Den Spieß umgedreht
Incognito. Führung von unten betrachtet - das neue Buch von Klaus Doppler.
Von Anja Dilk
Woran liegt es, wenn so viele Managementtheorien Schiffbruch erleiden? An der fehlenden Perspektive derjenigen, die geführt werden. Sagt ein Managementtrainer. Er dreht den Spieß um und beschreibt Führung aus der Sicht derjenigen, die damit klarkommen müssen: als inneren Monolog eines idealtypischen, fiktiven Mitarbeiters.
In der Tat: Eine Flut von Managementtheorien gespickt mit idealtypischen normativen Verhaltensmaximen spült seit Jahren durch die Firmenflure und droht zuweilen jene mitzureißen, deren Arbeit all diese Ansätze erleichtern wollten. Warum?
Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Doch eine mögliche wirft Klaus Doppler ins Spiel: Die andere Perspektive fehlt. Die Perspektive derjenigen, die geführt werden: der Mitarbeiter. Also dreht Doppler den Spieß um und beschreibt Führung aus der Sicht derer, die mit den Führungskräften klarkommen müssen. Das fällt ihm nicht schwer, schließlich trainiert er seit 30 Jahren Manager und begleitet Veränderungsprozesse in Unternehmen. In Hunderten von Gesprächen und Beobachtungen von Menschen, die führen, und von Menschen, die mit der Führung, der sie ausgesetzt sind, Probleme haben. Diese Erfahrungen sind die Ressource, aus der er schöpft. Daraus destilliert der Psychoanalytiker ein Konstrukt: den typischen Mitarbeiter. Das ist der Kunstgriff, der dieses Buch so besonders macht. "Sich innerlich auf den Stuhl und in die Lage derer zu versetzen, denen die Führungsmaßnahmen gelten. Eine ungewohnte, aber alles entscheidende Perspektive. Die Perspektive des so genannten Mitarbeiters, der seine Erfahrungen mit Führung reflektiert. Der Erkenntnisgewinn, die mögliche Generalisierung folgt sozusagen als volkstümliche Ableitung aus dem Kant'schen Imperativ: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinen anderen zu!"

Mangel an Freundlichkeit, Zuwendung und Vertrauen.


Doppler versetzt sich in die Rolle eines fiktiven Angestellten, der seinen Vorgesetzten analysiert und seine Beobachtungen in einem Tagebuch festhält. Innerer Dialog, April 1988. "Was ich an Ihnen geradezu hasse: Ihre Ironie, Ihren Zynismus, Ihren Sarkasmus, die ganze Arroganz der Macht, die sich darin widerspiegelt. Ich fühle mich klein gemacht, gedemütigt, wie am Nasenring vorgeführt. Meine einzige Reaktion: ohnmächtige Wut im Bauch. ... Ist Ihnen eigentlich klar, was Sie damit anrichten? Umgekehrt: Wisst ihr, was ihr in Wahrheit bewirken könntet, wenn ihr uns mit etwas mehr Freundlichkeit, Zuwendung und Vertrauen begegnen würdet? Wenn ihr nicht nur Produktqualität fordern, sondern dazu selbst Begegnungsqualität bieten würdet?" Klaus Doppler lässt den fiktiven Mitarbeiter nicht an diesem Punkt stehen. Er schickt ihn durch fünf Phasen einer Entwicklung, die von der beinah hasserfüllten Wut auf "die da oben", die vermeintlich an allem schuld sind, über stückweise Relativierungen und Reflexionen, Versuchen der Selbsterkundung und zunehmender Verwirrung bis zum Ausstieg reicht. Die Kritik des Mitarbeiters an dem als unnahbar empfundenen Chef weicht einer Nachdenklichkeit, die es ihm erlaubt, ihn realistischer zu sehen.
Letztes Wochenende im April 2006. "Ich fand es früher erstrebenswert, mich mit dem Unternehmen, in dem ich arbeite und einen Großteil meines Lebens verbringe, voll zu identifizieren. Die Verhältnisse haben sich geändert und damit auch meine Einstellung. Das Unternehmen beschäftigt mich, solange es mich brauchen kann, und wird sich von mir trennen, wenn es keinen entsprechenden Nutzen mehr von mir erwartet. Es hat etwas Zeit gebraucht, mich mit dieser Entwicklung abzufinden."

Innerer Monolog eines fiktiven Angestellten.


Klaus Dopplers Ansatz ist erfrischend. Ebenso anregend ist der lockere Lesespaziergang durch den inneren Monolog des Mitarbeiters, auf dem man ihn über Jahre hinweg begleitet. Am Ende steht "eine Art von Abgeklärtheit, die auf der Basis zunehmenden Wissens gleichzeitig zunehmende Verwirrung zulassen kann und trotzdem nicht in Verzagtheit endet." Dieser Spaziergang bietet eine Fülle wichtiger und typischer Betrachtungen aus der Praxis im Doppelspiel Führung - Mitarbeiter. Bewusst hangelt sich Doppler nicht an einem roten Faden entlang, liefert kein in sich geschlossenes Buch mit einer klaren Systematik. Schade, denn so interessant die Impressionen und Reflexionen des Geführten sind, so sehr sie den Blick für die andere Perspektive schärfen - oder man sich selbst wiedererkennt -, so sehr verliert sich der Leser zuweilen in der additiven Vielfalt aneinandergereihter Situationen. Das ist etwas ermüdend, der Blick fürs Wesentliche gerät ins Schlingern. Auch scheint das Buch unvermittelt abzubrechen. Die letzten Aufzeichnungen stammen vom ersten Wochenende im Juli 2006. Sie enden im Nirgendwo. Ein kleines subsumierendes Abschlusskapitel hätte der Lektüre gut getan.
Mit dem Tagebuch eines Betroffenen fordert Klaus Doppler Manager auf, endlich mit ihren Mitarbeitern ehrlich zu kommunizieren und so Vertrauen herzustellen und sie für eine Partizipation zu gewinnen. Nur dann, so eine der Kernbotschaften, gelingt es, gute Mitarbeiter auf Dauer zu halten.

Anja Dilk ist freie Redakteurin bei changeX.

Klaus Doppler:
Incognito.
Führung von unten betrachtet,

Murmann Verlag, Hamburg 2006,
174 Seiten, 19.50 Euro,
ISBN 3-593-37919-8
www.murmann.de

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: Incognito. Führung von unten betrachtet. . Murmann Verlag, Hamburg 1900, 174 Seiten, ISBN 3-593-37919-8

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Autorin

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Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin, Autorin und Redakteurin bei changeX.

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