Viel erreicht, was nun?

Ein Interview mit der Silke Strauß, Personalberaterin und Executive Coach, über die Weiterentwicklung am Scheitelpunkt der Karriere.

Von Nina Hesse

Im hektischen Tagesgeschäft fehlt oft die Zeit zum Nachdenken, zum Entwickeln von neuen Zielen und Visionen für einen selbst. Doch das rächt sich in der flexiblen, unsicheren Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts irgendwann. Spätestens wenn der Gipfelpunkt der Karriere erreicht ist.

Silke Strauß, Betriebswirtin und Kommunikationsberaterin, ist seit vielen Jahren als Personalberaterin mit der Auswahl und Beurteilung von Fach- und Führungskräften betraut. Außerdem ist sie als Executive Coach tätig. Gerade ist ihr neues Buch Viel erreicht - was nun? im Campus Verlag erschienen.

Wieso sollte man sich einen Karriere-Ratgeber kaufen, wenn man's doch geschafft hat, eine gute Position erreicht hat und sehr gut verdient?
Gerade das ist eine kritische Phase. Wenn Sie die Hälfte oder ein Drittel Ihres Arbeitslebens hinter sich haben, gut verdienen und sich irgendwo eingerichtet haben, ist es natürlich, dass solche Gedanken kommen wie: Ist das alles? Wie lange kann ich mich halten? Geht's noch höher? Will ich noch höher? Habe ich noch Chancen, Möglichkeiten? Denn wenn man einen Gipfelpunkt erreicht hat, geht es ringsum nur abwärts.

Man sollte sich, so raten Sie, an Spitzensportlern orientieren. Die wissen, dass sie nur bis zu einem gewissen Alter Hochleistungen erbringen können, und stellen sich auf andere Karrierephasen, auf den Berufswechsel von vornherein ein.
Genau. Der Unterschied ist natürlich, dass das in der Wirtschaft nicht so wahrgenommen wird. Man will es nicht wahrhaben, dass solche Phasen möglich sind. So wie die Unternehmen immer davon träumen, dass es kontinuierliches Wachstum gibt, träumen viele in solchen Positionen immer davon, dass es stets weiter gehen kann und merken gar nicht, dass sie eigentlich schon am Endpunkt angelangt sind und nicht mehr höher kommen werden.
Es ist einfach eine Tatsache, dass es heute in der Karriere nicht mehr linear bergauf geht, dass es keine Kontinuität mehr gibt. Das Positive daran ist: Wenn man es wirklich als Chance sieht, kann man auf sehr viel vielfältigere Art und Weise im Job Erfüllung finden und auch mal andere Dinge ausprobieren. Selbstständigkeit, Auszeit, Weiterbildungszeiten, ganz andere Tätigkeiten. Es gibt ganz andere Möglichkeiten als früher.

Eine Dosis Realismus ist also ganz nützlich, um sich rechtzeitig umzuorientieren. Aber wie ist es eigentlich - kann man sich in einem gewissen Alter noch komplett umstellen, etwas anderes machen?
Das geht grundsätzlich immer. Es hängt aber auch sehr vom Einzelnen ab. Wenn es eine lange Zeit über nur aufwärts gegangen ist, fällt es sehr schwer, sich umzustellen. Ich coache einen Topmanager, der seit 19 Jahren in der gleichen Firma arbeitet und dort seit acht Jahren Vorstand ist. Nun hat er einen neuen Vorgesetzten bekommen, und das wird im Laufe dieses Jahres das Aus für ihn bedeuten. Das liegt nicht an seiner Leistung, sondern einfach daran, dass der neue Vorgesetzte jemanden mitgebracht hat, den er gerne auf die Position des Managers setzen möchte. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis mein Coachee das überhaupt mit Abstand sehen konnte und akzeptiert hat, dass seine Zeit in der Firma abgelaufen ist. Ist das bewältigt, kann er sich der Frage stellen: Was mache ich jetzt? Und wird wieder fähig, sich umzuschauen und andere Möglichkeiten zu erkennen.

Ganz ungewohnter Gedanke, dass auch Führungskräfte die gleichen Probleme haben wie Otto Normalarbeitnehmer ...
Das ist das Neue an unserer Zeit. Früher wurden eher die gering Qualifizierten arbeitslos, doch das hat sich in den letzten zwei oder drei Jahren wesentlich verändert. Heute ist man auf keiner Hierarchie-Ebene mehr gefeit vor einem Rausschmiss. Das kann Ihnen mit jeder Ausbildung, in jeder Position passieren.

