Gefangen im Sensornetz

Warum die neue "Smart Label"-Technologie gleichermaßen fasziniert und provoziert.

Von Marc Müller-Stoffels und Beate Schulz-Montag

Sie gelten als vielversprechendes Tool, um die Lagerhaltungskosten der großen Handelskonzerne zu senken und die gesamte Prozesskette - von der Produktion der Waren bis ins Ladenregal und zum Konsumenten - zu optimieren: RFID-Tags oder auch Smart Labels. Bei aller Faszination verbergen sich dahinter allerdings auch Eingriffsmöglichkeiten in unser Leben, die nicht nur für uneingeschränkten Jubel sorgen.

Stellen Sie sich vor, es gäbe etwas, was in der Lage wäre, uns unsere Wünsche und Bedürfnisse quasi von den Augen abzulesen und sie - wie von Zauberhand - auch noch zu erfüllen. Was sich durchaus verlockend, aber wenig umsetzbar anhört, ist greifbarer, als wir meinen: Mittels der "Radio Frequency Identification"-Technologie ist es heute bereits möglich, komplette Warenflüsse zu automatisieren. Kein Handgriff und kein Sichtkontakt sind mehr notwendig, wenn mittels elektromagnetischer Wellen Produktdaten wie zum Beispiel Preis, Hersteller, Mindesthaltbarkeitsdatum und Gewicht von Etiketten abgelesen und weitergeleitet werden.
Einer der Vorreiter ist das weltweit fünftgrößte Handelsunternehmen Metro, das ab November 2004 ein umfassendes RFID-Projekt mit 100 Lieferanten, zehn Zentrallagern und rund 250 Märkten starten will. In ihrem "Extra Future Store" im nordrhein-westfälischen Rheinberg hat Metro die RFID-Technik bereits erfolgreich getestet.

Kritik an den "Schnüffelchips".


Klingt erst mal gut. Längst hat sich aber auch schon Widerstand gegen die so genannten "Schnüffelchips" formiert. So rief der Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs (FoeBud) jetzt gemeinsam mit anderen Initiativen zu Protesten gegen die unkontrollierte Einführung der RFID-Technologie auf. Die Argumente der Gegner: Wenn nach und nach ein flächendeckendes Netz entsteht, überall RFID-Lesegeräte auftauchen und die Chips in Schuhen, Jacken, Kundenkarten, Autoschlüssel und vielen anderen Alltagsgegenständen integriert sind, könne irgendwann lückenlos erfasst werden, wer ich bin, was ich einkaufe und wohin ich mich bewege. Klingt nach Big Brother.
Noch liegt diese Perspektive - schon aus technischen Gründen - einige Jahre in der Zukunft. Aber versteht man RFID als Basisinnovation, die sich mit anderen Technologien, wie beispielsweise sich spontan vernetzenden Mini-Sensoren, Lokalisierungstechnologien, Sprach- und Gestenerkennung und smarten Endgeräten, nach und nach verknüpfen lässt, so ergeben sich weit vielfältigere Konsequenzen als bloß die Effizienzsteigerung in den Supply Chains der Handelskonzerne.

Zukunftsszenario aus dem Logbuch.


Aber - wie fast immer bei der Einführung neuer Technologien - liegen in Bezug auf die Einsatzpotenziale "intelligenter", miteinander kommunizierender Alltagsgegenstände Chancen und Risiken, Sinn und Unsinn dicht beieinander. Dennoch wären folgendes Szenario und die dazugehörigen "Logbuch-Einträge" an einem (fast) ganz normalen Tag in der Zukunft durchaus vorstellbar:

11.23 Uhr
"Verlassen Sie sofort das Gebäude!" Die Arbeitsfläche meines Schreibtischs blinkt abwechselnd rot und gelb. Der Back-up-Modus verhindert, dass ich den gerade verabredeten Termin für das vorverlegte Meeting heute Nachmittag noch in den Kalender schreiben kann.
"Feuer im vierten Stock! Verlassen Sie sofort das Gebäude!" Einige Kollegen haben sich schon aufgemacht. Ich gehe auch. Der Fahrstuhl hat sich abgeschaltet. Im Treppenhaus kommen uns drei Feuerwehrleute mit Atemschutzausrüstung entgegen. Draußen ist es heiß.
Ein Feuerwehrmann liest die Daten aus dem Hausmanagementsystem aus, das alle Bewegungen im Haus dokumentiert. "Aus dem vierten ist noch keiner raus!", ruft er seinen Kollegen zu. "Vielleicht ist der Ausgang versperrt! Gebäudestruktur ist noch stabil!"

