosphäre entstehen. Andererseits wird das kulinarische Angebot vermehrt in Richtung gesundes, bekömmliches und damit leistungssteigerndes Essen getrimmt, damit Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit der zunehmend als Wissensarbeiter tätigen Menschen gesteigert werden. Beides zusammen, gesundes Essen und entspannte Atmosphäre, soll letztlich physischen und psychischen Krankheiten und Arbeitsplatzabwesenheit entgegenwirken.


Essen fürs Betriebsklima


Essen am Arbeitsort wird zum zentralen Aspekt einer innovativen Unternehmenskultur. Die Verpflegung der Mitarbeitenden übernimmt eine integrierende, verbindende Funktion, fördert den Austausch und steigert die (Team-)Produktivität. Das Essen dient auch als Instrument für die Wertschätzung und Motivierung der Mitarbeitenden, es fördert das Betriebsklima. Da es im globalen Wettstreit immer schwieriger wird, die richtigen Leute zu finden, können solche "weichen" Faktoren den Unterschied ausmachen.  

In Bezug auf die Verköstigung der Mitarbeitenden setzt Google neue Maßstäbe. So gibt es für die Angestellten nicht nur gratis Frühstück, Mittag- und Abendessen (wobei die Mitarbeitenden aufgefordert werden, besser nur zwei der drei möglichen Mahlzeiten am Arbeitsort einzunehmen), sie dürfen sich auch in die Menügestaltung einbringen, etwa indem sie den Köchen Rezepte vorschlagen oder selber mitkochen. Zudem gibt es sporadisch abends Kurse, bei denen die Köche den Mitarbeitenden ihr Wissen weitergeben.


Abendkantine


Für Betriebe und Kantinen wird angesichts sich auflösender Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit auch das Abendessen zu einem Thema. Denn für Berufstätige gestaltet sich der Übergang von der Arbeit zum Abendessen mit der Familie oft stressig - erst recht, wenn sie den Anspruch haben, etwas Frisches, selber Gekochtes aufzutischen. Insbesondere Vollzeit berufstätige Mütter ernähren sich selbst und auch ihre Familie weniger gesund als Mütter, die in Teilzeit oder nicht berufstätig sind.  

Firmen bieten vermehrt Dienstleistungen für den Arbeit-Freizeit-Übergang an. So zeigen Feldversuche, dass von der Kantine vorgefertigte Mahlzeiten, die nach Hause mitgenommen und dort aufgewärmt werden können, das Essverhalten der Mitarbeitenden positiv beeinflussen - mit doppeltem Nutzen: Es ist gut für die Gesundheit und das psychische Wohlbefinden.  

Unternehmen könnten ihren Mitarbeitenden ferner den Einkauf von Lebensmitteln erleichtern oder Kochtüten zusammenstellen, mit deren Zutaten und mitgelieferten Rezepten sie zu Hause einfach ein Gericht zusammenstellen können. Wenn der Übergang von Arbeit zu Familie (und umgekehrt) gut verläuft, wirkt sich das positiv auf die Gesundheit aus, vermindert Absenzen und erhöht die Produktivität. Für Unternehmen lohnt es sich also, in die Gesundheit der Mitarbeitenden zu investieren, indem sie ausgewogenes Essen in entspannter Atmosphäre und einen reibungslosen Übergang von der Arbeit zur Familie fördern.


Geschäftsessen im Age of Less - weniger Protz, dafür aber mehr Erlebnis


Mehrgängige Menüs mit teuren Weinen, serviert in Nobelrestaurants, die ziemlich steif und teuer sind - diese Art der Kundenpflege gehört je länger, je mehr der Vergangenheit an (zumindest in Europa und Nordamerika). Waren lange Zeit nur die besten Adressen der Stadt gut genug, um gute Deals zu besiegeln, so passt das zügellose Schlemmen nicht mehr in den Wertekatalog der meisten Unternehmen. Wenn Budgets schrumpfen und viele Mitarbeitende mit der Angst, einer Kündigung zum Opfer zu fallen, leben müssen, dann ist das Bild von Managern, die sich einen "La Tâche" für 1.250 Franken öffnen lassen, fatal und kontraproduktiv - viele Betreiber hochkarätiger City-Restaurants klagen darüber, dass der Umsatz mit Geschäftsessen in den vergangenen Jahren signifikant gesunken sei (ganz zu schweigen von solchen auf dem Land).


Physische Nähe


Dennoch werden nach wie vor wichtige Entscheidungen beim Essen getroffen. Es ist für die Beziehungspflege von Geschäftspartnern ein wertvolles Instrument, das wieder an Bedeutung gewinnt. Wertschätzung wird in einer zeitknappen Arbeitsgesellschaft signalisiert, indem man sich Zeit füreinander nimmt. Die physische Nähe trägt zur Bildung von Vertrauen bei. Durch informelle Gespräche soll man sich besser kennenlernen, eine gemeinsame Sichtweise entwickeln und das Involvement in ein Thema verstärken. So informell und locker das Geschäftsessen abgehalten ist, so detailliert muss es im Voraus geplant worden sein - wobei den kulturellen Unterschieden ein besonderes Augenmerk gewidmet werden soll.  

Strikt rationale, auf Eigennutz kalkulierte Geschäftsbeziehungen werden in partnerschaftlichere Verhältnisse umgewertet. Neu ist das Ambiente der dafür gewählten Orte: entspannt statt steif, authentisch statt protzig. Google macht vor, dass Geschäftsessen sogar in der eigenen Kantine stattfinden können - auch ganz im Sinne von Transparenz und Ehrlichkeit.  


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Mirjam Hauser, David Bosshart, Christopher Muller:
European Food Trends Report
Konsumentenfrühling - Beginn eines neuen Essbewusstseins
54 Seiten, 92 Franken
ISBN 978-3-7184-7086-0
Bestellung: www.gdi.ch  


Zitate


"Die Verpflegung der Mitarbeitenden übernimmt eine integrierende Funktion, sie fördert Austausch und Betriebsklima." David Bosshart: Food at Work

"Wertschätzung wird in einer zeitknappen Arbeitsgesellschaft signalisiert, indem man sich Zeit füreinander nimmt." David Bosshart: Food at Work

 

changeX 18.12.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Autor

David Bosshart
Bosshart

David Bosshart ist Geschäftsführer des Gottlieb-Duttweiler-Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Rüschlikon/Zürich. Als Autor zahlreicher internationaler Publikationen und mehrsprachiger Referent ist der promovierte Philosoph ein gefragter Key-Note-Speaker in Europa, Amerika und Asien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Globalisierung und politische Philosophie, die Zukunft des Konsums und gesellschaftlicher Wandel sowie Management und Kultur.

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