Revolution der Nichtrevolutionäre

Jugend forsch - das Kursbuch 181 erforscht die Jugend
Rezension: Sascha Hellmann

Die Jugend. Wer ist sie eigentlich? Wie tickt sie? Mit dieser offenen Haltung geht das neue Kursbuch auf die Generation Y zu, fragt sie und lässt sie zu Wort kommen. Ergebnis: Festnageln lässt sich die Jugend von heute nicht! Dafür ist sie zu bunt - und kantig.

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"Die Jugend ist auch nicht mehr das, was sie mal war!" Mit diesem Satz ist meist das Urteil über die Jugend gefällt. In der Regel von der Nichtjugend, die ihre ganze eigene, leider oftmals unreflektierte Haltung gegenüber der nachgewachsenen Generation nicht als solche erkennt. Sondern sie als Fakt sieht, Punktum.  

Daher ist dem aktuellen Kursbuch 181 - Jugend forsch zugutezuhalten, dass es übliche Reaktionsweisen reflektiert, somit nicht in diesen typischen Gestus verfällt und sich mindestens in zweierlei Hinsicht bemerkenswert dem Phänomen der Jugend zuwendet.  

Erstens lässt es die so verstandene Jugend, also diejenigen, die 36 Jahre oder jünger sind, selbst zu Wort kommen - und zeigt damit Offenheit und Interesse; und zweitens bilden sich die Herausgeber, der Soziologieprofessor Armin Nassehi und Murmann-Geschäftsführer Peter Felixberger, nicht ein, mit ihrer Textsammlung das Bild der Jugend in Stein gemeißelt zu haben - nein, sie bleiben bescheiden. Das ist beides gleichzeitig intellektuell angenehm und angemessen.


Mühe, sie festzunageln


Nein, die Jugend ist nicht selbstverständlich, auch nicht griffig. Wenn sie etwas ist, dann vielleicht ein Traum der Erwachsenen. Deshalb ist es hübsch, dass der Soziologe Julian Müller in seinem Beitrag unsere Nasen auf den gängigen "Alltagsrousseauismus" stößt, der sich etwa in folgender Annahme widerspiegelt, die Jugend sei "die Phase der Launen und des Wankelmuts, der unkontrollierbaren Leidenschaften und der Erregung, der Naivität und der Extreme". Alles Quatsch! Damit wird man keiner Jugend, auch nicht der heutigen, die unter Namen wie "Generation Y", "Generation Praktikum", "Generation Merkel" oder "überforderte Generation" herumgeistert, gerecht. Müller nennt sie "die reflektierte Generation". Weil diese Jugendlichen daran gewöhnt seien, "ihr Tun und Handeln widergespiegelt zu bekommen und ihr Tun und Handeln daher permanent und selbstverständlich auf diese ganz unterschiedlichen Spiegelbilder hin zu kontrollieren und mit ihnen abzugleichen".  

Damit ist diese Jugend, die sich allerhand an den Kopf werfen lassen muss, von Orientierungslosigkeit und politischem Desinteresse bis hin zu hedonistischem Egowahn, dann doch reflektierter als gedacht. Die Mühe, sie festzunageln, entspringt vielleicht der Differenziertheit ihrer Aktionen, gegenüber der die älteren Generationen blind sind: Sie kehren vor der eigenen Tür, wechseln nicht allein aus Protest von links nach rechts oder umgekehrt, sondern bemühen sich um Wandel, um Entschlossenheit, natürlich auch um das eigene Glück in einer Welt, die zu komplex ist, um sie mit einfachen Lösungen, auch Revolutionen, zu beglücken. Sie gucken, was geht, was machbar ist, bis die nächste Kursänderung nötig ist.  

Dabei verstehen sie auch noch Spaß, aber der muss es dann schon bringen. Leo Fischer, der von 2008 bis 2013 Chefredakteur der Titanic war, schreibt über seinen schulischen Werdegang, das "Theater der Niedertracht", und übers jugendliche Aufbegehren, das ihn vielleicht auch zur Satire trieb: "Es geht nicht um den Witz als gesellschaftliches Schmiermittel, sondern um einen Witz, der sich seiner systemstabilisierenden Funktion bewusst ist - und diese negiert. (…) Die beste Satire spricht immer das aus, was alle zu denken glauben, und entlarvt es dadurch als reines Nichtdenken."


Jenseits der Brechstange


Die Beiträge des Kursbuchs bilden die Vielfalt der gesellschaftlichen Erscheinungsformen, in denen auch die Jugend zwangsläufig unterwegs ist, recht überzeugend ab. Es geht um Persönliches, Politisches, Wirtschaftliches, Kulturelles - und natürlich auch um die Hürde, an der die junge Generation immer gern gemessen wird: dem Einstieg in die Arbeitswelt.  

Wirklich erbaulich und Mut machend ist hier auch der Beitrag von Dark Horse, einem Arbeitszusammenschluss von 30 jungen Gründern mit dem Agenturschwerpunkt Innovationsberatung. Sie sind jung - und wollten und wollen etwas anderes. Machen also mit ihrem Laden, der allen gemeinsam gehört, wo jeder Chef ist, ihr eigenes Ding. Ein Ding, bei dem Arbeit und Leben etwas miteinander zu tun haben sollten, ja, auch Vergnügen! Und es läuft. Dark Horse verortet sich unter dem Label der Generation Y - why -, weil diese Generation fragt. Dabei ist ihre Subversion jenseits der Brechstange; sie setzt Widerstand und Neues zugleich ein; sie glaubt daran, die Arbeitswelt transformieren zu können, sie hat auch gute Gründe dafür. Sie, also auch Dark Horse, probiert es aus, ganz einfach, und bessert nach, wo es nötig ist. Es ist die Revolution der kleinen Schritte, die "Revolution der Nichtrevolutionäre". 


changeX 19.03.2015. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

Ausgewählte Links zum Thema

Zum Buch

: Kursbuch 181. Jugend forsch. Murmann Publishers, Hamburg 2015, 200 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3-86774-423-2

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Autor

Sascha Hellmann
Hellmann

Sascha Hellmann ist freier Journalist in Heidelberg. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für changeX.

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