"Wir sind die Wirtschaft"
Manager diskutieren online über neue Konzepte - ein Gespräch mit Jochen Mayer.
Von Jutta Hofmann
Im weltweiten Internetnetzwerk Open Business Club diskutieren im Forum "Lebensentwürfe für die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts" derzeit rund 500 Manager mit ihren Kollegen über ihren Leidensdruck im Unternehmen und wie er aufzuheben wäre. Jochen Mayer, Moderator des Forums, sieht in dieser neuen Offenheit den ersten Schritt für eine Veränderung.
Jochen MayerJochen Mayer ist selbstständiger Berater für Aufbau, Optimierung und Restrukturierung von Vertriebsprogrammen sowie Vermittlung und Coaching von Interimsmanagern. Er studierte in Mannheim und Bielefeld Betriebswirtschaftslehre und Psychologie. Im Internetnetzwerk Open Business Club moderiert er das Forum "Lebensentwürfe für die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts" ( jochen.mayer@managementangels.com).
Herr Mayer, nichts altert zurzeit schneller als die gegenwärtigen Wirtschaftskonzepte. Alles deutet auf massive Richtungsänderung und neue Sinnsuche in der Arbeitswelt hin. In dem von Ihnen moderierten Forum "Lebensentwürfe für die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts" im Internetnetzwerk "openBC" kommt dies deutlich zur Sprache. Woran entzündet sich die Kritik der Forumsmitglieder?
In der Tat erleben sich viele der Manager, die an diesem Forum teilnehmen und von denen rund 80 Prozent im unteren und mittleren Management tätig sind, eher als Instrument und nicht als Nutznießer der Wirtschaft. Die angespannte wirtschaftliche Situation schafft einen außergewöhnlich hohen Druck der Unternehmen gegen die Mitarbeiter aller Ebenen. Kritisiert werden vor allem familienunfreundliche Mobilitätsvorstellungen, exorbitanter Vertriebsdruck, der Trend zum "Outsourcing" des unternehmerischen Risikos auf die Mitarbeiter und den Wandel von der Leistungs- zur Erfolgsgesellschaft. Konkret klagt eine hochkarätige Projektmanagerin über Reiseanforderungen, die es ihr fast unmöglich machen, ein familiäres Sozialgefüge aufrechtzuerhalten. Ein Vertriebsexperte berichtet, Aufträge nur noch auf Erfolgsbasis zu erhalten und ein größeres Risiko als der Hersteller tragen zu müssen. Ein Personalleiter beanstandet mangelnde Mittel zur Personalentwicklung und eine fehlende betriebliche Ethik zum Umgang miteinander.
Verbrauchtes zerfällt, Neues entsteht. Aber was? Welcher Idealzustand für ein erfülltes, erfolgreiches Arbeitsleben schwebt den Diskutanten vor?
Viele Diskussionen drehen sich um die Wieder-Humanisierung der Wirtschaft, die in den letzten Jahren ihre Anforderungen an die Mitarbeiter deutlich verschärft hat. Dazu gibt es ausgesprochen konkrete Anregungen, beispielsweise das Honorieren von Aktionären für langfristiges Halten von Unternehmensanteilen, um sinnvolle Unternehmensstrategien zu unterstützen. Diese Langfristigkeit ist ja gerade dort notwendig, wo erst durch Nachhaltigkeit Effekte erzielt werden können, wie etwa im Bereich des Umweltschutzes, der Personalentwicklung, der CI-Belegbarkeit und der Mitarbeitermotivation.
Das Interessante ist, dass es nach solch einer Diskussion niemanden gibt, der dem widersprechen würde. Wir könnten einfach damit beginnen, dies zu fordern und unsere Vorstellungen umzusetzen, wenn sich nicht viele bei diesem Streben isoliert vorkämen. Sie befürchten, auf Unverständnis zu stoßen und benachteiligt zu werden. In dem Forum wird auch betont, dass insgesamt die Grundhaltung der Wirtschaft nicht stimmt. Die Wirtschaft sollte den Bedürfnissen der Menschen dienen, nicht umgekehrt. Solange wir solch ein Modell nicht finden und als Weltwirtschaftsmodell implementieren, wird es immer notwendig sein, den von Zeit zu Zeit entgleisenden Zug wieder mutig zurück in die Spur zu setzen.
