Wilde Wirtschaft

Lars Reppesgaard plädiert für die Wild Economy
Text: Jost Burger

Dem Land der Tüftler gehen die Ideen aus. Schuld sind verkrustete Strukturen in Großunternehmen, die echte Innovation abwürgen. Ein Autor plädiert für eine Wirtschaft, die Querdenkern die Chance gibt, Neues in die Welt zu setzen. Die Wild Economy.

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"Gute, abgedrehte und wirklich neue Einfälle sind im selbst ernannten Land der Ideen leider Mangelware." Lars Reppesgaard lässt keinen Zweifel: Um Innovation ist es in Deutschland nicht gut bestellt. Man setzt auf Bewährtes. Perfektioniert, was in den Grundzügen schon vor vielen Jahrzehnten erfunden wurde. Doch wirklich neue Ideen gibt es kaum. Das nämlich setzt voraus, dass sich grundsätzlich etwas ändert in Deutschland. Sagt Lars Reppesgaard. Und hat auch einen Namen dafür: Wir brauchen die "Wild Economy". 

Reppesgaards Kritik geht an die Wurzeln: Dass zwischen Flensburg und Oberammergau nicht mehr viel Neues in die Welt kommt, darüber kann auch die riesige Anzahl von Patenten nicht hinwegtäuschen, die aus Deutschland kommen. Immerhin liegt unser Land nach den USA und Japan an dritter Stelle bei neu angemeldeten Erfindungen. Doch die seien meistens nur Verfeinerungen von Altbekanntem und kommen zudem in der Regel von Industriekolossen wie Bosch, Siemens und Co. "Es gehört zum Geschäftsmodell, bereits Bekanntes zu verfeinern", kritisiert Reppesgaard, der sich wirklich Sorgen um die Innovationskraft der Deutschen macht.  

An klugen, erfindungsreichen Köpfen mangele es nicht, diagnostiziert er. Doch die kämen nicht zum Zuge. Denn in den Technologieunternehmen regierten Controllerseelen, die bestimmten, wo es langgeht. "Woran gebaut und geforscht wird, ist keine Frage der Neugier, sondern eine der Renditeerwartungen." Selbst wer in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen Ideen habe, werde ausgebremst und abgewürgt. Denn in den rein von Shareholder-Value und effizienzorientierter Produktion geleiteten Unternehmen gelte Tüfteln inzwischen nur als Geldverschwendung. Die Sucht, alles in Kennzahlen, Effizienzmessgrößen und komplizierte Controllingsoftware zu pressen, ist Gift für Innovation. "Das Regime der Kontrolleure zerstört den Erfindergeist in den Unternehmen", sagt Reppesgaard und zitiert einen Elektroingenieur bei einem großen Technologiekonzern: "Ein Drittel unserer Arbeitskapazität verwenden wir darauf, diese Systeme zu betrügen."


Chancen für neue Ideen


Dagegen setzt Reppesgaard die "Wild Economy": in der Dienst nach Vorschrift ein Fremdwort ist. In der ein Geist herrscht, der Kreativität und Mut zulässt. In der neue Ideen eine Chance haben. Und neue Ideen sind dringend gebraucht. Niemand dürfte bestreiten, dass wir an einem Wendepunkt stehen, markiert von Klimawandel und dem Ende des fossilen Zeitalters. "Wer jetzt neue Ideen entwickelt, wie man die moderne Gesellschaft am Laufen hält, ohne dass sie den Planeten zerstört, hat die besten Chancen auf gewaltigen Erfolg in der Zukunft." Die großen Technologiekonzerne können da schnell ins Hintertreffen geraten. Denn, so der Autor, nur "die Vertreter einer solchen Wild Economy sind klein, klug und beweglich genug für Umbruchzeiten."  

Es braucht Menschen und Unternehmen wie Hugo Hosefelder. Der Mann ist Technikchef bei der Emag AG. Hosefelder litt unter Zahnfleischbluten, das eine Zahnreinigung mit den herkömmlichen Bürsten äußerst schmerzhaft machte. Nun baut die Emag AG eigentlich Ultraschallreiniger für die Großindustrie. Hosefelder aber ging der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass diese berührungsfreie Technologie auch auf eine Zahnbürste anzuwenden sein müsste. Er hatte Glück. Sein Chef ließ ihn gewähren und in Ruhe an der Neuentwicklung tüfteln. Seit vergangenem Jahr baut die Emag nun auch Zahnbürsten, die mit dieser Technik schonend und höchst effizient die Zähne reinigen. Die etablierten Zahnbürstenhersteller hingegen werfen nur neue Varianten desselben auf den Markt. Sie montieren nur neue Spoiler an ihre Produkte, wie Zukunftsforscher Matthias Horx das einmal formulierte. 

Was lernen wir daraus? Erfinder brauchen offensichtlich ein Umfeld, das sie gewähren lässt. Doch die wenigsten haben das Glück, verständnisvolle Arbeit- und damit Geldgeber zu haben. Ihnen bleibt nur der Ausweg, ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Und dafür brauchen sie eine gehörige Portion Mut. Und den will Reppesgaard nach Kräften fördern. 

