Leben in der Stadt von morgen

Morgenstadt - das neue Buch von Hans-Jörg Bullinger und Brigitte Röthlein
Rezension: Jost Burger

Die Zukunft spielt sich in den Städten ab. Doch wie wird das Leben dort aussehen, wenn es noch lebenswert sein soll? Ein neues Buch versammelt alles, was sich Wissenschaftler und Stadtplaner in jüngster Zeit dazu ausgedacht haben. Und bietet den richtig guten Überblick.

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Jahreswechsel sind Perspektivwechsel. Wo der Blick Ende Dezember resümierend auf den zurückliegenden zwölf Monaten liegt, heißt es Anfang Januar schlagartig: Augen nach vorn, wir machen jetzt weiter mit der Zukunft! Wie passend, in diesem Zusammenhang ein Buch wie Morgenstadt zur Hand zu haben, Untertitel: Wie wir morgen leben: Lösungen für das urbane Leben der Zukunft.  

Denn dass unsere Zukunft urban sein wird, da sind sich Stadtplaner, die UNO und sonstige Visionäre ziemlich einig. Doch wie werden wir die Herausforderungen meistern, die sich aus dem ungebremsten Wachstum unserer Städte ergeben - aus ökologischer, sozialer oder politischer Sicht? Wie kann die Stadt der Zukunft, wie kann diese "Morgenstadt" aussehen? Wie wird das Leben in diesen Städten aussehen, wenn sie noch lebenswert sein sollen?


Wie unsere urbane Zivilisation aussehen könnte


Die Stadt ist "ein Ort, an dem sich die Zukunft unseres Globus entscheiden kann: Bühne für soziale Hoffnungen ebenso wie Experimentierfeld für Neuerungen, Chance für unkonventionelle Lösungen in vielen Bereichen", schreiben die Autoren: die Wissenschaftsjournalistin Brigitte Röthlein und Hans-Jörg Bullinger, bis Herbst 2012 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Ihre wissenschaftlich-technische Sichtweise tut dem Buch gut. Denn statt wolkiger Visionen beschreiben die Autoren tatsächlich ganz praktisch und lebensnah, wie unsere urbane Zivilisation aussehen könnte.  

Herausgekommen ist dabei ein Übersichtswerk, das so ziemlich alles versammelt, was sich Wissenschaftler, Ingenieure und Stadtplaner in jüngster Zeit für die Stadt der Zukunft ausgedacht haben: Mini-Windkraftanlagen auf Hausdächern. Urban Farming, also die Erzeugung von Lebensmitteln direkt in der Stadt, in ganz großem Stil. Verkehrskonzepte, die aufs Automobil verzichten oder in denen dasselbe Ticket fürs Leihfahrrad wie für die S-Bahn gilt. Smart Grids, intelligente Stromnetze, die die dezentrale, regenerative Energieerzeugung, -verteilung und -speicherung regeln. Smart Cities, deren Infrastruktur miteinander kommuniziert und die ihren Bürgern die totale mobile Einbindung in die virtuelle Realität bieten, in der immer mehr öffentliche Prozesse ablaufen. Modelle der Bürgerbeteiligung, mit denen sowohl Piratenpartei als auch Stuttgarts Wutbürgersenioren zufrieden sind.  

Stimmt: Hier wurde zusammengetragen, was an Lösungsansätzen und Ideen herumschwirrt. Vieles davon kennt man, zumindest vom Hörensagen. Eben das aber macht das Buch so lesenswert, denn es bietet den so oft vermissten wirklich guten Überblick. Übrigens nicht nur über Visionen, sondern auch über Test- und Forschungsprojekte, die schon laufen. Wer mehr erfahren will, dem nutzen die umfangreichen Anmerkungen und der ausführliche Index.


Von der Morgenstadt zur Heutestadt


Was auch nicht fehlt, nicht fehlen darf: der Hinweis auf die Chance Deutschlands, bei der ganzen Sache als Vorbild zu dienen. Denn hierzulande manifestieren sich zukünftige urbane Herausforderungen vielleicht geballter als anderswo: Hier stehen die Signale nicht mehr auf Wachstum, sondern schon auf Stagnation (Demografie), die Konzentration ist weit fortgeschritten (Landflucht) und der Flächenverbrauch hoch (bei hoher Siedlungsdichte). Zugleich aber dürften wir uns - wenn vielleicht auch nicht auf allen Gebieten an der Spitzenposition - zu den weltweiten sogenannten Technologieführern zählen. Stadtplanerische Visionen, die eben sehr oft technische Visionen sind, könnten, so die Autoren, in Deutschland schneller und gewinnbringend entwickelt werden.  

Was übrigens, und das ist auch ein Gewinn der Lektüre, endlich mal ein Argument ist für die Vorreiterrolle, die Deutschland für eine nachhaltige Zukunft angeblich einnehmen soll. Sonst klingen diese Sprüche ja immer ein wenig nach Besserwisserei und Großmannssucht. Den Beweis, dass wir nicht nur technisch, sondern auch politisch als Vorbild taugen (wenn es nämlich um die Teilhabe der Bürger geht), müssen wir allerdings erst noch antreten. Bis dahin lohnt es sich, mit dem Buch in der Hand über die Morgenstadt nachzudenken, die, so die Hoffnung der Autoren, irgendwann zur "Heutestadt" wird.  


changeX 10.01.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Morgenstadt. Wie wir morgen leben: Lösungen für das urbane Leben der Zukunft. Carl Hanser Verlag, München 2012, 286 Seiten, 24.90 Euro, ISBN 978-3-446-43203-1

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Autor

Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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