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Unberechenbare Zukunft

Folge 23 der Serie Zukunft der Zukunft
Essay: Nora S. Stampfl

Zukunft ist Nichtwissen. Zunächst. Obwohl wir grundsätzlich nicht wissen können, was kommen wird, gestalten wir mit unserem Handeln heute Zukunft mit. Und machen uns Bilder und Vorstellungen von der Welt von morgen. Welche Zugänge wir zur Zukunft entwickeln können, davon handelt diese Serie. In Folge 23 argumentiert Nora S. Stampfl gegen blinde Zahlengläubigkeit und plädiert für mehr Mut zu Vision und Inspiration in der Zukunftsarbeit.

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Abstract: Der Hang zur Quantifizierung kennzeichnet unsere Gesellschaft, denn Zahlen simulieren die totale Objektivität. Diesem Diktat des Zählbarmachens ist auch die Zukunftsforschung ausgeliefert - mit zweifelhaftem Nutzen. Weil sich die Zukunft nicht berechnen lässt und Zahlen keineswegs so rational sind, wie sie vorgeben, zu sein. Die dynamischen Zeiten von heute verlangen nach mehr Mut zu Vision und Inspiration in der Zukunftsarbeit.


Intro: Zahlenfetischismus und selektive Wahrnehmung


Unsere arbeitsteilige Geldwirtschaft kommt ohne Kalkulation nicht aus: Ressourcen, Güter und Transaktionen müssen messbar und somit vergleichbar gemacht werden. Gesellschaftliches Geschehen ist darauf angewiesen, dass Handlungsbereiche zahlentechnisch handhabbar sind - also wird gezählt, gemessen, kategorisiert, quantifiziert, bewertet, verglichen und kontrolliert. Über sämtliche Aspekte des Lebens legt sich die Sprache der Zahlen. Von Wirtschaft und Politik bis hinein ins Private kommen zunehmend zahlenbasierte Verfahren der Analyse, Entscheidung und Legitimation zum Tragen. Wie selbstverständlich sollen zahlenmäßige Konstrukte die Wirklichkeit nicht nur beschreiben, sondern nachfolgend diese auch noch deuten helfen. Dabei macht dieser Zirkelschluss keineswegs Halt bei den "harten" Wissenschaften, in denen die Präzision der Mathematik durchaus ihren Charme entfaltet.  

Mehr und mehr imitieren die Geistes- und Sozialwissenschaften die Naturwissenschaften und wählen eine quantitative Herangehensweise mit ihrer vermeintlichen Exaktheit und Unbestechlichkeit. Der Erfolg naturwissenschaftlicher Methoden rechtfertige deren Einsatz auch zur Entdeckung gesetzmäßiger Zusammenhänge von so vielgestaltigen und komplexen Forschungsfeldern, wie sie gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und politische Phänomene darstellen, so das Argument. Der Anspruch, die Gesellschaft als Ganzes mit ebenso exakten, zahlengestützten Methoden zu fassen, wie die Naturwissenschaften dies vorleben, legt Menschen und ihren Handlungen einen Determinismus zugrunde, den es in der wirklichen Welt jedoch nicht gibt. Oder mit den Worten Albert Einsteins ausgedrückt: "Not everything that counts can be counted, and not everything that can be counted counts." 

In unserer computerisierten, digitalisierten, zahlenzentrierten Welt herrscht ein Wettlauf um Quantifizierung, die der einzige Weg zu Wissenschaftlichkeit und Präzision zu sein vorgibt. Kalkulatorische Praktiken sind tief in unser Alltagsleben eingewoben. Dabei sind Zahlen stets mehr als nur Entscheidungsgrundlage: Sie dienen auch dazu, Entscheidungen zu legitimieren, weil sie getarnt im Gewand von Alternativlosigkeit, Wissenschaftlichkeit und Rationalität daherkommen. Der Zahlenfetischismus geht heute so weit, dass sich mehr und mehr eine selektive Wahrnehmung etabliert und alles, was unberechnet bleibt, aus dem Gesichtsfeld der Öffentlichkeit verschwindet. Das nicht in Zahlen Fassbare erscheint als unwissenschaftlich und ist daher keiner Nachricht und Würdigung wert. Im Gegenzug entwickelt alles Mess- und Berechenbare eine unverhältnismäßige Anziehungskraft.