Sein Buch ist voll mit Beispielen von Menschen, die es gewagt haben, nicht nur Ideen zu entwickeln, sondern sie auch umzusetzen. Wie Hugo Hosefelder. Oder Stefan Gulas, der in einer Berliner Hinterhofwerkstatt ein neues Antriebskonzept für eine Mischung aus Fahrrad und elektrogetriebenem Motorrad entwickelt hat, das E-Rocket. Solche Beispiele wären Inspiration genug, aber wer das nächste heiße Technologie-Start-up gründen will, bekommt auch viele gute Ratschläge.


Überzeugen durch Visionen


So widmet Reppesgaard einen ganzen Teil seines Buches den Eigenschaften, die Menschen mit Ideen haben müssen. Dazu gehört vor allem die Fähigkeit zu kommunizieren. Denn auch die beste Idee braucht zunächst Geldgeber. Und die wollen überzeugt sein, und zwar durch Visionen. "Zeigen Sie die Möglichkeiten auf", fordert Reppesgaard: Politiker, Bürger oder Kunden interessierten sich weniger für die technischen Details, sondern dafür, "welche Auswirkungen eine Technologie haben wird, wie sie Lebensstil und Zukunft verändern wird". Nicht zuletzt gelte es, sich Verbündete zu suchen. Denn ein Mensch allein kann nicht alle Rollen in einem Start-up erfüllen. Schon gar, wenn er sich um seine Idee kümmern muss.  

Letztlich aber geht es um strukturelle Veränderungen: Vieles muss sich ändern im Land der Ideen, damit wieder echte Ideen entstehen. Dazu gehören Förderungsverfahren, die sicherstellen, dass das Geld bei kleinen, innovativen Firmen ankommt und nicht immer wieder bei den Großkonzernen, die zudem diese Vergabegremien dominieren. Reppesgaard hält dem entgegen: "Geld, das der Entwicklung von Neuerungen zugutekommen soll, ist sinnvoll eingesetzt, wenn vor allem Kleine davon profitieren." Und fordert, auch Wagniskapitalgeber und Technologieinvestoren in die Vergabegremien zu berufen. Und Fördertöpfe für zukunftsweisende Projekte auszugeben. So liege der Anteil der deutschen Konjunkturprogramme, die sich auf Klima- und Umweltschutz beziehen, in Deutschland nur bei 13 Prozent und damit international nur im Mittelfeld. 

Kaum besser bestellt ist es um die Rahmenbedingungen für junge, innovative Unternehmen. In Deutschland herrscht bleierne Bürokratie - andere Länder hingegen fördern per Steuerpolitik Innovation, wie Reppesgaard beschreibt. In Frankreich beispielsweise wurde 2004 für junge Unternehmen der Status des Jeune Entreprise Innovante (JEI) eingeführt. Nicht mehr als 250 Mitarbeiter dürfen diese Unternehmen haben, nicht älter als acht Jahre sein und mindestens 15 Prozent ihrer Etats für Forschung ausgeben. Dafür zahlen sie keine Sozialabgaben für das Forschungspersonal und drei Jahre lang keine Steuern auf ihre Gewinne - und sind zudem von der in Frankreich üblichen umsatzabhängigen jährlichen Steuerpauschale befreit. Sieben Jahre lang entfällt die Grund- und Gewerbesteuer.


Worauf es ankommt: Köpfe und Ideen


Rein mit staatlicher Unterstützung entsteht aber keine neue Innovationskultur. Reppesgaard ruft, na klar, nach einem Strukturwandel: weg von den schwerfälligen Großkonzernen, denen es an Geistesblitzen mangelt, hin eben zur Wild Economy. Sie könne als Blaupause dienen, "wie der innovative Teil der Wirtschaft in Zukunft funktionieren kann". 

So nämlich: in kleinen, unabhängigen Strukturen, die sich je nach Bedarf zusammenschließen. "Die Zukunft gehört Netzwerken, in denen einige Ideen entwickeln und perfektionieren und andere mit Hilfe von rasch umrüstbaren Produktionsanlagen die Massenherstellung übernehmen." Diese Strukturen dürfen nicht von Hierarchien und Machtmissbrauch geprägt sein, in ihnen müssen die Ideen fließen dürfen - ohne Angst vorm Scheitern.  

Der Netzwerkgedanke prägt auch die Innovation selbst: Nicht beamtenmäßig geplante Entwicklungsabteilungen, sondern "flexible Innovationsnetzwerke, die Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmer und einzelne Visionäre miteinander verknüpfen, sind die Modelle der Zukunft". Denn: "Es sind die Köpfe und Ideen, die den Erfolg der Wild Economy ausmachen." Ihre Macher bringen den Mut auf, das Undenkbare zu probieren, statt krampfhaft zu überlegen, wie sie Altbekanntem einen neuen Anstrich verpassen können. Oder neue Spoiler. 



changeX 10.10.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Wild Economy. Durchstarter, die unsere Gesellschaft verändern. Murmann Verlag, Hamburg 2010, 243 Seiten, ISBN 978-3-86774-070-8

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Autor

Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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