Kraftvoll in die Nische

Serie Gründergeist 17: Die Entdeckung des Eisens – Werner Kieser: erfolgreich durch Spezialisierung.
Text: Florian Michl

Muskelkraft, sonst nichts. Keine Sauna, kein Solarium, keine Wellness. Das ist das Erfolgsrezept von Werner Kiesers Fitnessstudios. Seine Lebensgeschichte zeigt, wie man sich erfolgreich auf ein Nischenprodukt spezialisiert.

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Begonnen hat es so: Mit zehn Jahren bricht sich Werner Kieser den linken Unterarm. Nach vier Wochen beim Fußballspielen ein zweites Mal. Der Arzt warnt: Wenn er nicht aufpasse, bleibe der Arm dünn – sein Leben lang. Für Kieser eine beklemmende Erfahrung: „Dein Körper bleibt nicht einfach so, wie er ist; er verändert sich, zum Guten wie zum Schlechten, je nachdem, wie du mit ihm umgehst.“ Diesen Umstand bekommt er zehn Jahre später zu spüren. Er verletzt sich beim Boxen, ein Freund empfiehlt Krafttraining. Und er wird schnell wieder gesund. 

Seither lässt ihm das Krafttraining keine Ruhe mehr. Zwar macht Kieser noch eine Tischlerlehre wie sein Vater und Großvater, aber nebenher schweißt er Altmetall vom Schrottplatz zu einfachen Kraftmaschinen zusammen. „Alles, was auch nur entfernt mit dem Thema Kraft zu tun hatte, war für mich interessant“, schreibt Kieser. Er besucht Vorträge, beschäftigt sich mit Yoga, liest die wenigen Bücher, die es damals zum Thema Kraft gibt, reist nach Deutschland, um sich dort eines der ersten „Fitnesscenter“ anzuschauen. 1966 eröffnet sein erstes Studio in Zürich. 

Schnell erkennt er, dass das „Schweißen und Bohren ein Kinderspiel“ war, gegen das, was ihm nun bevorsteht: „den Laden in Gang zu bringen“. Aber wie? Kieser ist verunsichert, orientiert sich an der Konkurrenz, schafft mit geborgtem Geld Solarien an, eine Sauna, Möbel und Pflanzen. Aber das Thema Kraft lässt ihn nicht los. Das gesteigerte Wohlbefinden im trainierten Zustand vergleicht er mit dem Empfinden der abnehmenden Schwerkraft beim Motorradfahren oder beim Schwimmen. Er sagt: „Je stärker ich bin, umso leichter trage ich an mir.“ 

Diese Erkenntnis ist folgenschwer. Fortan stellt er Kraft über alle anderen körperlichen Fähigkeiten. Er entfernt erst die Sauna, dann die Solarien, und schließlich alles, was nicht unmittelbar mit dem gezielten Muskelaufbau zu tun hat. Nichts soll vom Training ablenken. „Der Kahlschlag zeigte Wirkung. Etwa ein Drittel der Abonnenten erschien nicht mehr.“ Doch Kieser bleibt hartnäckig, spezialisiert sich weiter. Rückt den „starken Rücken“ ins Zentrum. Und fixiert sogar den Umgang mit Gästen schriftlich. Es sollen keine Gespräche geführt werden, nur die für das Training gerade notwendigen. In seinem Studio entsteht so etwas wie eine Aura von Konzentration. 

Der Durchbruch gelingt 1978 mit modernen Kraftmaschinen aus Amerika. Kieser muss mehrmals sein Studio vergrößern, um dem Gästeandrang gerecht zu werden. „Kieser Training“ expandiert: in den 80er-Jahren in der Schweiz, in den 90er-Jahren weiter nach Deutschland und schließlich in die ganze Welt. Heute gibt es in Europa 145 Betriebe – es hat sich herumgesprochen, dass Rückenprobleme ein Kraftproblem sind. „Das hier hatte nichts mehr mit mir oder meiner Tüchtigkeit zu tun, hier war ganz einfach der Zeitgeist am Werk“, schreibt er bescheiden. 

Sein Buch aber sagt anderes: Es zeigt, wie wichtig es ist, an seiner Idee zu arbeiten. „Kieser Training“ ist ein Beispiel für die Verdichtung einer Idee auf ihren Wesenskern. Und es ist ein Beispiel für eine erfolgreiche Spezialisierung in einer Branche, in der Ununterscheidbarkeit an der Tagesordnung ist.
 


changeX 05.07.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Die Entdeckung des Eisens. Stationen meines Lebens. Econ Verlag, Berlin 2008, 256 Seiten, ISBN 978-3-430-20047-9

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Autor

Florian Michl
Michl

Florian Michl schreibt als freier Autor für changeX.

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