Der Glaube an die Objektivität, Rationalität und Präzision der Sprache der Zahlen ist unerschütterlich.


Dabei entspringt der herrschende Hang zur Quantifizierung einem Streben nach Objektivität. Wissen soll "unpersönlich" sein und unabhängig von persönlichen Eigenarten und subjektiven Einschätzungen Bestand haben. (1) Mit ihren durchstrukturierten, allgemein akzeptierten Regeln scheint die Sprache der Zahlen prädestiniert, objektive Einschätzungen zu verkörpern, ein Gegengewicht zu subjektiven Beurteilungen zu bilden und Entscheidungsprozesse mit Rationalität auszustatten. Dementsprechend kann Quantifizierung als Kommunikationsstrategie aufgefasst werden, deren Ziel es ist, Akzeptanz herzustellen, wenn persönliches Vertrauen nicht mehr gegeben ist und Konsens nicht über direkte Interaktion zustande kommt. (2) Zahlen simulieren eine totale Objektivität. Letztlich sind die Ergebnisse jeglicher Quantifizierung aber soziale Konstruktionen, weil sie durch Menschenhand zustande kommen. Die solchermaßen erzeugten Zahlen sind daher weniger als Fakten zu verstehen als vielmehr Artefakte der eingesetzten Methoden. Jeder Erkenntnisvorgang bringt seine eigene Wirklichkeit hervor. Daher gibt es keine objektive Wahrheit, nur eine Vielzahl subjektiver Wahrnehmungen und Interpretationen.  

Zahlen und Statistiken geben vor, Wirklichkeiten abzubilden und diese erst sichtbar zu machen. Denn Statistiken verfolgen neben ihrem eigentlichen, offen liegenden Zweck, nämlich einen Sachverhalt möglichst akkurat zu beschreiben, zumeist auch noch einen weiteren, versteckten Zweck: Sie sollen den jeweiligen Standpunkt untermauern, eine bestimmte Sichtweise stützen und Argumenten Glaubwürdigkeit verleihen. Diese zweite Intention versteckt sich hinter der allgemein verbreiteten Anschauung, Statistiken seien neutral und wahrhaftig, Zahlen seien per se korrekt. Hält man sich diese Zweischneidigkeit von mit Zahlen untermauerten Aussagen vor Augen, dann bröckelt das Bild von Zahlen als exakter Kopie einer gesetzten Realität. Zahlen liefern kaum die ihnen zugeschriebene Objektivität, weil die Prozesse des Sammelns, Analysierens, Interpretierens und der Schlussfolgerung jeweils menschliche Aktionen darstellen: Der Nutzer der Zahlen trifft eine Auswahl hinsichtlich der zu verwendenden Daten und Methoden, führt Kalkulationen durch und schreibt schließlich den Resultaten eine bestimmte Bedeutung zu. Ohne danach zu fragen, wer die Zahlen warum und wie geschaffen hat, ergibt sich kaum die gewünschte Vergleichbarkeit. (3) Folglich werden Zahlen in jeder Art von Diskurs seit jeher als Waffen eingesetzt. Zudem führt die Konzentration auf Zahlen zu gravierenden Lücken in unserer Wahrnehmung der Welt, weil sich der gesellschaftliche Diskurs auf das beschränkt, was mess- und berechenbar ist. Sachverhalte, die die Gier nach Zahlen nicht bedienen können, bleiben unsichtbar.  

Umso erstaunlicher sind die weitverbreitete Zahlengläubigkeit und das unerschütterliche Vertrauen in statistische Informationen in unserer Gesellschaft, als wir ein Volk von Innumeraten sind. Der US-amerikanische Soziologe Joel Best (4) konstatiert ein weltweit vorherrschendes rechnerisches Unvermögen, eine Schwäche, Sachverhalte in Zahlen darzustellen beziehungsweise zahlenmäßig dargestellte Sachverhalte zu verstehen.


Weil Zukunft nicht vorausgesagt, sondern gestaltet werden will, kann die Treffsicherheit von Prognosen kein angemessenes Erfolgskriterium für die Zukunftsarbeit sein.