Gerade für die Erfolgreichen ist das sicher schwer zu akzeptieren.
Richtig. Ich glaube, es ist ein psychologisches Problem. Keiner möchte gerne aufgeben, was er erreicht hat. Aber manchmal ist das Loslassen nötig. Wenn man mal eine gute Position hatte und sehr weit gekommen ist, hat das auch etwas damit zu tun gehabt, dass man einen für sich sehr gut geeigneten Rahmen gefunden hatte. Um wieder einen ähnlich optimalen Rahmen zu finden, in dem man sich entfalten kann, muss man auch in Kauf nehmen, ein paar Schritte zurückgehen zu müssen oder erst im zweiten oder dritten Anlauf fündig zu werden. Meine Theorie ist: Diese Rückschritte werden die Regel werden. Das Diagramm einer typischen Karriere wird aussehen wie ein Sägeblatt - mal geht es nach oben, dann wieder ein Stück nach unten und von dort aus wieder hoch.

Mit entsprechenden Gehaltseinbußen in den Phasen der Rückschritte, nehme ich an ...
In den letzten eineinhalb Jahren mussten die Kandidaten bei über der Hälfte der Positionen, die ich vermittelt habe, finanziell zurückgehen. Allerdings waren die Jahre 1999 und 2000 auch Boomjahre, die in einigen Bereichen unverhältnismäßig hohe Gehälter produziert haben. Die Unternehmen versuchen zur Zeit, die Gehälter zu drücken. Weil es mehr Nachfrager als Anbieter gibt, funktioniert das auch. Aber viele Leute haben ein Problem damit. Natürlich: Jeder schafft sich, je nach Gehalt, seinen Rahmen und Lebensstil - von den Statussymbolen bis hin zur Altersvorsorge. In der Krise ist es eine wichtige Aufgabe, sich die Frage zu stellen: Was brauche ich als Basics, und worauf kann ich verzichten?

Werden solche Rückschritte oder gar Phasen der Arbeitslosigkeit von den Personalmanagern immer noch negativ bewertet?
Es wurde in der Vergangenheit durchweg negativ bewertet. Aber auch den Unternehmen ist klar, was zur Zeit abläuft und wie es mit der Konjunktur aussieht. Deshalb beginnt sich das Bild ein wenig zu wandeln, die Personalverantwortlichen sehen das zunehmend differenzierter. Ihnen ist klar: Wenn heute jemand aus einer guten Position ausscheidet, kann es sein, dass der- oder diejenige ein halbes Jahr oder Jahr braucht, bis er oder sie einen angemessenen Anschlussjob findet.

Und wenn das nicht klappt - sollte man dann über Selbstständigkeit nachdenken?
Den Traum, ihr eigener Chef zu sein, haben viele, bei der Umsetzung hapert es oft. Denn vielen fehlen die Voraussetzungen. Um sich selbstständig zu machen braucht man einen langen Atem, man muss bereit sein, eine Durststrecke hinter sich zu bringen und Risiken einzugehen. Gerade wenn Sie vorher lange angestellt waren, ist es schwierig. Dann ist man gewohnt zu wissen, was man jeden Monat auf dem Konto hat und auch noch in sechs Monaten verdient. Auf etwas richtet man sich natürlich ein. In der Selbstständigkeit ist die größte Hürde die Unsicherheit: Was verdiene ich in zwei Monaten? Geht es weiter? Werde ich Aufträge haben? Bekomme ich noch Kredit?
Es gibt auch gerade zur Zeit einige erzwungene Selbstständigkeiten. Manche entdecken dabei, dass sie das sehr spannend finden, aber bei den meisten funktioniert es nicht. Oft hat das gar nicht einmal etwas mit den Finanzen zu tun. Ich höre sehr oft: "Es geht zwar irgendwie, aber ich hab kein Team um mich herum, ich habe niemanden, mit dem ich mich austauschen kann. Es macht mir keinen Spaß, mich alleine durchzuschlagen."

Klingt logisch. Die meisten Menschen sind gewohnt, in eine Organisation eingebettet zu sein - und sind von "ihren" Unternehmen stark geprägt.
Ich denke, was das angeht, leiden wir alle unter einer gewissen "deformation professionelle". Wenn wir in einem Beruf arbeiten, haben wir es immer mit einer bestimmten Klientel zu tun - zum einen über die Kollegenkreise, die oft ähnlich ticken, aber auch beim Umgang nach außen. Das prägt Sie. Es macht einen Unterschied, ob Sie bei einer Bank "groß geworden" sind oder bei einem Hightech-Unternehmen. Sie selbst bekommen von dieser Prägung gar nichts mit - in der Regel bemerkt man sie erst bei einem Firmen- oder Branchenwechsel. Dann muss man sich zum Beispiel abgewöhnen, die Abkürzungen und Sprachcodes der alten Firma zu benutzen.
Aber auch die Größe des Unternehmens macht einen Unterschied. Wenn Sie sich in einem Konzern bewegt haben und dann zu einem Mittelständler gehen, der familiengeführt ist, steht Ihnen ein Kulturschock bevor. Sie können im Konzern sehr gut gewesen sein, aber das heißt nicht, dass Sie bei dem Mittelständler "anwachsen". Vielleicht ist das für Sie kein optimales Umfeld.

