Kopf hoch, Deutschland!
Made in Germany - das neue Buch von Olaf Preuß.
Von Winfried Kretschmer
Die Konjunktur wendet sich, zumindest auf dem Buchmarkt. Zunehmend ist Optimismus angesagt, wenn es um das Wirtschaftsland Deutschland geht. Zu der neuen Welle der Kopf-hoch-Bücher gehört auch ein Titel, der an die alte Wertarbeit anknüpft: "Made in Germany" wandelte sich vom Stigma zum Qualitätszeichen - Ergebnis einer Mobilisierung von Wissen, die beispielgebend sein könnte.
Vielleicht ist dieses Land nur pubertär. Nie richtig erwachsen geworden. Stecken geblieben in der Wohlstandserwartungshaltung und nun nicht in der Lage, mit den Enttäuschungen und Friktionen des Lebens umzugehen. Diese Interpretation legen jedenfalls die Bücher nahe, die über das Wirtschaftsland Deutschland erscheinen: himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt, euphorische Hymne oder Totalverriss - dazwischen scheint es nichts zu geben. Strickt der eine Autor weiter am Wunderland-Mythos, sieht der andere das Land in Tuchfühlung zu Nordkorea rücken. Die wahren Stärken liegen im Verborgenen, sagt der eine - je tiefer man gräbt, desto verrotteter sind die Strukturen, meint der andere. Weiter kann die Wahrnehmung wohl nicht auseinander klaffen. Nur, wo leben wir eigentlich?
Olaf Preuß, Buchautor und Wirtschaftsjournalist, hat sich darauf besonnen, dass Deutschland nicht in seiner ersten internationalen Konkurrenzkrise steckt. Damals, auf dem Höhepunkt der ersten industriellen Revolution, lag das Land weit abgeschlagen hinter den führenden Industrienationen zurück. "Billig und schlecht" war das Image seiner Produkte, doch gelang es, das Blatt zu wenden. "Made in Germany", das Label, das deutsche Produkte tragen mussten, wenn sie auf dem englischen Markt angeboten wurden, entwickelte sich vom Stigma zum Qualitätszeichen - und das gelang nicht zuletzt durch die Mobilisierung von Wissen, Ingenieurwissen. Insofern ist "Made in Germany" eine Erfolgsgeschichte, an die es sich zu erinnern lohnt, wenn es um die aktuellen wirtschaftlichen Probleme des Landes geht, das sich heute von den Emporkömmlingen der Globalisierung bedroht sieht.

Kopf hoch, Deutschland.


Damit ist auch klar, wo Olaf Preuß mit seinem Buch steht, nämlich auf der Hymnen-Seite des Grabens, der Buchpublikationen über das Land teilt. Es ist ein Kopf-hoch-Deutschland-Buch, eines auch, das sich nicht vielleicht auf die alten Werte, wohl aber auf die alte Wertarbeit zurückbesinnt. Es klingt dann auch ein wenig trotzig, wenn Preuß dem Glauben widerspricht, "Made in Germany" habe seinen Glanz verloren. Denn die deutsche Wirtschaft sei nicht nur weit besser als ihr Ruf, sondern fördere auch die Globalisierung und profitiere von ihr, betont der Autor zu Recht.
Wie schon Hajo Schumacher ein Jahr zuvor ( Kopf hoch, Deutschland) lokalisiert auch Preuß den Quell der miesen Stimmung in den "allgegenwärtigen Talk-Shows", in denen das Schlechtreden zum Volkssport geworden sei. Präzise analysiert der Autor die Schieflagen in der deutschen Befindlichkeit: die tief sitzende Angst, Wandel bedeute Verschlechterung, die Mär von der bösen Globalisierung, die Angst vor der chinesischen Bedrohung. Wir leben, so Preuß, mit einem Zerrbild, das uns vorgaukelt, wie schlecht doch alles sei. Sein Streifzug durch die deutsche Wirtschaft zeichnet indes ein anderes Bild: Er porträtiert erfreulich vitale Unternehmen, die sich mit Erfolg auf internationalen Märkten behaupten, und bietet so der "täglichen medialen Standortschelte" Paroli.
Preuß sagt auch, wie die Wirtschaft "Made in Germany" wieder zu einem Qualitätssiegel machen kann: Beim internationalen Wettlauf um die niedrigsten Löhne und Steuern mitrennen zu wollen sei der falsche Weg. "Im wachsenden internationalen Wettbewerb kann Deutschland nur mithalten, wenn das Land seinen Status als eine 'Premiumwirtschaft' bewahrt und ausbaut." Und das bedeutet, auf die Stärken der deutschen Wirtschaft zu setzen, zu denen eben gerade auch das ausbalancierte Modell des Kapitalismus gehört, in dem die Shareholder nicht die einzige und schon gar nicht die allein tonangebende Interessengruppe sind.
Europa ausbauen, den Staat modernisieren, Arbeitskraft mobilisieren und nicht zuletzt eine breite Bildungsoffensive sind die Rezepte, um das Land wieder nach vorne zu bringen. Dabei ist in erster Linie die Politik am Zug - und hier liegt die Crux: Auch wenn der Autor eine klare Schuldzuweisung vermeidet, so legt sein Buch doch nahe, dass die deutsche Misere in erster Linie eine politische ist, nicht so sehr eine wirtschaftliche.

Die Vorzeichen haben sich verändert.


Bei so viel Wirtschaftsoptimismus fällt es schwer, zu widersprechen. Nur macht es vielleicht Sinn, sich die Regeln des globalen Spiels vor Augen zu halten: Wirtschaft bleibt nicht stehen; ständig werden Fähigkeiten und Fertigkeiten weiterentwickelt, treten neue Länder und Regionen als neue Konkurrenten auf den Plan. Damals Deutschland, heute Indien, China und andere Schwellenländer. Doch die Vorzeichen haben sich verändert. Damals war Deutschland mit seinem "Made in Germany" der Angreifer, heute ist es "Made in China". Heute sind andere die Hungrigen, die an die Töpfe des globalen Kapitalismus wollen. Bei allem Optimismus sollte man nicht vergessen, wo man steht im Spiel. Sich auf die eigenen Stärken zu besinnen ist nur der erste Schritt. Daraus eine Spielposition zu gewinnen, die das Match prägt und ein Stück weit seine Regeln ändert, ist die eigentliche Herausforderung.

Olaf Preuß:
Made in Germany.
Die starken Seiten der deutschen Wirtschaft,

Econ Verlag, Berlin 2006,
213 Seiten, 18 Euro,
ISBN 3-430-17434-1
www.econ.de

Winfried Kretschmer, Journalist und Autor, arbeitet als freier Mitarbeiter für changeX.

© changeX Partnerforum [04.05.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


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: Made in Germany. . Die starken Seiten der deutschen Wirtschaft. . Econ Verlag, Berlin 1900, 213 Seiten, ISBN 3-430-17434-1

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Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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