Am Ende sind wir gar nicht so toll

Constantin Schreiber: Ausverkauf Deutschland

Dieses Buch provoziert: Deutschland ist im Ausverkauf. Die neuen Big Player der Weltwirtschaft kaufen Unternehmen und Know-how zusammen, treiben das Land in den Ruin. Die Frage dahinter: Ist es vielleicht ein Irrtum, wenn wir meinen, wir seien so wichtig?

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In einem hat Constantin Schreiber recht: Es ist viel zu leicht, deutsche Firmen aufzukaufen. Das zeigt aktuell sehr deutlich der Fall Hochtief. Andere europäische Länder wie Frankreich oder England machen es ausländischen Firmen viel schwerer, Unternehmen von nationaler Bedeutung zu übernehmen. Spanien zum Beispiel, aus dem der aktuelle Angriff auf einen der beiden letzten in deutscher Hand verbliebenen Baukonzerne geführt wird, gilt in dieser Hinsicht als eines der strengsten Länder. 

Um die europäische Konkurrenz geht es Schreiber aber gar nicht. Er warnt vor dem Ausverkauf Deutschlands an die "großen vier": Russland, China, Indien und die arabischen Golfstaaten. Die These vom Ausverkauf Deutschland: Während die Politik - und sogar Teile der Wirtschaft - seelenruhig und tatenlos zusehen, kaufen sich diese Länder Produktionskapazitäten und natürlich das hochgeschätzte deutsche Know-how zusammen. Mit drastischen Folgen: Abfluss von Kapital, Steuereinnahmen und Wissen, Zunahme von Arbeitslosigkeit und Sinken der politischen Bedeutung auf internationaler Ebene. Und all dies in einer Situation, in der wir den Expansionsgelüsten der großen vier nur wenig entgegenzusetzen haben. Und in einer Zeit, in der sich die Europäer und die Deutschen langsam für ein zukunftsfähiges Wirtschafts-, Bildungs- und Gesellschaftsmodell entscheiden müssen.


Ein Weckruf


Selbst die kulturellen Errungenschaften der Sozialpartnerschaft und Demokratie sieht Schreiber in Gefahr. Schließlich scherten sich chinesische Investoren wenig um den Erhalt deutscher Mitbestimmungskultur. Die Stimmung des ganzen Buches lässt sich in den folgenden Sätzen aus der Einleitung zusammenfassen: "Deutschland rutscht ab. Wer kann, der geht ... und lässt Deutschland einfach zurück - überaltert, überschuldet und ohne Hoffnung." Angst und bange wird einem, wenn man liest, wie sich die Golf-Araber in die deutsche Forschungslandschaft einkaufen, die Chinesen drohen, den deutschen Wald abzuholzen, und die russische Gazprom zur allgegenwärtigen Krake auf dem deutschen Energiemarkt mutiert.  

Die Gänsehaut kriegt man zu Recht. Wenn selbst ein liberaler britischer Wirtschaftsminister dabei ist, die ohnehin schon hohen Hürden für Firmenübernahmen zu verschärfen - inklusive der Forderung nach Arbeitsplatzgarantien -, dann sollte auch dem größten Befürworter internationaler Beteiligungen klar werden, dass hierzulande etwas falsch läuft. Dann nämlich, wenn Übernahmen von Unternehmen oder Unternehmensteilen dem Ursprungsland zum Nachteil gereichen. Und erst recht dann, wenn schon bei Übernahmeverhandlungen offen die Verlagerung von Produktionsstätten und die Auslieferung von Know-how verlangt werden.  

Warum beschleicht den Rezensenten dann doch ein Unbehagen beim Lesen? Dies ist zu einem Teil dem moralisch-alarmistischen Duktus geschuldet, etwa wenn der Autor "Werte in Gefahr" sieht oder formuliert: "dann schlagen die Fremden zu". Offensichtlich will Schreiber provozieren. Ob das nötig ist, sei dahingestellt. Denn was er zu sagen hat, ist absolut lesenswert und notwendig. Er liefert ein Buch ab, das mit einer Fülle von gut recherchierten Fakten aufwartet, die alarmierend genug sind. Man wünscht dem Buch sehr, dass es nicht als gruseliges Dunkelszenario gelesen wird, sondern als Weckruf. Und um zu erfahren, was zu tun sei.