Die Mitarbeiter verlangen im Arbeitsleben verstärkt ethische Werte und Selbstbestimmung, sagen Sie. Was hat diesen Wandel bewirkt?
Selbst viele bisher Besserverdienende erlebten in den letzten Jahren herbe Einschnitte in ihre private Haushaltskasse. Nicht wenige wurden plötzlich arbeitslos. Der dadurch reduzierte Konsum von Luxusgütern und die wachsende Zukunftsangst scheinen das bisher verdeckte individuelle Bedürfnis nach Sinn, Ethik und spiritueller Entwicklung wichtig werden zu lassen.
Zu den neuen Lebensentwürfen für das 21. Jahrhundert gehört auch der Sprung in die Selbstständigkeit - trotz aller zu erwartenden Durststrecken und Risiken. Werden wir ein Volk von Netzwerkarbeitern, die "frei und unabhängig" an gemeinsamen Projekten mitwirken?
Zum einen ist der Trend zu freiberuflicher Tätigkeit eine neue Notwendigkeit. Fast alle Unternehmen haben in den letzten Jahren viele Mitarbeiter freigesetzt. Speziell im Bereich Management ist ein zigtausend Köpfe starker Pool an Topexperten entstanden, die von Politik und Gewerkschaften schlicht negiert werden. Diese Experten sind typischerweise zwischen 40 und 55 Jahre alt, ausgezeichnet vernetzt und verfügen über beeindruckende Managementerfahrung. Sie wurden nicht freigestellt, weil sie schlechter sind als die noch angestellten Kollegen, sondern weil es im Businessplan eines internationalen Konzerns so stand oder einfach komplette Unternehmensbereiche eingestellt wurden.
Die zumeist unfreundlichen Kündigungen - in nicht wenigen Fällen dauerten Kündigungsgespräche keine fünf Minuten - verdeutlichten ihnen, dass der unternehmerische Anspruch an Loyalität, Identifikation und Umgangsformen einseitig angelegt ist. Dies führt für die betroffenen Manager zusätzlich zu einer Festanstellungsphobie. Da diese Gruppe hoch qualifiziert ist - schließlich sind es die vielgesuchten "unternehmerisch Denkenden" - gelingt es ihr in der Regel, ausgezeichnete Tagessätze als Selbstständige zu realisieren, ohne sich mit der Unterschrift unter einen Arbeitsvertrag wieder in Abhängigkeit von Unternehmen zu bringen. Der Weg in die Selbstständigkeit ist sicher eine Flucht nach vorne, aber gleichzeitig auch Chance zu freier persönlicher Gestaltung des Lebens. Netzwerke und Vermittler treten zunehmend in die Rolle von Interessenvertretungen und unterstützen diesen Prozess. Diejenigen Forumsmitglieder, die diesen Schritt erfolgreich geschafft haben, schreiben unisono, dass sie nie wieder zurück in eine Festanstellung wollen. Freiheit und Selbstbestimmung sind die am meisten angegebenen Vorteile freiberuflichen Arbeitens. Daher ist langfristig wohl eher die Etablierung eines großen Freiberuflermarktes zu erwarten.
Die strikte Trennung von Arbeits- und Privatleben scheint ausgedient zu haben. Gewünscht wird eine ganzheitliche Lösung, die auch die Benachteiligung von Müttern aufhebt. Wie wäre das machbar?