Was sollte man tun? Versuchen, diese alten Prägungen möglichst aus sich herauszukriegen?
Man muss sich dessen bewusst sein, was einen geprägt hat, denn man trägt diese Prägungen immer mit sich herum. Man sollte sich kritisch fragen: Wie viel wurde mir zugearbeitet, wie groß ist mein Anteil am Erfolg? Was kann ich wirklich leisten, unabhängig von meinem bisherigen Umfeld? Das ist meiner Meinung nach sehr wichtig, um einen erfolgreichen Wechsel vollziehen zu können.
Noch besser ist aber, von vornherein darauf zu achten, dass man auch mal wechselt und sich dadurch die Chance gibt, andere Sichtweisen, andere Methoden kennen zu lernen. Das schult die eigene Flexibilität. Es heißt unter Personalberatern: Sieben, acht Jahre, das ist das Maximum. Wenn man so lange irgendwo war, ist man - meist ohne es zu merken - extrem infiltriert von der Kultur des Unternehmens, völlig integriert. Nach acht Jahren Verwurzelung ist es sehr schwierig, sich irgendwo rauszulösen und woanders reinzukommen.

Zurück zum Problem des Karrieregipfels. Wie sollte man die "Und was jetzt?"-Ratlosigkeit angehen?
Zunächst sollte man eine Bestandsaufnahme machen: Fühle ich mich wohl mit dem, was ich mache? Bin ich vielleicht gar nicht da, wo ich sein will? Wie stelle ich es mir in Zukunft vor? Visionen für die Zukunft zu entwickeln ist dabei das Schwierigste. Gerade wenn man im Job steht und in die Familie, den Freundeskreis eingebunden ist, Sport macht und so weiter. Oft fehlt schlicht die Zeit zum Nachdenken. Also machen viele einfach so weiter und kommen vielleicht irgendwann an den Punkt, an dem sie merken: Ich bin nicht mehr zufrieden, es stimmt nicht mehr, ich bin gelangweilt oder es geht schlicht nicht mehr weiter für mich.

Dann gilt es, neue Visionen zu entwickeln. Aber Selbstanalyse kann, so schreiben Sie, auch gefährlich sein.
Das kann dann der Fall sein, wenn Sie es nicht schaffen, sich mit Abstand zu betrachten. Häufig bringt Sie ja ein äußeres Problem zum Nachdenken: Ihr Job funktioniert nicht mehr, jemand mobbt Sie, Sie haben Stresskrankheiten. In der Krise ist es aber schwer, zu erkennen: Wo stehe ich überhaupt? Bin ich das Problem oder die Umgebung? Man neigt in solchen Situationen dazu, um das Problem zu kreisen, ohne eine Antwort zu finden. Oder zu sagen: Ich bin nicht mehr erfolgreich, weil meine Leute nicht gut sind. Weil der Markt schlecht ist. Weil die Firma mich nicht so lässt, wie ich will. Der kritische Blick auf den eigenen Anteil an der Situation fehlt oft.

Spätestens dann ist es wahrscheinlich Zeit für ein Coaching ...
Zumindest sollte man sich überlegen, wo man Unterstützung herbekommt. Coaching ist deswegen interessant, weil Sie einen Sparringspartner haben, der absolut objektiv ist. Freunde scheuen sich oft, einem unangenehme Wahrheiten zu sagen. In verfahrenen Situationen ist Coaching sicher besser, als sich lange zu quälen - das hilft, sehr viel schneller aus dem Problem herauszukommen.

Der Coach kann vermutlich auch Impulse für die Karriereplanung geben. Für viele Führungskräfte ist es sicher gewöhnungsbedürftig, dass Karriere kaum mehr planbar ist.
Sie ist auf jeden Fall schwieriger planbar als in früheren Zeiten, weil die Märkte sich schneller verändern und weil Unternehmen keine langfristige Personalplanung mehr machen können. Aber wenn man akzeptiert, dass es so ist, und sich darauf einstellt, hat man einen Großteil der Aufgabe bewältigt. Weil man sich nicht in der Sicherheit wiegt: Hier bin ich und hier bleib ich. Dann hält man automatisch Augen und Ohren offen, beobachtet den Markt und spinnt sein Netzwerk.

Nina Hesse ist freie Mitarbeiterin von changeX.

Silke Strauß:
Viel erreicht - was nun?
Entscheidungshilfen für Ihre nächsten Jahre im Beruf,

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003,
224 Seiten, 24,90 Euro,
ISBN 3-593-37070-0
www.campus.de

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: Viel erreicht - was nun? . Entscheidungshilfen für Ihre nächsten Jahre im Beruf.. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1900, 224 Seiten, ISBN 3-593-37070-0

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