Der Ruf nach Quantifizierung macht auch vor der Zukunftsforschung nicht Halt. Allenthalben tritt die Forderung nach mehr Wissenschaftlichkeit auf den Plan: Zukunftswissen müsse abgesichert sein durch empirische Belege, mehr Zahlen statt Visionen! Wie könnte es auch anders sein - schließlich hält die Zukunft für jeden Einzelnen Herausforderungen bereit, und die Art und Weise, wie wir in die Zukunft blicken, stellt die Weichen für unser aller Leben. Auf Basis von Zukunftswissen getroffene Entscheidungen haben oft weitreichende Konsequenzen. Die Forderung nach Objektivität und Rationalität liegt daher nahe. Insbesondere in Organisationen, in denen Menschen immer nur stellvertretend für ein großes Ganzes Entscheidungen treffen, scheint es nur logisch, die durch Zahlen verliehene Legitimität für sich in Anspruch zu nehmen. Die Quantifizierung macht Entscheidungen unumstößlich, sie umgibt die Aura des Notwendigen und Folgerichtigen, der Entscheider muss sich keine Blöße geben: Weder sein Bauchgefühl noch seine subjektive Einschätzung noch sein persönlicher Kenntnisstand tun nur das Geringste zur Sache und können im Nachhinein Anlass zu Kritik geben.  

So sinnvoll (und karriereförderlich) der Verlass auf die Sprache der Zahlen aus Sicht des Einzelnen auch sein mag, stellt sich doch die Frage, ob Zahlengläubigkeit stets auch bestmöglich die Organisationsziele erreichen hilft und zukunftstaugliche Entscheidungen befördert. Oder anders gefragt: Kann die Erkundung der Zukunft tatsächlich nach wissenschaftlichen Maßstäben vonstattengehen? Wissenschaftlichkeit fordert von Theorien nicht nur eine innere und äußere Widerspruchsfreiheit sowie einen ausreichenden Erklärungswert, sondern auch die prinzipielle Falsifizierbarkeit. Das vor allem von Karl Popper propagierte Postulat der Falsifizierbarkeit verlangt die grundsätzliche Überprüfbarkeit theoretischer Aussagen an der Realität: Um dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit zu genügen, muss eine Theorie nach Popper von vornherein so angelegt sein, dass sie widerlegbar ist. Weil Aussagen über die Zukunft aber nicht an der Realität überprüft werden können, handelt sich die Zukunftsforschung regelmäßig den Vorwurf der Kaffeesatzleserei, Glaskugelschau und Scharlatanerie ein.  

Das Erfordernis der Falsifizierbarkeit suggeriert, dass die Treffsicherheit von Vorausschauen das einzige und wichtigste Erfolgskriterium von Zukunftsforschung ist. Aber allein schon weil Zukunft nicht feststeht, kann das Eintreffen von Prognosen kein angemessener Maßstab für die Güte von Zukunftsarbeit sein. Nur wenn man Zukunft als etwas auffasst, das bereits entschieden ist, würde es sinnvolles Ziel der Zukunftsforschung sein, die Zukunft vorauszusagen, das bereits Feststehende Stück für Stück zu enthüllen, das Geheimnis zu lüften. Doch ganz im Gegenteil, Zukunft muss erschaffen und gestaltet werden. Schon allein dadurch, dass wir über Zukunft nachdenken und Zukunftsentwicklungen auf die Spur zu kommen versuchen, ändert sich der Gang der Dinge. Treffsicherheit, also das Abgleichen des Eintreffens oder Nicht-Eintreffens einer Prognose, führt auf die falsche Fährte. Das Paradoxon, dass Informationen über mögliche Zukunftsverläufe Entscheidungen beeinflussen, wodurch Ergebnisse eintreten, die von der Prognose abweichen, macht Zukunft zu einem beweglichen Ziel, das auch der beste Schütze nicht treffen wird. Treffsichere Prognosen sind in einer Welt mit offener Zukunft eine schwer lösbare Aufgabe, denn sie wirken als "self-defeating prophecies", "selbstzerstörende Prophezeiungen" (5): Allein durch ihre Existenz verhindern Prognosen nur allzu häufig das Eintreffen ihrer Vorhersagen.


