Wertevoller Handel(n)
Nachhaltigkeit weiter denken [2] - ein Gespräch mit Alexandra Hildebrandt.
Von Sören Stöber
Die KarstadtQuelle AG geht in Sachen Nachhaltigkeit völlig neue Wege. Ungewöhnlich, kreativ und offen. Im Interview mit Sören Stöber erläutert Alexandra Hildebrandt, die Leiterin Kommunikation Gesellschaftspolitik, was sie unter nachhaltigem Handel versteht: Sagen, was man tut, und tun, was man sagt! Das Motto für den Verbraucher lautet: Wir müssen lernen, was die Dinge wert sind, die wir kaufen!
Alexandra Hildebrandt
Dr. Alexandra Hildebrandt im Gespräch
mit Sören Stöber.
Frau Hildebrandt, Sie sprachen davon, dass heute zunehmend wirtschaftliche Prozesse und ethische Orientierung als Einheit gesehen werden. Gehörten beide nicht schon immer zusammen?
Ja, Marktwirtschaft und Ethik bedingen einander, denn ohne Ethik, ohne dass sich Menschen mit Werten und sittlichen Normen, Grundsätzen und Prinzipien auseinandersetzen, nach denen sie leben und arbeiten wollen, funktioniert kein Zusammensein. Erst mit dem Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaft, Adam Smith, kam der Gedanke auf, dass auch in ökonomischen Beziehungen ethische Werte einfließen müssen. Er stellte die These auf, dass Geschäfte eben nicht nur auf Egoismus gründen, sondern auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zum Ausdruck bringen. Schließlich kommt es darauf an, wie man miteinander umgeht und wie der Gewinn, der neben Wachstum und Risiko den Unternehmenswert definiert, gemacht wird.
"Wenn dein Kind dich morgen fragt, ..." Was hat das von Ihnen zitierte Bibelwort mit dem Thema Verantwortung zu tun?
Es zielt auf die Verantwortung, die jeder von uns auszuüben oder zu unterlassen hat. Wer Verantwortung trägt, muss Rechenschaft ablegen über das, was "in seiner Macht" liegt. Wer Aufgaben und dazugehörige Kompetenzen hat, muss diese auch ausführen und bei eventuellen Fehlern für die Folgen einstehen.
Wodurch wird die Nachfrage nach Verantwortung gesteigert?
Dazu gehören Globalisierung, Unternehmenskultur/Mitarbeiter, Kapitalmärkte, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), veränderte Informations- und Kommunikationsbedingungen. Es geht aber auch um Verantwortung für sich selbst, um persönliche Ziele und Selbstverpflichtungen.
Ist ein Unternehmen, das gesellschaftlich anerkannte Werte respektiert und fördert, langfristig auch erfolgreicher?
Das zu messen ist sicherlich schwierig, doch möchte ich in diesem Zusammenhang auf die aktuelle Studie "Die Werte des Top-Managements" von Sinus Sociovision verweisen. Das Ergebnis spricht für sich selbst: Etwa 180 Vorstandsmitglieder von DAX-, MDAX- und großen Familienunternehmen wurden zu ihren ethischen Ansprüchen befragt. Die Werteorientierung der Manager folgte dabei nicht allein weltanschaulichen Motiven, sondern auch Nützlichkeitserwägungen. 67 Prozent sind der Meinung, dass die langfristige Perspektive eines Unternehmens immer wichtiger ist als kurzfristige Gewinnmaximierung, 59 Prozent halten langfristige Glaubwürdigkeit des Unternehmens für wichtiger als kurzfristigen Erfolg.
Gehört es nicht zur vorrangigen Aufgabe eines Unternehmens, Gewinne zu erwirtschaften und profitables Wachstum zu erzeugen?
Gewiss, doch wer zu sehr auf einseitiges Gewinnstreben achtet, läuft schnell Gefahr, seine gesellschaftliche Legitimationsbasis zu verlieren. Bereits Henry Ford sagte, dass ein Unternehmen nach Profit streben muss, wenn es überleben will - doch es würde ebenfalls sterben und seine Daseinsberechtigung, seine wirtschaftliche Basis verlieren, wenn es seine Geschäfte ausschließlich danach ausrichtet. Es kommt darauf an, eine Schnittmenge zu finden.
Der Kunde entscheidet heutzutage nicht nur nach dem Geld. Auch Image, Marke und Moral sind entscheidend. Kann die Vertrauenswürdigkeit eines Unternehmens als wesentlicher Teil seines Kapitals angesehen werden?
Ja, denn wenn es sich gegenüber seinen Anspruchsgruppen moralisch korrekt verhält, muss es weniger Skandale fürchten. Ist sein gutes Image gefährdet, droht ihm Konsumentenabstinenz oder -boykott. Damit sinken Umsatz und Gewinn. Die Stakeholder (Mitarbeiter, Kunden, Konsumenten, Geschäftspartner, gesellschaftliche Interessengruppen und in wachsendem Maße auch verunsicherte Anleger) stellen mittlerweile immer größere ethische Anforderungen an Unternehmen, die im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlicher Verantwortung agieren. Aspekte wie die Qualität von Produkten und Dienstleistungen oder die Gewinnorientierung reichen nicht mehr aus, um Unternehmenshandeln zu rechtfertigen.
