Daniel Düsentriebe braucht die Welt

Ekkehard D. Schulz: 55 Gründe, Ingenieur zu werden
Text: Jost Burger

Sie haben das Rad, den modernen Ackerbau und den Computer erfunden. Ohne Ingenieure läuft nichts in unserer Welt. Dennoch haben sie nicht den besten Ruf. Und mittlerweile gibt es zu wenige von ihnen in Deutschland. ThyssenKrupp-Chef Ekkehard D. Schulz unternimmt etwas dagegen.

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Kein Zweifel: Der Mann hat den richtigen Beruf gewählt. "Ich bin Ingenieur, und ich bin unbändig stolz darauf. Ich habe nicht eine Sekunde meines Lebens an diesem Beruf gezweifelt." So beginnt das Buch des Vorstandsvorsitzenden der ThyssenKrupp AG, Ekkehard D. Schulz, in dem er uns 55 Gründe, Ingenieur zu werden, serviert. 

Schulz macht sich Sorgen. Über den Mangel an Ingenieuren. Zurzeit gebe es eine Lücke von knapp 50.000 Ingenieuren in Deutschland, was einem kompletten Absolventenjahrgang entspreche. Und die fehlten an allen Ecken und Enden - gerade in einem Land, das wie wenige andere gerade durch technische Höchstleistungen zu wirtschaftlicher Stärke gekommen ist. 

Nun ist der Ruf nach mehr Ingenieuren nicht neu. Auch nicht die Klage, der Ingenieurberuf habe ein schlechtes Image, obwohl er doch die Grundlage unseres Wohlstandes bilde. Oft bleibt es aber beim - nun ja - Jammern, und der öffentliche Diskurs kehrt wieder zum Tagesgeschäft zurück. 

Dieses Schicksal wünscht man Schulz’ Buch nicht, denn es macht vieles besser als andere Bücher mit Aufforderungscharakter. Ohne Frage wurde 55 Gründe, Ingenieur zu werden explizit geschrieben, um wieder mehr junge Männer - und, das sagt er überdeutlich: auch junge Frauen - in den Ingenieurberuf zu bringen. Und die 55 kurzen und ambitioniert illustrierten Kapitel, die die breit gefächerten Daseinsmöglichkeiten eines modernen Daniel Düsentrieb schildern, machen das Buch zu einem Schmökervergnügen. Doch erst die Beimischung von auf den Punkt gebrachter Analyse und klugen Gedanken zum, ja, zum deutschen Wesen, machen die 55 Gründe zu einem wirklich lesenswerten Buch.


Deutsche Gespaltenheit gegenüber Dingen, die zischen und klappern


Schulz arbeitet nämlich in wenigen Sätzen, ganz pragmatisch naturwissenschaftlich, das Problem heraus: die deutsche Gespaltenheit gegenüber allem, was zischt und klappert. Und er zeigt, dass diese Gespaltenheit die Einbettung der Ingenieurkunst in unsere Gesellschaft so schwierig macht. Ingenieure würden für alles Schlechte verantwortlich gemacht, das irgendwie "technisch" sei. "Romantiker", die den öffentlichen Diskurs bestimmten, sorgten für tief sitzende Technikfeindlichkeit. Zugleich soll es der Ingenieur aber auch richten: "Wir sollen Autos bauen, die 250 Kilometer in der Stunde fahren, aber kein Kohlendioxid ausstoßen, und das passende Kraftwerk gleich dazu. Krach und Dreck dürfen die neuen Zaubermaschinen allerdings nicht verursachen." 

Der Mann hat natürlich recht. Ohne Ingenieure ist alles nichts. Schließlich haben sie uns die grundlegenden Kulturtechniken der Menschheit beschert: Das gilt für das Rad und für das kontrollierte Feuer ebenso wie für die Computertechnik, die dabei ist, die menschliche Kultur abermals grundlegend zu verändern. Und dennoch stimmt, was Schulz über die Wahrnehmung seines Berufsstandes schreibt: "Wir gelten als verschroben und langweilig, das Studium erscheint unzumutbar schwer." Und: Junge Leute machten lieber "was mit Medien", obgleich auch "Fernsehen, Zeitung und Internet nichts anderes sind als das Resultat von Ingenieursgenie". Ebenso wie Googles Suchalgorithmen. 