Nicht "Number Crunching" bringt Nutzen für den Umgang mit einer unsicheren Zukunft, sondern jene spekulative Fantasie, die Zahlen erst brauchbar macht.


Welchen Wert haben auch treffsichere Prognosen? Im Nachhinein ist man immer klüger. Sollte nicht die gestaltende Kraft der Zukunftsforschung viel stärker im Vordergrund stehen als die beschreibende? Wichtiger als Treffsicherheit ist ein Auffordern zum Handeln. Die Vorausschauen der Zukunftsforschung sollten als Vorbereitung auf das, was (auch durch die eigene Gestaltungskraft) kommt, begriffen werden. Die Erarbeitung von Zukunftskonzepten hat die Aufgabe, Entwicklungen bewusst zu machen, Fragen anzuregen und Antworten herauszufordern, das Nachdenken über Lösungsansätze, Strategien und Gestaltungsmaßnahmen anzukurbeln, kurz: wünschbare Zukünfte zu formulieren. Nicht das, was kommen wird, sondern das, was kommen soll, muss Gegenstand von Zukunftsforschung sein.  

Diese Unterscheidung ist auch insofern wichtig, weil sie einen weiteren Vorwurf an die Zukunftsforschung verpuffen lässt: Der Zukunftsforschung, so heißt es allenthalben, fehle es an einem Forschungsgegenstand, weil die Zukunft noch gar nicht existiert. Dass die Zukunft sehr wohl etwas Erforschbares darstellt, liegt nun darin begründet, dass die Zukunftsforschung "nicht zukünftige Gegenwarten, sondern die Bilder, die wir uns heute von ihnen machen" (6) durchleuchtet. Nicht nur rettet diese Auffassung von Zukunftsforschung den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, weil "die gegenwärtigen Zukunftsbilder, Projektionen, Befürchtungen, Hoffnungen etc." sehr wohl "ein empirisch erfassbarer und methodisch zugänglicher Gegenstandsbereich" sind. (7) Zudem hebt eine solche Erforschung unserer Vorstellungen von Zukunft den normativen Charakter der Zukunftsforschung hervor. Zusätzlich bedingt durch die Aufgabe der Zukunftsforschung, Wissen zu schaffen zum Zweck des Umgangs mit einer unsicheren Zukunft, kommt man nicht umhin, neben der wertneutralen Sondierung und Strukturierung von Neuland sowie der Generierung von Hypothesen auch Beurteilungen vorzunehmen: Was erstrebens- und wünschenswert oder was zu vermeiden ist, sind notwendige Aussagen einer praxisrelevanten Zukunftsforschung.  

Je mehr das Verständnis von der Zukunft als unsicher und gestaltbar die Auffassung von einer feststehenden und vorherbestimmten Zukunft verdrängt, desto stärker wechselt der Fokus von Prognosen zu Szenarien als vorrangige Methode der Zukunftsforschung. Während Prognosen stets den Blick auf die Zukunft richten, entwerfen Szenarien mehrere Zukünfte. Prognosen beschreiben zumeist unter Zuhilfenahme vergangenheitsbezogener Daten, wie die Zukunft wahrscheinlich aussehen wird. Mit ihren auf Exaktheit zielenden Vorhersagen fordern sie die Prüfung der Treffsicherheit förmlich heraus. Dabei zeitigen sie - abgesehen von dem Ex-post-Wissen, mit der Vorhersage richtig- oder danebengelegen zu haben - nicht viel Mehrwert für den Umgang mit der unsicheren Zukunft. Denn wer würde - angesichts einer historisch katastrophalen Trefferquote - Entscheidungen auf mit Eintrittswahrscheinlichkeiten versehene Prognosen gründen? Ganz anders hingegen Szenarien: Sie nehmen die Ungewissheit im Handlungsumfeld zur Kenntnis und machen es sich erst gar nicht zur Aufgabe, exakte Vorhersagen zu treffen. Stattdessen beschreiben sie mögliche und denkbare Zukunftsbilder, die immer auch eine starke Komponente des Wünschbaren enthalten. Damit leisten Szenarien einen weitaus umfassenderen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Zukunft, als Prognosen dies vermögen. Denn schon der Prozess der Szenarioentwicklung fördert das Systemverständnis und das Erkennen von Entwicklungen, die auf die Zukunft einwirken. Szenarien ermöglichen die Darstellung auch komplexer Sachverhalte, erlauben ein Nebeneinander von qualitativen Informationen und quantitativen, empirischen Ergebnissen. Sie geben Orientierung, fördern das Denken in Alternativen, strukturieren Zukunftsdenken, sind Quelle von Inspiration und neuen Ideen, bilden eine Klammer zwischen dem Möglichen und Wünschenswerten.  