Die klassische Trennung von Arbeits- und Privatleben barg immer die Gefahr, zu einer Söldnermentalität zu führen. Werte, die im Privaten zählen, werden in der Arbeitszeit ad acta gelegt. Primäres Ziel ist der geschäftliche Erfolg, um davon abgekoppelt das Privatleben genießen zu können. Diese Themen münden regelmäßig in Work-Life-Balance-Diskussionen. Doch könnten Arbeits- und Privatleben sinnvoll ineinander integriert werden, würde die Work-Life-Balance-Problematik gegenstandslos. Die Benachteiligung der Mütter wird als eine Benachteiligung der Familie verstanden. Die diskutierten Lösungen fokussieren sich folgerichtig auf eine bessere Berücksichtigung der Bedürfnisse der Familie, was in Folge auch die Mehrfachbelastung der Frau entschärfen und ein wirtschaftlicher Schritt in Richtung Selbstbestimmung der Frau darstellen würde. Andere Länder sind hier schon viel weiter.
Was kann der Einzelne nach Meinung der Forumsmitglieder dazu beitragen, eine positive, für alle gewinnbringende Atmosphäre in der Arbeitswelt und der Gesellschaft zu schaffen?
Auf der einen Seite besteht keinerlei Verständnis für eine Polarisierung von Führungskräften und ihren Mitarbeitern. Auch wird nicht angenommen, dass die Politik wirksam und zeitnah zu mehr Menschlichkeit in der Wirtschaft beitragen könnte. Auf der anderen Seite war eine erste wichtige Erkenntnis vieler Diskussionen, dass selbst die vermeintlichen Gewinner des Systems, in diesem Fall Führungskräfte, unter ihm leiden und dazu beitragen möchten, es umzugestalten. Die resultierende Erkenntnis war: Wir sind die Wirtschaft! Jeder Einzelne kann in seinem Wirkungsbereich menschliche Entscheidungen treffen und sollte am besten morgen früh damit beginnen.
Ein weltweites Netzwerk wie "openBC" dient unter anderem dem offenen und direkten Meinungsaustausch im Businessbereich. Was sind Ihre Erfahrungen mit dieser Kommunikationsplattform und welchen Nutzen haben die Mitglieder davon?
Obwohl die Zahl wirtschaftlicher Publikationen in Form von Büchern und insbesondere Magazinen eine kaum mehr verfolgbare Fülle aufweist, herrscht ein reges Interesse an einem authentischen, höchst persönlichen Meinungsaustausch in einem Forum. Dies ist vermutlich durch die andere Art bedingt, wie auf einer Onlineplattform mit der Information umgegangen werden kann. Auf der einen Seite ist es keine One-Way-Kommunikation, sondern ein Dialog, zum anderen kann man jederzeit die Diskussionspartner direkt ansprechen und ihre berufliche Historie einsehen. Hier sprechen Manager mit Managern, Männer und Frauen, direkt, persönlich, ungefiltert und vor allem bequem von überall per Internet. Die Reichweite dieses Instruments wächst täglich. Findet hier Meinungsbildung statt, beeinflusst dies allein in diesem Forum heute bereits 500 meist deutsche Manager mit einem Wachstum von zurzeit etwa zehn neuen Mitgliedern pro Woche. Wir haben jetzt die ersten Diskussionen in englischer Sprache eingerichtet, um mehr Internationalität zu ermöglichen. Dies wird bereits gut angenommen, wie erste Beiträge aus Großbritannien, den USA und Israel beweisen.
Die Forderungen nach einer Humanisierung des Wirtschaftslebens werden immer lauter. Das Netzwerk einer Gegenöffentlichkeit verdichtet sich entsprechend, wie unter anderen der Bestsellerautor Albrecht Müller ( Die Reformlüge) feststellt. Wäre es nicht an der Zeit, diese vielen Initiativen über das Internet zu bündeln und damit mehr Druck zu erzeugen?