Man hat tatsächlich den Eindruck, da schreibt sich einer den Frust von der Seele, den Schulz als Student des Hüttenwesens an einer kleinen technischen Universität im Harz im Deutschland Ende der 60er-Jahre verspürt haben muss. Damals, als die Geisteswissenschaftler als die geistige Elite des Landes "nichts Geringeres planten als eine neue Gesellschaft" - eine Gesellschaft, "in der Ingenieure ... bestenfalls als Randexistenz vorgesehen" waren.


Ingenieure versus Schöngeister


Ja, die sogenannten 68er kriegen ihr Fett weg. Und so etwas kann ins Auge gehen. Schulz’ Buch hat allerdings wenig zu tun mit den bekannten medienwirksamen Abrechnungen mit einer gesellschaftlichen Strömung, die in den vergangenen Jahren auch noch für die letzte Fehlentwicklung verantwortlich gemacht wurde. Seine Kritik mündet in eine Analyse, die tiefer geht. Und die verbreitete Technikskepsis auf eine tief gehende gesellschaftliche Dichotomie zurückführt: "Auf der einen Seite Ingenieure und Naturwissenschaftler, auf der anderen die Schöngeister - so hat sich Deutschland aufgestellt." 

Da sorgen die aufgeführten 55 Gründe, Ingenieur zu werden, für ein unterhaltsames Gegengewicht zur Analyse - und am Ende sieht der Leser, der sich doch für erfahren, gebildet und aufgeschlossen hielt, die Welt mit anderen Augen: Ingenieure finden immer einen Job, schreibt Schulz. Und stimmt ein Hohelied auf die Ingenieurprofession an: Ohne Ingenieure gäbe es keine Sportgeräte und schon gar keinen Hochleistungssport. Ingenieure bringen Verbrecher zur Strecke, indem sie kriminaltechnische Verfahren entwickeln. Ingenieure retten Leben mit moderner Medizintechnik. Ingenieure haben in Hollywood Spaß, weil sie an funktionierenden Haiattrappen basteln dürfen. Wie unentbehrlich sie sind, merkt man erst, wenn der Toaster kaputtgeht, und bei den Frauen haben sie die besten Chancen, weil sie mit ihrem zupackenden Charakter in der Welt zurechtkommen. (Und natürlich haben umgekehrt Ingenieurinnen bei den Männern die besten Chancen, das vergisst er nicht, hinzuzufügen.)


Ehren wir die Erfinder des MP3-Players


Mit einem ganz leichten Augenzwinkern sagt Schulz also: Ingenieure sind die besten Menschen der Welt. Was soll er auch sonst sagen. Immerhin gesteht er auch den Geisteswissenschaften ihre Berechtigung zu. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass im Mittelalter sein Studienfach den schönen Künsten zugerechnet wurde. Nach der Lektüre dürften immer noch viele Menschen der Ansicht sein: Technik schafft lediglich die Grundlage für die eigentlich spannenden Sachen. Andere werden in ihrem Glauben erschüttert sein: an die Kraft des guten Gesprächs, die Weltrevolution und die Bedeutung des modernen Regietheaters. 

Es wäre schön, wenn wir es in diesem Land endlich schaffen würden, die Erfinder des MP3-Players genauso zu ehren wie die Leute, die über die kleinen Wundermaschinen ihre kulturelle Produktion verbreiten. Passend dazu steht am Ende des Buches auch ein Sechs-Punkte-Programm, das helfen soll, der Technik und ihren Erfindern den gebührenden Platz in der Gesellschaft zu verschaffen - und ihre Zahl zu steigern. Damit Deutschland nicht den Anschluss verliert, damit die Welt - ganz unironisch - gerettet wird. Sie finden das übertrieben? Aber nein. Sie lesen diesen Text ja auch gerade an einer Maschine, die ohne die Leistungen zahlloser Ingenieure nicht existieren würde. Sofern Sie ihn nicht mit einem Laserdrucker ausgedruckt haben. 



changeX 26.11.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: 55 Gründe, Ingenieur zu werden. Murmann Verlag, Hamburg 2010, 253 Seiten, ISBN 978-3-86774-105-7

55 Gründe, Ingenieur zu werden

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Autor

Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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