Besser richtig

50 Strategien, die falschen Mitarbeiter zu finden - das neue Buch von Uwe Peter Kanning
Rezension: Katja Reichgardt

Knapp 700 wissenschaftliche Publikationen zum Thema Personalauswahl erscheinen jedes Jahr. Doch die meisten Personaler verlassen sich noch immer auf ihr Bauchgefühl. Wie das? Dieser Frage und anderen Irrtümern der Personalauswahl spürt ein neuer Methodenratgeber nach.

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Bauchgefühl oder wissenschaftliche Befunde? Die Personalsuche und -auswahl gehört zu den wichtigsten Investitionsentscheidungen eines Unternehmens, tragen gute Mitarbeiter doch maßgeblich zum Erfolg oder Misserfolg bei. Im Jahr 2015 wurden in deutschen Unternehmen und Behörden knapp 3,4 Millionen neue Mitarbeiter eingestellt, interne Stellen nicht eingerechnet. Dem vorausgegangen sind Millionen von Bewerbungsgesprächen und noch mehr Bewerbungsunterlagen, die es zu sichten galt. Bei diesen Zahlen verwundert es nicht, dass die Personalauswahl einen immer größeren Stellenwert einnimmt - in Unternehmen und der Wissenschaft. Auch die versucht laufend, neue Methoden und qualitativ bessere Personalauswahlverfahren zu entwickeln.  

Dennoch: Trotz der Fülle an Publikationen und Ratgebern zum Thema vertrauen die meisten Personaler und Führungskräfte nach wie vor eher auf ihre Intuition, ihr Bauchgefühl, als auf erprobte Methoden. Warum das so ist, darüber hat sich Uwe Peter Kanning, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück, Gedanken gemacht. Er sieht den Grund darin, dass sich die Entscheidungsträger nicht über den Stand der Forschung in diesem Bereich informieren, sondern sich lieber auf ihre Berufserfahrung und vermeintliche Menschenkenntnis verlassen. "Während wir in anderen Berufsfeldern, wie etwa der Medizin oder den Ingenieurwissenschaften, ganz selbstverständlich erwarten, dass die Protagonisten stets auf dem aktuellen Stand sind, klafft im Personalwesen eine riesige Lücke zwischen Forschung und Praxis, so Kanning.


Auswahl der falschen Mitarbeiter


Sein neues Methodenbuch will genau diese Lücke schließen. Und nähert sich mit einer guten Portion Ironie dem Thema: indem es 50 Strategien vorstellt, mit denen man garantiert die falschen Mitarbeiter findet. Gleichzeitig versucht der Autor, Wege aufzuzeigen, es besser zu machen, und hinterfragt weitverbreitete Mythen der Personalauswahl.  

Auch wenn es in vielen Bereichen des Lebens und auch des Arbeitsalltags sinnvoll ist, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen - bei der Personalsuche ist die eigene Intuition nicht der beste Ratgeber. Dass unsere Wahrnehmung uns täuschen kann, hat sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder gezeigt (und ist in den letzten Jahrzehnten zu einem Forschungsschwerpunkt der Schnittstelle zwischen Psychologie und Ökonomie geworden). Wieso also sollte das bei der Urteilsbildung über potenzielle Mitarbeiter anders sein? Auch Kanning rät, dabei auf bewährte und wissenschaftlich fundierte Methoden wie Leistungstests, Assessment-Center und strukturierte Interviews zu setzen, statt auf das berühmte Bauchgefühl.  

Die erste sichere Strategie, die garantiert zur Auswahl der falschen Mitarbeiter führt, lautet daher auch: Vertrauen Sie blind Ihrer Wahrnehmung. Und auch die anderen 49 Methoden unterstreichen, dass Forschung und wissenschaftliche Befunde die wichtigsten Ratgeber bei der Personalsuche sind.


Irrtümer bei der Personalauswahl


Gleichzeitig gibt es andere Irrtümer, die Personalern immer wieder unterlaufen. Einer von vielen: zu meinen, die Glaubwürdigkeit der Außendarstellung des Unternehmens auch im Bewerbungsgespräch aufrechterhalten zu müssen. Unternehmen versuchen, sich heute mit immer ausgefalleneren Werbe- und Marketingmaßnahmen ins Gespräch zu bringen. Dabei spielen für die meisten Bewerber Inhalte und Arbeitsanforderungen des neuen Jobs eine weit größere Rolle als die vermeintliche Einzigartigkeit des Unternehmens.  