Für eine Veränderung der Wirtschaft ist es wichtig, den Menschen zu zeigen, dass sie nicht die einzigen sind, die Missstände beseitigen möchten. Sie suchen und nutzen ein Instrument, das individuelle Kommunikation und Information mit einem so geringen Aufwand erlaubt wie das Ersteigern eines Artikels bei eBay oder das Versenden einer E-Mail. Ein Medium dieser Art ist der Open Business Club, in dem neues Denken direkt sichtbar werden kann und an Qualität gewinnt. Dadurch erlaubt man einer sehr großen Gruppe von Menschen, an dieser Diskussion teilzunehmen. Zuvor musste man dazu in der Regel in eine politische Partei, in ein Gremium oder einen Verband eintreten. Doch dadurch erlaubte man diesen Organen auch, neue Ideen an ihrem eigenen ideologischen Bild auszurichten und oftmals verpuffen zu lassen. Ich denke, wenn die kritische Masse des Unbehagens erreicht ist, findet sich auch eine unabhängige Organisationsform - vermutlich über das Internet -, die den Forderungen der Menschen stärkeren Nachdruck verleiht. Dieser Prozess ist ja schon im Gange. Die Menschen werden sich nicht mehr auf Interessenvertretungen jeglicher Art verlassen, sondern ihre Sache selbst in die Hand nehmen. Das ist nur eine Frage der Zeit.
Wie wird die Rolle der Unternehmen gesehen? Was können Unternehmen tun, um ihrerseits den drängenden Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter nach Sinn, Ethik, Lebensqualität und Spiritualität zu entsprechen?
Gehen die Lebensfreude und der Wunsch nach Selbstverwirklichung auch am Arbeitsplatz verloren, wirken auch unternehmerische Belohnungs- und Motivationsinstrumente nicht mehr. Viele Forumsteilnehmer berichten, dass sich die Unternehmen schwer damit tun, dem neuen Denken Rechnung zu tragen. Sie begnügen sich allzu häufig mit dem Versuch, schöngeistige, aber aussageschwache oder nicht gelebte Unternehmensleitbilder zu formulieren. Das wirkt speziell auf gut ausgebildete und gestandene Manager der unteren und mittleren Führungsebenen eher unbeholfen und wenig überzeugend. Ein Forumsteilnehmer brachte es auf den Punkt: "Sie haben den cleveren, dynamischen und unternehmerisch handelnden Typus Mitarbeiter gesucht, selektiert und angestellt - und von dem nehmen sie jetzt an, dass er eine Geschichte auf Kinderbuchniveau glaubt, verinnerlicht und daraus Motivation schöpft."
Das Erfüllen von Bedürfnissen motiviert die Menschen. Verschieben sich die Bedürfnisse, muss man eben entsprechend nachziehen. Hier könnten Unternehmen eine neue, starke Motivierungs- und Identifikationsstrategie für ihre Belegschaft erkennen. Doch leider nutzen die wenigsten diese Chance. Im Gegenteil, unter den immer stringenteren Wirtschaftsbedingungen werden solche Werte in den Unternehmen immer weniger berücksichtigt oder gar negiert. Doch Shareholder-Value scheint kein ausreichendes Glaubensbekenntnis zu sein.
So ganz können wir wohl der Meinung von Albert Camus nicht mehr folgen, wir hätten uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorzustellen. Der Schrei nach echten Ergebnissen ist unüberhörbar. Haben die Menschen die Kraft, den Felsen endgültig auf die Bergspitze zu rollen?
Wir erleben gerade eine Wertediskussion, die wir über 20 Jahre nicht mehr hatten. Auch Manager haben die Unzulänglichkeiten alter Paradigmen satt, die den Verlust von Wohlstand, Sicherheit und eine schwindelerregende Pro-Kopf-Verschuldung nicht verhindern konnten. Es ist Zeit, den Stein wenigstens ein Stück weit und dauerhaft auf dem nächsten Felsvorsprung zu etablieren. Aber auch dann wird es noch genug Herausforderungen geben, um in Bewegung zu bleiben. Wer Interesse an dieser Diskussion hat, ist gerne eingeladen: www.openbc.com/net/lebensentwuerfe.
Jutta Hofmann ist freiberufliche Journalistin und Intuitionstrainerin in Ludwigshafen am Rhein ( jutta.hofmann@jho-medienbuero.de, www.jho-medienbuero.de).
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Autorin

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