Worin zeigt sich, dass sich Analysten und Fondsmanager zunehmend für die Sozial- und Umweltbilanz eines Unternehmens interessieren?
Das zeigt sich zum Beispiel in der Tatsache, dass sich mit dem Dow Jones Sustainability Group Index (DJSGI) und der Sustainability-Index-Gruppe der Financial Times (FTSE4GOOD) Indikatoren für die Werteentwicklung börsennotierter "Sustainability Leader" gebildet haben. Sie bieten den Investoren zusätzliche Orientierung darüber, welches Unternehmen auch über eine positive und soziale Performance verfügt.
Besteht ein positiver Zusammenhang zwischen ethischen Standards und gesellschaftlicher Akzeptanz, Produktqualität und der Akquisition guter Mitarbeiter?
Selbstverständlich - deshalb wird künftig kein Unternehmen ohne Werte auskommen. Wenn unternehmerischer Erfolg im Einklang mit positiven Grundwerten der Mitarbeiter und der Gesellschaft erwirtschaftet wird, ist auch die interne und externe Kommunikation umso glaubwürdiger und stabiler. Den einfachsten Weg dorthin beschrieb Johannes Rau so: "Sagen, was man tut, und tun, was man sagt." Das heißt auch, dass Moral nur dort Fuß fasst, wo Moral vorgelebt wird. Zudem werden Unternehmen, die sichtbar ethisch handeln, von informierten Konsumenten mehr und mehr bevorzugt.
Was bedeutet "Nachhaltigkeit" für die KarstadtQuelle AG?
Vor allem den respektvollen Umgang mit dem anderen: mit Mensch, Kultur und Natur. Der Begriff "Nachhaltigkeit" beinhaltet ursprünglich die Maxime, dass nur so viel Holz pro Periode geschlagen werden darf, wie auch nachwachsen wird. Wer einen Wald bewirtschaftet, darf zwar Bäume fällen und verkaufen, muss aber auch wieder neue anpflanzen für die nächsten Generationen. Schließlich geht es um die immer wieder neu anzustrebende Einheit zwischen Sozialem, Ökologie und Ökonomie. KarstadtQuelle lebt diese Art von Nachhaltigkeitsverständnis.
Gibt es einen Schlüssel für eine nachhaltige Gesellschaft?
Er ist nicht zuletzt unser Konsumstil. Auch kann jeder verantwortliche beziehungsweise bewusste Konsument mit seinem Kaufverhalten einen persönlichen Beitrag für die Schonung der Umwelt leisten. Damit sich ein Unternehmen verstärkt mit ethischen Fragen seines Handel(n)s auseinandersetzen kann, sind bewusste Kaufentscheidungen des Konsumenten notwendig.
Was bedeutet für Sie "nachhaltiger Handel"?
Das sind vor allem auch wir selbst, die wir lernen müssen, was die Dinge wert sind, die wir kaufen. Mit unseren (Kauf-)Entscheidungen haben wir Einfluss darauf, etwas zu verändern und Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört auch die Nachfrage nach umwelt- und sozialverträglichen Produkten, für die wir gegebenenfalls auch bereit sind, einen Aufpreis zu zahlen - erst dann macht auch ein entsprechendes Angebot Sinn. Es gibt keine Trennung zwischen uns und dem Handel - genauso ist auch Ethik nicht teilbar, wie Hajo Eickhoff und Jan Teunen in ihrem schönen Gestaltungsbuch Form:Ethik bemerken: "Bei allem, was der Mensch tut - ob er als Produzent oder Kunde, als Handwerker, Ökonom oder Gestalter handelt -, er bleibt Mensch. Als Mensch aber kann er nicht ethisch handeln, wenn er gleichzeitig als Produzent unfair und egoistisch handelt. Auch nicht, wenn er als Verbraucher gleichgültig gegenüber seinem Verbrauch ist."
Zur Person:
Sören Stöber, BA (Jahrgang 1980) arbeitet zurzeit im Bereich Kommunikation Gesellschaftspolitik der KarstadtQuelle AG. Er studierte "Philosophy & Economics" an der Universität Bayreuth und sammelte unterschiedlichste berufliche Erfahrungen im Bereich der Nachhaltigkeit, unter anderem als Diplomand am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH. Er ist darüber hinaus Mitbegründer des studentischen Netzwerkes für Wirtschafts- und Unternehmensethik sneep.
Foto: � KarstadtQuelle AG, Fotograf: Christian Klose.
Kontakt:
KarstadtQuelle AG
Dr. Alexandra Hildebrandt
Leiterin Kommunikation Gesellschaftspolitik
Telefon: +49 (0)201/727-96 62
Telefax: +49 (0)201/727-69 96 62
E-Mail: alexandra.hildebrandt@karstadtquelle.com
Web: www.karstadtquelle.com/nachhaltigkeit
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