Kanning gibt aber auch Tipps für die praktische Umsetzung. Strategie 27 weist darauf hin, dass Interviews grundsätzlich mit mehr als einem Interviewer durchgeführt werden sollten, um eine weitgehend objektive Urteilsfindung zu gewährleisten. Die letzte seiner 50 Strategien bezieht sich schließlich auf Methoden, die erst nach getroffener Personalauswahl von Bedeutung sind, aber von vielen Personalern ebenfalls stiefmütterlich behandelt werden: Nur einer oder eine geringe Zahl der Bewerber wurde für den Job gewählt, der Rest erhält, wenn überhaupt, eine freundliche E-Mail, in der mitgeteilt wird, dass man sich für einen anderen Kandidaten entschieden hat. "Dabei gibt es viele gute Gründe, dennoch ein Feedback zu geben", so Kanning. Der naheliegendste: Man trifft sich ja mitunter zweimal im Leben. Auch hier liefert der Autor die passenden Gründe und Tipps für das nächste Auswahlverfahren gleich mit.


So klappt es mit den richtigen Mitarbeitern


Fazit: Mit einzelnen Beispielen und sachlich erklärten Negativstrategien aus dem Alltag von Personalern und Bewerbern liefert Kanning einen Überblick über falsch verstandene Theorien und gibt gleichzeitig Anleitungen für die richtige Auswahl künftiger Mitarbeiter. Aufzählungen, Diagramme und Checklisten unterstreichen seine Methoden und fassen die Kernaussagen zusammen. Dabei behandelt er sämtliche für den Auswahlprozess notwendigen Bausteine, von der Sichtung der Bewerbungsunterlagen über das Bewerbungsgespräch bis hin zum Personalmarketing. Und er hilft mit Checklisten und Tipps, die eigenen Schwächen aufzudecken. Also, Schluss mit dem blinden Vertrauen auf das eigene Bauchgefühl! Dann klappt es auch mit den richtigen Mitarbeitern!  


Zitate


"Die Validität der eigenen Menschenkenntnis ist nur eine Illusion, die uns selbst schmeichelt." Uwe Peter Kanning: 50 Strategien, die falschen Mitarbeiter zu finden

"Wer die Fehler reduzieren will, die vom Glauben an die eigene Menschenkenntnis ausgehen, muss sich gegen die Automatismen systematisch verzerrter Personenbeurteilung zur Wehr setzen." Uwe Peter Kanning: 50 Strategien, die falschen Mitarbeiter zu finden

"Wie gut am Ende das eigene Auswahlverfahren ist, hängt davon ab, wie sehr die methodischen Prinzipien, die sich in der Forschung als zielführend erwiesen haben, in der Praxis auch tatsächlich umgesetzt werden." Uwe Peter Kanning: 50 Strategien, die falschen Mitarbeiter zu finden

"Viele Unternehmen betrachten das Personalmarketing als Werbung: Es kommt ausschließlich darauf an, andere Menschen auf sich aufmerksam zu machen. Im Grundsatz ist diese Haltung natürlich auch nicht völlig falsch. Natürlich müssen gerade unbekanntere Unternehmen auf sich aufmerksam machen. Dabei verlieren manche jedoch den tieferen Sinn dieser Übung aus dem Blick." Uwe Peter Kanning: 50 Strategien, die falschen Mitarbeiter zu finden

 

changeX 17.02.2017. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Verlagsgruppe Beltz

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Quellenangaben

Zum Buch

: 50 Strategien, die falschen Mitarbeiter zu finden. … und wie Sie es besser machen können. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2017, 264 Seiten, 29.95 Euro, ISBN 978-3-407-36622-1

50 Strategien, die falschen Mitarbeiter zu finden

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Autorin

Katja Reichgardt
Reichgardt

Katja Reichgardt ist freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt als freie Mitarbeiterin für changeX.

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