Dieses Buch sollte Frau Merkel lesen


Denn auch dazu äußert sich Schreiber. Drei Punkte sind es, die neben der offensichtlichen Forderung nach Gesetzesänderungen im Gedächtnis haften. Da ist zum einen die Stärkung der deutschen Sprache auf der internationalen Bühne. Man mag das naheliegend finden, schließlich verdient der Autor im Hauptberuf im Auswärtigen Amt sein Geld damit, deutsche Kultur im Ausland bekannt zu machen. Doch ist gegen seine Forderung, Kultur- und Bildungspolitik stärker unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betreiben, nichts einzuwenden.  

Wichtiger noch, ja sogar brandaktuell hingegen ist Schreibers Forderung nach gezielter Zuwanderung, wie sie andere Länder vernünftigerweise schon seit Jahren betreiben. Frau Merkel hat bekanntermaßen nicht die Zeit, alle Bücher zu lesen, die in der aktuellen Diskussion sind. Es ist aber zu wünschen, dass wenigstens dieses Kapitel von Ausverkauf Deutschland von jemandem aus ihrer Referentenschar wahrgenommen wird. Man hat ja noch Hoffnung, dass irgendwann eine kritische Masse der Erkenntnis erreicht sein wird und selbst unionsgeführte Länder - und die Gewerkschaften übrigens ebenso - den Realitäten der Demografie ins Auge sehen.  

Nicht zuletzt Schreiber weist darauf hin, dass wir uns dem Rennen um Innovation weiterhin stellen müssen - zum Beispiel durch die konsequente Entwicklung grüner Technologien. Auch das ist nicht neu, muss aber immer wieder betont werden.


Kernerkenntnis: Vielleicht sind wir gar nicht so wichtig


Dennoch will sich das Unbehagen nicht legen. Und wir fragen nach: Ist das nun wirklich so schlimm, wenn den Scheichs oder den Chinesen ein Teil von Mercedes gehört? Und ist es nicht so, dass man, selbst wenn man mit den ganzen Patenten ausgestattet ist, Innovation nicht einfach so ins Ausland verlagern kann - eines der seit Jahren angeführten Standardargumente in dieser Diskussion? Darauf angesprochen fragt Schreiber zurück: Warum denn sollten Chinesen weniger einfallsreich sein als die Deutschen? Genug technisches Wissen habe man sich in China lange genug angeeignet, inzwischen stehe eine neue Generation bereit, hervorragend ausgebildet, mit jeder Menge Ideen im Kopf und motiviert genug, um Innovation made in China in die Welt zu tragen. Darauf zu antworten, fällt schwer. 

Und führt vielleicht zur Kernerkenntnis aus diesem Buch. Denn das Unbehagen rührt nicht wirklich vom Duktus oder der aufrüttelnden Präsentation der Fakten. Es rührt eigentlich daher, dass die Vorstellung eines Bedeutungsverlustes unseres Landes gar zu unangenehm ist. Wir sollen nicht mehr wichtig sein, wo uns doch - zumindest innerhalb der EU - ständig vorgebetet respektive vorgehalten wird, wir seien die bedeutendste Wirtschaftsmacht auf dem alten Kontinent? Vielleicht sähe man das anders, hätte man wie der Autor mehrere Jahre in den so weit entfernt scheinenden Emiraten verbracht. Mitten drin und ganz nah dran an denen, die sich aufmachen, die Geschicke der globalen Wirtschaft zu bestimmen. Fragt man nach seinen Erfahrungen, so beschreibt Schreiber, in welchen Dimensionen dort gedacht und geplant wird: Europa spiele keine Rolle mehr, Deutschland als Partnerland werde gar nicht mehr wahrgenommen. Dass wir stets für uns in Anspruch nehmen, so großartig zu sein, das sei schlicht ein Irrtum. 



changeX 04.11.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

econ

Econ Verlag

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Zum Buch

: Ausverkauf Deutschland. Wie ausländische Investoren unser Land übernehmen. Econ Verlag, Berlin 2010, 286 Seiten, ISBN 978-3-430200950

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Autor

Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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