Demonstrieren fürs Überleben
Wie Karstadt ums Überleben kämpft.
Von Florian Michl
In der Autobranche müsste man sein! Das mögen sich Manager und Mitarbeiter des Karstadt-Konzerns dieser Tage gedacht haben. Während sich die Autobauer staatlicher Krisenhilfe sicher sein können, sperren sich Staatsvertreter gegen eine Bürgschaft für die Muttergesellschaft Arcandor. Deren Mitarbeiter kämpfen nun um die Existenz: Sie demonstrieren und sammeln Unterschriften für den Fortbestand ihres Arbeitgebers. 750.000 Menschen haben schon unterschrieben. / 27.05.09
Die Arcandor AG, ehemals KarstadtQuelle AG, steht heute dort, wo sie vor fünf Jahren schon einmal gestanden ist - vor der Insolvenz. Damals gelang die Rettung aus eigener Kraft, indem der frühere Konzernchef Thomas Middelhoff Anlagevermögen und Unternehmensteile verkaufte: Liegenschaften, zwei Bekleidungsketten sowie etliche kleinere Warenhäuser. Heute fehlen dem Handels- und Touristikkonzern abermals die Barmittel - zu verkaufen gibt es nun allerdings nichts mehr. Als Ausweg bleiben nur mehr Kredite. Die zu bekommen ist in Zeiten der Finanzkrise schwerer denn je - außer der Staat tritt als Bürge auf. Konkret für 650 Millionen Euro. Zusätzlich hofft der Konzern auf 200 Millionen Euro von der KfW, um das Finanzloch zu stopfen. Sonst sei auch für Karstadt am 12. Juni Schluss, wenn alte, bestehende Kredite auslaufen, sagte der Vorstandsvorsitzende der Arcandor AG Karl-Gerhard Eick der Frankfurter Rundschau. Dass Arcandor diese Bürgschaft erhält, ist allerdings offen - zu groß sind die Widerstände dagegen. Im Zentrum steht dabei die Frage: Soll ein Unternehmen, das nur durch den Verkauf von Vermögenswerten überlebt, Geld vom Staat bekommen? Eine Entscheidung indes fällt frühestens kommende Woche. Bis dahin zeigt sich die Belegschaft der Arcandor AG kämpferisch.

Große volkswirtschaftliche Bedeutung.


Sie demonstrieren am heutigen Mittwoch, dem 27. Mai, vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin für eine Staatsbürgschaft und damit für einen Fortbestand des Unternehmens. Ver.di erwartet insgesamt 5.000 Mitarbeiter aus allen Geschäftsbereichen (Karstadt, Primondo und Thomas Cook). Zudem sammelt der Betriebsratsvorsitzende von Karstadt, Hellmut Patzelt, seit Tagen Unterschriften für den Erhalt des Konzerns, um so weiter Druck auf die Bundesregierung auszuüben. Denn immerhin geht es "um die Zukunft von 56.000 Arbeitsplätzen", wie die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Ver.di, Margret Mönig-Raane, sagt. Daher auch das Motto der Demonstration: "Rettung nicht nur für Banken - 56.000 Menschen und ihre Familien brauchen Ihre Unterstützung, Frau Merkel, Herr Steinmeier, Herr zu Guttenberg."
"Wir wollen weder etwas geschenkt, noch wollen wir den Einstieg des Staates als Aktionär bei Arcandor beziehungsweise sonstige Sonderfinanzspritzen. Was wir anstreben, ist eine staatliche Bürgschaft, die die derzeit mangelnde Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte temporär ausgleicht", formuliert Konzernchef Eick in einer Presseaussendung. Tatsächlich erfüllt Arcandor die EG-Kriterien für staatliche Unterstützung, die in den "Leitlinien der Europäischen Gemeinschaft für staatliche Beihilfen zur Rettung und Umstrukturierung von Unternehmen in Schwierigkeiten" festgelegt sind: "Vor dem Stichtag 1. Juli 2008 und im Zeitraum der letzten zwei Jahre war das Unternehmen weder zahlungsunfähig noch überschuldet."

Kein Cent auf Kosten der Steuerzahler.


Gleichzeitig weisen Ver.di und Arcandor immer wieder auf die "große volkswirtschaftliche Bedeutung" des Konzerns hin: 86.000 Mitarbeiter wären bei einer Insolvenz weltweit betroffen, 56.000 in Deutschland. Zudem stünden 20.000 Geschäftsbeziehungen mit Lieferanten und Dienstleistern in Deutschland auf dem Spiel, laut Presseaussendung des Arcandor-Konzerns. Zudem sei Karstadt Garant "in über 90 deutschen Innenstädten für einen lebendigen Einzelhandel". Andere sehen eine Verödung deutscher Innenstädte heraufziehen, wenn Karstadt-Filialen in Zukunft geschlossen bleiben. Zudem steht fest: "Weder Banken noch Geschäftspartner haben bislang auch nur einen Cent an uns verloren", sagt der Finanzvorstand von Arcandor, Rüdiger A. Günther. Viele Menschen sehen das wohl ähnlich. 750.000 haben den Appell bereits unterschrieben.

Florian Michl ist freier Mitarbeiter bei changeX.

Kontakt:
Arcandor AG
Dr. Alexandra Hildebrandt
Leiterin Gesellschaftspolitik
Theodor-Althoff-Straße 2
D-45133 Essen
Tel.: +49 (0)201/727-96 62
Fax: +49 (0)201/727-69 96 62
E-Mail: alexandra.hildebrandt@arcandor.com
Web: www.arcandor.com

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Florian Michl schreibt als freier Autor für changeX.

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