11.46 Uhr
Der Spuk ist vorbei. Die starke Sonneneinstrahlung hatte einen falschen Alarm ausgelöst. Die in den Stahlbeton eingegossenen Temperaturfühler spielten daraufhin verrückt und meldeten, dass eine ganze Wand in Flammen stehe. Am Ende genügte etwas Wasser aus dem Feuerwehrschlauch, um sie wieder abzukühlen. Ich gehe zurück ins Büro. Beeile mich, um noch einen der ruhigeren Desks am Fenster zu bekommen. Als auf der Schreibtischoberfläche endlich der Kalender erscheint, sehe ich, dass der Projektleiter schon das Meeting für den Nachmittag eingetragen hat. Der sitzt im vierten Stock und wusste, dass es nicht brennt ...
Ich ziehe mir die virtuelle Kiste mit den Bildern ran und verteile ihren Inhalt auf der ganzen Schreibtischfläche. Die Präsentation für das Meeting muss noch fertig werden. Das "Feuer" hat mich die Mittagspause gekostet.

15.06 Uhr
Ich halte meine Präsentation: "Rückblick: Entwicklung der Radio Frequency-Technologie".
"Als wir 2004 damit anfingen, massenhaft RFID-Tags in unsere Waren zu integrieren, geschah das hauptsächlich, um die unternehmensinternen Prozesse zu optimieren. Der erste eindrucksvolle Erfolg war die Reduktion der Lagerhaltungskosten um 20 Prozent.
2005 kamen erste Probleme auf. Die Akzeptanz der Kunden gegenüber der Technologie war äußerst gering, weil diese keinen direkten Nutzen für sich sahen. Es gelang uns nicht zu kommunizieren, dass wir nur durch die smarten Labels in der Lage waren, die großzügigen Rabatt-Angebote der vorangegangenen Jahre aufrechtzuerhalten. Zusätzlich wurde von skeptischen Datenschützern massiv Stimmung gegen die 'Kundenkontrollchips' gemacht, den De-Aktivatoren wurde nicht getraut. Viele Wettbewerber gaben aus diesen Gründen die Technologie wieder auf. Erst als wir 2007 den Nutzen der RFID-Tags über unsere Supply Chain und das Einkaufserlebnis des Kunden hinaus erweiterten, setzte der wahre Smart Systems-Boom ein. Die Schaffung von erheblichen Mehrwerten für unsere Kunden und für uns war die Folge. Wer kann sich heute noch vorstellen, auch nur auf die elektronisch gesteuerte Vorratshaltung zu Hause zu verzichten? Früher haben wir Schränke, Küchengeräte, Computer und Lebensmittel verkauft. Heute verkaufen wir intelligente Komplettlösungen: die Rezeptdatenbank für den Computer, der weiß, was der Kunde an Vorräten in den Schränken hat und dem Herd die optimale Temperatur vorgibt, die Waschmaschine, die sich weigert, den roten Wollpullover mit den weißen Hemden zu waschen.
Wie konnte das trotz der erheblichen Bedenken in Sachen Datensicherheit möglich sein? Der Clou war, dass man die De-Aktivatoren so modifizierte, dass sie die smarten Labels nicht mehr nutzlos machten, sondern einfach mit einem kundenspezifischen Code verschlüsselten. So konnten die entsprechenden Systeme beim Kunden weiterhin auf die nützlichen Informationen der Tags zugreifen, ohne dass dies auch Dritten möglich war.
RFID wandelte sich von der Problemtechnologie zum Wegbereiter für eine neue Technikfreundlichkeit der Kunden. In ihrem Kielwasser haben sich weitere neue Technologien rasant entwickeln können. Man denke nur an die perfektionierten 'Location Based Services' der Mobilfunkbranche in Kooperation mit Einzelhändlern, Städten und Großunternehmen wie der Bahn. Oder die Body-Area-Networks, welche das effiziente, aber menschenwürdige Monitoring von hilfs- und pflegebedürftigen Menschen ermöglichten, ohne sie aus ihrem gewohnten Umfeld herausreißen zu müssen, und die inzwischen weit über ihre ursprüngliche Funktion hinaus eingesetzt werden.
RFIDs waren lange umstritten. Heute sind sie nicht mehr wegzudenken. Sie stellen die Basis des 'Internets der smarten Dinge' dar - einem 'Internet on Demand', zwar mit niedriger Bandbreite, aber auch mit höchster Verfügbarkeit."

18.09 Uhr
Ab nach Hause. Beim Verlassen der Firma meldet mein Portable: "Die Linie U12 ist aufgrund eines technischen Defekts für den Rest des Tages gesperrt." Das bedeutet einen Umweg von einer halben Stunde mit der Bahn. Ich buche den nächsten Zug und laufe Richtung Bahnhof.
Es ist immer noch heiß. Unterwegs halte ich an einer Eisbude an. Im Bahnhof angekommen, lotst mich mein Portable zu Gleis 4 in den Abschnitt C, in welchem mein Wagen halten wird. Noch zwei Minuten.
Im Zug versuche ich, die personalisierte Werbung, die mich von der Rückseite meines Vordersitzes anblökt, zu ignorieren. Wie kommt es, dass ich seit neuestem auch Werbung für Haftcreme und Kreuzfahrten über mich ergehen lassen muss? Das passiert wohl, wenn man für die Eltern einige Besorgungen gemacht hat ...