Um Wissen für den Umgang mit einer unsicheren Zukunft zu schaffen, trägt die Auseinandersetzung mit Zukunftsentwicklungen in Form der Erkennung von Mustern und Dynamiken sowie des Erdenkens von Möglichkeiten und Visionen mehr bei als ein "Number Crunching" zur Berechnung der einzig wahren Zukunft. Natürlich soll auf Mathematik und Statistik in der Zukunftsarbeit nicht verzichtet werden, doch kommt qualitativen Eindrücken, Intuitionen und Meinungen ebenso viel Gewicht zu wie numerischen Projektionen in die Zukunft. Denn es ist nicht die dritte Stelle hinter dem Komma, die Vorausschauen Sinn und Nutzen verschafft, sondern jene spekulative Fantasie, die die Zahlen erst brauchbar macht. Die "harten" Fakten müssen in das Bild vom großen Ganzen eingeordnet, in einen Zusammenhang gestellt, interpretiert und bewertet werden. Dazu braucht es den gesunden Menschenverstand und eine ordentliche Portion Kreativität. Letztlich bilden Zahlenmodelle immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit ab, und der isolierte Blick darauf kann daher gehörig in die Irre führen, weil Wesentliches nicht erkannt wird. Noch aus einem weiteren Grund ist leicht in die Falle von Zahlen und Statistiken zu tappen: Zukunft ergibt sich aus dem Zusammenwirken so vieler Faktoren, die noch dazu in einem komplexen Zusammenhang stehen und vielmals nicht quantifizierbar sind, dass durch das Pressen in Zahlenmodelle mehr an Erkenntnis verloren geht als gewonnen wird.


Die Zukunft einer praxisrelevanten Zukunftsforschung liegt in einem Mehr an Inspiration, Kreativität und Fantasie, denn Zukunft ist unberechenbar.


Was bedeutet nun all dies für die Zukunft der Zukunftsforschung? Die schnell veränderlichen Zeiten von heute mit ihren radikalen Umbrüchen verlangen der Zukunftsforschung einiges ab. Es fragt sich, ob immer ausgefeiltere Methoden und wachsende Datenberge die Zukunft tatsächlich "berechnen" können? Übertriebene Zahlengläubigkeit kaschiert nur allzu oft Halbwissen und gaukelt eine Sicherheit vor, die es aber immer weniger gibt. Versperrt nicht die Forderung nach Empirie, nach Zahlenbelegen und Treffsicherheit den freien Blick auf die wahrlich bedeutenden Ereignisse, die die Zukunft einläuten? Bewegt man sich mit quantitativen Methoden nicht immer auf ausgetretenen Pfaden, anstatt Unvorhergesehenes, Neues und nie Dagewesenes aus dem Hintergrundrauschen des Altbekannten zu destillieren? Oder braucht nicht vielmehr das Erkennen von zukunftsweisenden Entwicklungen und das bewusste Gestalten von Zukunft mehr Mut zum Qualitativen - mehr Inspiration, Fantasie und Kreativität? Muss nicht eine erfolgreiche Zukunftsforschung mit ihren fantasievollen Zukunftsentwürfen, für die auch normative Elemente bedeutend sind, notwendigerweise über die Merkmale des traditionellen Wissenschaftskanons hinausgreifen?  

