Heuchler!

Stunde der Heuchler - Edzard Reuters Streitschrift gegen den Verfall der Sitten
Text: Dominik Fehrmann

Fehlendes soziales Verantwortungsbewusstsein, Gier und Heuchelei kennzeichnen die sittliche Verfasstheit unserer Gesellschaft. Ein früherer Topmanager kritisiert den amoralischen Zeitgeist. Und plädiert für Vernunft, Anstand und Augenmaß.

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Je schnelllebiger die Zeiten, desto gewichtiger das Wort der Betagten. Wenn sich die Welt wie im Zeitraffer wandelt, werden die Alten zu besonders privilegierten Berichterstattern. Als Augenzeugen können sie von längst vergangenen Epochen, verschwundenen Gebräuchen, antiquiert anmutenden Geisteshaltungen erzählen. Auch abzüglich aller unvermeidlichen perspektivischen Verzerrung sind sie mitunter imstande, die Gegenwart auf anschauliche Weise in einen historischen Kontext zu stellen. Und dadurch begreiflicher zu machen. Edzard Reuter hat mit seinen 82 nicht nur viele Jahre auf dem Buckel, sondern auch ein schillerndes Bündel an Lebenserfahrung. Sowie ein gerüttelt Maß an Zorn - auf den Zeitgeist und all seine Anhänger, deren Personifizierung für Reuter der geldgeile und selbstsüchtige Investmentbanker ist. Dass dieser amoralische Zeitgeist ein kontingentes Phänomen ist, dass in der Wirtschaft wie im Leben generell andere Sitten herrschen könnten und auch mal herrschten: Das ist die Botschaft, die der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Daimler-Benz AG nun in einem Buch zu vermitteln versucht. 

Reuter nennt seinen Text ausdrücklich eine "Polemik". Eine Streitschrift also. So ist denn Stunde der Heuchler auch weniger eine sachliche Analyse als ein zum Teil scharfes, zum Teil bitteres Lamento über den Verfall der Sitten. In jedem Fall aber ein emotional verfasstes Werk, was sich schon daran zeigt, dass Reuter die Heuchelei ins Visier nimmt, obwohl es ihm im Kern offenbar um anderes geht. Die Heuchelei ist gar nicht das Schlimmste, sondern nur das Widerlichste. Das eigentliche Problem, das eigentliche Übel ist ihm das fehlende soziale Verantwortungsbewusstsein der Menschen. Der Egoismus. Die Gier, die zu allem Überfluss dann noch heuchlerisch als wohltätiger Gemeinsinn ausgegeben wird.


Leitbild des ehrbaren Kaufmanns


Natürlich ist es die jüngste weltweite Finanzkrise, die Reuter Zündstoff liefert. Andererseits hält er sie auch nur für ein Symptom einer grundsätzlicheren Krankheit: des immer noch verbreiteten Irrglaubens an die Segnungen des ungezügelten freien Marktes. So lässt der bekennende Sozialdemokrat Reuter erwartungsgemäß kein gutes Haar an den Götzen der Neoliberalen, an Friedman und Hayek sowie an Adam Smiths "unsichtbarer Hand". Aber auch frühere Weggefährten, die - wie Hilmar Kopper und Jürgen Schrempp - sich den Leitgedanken des Shareholder-Value auf die Fahnen geschrieben und damit die hiesige Managementkultur "modernisiert" haben, bekommen ihr Fett weg. 

Dagegen setzt Reuter das traditionsreiche Leitbild des "ehrbaren Kaufmanns", dem Ethik und Wirtschaft untrennbar verbunden sind, dessen Denken auf den nachhaltigen Erfolg des Unternehmens gerichtet ist, und für den "Verantwortungsbewusstsein für das Ganze stets Vorrang vor der Verfolgung rein persönlicher Interessen" hat. Dass ein solches Managementverständnis nicht zwangsläufig immer Erfolge zeitigt, stellt Reuter in einem kurzen Verweis auf seine eigene durchaus umstrittene Bilanz als Chef der Daimler-Benz AG klar. 

Doch nicht nur die Wirtschaft nimmt Reuter aufs Korn. Auch die Politik sieht er in der Pflicht und empfiehlt ihr zur Bändigung der globalen Finanzhydra unter anderem: strenge nationale wie internationale Kontrollen der weltweiten Finanzgeschäfte wie auch aller Ratingagenturen, Verbot von sogenannten Leerverkäufen, Obergrenzen für Bonuszahlungen an Mitarbeiter von Finanzinstituten. Dass diese Vorschläge keineswegs neu oder originell sind, gibt Reuter freimütig zu. Ist es ihm doch nur weiterer Beleg für die - letztlich ebenfalls heuchlerische - Untätigkeit der Politik.  

Nun setzt sich jede Klage über einen allgemeinen Sittenverfall zwangsläufig dem Verdacht allzu starker Vergangenheitsverklärung aus. Und auch Reuter kann diesen Verdacht trotz vieler Beteuerungen nicht gänzlich abschütteln. Ob Anstand und Rücksichtnahme tatsächlich per se geschwunden sind und ihr gesellschaftliches Gewicht einen historischen Tiefststand erreicht hat, ist eine reichlich pauschale und deshalb kaum beurteilbare Behauptung. Eine Behauptung, die umso kritischer drehen und wenden sollte, wer ihr aus dem Gefühl heraus stürmisch beipflichten möchte.


Panorama der sittlichen Verfasstheit unserer Gesellschaft


Bestechender, weil origineller, ist da Reuters Verknüpfung der Heuchelei mit dem Begriff des Bürgerlichen. Denn diesen hält er für das im Laufe der Geschichte zurechtgeschneiderte Deckmäntelchen der herrschenden Gier. Das der Bürgerlichkeit zugrunde liegende "Streben nach Besitz und Unabhängigkeit" sei, so seine These, durch eine historische Umwertung jenes Begriffs inzwischen zum scheinbar Anständigen geworden. Damit einher gehe eine "innere Verkrüppelung", eine einseitige Ausrichtung auf Materielles, unter Missachtung aller geistigen Reichtümer. 

In einem durchaus beeindruckenden Parforceritt entwirft Reuter in diesem Zusammenhang eine Art Sozialgeschichte des Bürgerlichen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, die gleichzeitig als kleine Kulturgeschichte der Heuchelei gelten kann. Diese läuft am Ende auf einen - leider nicht bis ins Letzte ausgeführten - Gegensatz zwischen Besitzbürgern und Bildungsbürgern hinaus. Gern hätte man erfahren, was Reuter zu der an dieser Stelle lauernden Frage nach dem potenziellen Einfluss geistigen Reichtums auf die gesellschaftliche Moral zu sagen hat. In jedem Fall aber ist hier ein aufschlussreicher Zusammenhang hergestellt, der so manche Politikerrede von der "bürgerlichen Mitte" in anderem Licht erscheinen lässt. 

Selbst wenn Reuters Panorama der sittlichen Verfasstheit unserer Gesellschaft weniger durch Tiefenschärfe als durch seine Weitwinkelperspektive beeindruckt: Ganz zweifellos rührt er mit seinen Ausführungen an einem verbreiteten moralischen Unbehagen. Und es dürfte Reuters Vita und seinem Erfahrungsschatz geschuldet sein, wenn man dieses Unbehagen durch sein Buch nicht nur bestärkt, sondern auch überzeugend erläutert findet.
 


changeX 15.10.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten. Eine Polemik. Econ Verlag, Berlin 2010, 224 Seiten, ISBN 9783430200905

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Autor

Dominik Fehrmann
Fehrmann

Dominik Fehrmann ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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