18.54 Uhr
Ich schließe erschöpft die Wohnungstür hinter mir. Die Wände meines Wohnzimmers leuchten in sanften Blautönen. Aus den Lautsprecherboxen rauscht das Meer. Die Telefonanlage stellt sich gar nicht erst an und das Messaging-System teilt nur kurz mit, dass ich fünf neue Sprachnachrichten habe. Seit ich in diese stimmungssensitive Wohnung gezogen bin, kann ich deutlich besser entspannen.
Trotz des Eises spüre ich die fehlende Mittagspause und das ausgefallene Mittagessen. Mein FoodManager, den ich gewöhnlich erst abends einschalte, macht mir Vorschläge für verschiedene Salate. Nachdem ich die Einstellungen auf "Hauptmahlzeit" verändert habe, erklärt er mir, dass ich mit den vorhandenen Vorräten 17 verschiedene Gerichte kochen könnte und dass mir für 23 weitere nur ein oder zwei weniger wichtige Zutaten fehlen. Dass ich doch Spaghetti mit Tomatensoße esse, ist meine Schuld ...

Smarte Tools lotsen durchs Leben.


Der Protagonist erlebt eine Welt, in der RFIDs alltäglich sind. Adaptive Systeme gehen dezent auf die Bedürfnisse und Gewohnheiten ihrer Nutzer ein: Das Hausmanagementsystem, das dazu dient, Bürokommunikation zu vereinfachen und Katastrophen zu verhindern. In die Gebäudestruktur eingebaute Sensoren, die es erlauben, jederzeit umfassende Diagnosen über den Gebäudezustand zu erstellen. Der Schreibtisch mit interaktiver Oberfläche, der den Desktop-Computer verdrängt hat und erkennt, wer an ihm arbeitet. Das Handy, das beim Verlassen der Firma schon weiß, welchen Weg sein Besitzer wahrscheinlich einschlagen wird, ihn auf eventuelle Hindernisse hinweist und Alternativen vorschlägt. Das smarte, ins Handy integrierte Bahnticket, das den Kunden im Bahnhof an die richtige Stelle lotst. Die Wohnung, die sich stimmungssensitiv mittels Body-Area-Network, LED-Tapeten und weiteren integrierten Technologien dezent auf ihren Bewohner einstellt ...
Die Dichte der technischen Innovationen im vorliegenden Szenario überzeichnet die tatsächliche Entwicklung. So kann man sich die Frage stellen, ob die beschriebene Welt nicht vollkommen "übertechnisiert" ist und ob der Nutzer die Vielzahl an smarten Tools als Unterstützung im Alltag oder eher, wie im Fall der unerwünschten Werbung, als Belastung erleben wird. Weniger ist hier eventuell mehr.
Eine intelligente Umgebung darf ein gewisses Maß an Komplexität nicht überschreiten. Sie muss dem Nutzer das Leben tatsächlich angenehmer machen und darf ihn nicht überfordern. Nicht das technisch Machbare, sondern das vom Kunden Gewünschte muss als Richtschnur für so genanntes "Pervasive" oder auch "Ubiquitous Computing" im Alltag gelten. Die Möglichkeiten und Grenzen des beschriebenen technischen Kosmos sollten - in Interaktion mit dem potenziellen User - in Szenarien vorgedacht und im Vorfeld erprobt werden. Insbesondere in Bereichen wie dem Haushalt, wo Produktlebenszyklen relativ lang sind, wird sich erst mit der Zeit zeigen, ob ein hoher Vernetzungsgrad tatsächlich akzeptiert wird. Die bisher eher ernüchternden Erfahrungen mit "Smart Homes" zeigen deutlich die Anfangsschwierigkeiten in diesem Bereich.

Analysen in der Mülltonne.


Häusliche Arzneischränke, die selbsttätig die Haltbarkeit von Medikamenten überprüfen, oder Mülltonnen, die ihren Inhalt auf Recyclingfähigkeit hin analysieren, können durchaus nützlich sein. Wenn smarte Produkte allerdings selbsttätig, unbemerkt und unautorisiert Daten über ihren Nutzer sammeln und diese beispielsweise an Versicherungsträger oder für unerwünschtes One-to-one-Marketing weitergeben, wenn sich der Mensch von der Allgegenwart der Sensornetze gegängelt fühlt, weil er nichts mehr selbst tun und entscheiden darf, dann ist die Beziehung zwischen Technik und Anwender zu Recht gestört.
Die Potenziale der neuen Technik sind zweifellos faszinierend. Es wäre schade, wenn das Vertrauen und die erwartungsvolle Neugier ihrer künftigen Anwender leichtfertig von ihren Entwicklern und Anbietern verspielt werden würden. Das Beispiel Metro kann hier als Lehrstück gelten: Nachdem bekannt wurde, dass der Handelskonzern heimlich RFID-Chips in rund 10.000 Kundenkarten eingebaut hatte, musste er diese als Reaktion auf Proteste von Datenschützern wieder einstampfen.

Marc Müller-Stoffels und Beate Schulz-Montag sind Mitarbeiter der Z_punkt GmbH The Foresight Company.

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Autor

Marc Müller-Stoffels

Autorin

Beate Schulz-Montag

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