Um die Unsicherheiten adäquat zu fassen und um das gestaltende Element der Zukunftsforschung ausreichend zu berücksichtigen, werden qualitative Forschungsansätze stets einen größeren Raum einnehmen müssen. Quantitative Methoden sollen nicht verdrängt, aber doch zurückhaltender angewandt werden. Vor allem sind die Voraussetzungen der Datengewinnung und -verarbeitung exakter darzulegen. Gefahr und Versuchung sind groß, durch quantitative Aussagen wissenschaftliche Präzision und Relevanz nur vorzutäuschen. Ein quantitatives Herangehen kann immer nur flankierend Sinn stiften, denn ohne eine kreative Einordnung des Zahlenmaterials wird man zu stark in der Vergangenheit verhaftet bleiben. Damit die Zukunftsforschung einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten kann, muss sie als wünschbare Zukunftsgestaltung begriffen werden. Selbst die kühnsten Szenarien können, sofern sie gegenwärtige Entwicklungen - auch wenn sie noch ganz in ihren Anfängen stecken mögen - zum Ausgangspunkt haben, Auswirkungen auf unser heutiges Handeln haben. Es ist unerlässlich, dass sich eine Gesellschaft Gedanken über langfristige Entwicklungsszenarien macht und damit zu Fragen herausfordert, wie die Weichen des Zusammenlebens gestellt werden sollen. Utopisches, visionäres Denken ist wichtiger denn je. Nur so gelingt es, sich nicht vorschnell der Normativität des Faktischen zu unterwerfen und das scheinbar Unmögliche zu denken. Denn auf lange Sicht, um es mit den Worten des italienischen Regisseurs Federico Fellini auszudrücken, ist der einzig wahre Realist der Visionär.  


Quellennachweise
(1) Vgl. Porter, Theodore M.: Trust in Numbers. The Pursuit of Objectivity in Science and Public Life. Princeton, New Jersey 1995, S. ix
(2) Vgl. ebenda, S. viii
(3) Vgl. Best, Joel: Damned Lies and Statistics. Untangling Numbers from the Media, Politicians, and Activists. Berkeley, Los Angeles 2012
(4) Vgl. ebenda
(5) Merton, Robert K.: "The Unanticipated Consequences of Purposive Social Action". In: American Sociological Review, 1. Jg., Heft 6, 1936, S. 894-904
(6) Grunwald, Armin: "Wovon ist die Zukunftsforschung eine Wissenschaft?". In: Popp, Reinhold; Schüll, Elmar (Hrsg.): Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung. Beiträge aus Wissenschaft und Praxis. Berlin, Heidelberg 2009, S. 25-35
(7) Ebenda, S. 33


Zitate


"Der Anspruch, die Gesellschaft als Ganzes mit ebenso exakten, zahlengestützten Methoden zu fassen, wie die Naturwissenschaften dies vorleben, legt Menschen und ihren Handlungen einen Determinismus zugrunde, den es in der wirklichen Welt jedoch nicht gibt." Nora S. Stampfl: Unberechenbare Zukunft

"Der Zahlenfetischismus geht heute so weit, dass sich mehr und mehr eine selektive Wahrnehmung etabliert und alles, was unberechnet bleibt, aus dem Gesichtsfeld der Öffentlichkeit verschwindet." Nora S. Stampfl: Unberechenbare Zukunft

"Zukunft muss erschaffen und gestaltet werden." Nora S. Stampfl: Unberechenbare Zukunft

"Nicht das, was kommen wird, sondern das, was kommen soll, muss Gegenstand von Zukunftsforschung sein." Nora S. Stampfl: Unberechenbare Zukunft

"Es ist nicht die dritte Stelle hinter dem Komma, die Vorausschauen Sinn und Nutzen verschafft, sondern jene spekulative Fantasie, die die Zahlen erst brauchbar macht." Nora S. Stampfl: Unberechenbare Zukunft

"Damit die Zukunftsforschung einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten kann, muss sie als wünschbare Zukunftsgestaltung begriffen werden." Nora S. Stampfl: Unberechenbare Zukunft

"Utopisches, visionäres Denken ist wichtiger denn je." Nora S. Stampfl: Unberechenbare Zukunft

 

changeX 08.11.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Autorin

Nora S. Stampfl
Stampfl

Nora S. Stampfl studierte Wirtschaftswissenschaften in Österreich (Mag. rer. soc. oec.) und den USA (MBA). Sie arbeitet als Unternehmensberaterin und Zukunftsforscherin in Berlin. Den Arbeitsschwerpunkten strategische Unternehmensführung, gesellschaftlicher Wandel und Zukunftsfragen widmet sie sich auch als Autorin.

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